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Matthias Lintner mag den dokumentarischen Ansatz, der persönliche Geschichten mit gesellschaftspolitischen Themen verknüpft. In seinem ersten Langfilm „Träumen von Räumen“ (2019) besetzt er mit Freunden ein leerstehendes Haus mitten in Berlin und sie bauen sich ihr eigenes kleines Reich, noch verschont von den großen Veränderungen der Stadt. In seinem neuen Film „My Boyfriend El Fascista“ taucht er jetzt tief in die eigene Biografie ein: Im Zentrum steht seine Beziehung zu Sadiel, einem kubanischen Aktivisten, dessen Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit Lintner mit der Kamera begleitet. Die Doku zeigt, wie politische Ideale eine Liebe auf die Probe stellen – und welche Fragen sie aufwerfen: Wie kompromissfähig sind unsere Überzeugungen? Und was bedeutet es, wirklich frei zu sein?
BARFUSS: Du bist schon bei deinem ersten Langfilm„Träumen von Räumen”, in dem es um eine Hausbesetzung geht, in die Rolle eines der Hauptprotagonisten geschlüpft. Diesmal wieder. Zufall?
Matthias Lintner: Stimmt, es ist so etwas wie mein Modus Operandi geworden. Bei diesem Film ist es sogar noch intensiver und persönlicher.
Schon auch mutig.
Ja, frei nach dem französischen Filmemacher François Truffaut: Das Kino von morgen muss ein Akt der Befreiung werden. Dieser Spruch hing an der Filmschule in Berlin auf dem Weg zu den Postproduktionsräumen. Er hat mich mehr geprägt, als ich es mir anfangs gedacht habe. Film muss weh tun, muss ins Herz gehen – das Schlimmste ist, wenn die Menschen indifferent bleiben.
Dein Film erzählt eine sehr persönliche Geschichte: die Liebesbeziehung zwischen dir und Sadiel, die zunehmend von politischen Differenzen überschattet wird. Was hat dich dazu bewegt, diese intime Auseinandersetzung filmisch festzuhalten?
Es begann eigentlich schon mit meiner Reise nach Kuba, kurz vor Corona. Meine Freundin sagte damals zu mir: „Reise nach Kuba, bevor es sich öffnet, solange es noch authentisch ist. Bald werden die Amerikaner und Investoren kommen.“ Also reiste ich für einen Monat dorthin, naiv und ohne große Erwartungen. Schon am Flughafen nahm man mir meine Mikrofone ab. Ich kam aus Mexiko – das machte mich offenbar noch verdächtiger, ein Journalist zu sein. Ich musste die Mikrofone in einer Tasche abgeben und bekam sie erst bei meiner Abreise gegen eine Gebühr zurück. Mein gesamter Aufenthalt war von Kontrolle geprägt: Man ist mir gefolgt, mir wurde Material gestohlen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nicht vor, einen Film über Kuba zu machen.
Aber?
Ich sah das Land abseits der Touristenpfade und erkannte, wie hart das Leben für die Menschen dort ist. Kommunismus bedeutet Gleichheit, aber nur für die Armen. Die Privilegierten, die der Führungsschicht um die Castros nahestehen, leben anders. Die Menschen stehen für Tomatensauce an, nur um dann zu erfahren, dass sie aus ist und niemand weiß, wann Nachschub kommt. Noch schlimmer wird es, wenn Antibiotika fehlen.
Ich sagte dort oft: „Was ist mit eurer Revolution? Ihr braucht eine neue!“ Aber niemand traute sich, das vor dem Mikrofon zu bestätigen. Selbst ohne Mikro hatte jeder Angst, verpfiffen zu werden. Mir fehlte in Kuba die Luft zum Atmen. Man hat keine Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen. Ich war froh, als ich abreiste.
Irgendwann begann ich, ihn mit dem Handy zu filmen – zunächst nur aus Neugierde. Aber ich erkannte schnell: Das könnte ein Protagonist sein.
Sadiel ist Kubaner, lebt aber in Südtirol, kanntest du ihn damals schon?
Wir hatten eine Liebelei, waren aber nicht zusammen. Als ich zurückgekommen bin und ihm von meiner Reise nach Kuba erzählte, fühlte er sich angegriffen. Ich, ein Tourist, maße mir an, über Kuba zu urteilen? Doch warum redete man in Europa so positiv darüber? Salsa, Zigarren und Rum, weißer Sand – aber die Realität war eine ganz andere.
Damals begann Sadiel mit seinem Aktivismus. Er band sich in Mailand vor der kubanischen Botschaft an einen Baum, um auf die Missstände aufmerksam zu machen. In Italien gibt es eine gewisse Kommunismus-Nostalgie, und Kuba hat es geschickt verstanden, sein positives Image international aufrechtzuerhalten. Doch wer bestimmt dieses Bild? Diese Frage hat mich sehr beschäftigt.
Sadiel war voller Energie, er lief in Unterhosen durch meine Wohnung und telefonierte lautstark auf Spanisch. Irgendwann begann ich, ihn mit dem Handy zu filmen – zunächst nur aus Neugierde. Aber ich erkannte schnell: Das könnte ein Protagonist sein.
Wie hat er reagiert, als du ihm von deiner Filmidee erzählt hast?
Er war Feuer und Flamme. Es passte perfekt zu seinem Anliegen. Er wollte, dass die Menschen realisieren, wie es wirklich ist.
Sadiel hat eine große Wut in sich. Woher kommt diese?
Meiner Meinung nach entsteht sie aus dem tiefen Schmerz, den man spürt, wenn großes Unrecht geschehen ist, dieses aber von anderen nicht anerkannt wird. Das System lässt Druck ab, indem es Menschen ins Gefängnis steckt oder ausreisen lässt. Politische Gegner verschwinden in der Gefängniszelle, das Gesetz wird zur reinen Willkür. Ständig wiederholen sie, dass die US-Blockade an allem schuld sei – und viele Linke im Ausland übernehmen dieses Narrativ. Aber die Menschenrechtsverletzungen sind enorm. Kuba ist offiziell eine „Demokratie mit einer Einheitspartei“, das sagt ja schon einiges.
Wann ist Sadiel aus Kuba geflohen?
Mit 18. Er wollte schon immer weg. Seine Tante lebte im Grödner Tal, also ging er zu ihr und fand eine Arbeit in einem Hotel. Dort arbeitete er 17 Jahre lang. Er spricht perfekt Italienisch, besser als ich. Er hat in Pisa studiert, das Studium aber abgebrochen, um seine Familie in Kuba zu unterstützen.
Hat Sadiel sich in Kuba bereits geoutet? War das ein Grund für seine Flucht?
Nein, Kuba ist zwar eine Machogesellschaft, aber das war nicht der Grund. Er war einfach enttäuscht. Die Indoktrination dort sagt dir: Es gibt nur diesen einen Weg. Du kannst ihn akzeptieren oder ihn ablehnen – und dann bist du der Feind.
Im Film bist du ein wenig sein Gegenpart, wirkst zurückhaltend, zweifelnd.
Im Filmprozess bin ich immer mehr ins Nachdenken gekommen. Es hat mir einiges abverlangt, meine Überzeugungen erneut zu überprüfen.
Das Label links allein reicht nicht.
Er greift dich im Film ja auch stark an?
Ja, und dadurch gab er mir die Möglichkeit, genau auf diesen wunden Punkt den Finger zu legen. Er sagt völlig zu Recht, dass die Linke viele ihrer ursprünglichen Werte für eine gerechtere Gesellschaft verloren hat. Und er hat auch recht, wenn er sagt: Lavora! – „Arbeite, und bewege etwas! Dann kannst du dir meine Stimme verdienen.“ Das Label links allein reicht nicht.
Viele werden das nicht zugeben wollen, aber wenn man ehrlich ist, gibt es mittlerweile eine Menge Salonlinke, die Marx zitieren, während sie mit ihrem dicken Auto vorfahren.
Einmal sagt Sadiel: „Communism and fascism is the same shit“ – eine harte polemische Aussage.
Ja, historisch gesehen ist das natürlich nicht dasselbe, es ist bewusst überspitzt formuliert. Im Kern meint er, dass der Kommunismus im Extremfall durchaus auch faschistische Methoden angewandt hat. Wo dem Mensch sein Menschsein genommen wird, macht der Name der Ideologie keinen Unterschied mehr – egal, was Marx theoretisiert hat.
Ihr gebt im Film viel Intimität preis. War das Teil des Filmkonzepts?
Intimität und Weltpolitik – dieser Kontrast ist ein Spannungsfeld, in dem ich mich gern bewege. Schon mein letzter Film spielt mit diesen Elementen. Diesmal bin ich nochmal weiter gegangen und habe mich ganz nackig gemacht. Ich denke nicht, dass ich mich deshalb schämen muss. Ich hoffe, dass unsere schonungslose Ehrlichkeit als Funken über die Leinwand auf die Zuschauer überspringt.
Es gibt die Szene auf dem Klo – nackt –, in der Sadiel erzählt, wie er die Kuba-Agenda auf das Programm der Rechten bringen will. War das geplant?
Das sind die Geschenke, die dir die Realität macht. Dafür haben wir abschnittweise zusammen mit der Kamera gelebt.
Mir geht es darum, mir beim Dreh Zeit zu lassen und mir viele Freiheiten zu nehmen. Ich war Kamera- und Tonmann zugleich, während ich mich auch vor der Linse befand. Ja, der Ton ist manchmal nicht perfekt, die Schärfe auch nicht – aber darum geht es nicht. Mir geht es darum, eine Sprache zu finden und diese geballte Energie auf die Leinwand zu übertragen.
Sadiels Gerechtigkeits- und Freiheitsdrang ist enorm. War das eure gemeinsame Ebene?
Ja, auch wenn dieser Freiheits- und Gerechtigkeitsdrang bei uns aus verschiedenen Richtungen kommt. Und die Liebe, die sich zwischen uns entwickelt hat, spielt eine tragende Rolle im Film. Am Besten bildet sich jeder sein eigenes Urteil darüber.
Du bist bei diesem Film viele Risiken eingegangen.
Ja, ständig. Ich will nicht wissen, wo ich hinkomme – darauf habe ich keine Lust. Ich mache keine sauber recherchierten Filme, meine Filme sind das Gegenteil davon. Sie entstehen aus Neugierde. Die Kamera ist für mich ein Werkzeug, um die Welt zu verstehen und zu erforschen – und ein Instrument, das den Protagonist:innen hilft, sich selbst besser zu begreifen. Ich habe das schon beim letzten Film erlebt: Ein guter Freund, der darin vorkam, trank viel. Der Film hielt ihm einen Spiegel vor – zeigte ihm, wer er ist. Es war eine Art Therapie für ihn.
Ich bin einfach hoffnungslos neugierig.
Machst du Filme als Therapie?
Nein. Ich bin einfach hoffnungslos neugierig. Aber für die Protagonist:innen hat es oft eine selbstreflektierende Wirkung.
Wie hat sich deine Beziehung zu Sadiel während der Dreharbeiten verändert?
Wir haben uns immer besser verstanden. Ich habe meine Faszination für seine Energie verarbeitet. Er wurde für mich zu einem Spiegel. Ich habe erkannt, dass ich oft arrogant bin in meiner Sichtweise. Eine gute Portion Drama war immer mit von der Partie. Seinen Mut bewundere ich nach wie vor. Ich weiß nicht, ob ich so mutig sein könnte.
Was ist die wichtigste Botschaft deines Films?
Es gibt mehrere und jeder ist angehalten, bei seinen persönlichen Fragen weiter zu suchen. Meine ist im Moment die Bereitschaft, miteinander zu reden, als Basis jeder guten Demokratie.
Und glaubst du, dass Liebe und politische Differenzen vereinbar sind?
Wir können unterschiedliche Meinungen haben und uns trotzdem lieben, solange wir Grundwerte teilen. Wenn aber einer Freiheit liebt und der andere Kontrolle will, wird es schwierig.
Es reicht nicht zu sagen: „Wir sind links und antikommunistisch – und die anderen sind die Faschisten.“
„My Boyfriend El Fascista“ feiert in Bozen Weltpremiere und wird anschließend in Pordenone, Turin gezeigt, Ende April feiert ihr in Toronto beim Festival HotDocs eure internationale Premiere. Wie glaubst du, dass die verschiedenen Publika auf den Film reagieren?
Ich freue mich sehr auf die Reaktionen – es könnte auch heftig werden, und ich wäre fast enttäuscht, wenn alles glatt durchläuft. In Bozen erwarte ich eher betretene Zurückhaltung, während ich in Pordenone mit einer politischeren Diskussion rechne. Pier Paolo Pasolini stammt aus der Gegend, und er war eine extrem widersprüchliche Persönlichkeit, die weder von der Linken noch von der Rechten vollständig vereinnahmt werden konnte. Eines seiner Zitate enthält eine Wahrheit, der ich immer noch nachspüre: „Ich weiß sehr wohl, wie widersprüchlich man sein muss, um wirklich konsequent zu sein.“ Das ist ein wunderbarer Satz.
Möchtest du den Film auch in Kuba zeigen?
Ja, Sadiel und ich fänden das spannend. Aber ich denke nicht, dass sie dort mit so einer offenen Kritik umgehen können. Im Gegenteil: Die kubanische Regierung hat immer wieder gezeigt, zu welchen Repressionen sie fähig ist.
Die Dissident:innen im Exil haben immerhin schon viel erreicht und kämpfen unermüdlich weiter. Sie haben es geschafft, sich im EU-Parlament in Brüssel und im italienischen Parlament in Rom Gehör zu verschaffen. Sie haben anfangs auch immer wieder versucht, mit der italienischen Linken ins Gespräch zu kommen – aber dort hat man ihnen die Tür bis dato nicht geöffnet.
Hat dich dieser Prozess politisch verändert? Bist du am Ende weniger links?
Es reicht nicht zu sagen: „Wir sind links und antikommunistisch – und die anderen sind die Faschisten.“ Jeder versucht, alles in nur eine Richtung zu lenken. Und dabei nehmen sich Rechte und Linke oft nicht viel. Möglicherweise haben sich ihre Profile mittlerweile erschöpft.
My Boyfriend El Fascista
(ITA, 95min)
Regie & Kamera: Matthias Lintner
Produzent:innen: Martin Rattini, Daria Akimenko, Matthias Lintner
Koproduktion: Mariquitas Film
Produktion: Helios Sustinable Films
Weltvertrieb: The Open Reel
Website: https://www.heliosfilms.bz/portfolio/my-boyfriend-el-fascista/
Trailer: https://vimeo.com/1064361123
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