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Streitgespräch zum Wiener Akademikerball

Wessen Herzensangelegenheit?

„Südtirol – eine Herzensangelegenheit“, so das Motto des Wiener Akademikerballs. Gegendemonstranten sehen darin ein Vernetzungstreffen für Rechtsextreme aus Europa.

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Bild: Facebook/Akademikerball

Der Akademikerball in der Hofburg versetzt die Wiener Innenstadt jedes Jahr in einen Ausnahmezustand. Dass er in diesem Jahr nicht ohne Südtiroler Beteiligung auf beiden Seiten auskommt, verlangt quasi das Motto. Unter die Gegendemonstration mischen sich in diesem Jahr auch Südtiroler Organisationen: sh.asus, Meran Resiste und Diverkstatt rufen zum gemeinsamen Protest auf. Am Ball selbst werden die Musikkapelle Olang und Vertreter aus der Südtiroler Politik das Tanzbein schwingen.

BARFUSS hat beide Seiten am Nachmittag vor dem Akademikerball zum Streitgespräch gebeten: Matthias Hofer (28), Schütze und Gemeinderat für die Süd-Tiroler Freiheit in Olang ist zum zweiten Mal Gast am Ball. Anna Gius (23) vom Kulturverein Diverkstatt organisiert die Südtiroler Gegendemonstration mit. Die zwei werden sich zwar nicht ganz einig, finden aber doch den einen oder anderen gemeinsamen Nenner.

Vor einer Woche hat, wie jedes Jahr, hier in Wien der Tirolerball stattgefunden. Warum gehst du aber heute zum zweiten Mal zum Akademikerball?
Matthias Hofer: Zum Tirolerball wollte ich auch schon länger, an dem Wochenende ist aber immer Biathlon in Antholz. Nachdem ich letztes Jahr schon mit den Schützen und der Musikkapelle beim Akademikerball war und gesehen habe, wie pärig das ist und dass das eigentlich alles nicht stimmt, was in den Medien steht, habe ich mir gedacht, ich gehe heuer auch. Es stimmt nicht, dass dort alles rechtsradikale Nazis und andere fürchterliche Menschen herumlaufen. Angst hatte ich hingegen vor den sogenannten friedlichen Demonstranten, die vor der Hofburg mit Steinen, Flaschen und Feuerwerkskörpern um sich geschmissen haben. Das finde ich in einer Demokratie traurig.

Bild: Magdalena Jöchler

Ihr setzt euch beide für Südtirol ein. Warum aber demonstriert Anna vor der Hofburg, während Matthias am Ball tanzt und feiert?
Anna Gius: Ich stehe auf der Seite der Demonstration, weil ich den Matthias wirklich nicht verstehe, wenn er sagt, da gehen keine Nazis hin.
Hofer: Warst du mal auf dem Ball?
Gius: Ich war nicht auf dem Ball und ich glaube auch nicht, dass ich da hingehen muss. Den Ball gibt es seit 1951. Die Organisatoren haben mehrmals gezeigt, dass sie sich Nullkommanix von ihrer nationalsozialistischen und antisemitischen Vergangenheit distanzieren.
Hofer: Der Ball wird seit drei Jahren von der FPÖ organisiert. Haben die ein Mal den Nationalsozialismus verherrlicht?
Gius: Die FPÖ ist von Burschenschaften durchzogen, die sitzen auf allen politischen Ebenen. Strache selbst war bis 1980 in Neonazi-Kreisen aktiv.
Hofer: Es kann schon sein, dass bei 3.000 Leuten zwei bis drei schwarze Schafe darunter sind – ich werde schon nicht jeden kontrolliert haben.
Gius: Ich bin ja beruhigt, wenn du Vertreter der rechtsradikalen Elite von Europa nicht sofort erkennst, aber das heißt nicht, dass sie nicht dort waren.
Hofer: Sie werden schon dort gewesen sein, ich werde schon nicht alle erkannt haben. Mir geht nur auf die Nerven, dass es von euch immer heißt, da sind nur Rechtsradikale. Es gibt in Südtirol keinen Verein, der sich mehr vom Nationalsozialismus und vom Faschismus distanziert hat, wie die Schützen.

„Das ist kein päriger, netter Ball! Du tanzt heute in der Hofburg mit den Leuten von Pegida Dresden.“ Anna Gius

Man könnte den Spieß umdrehen und Matthias geht zur Demonstration, da wird ja auch gegen Faschismus protestiert.
Hofer: Hätte die Musikkapelle Olang nicht noch ein Zimmer für mich frei gehabt, wäre ich trotzdem nach Wien gefahren und hätte mir die Demonstration angeschaut.
Gius: Du kannst direkt mit mir zur SH fahren, ich lade dich ein!
Hofer: Nein, ich habe eine Einladung für den pärigen und netten Ball.
Gius: Das ist kein päriger, netter Ball! Du tanzt heute in der Hofburg mit den Leuten von Pegida Dresden.
Hofer: Wenn ich einen sehe, der sich rechtsextremistisch äußert, dann ruf ich dich an und komme sofort zu dir!

2014 gab es bei den Demonstrationen extreme Ausschreitungen mit Sachschäden in Millionenhöhe und Verletzten. Gleichzeitig tanzen in der Hofburg Leute, die den Holocaust leugnen oder vom Negerkoglomerat schwadronieren. Kann man von einem Teil innerhalb einer Gruppierung auf den Rest schließen?
Gius: Wir distanzieren uns von jeglicher Gewalt, die von Demonstranten ausgeht. Wir sind nur für das verantwortlich, was wir tun. Und wir sind friedlich.
Hofer: Und ich distanziere mich von den zwei bis drei Nazis, die auf diesem Ball sind. Es ist wohl hoffentlich nicht verboten, zu einem Ball zu gehen, den eine demokratische Partei organisiert, um mit ihnen über das Thema Südtirol zu sprechen.
Gius: Bitte geh auf den Tirolerball!

„Ich positioniere mich ganz klar: Gegen Faschismus, gegen Nationalsozialismus.“ Matthias Hofer

Besteht bei den Protesten nicht die Gefahr, dass man dem Ball mehr Aufmerksamkeit gibt, als er sich verdient hat?
Hofer: Ganz genau!
Gius: Er hat durch die Proteste an Bedeutung verloren. Aber du Matthias musst auch verstehen, dass du letztes Jahr nicht als Privatperson dort warst, sondern als politischer Vertreter.
Hofer: Nein, überhaupt nicht! Wir waren mit den Schützen eingeladen.
Gius: Ihr macht aber politische Arbeit. Das habt ihr im vorigen Jahr mit der Teilnahme am Ball gezeigt.
Hofer: Ja, das gehört zu uns dazu.
Gius: Ich wünsche mir von dir, dass du dich klar positionierst und nicht zum Ball gehst.
Hofer: Ich positioniere mich ganz klar: Gegen Faschismus, gegen Nationalsozialismus.
Gius: Aber zu glauben, dass du das nicht unterstützt wenn du dort hingehst ist naiv.

Versetzt euch mal in euer Gegenüber: Wie glaubt ihr, sieht das Herzensanliegen Südtirol da aus?
Hofer: Schwierige Frage. Das Titelbild von Diverkstatt gefällt mir: „Heimatland verteidigen! Rassismus bekämpfen!“. Das könnte auch ein Spruch von den Schützen sein. Was mir am meisten gefallen hat ist, dass es mit dem Untersatz „Per un Sudtirolo del 3. Millenio“, faschistisch unbelastet ist.
Gius: Du bist Politiker, du bist Schütze – man weiß, dass dir unsere Heimat wichtig ist, aber in einem nostalgischem Sinne, zurück nach Österreich und so. Das teile ich nicht.

Magdalena Jöchler

lebt und werkelt in Wien. Sie erzählt gerne Geschichten, die hoffentlich auch gelesen werden. Nein, sie ist nicht mediengeil.
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