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VBB-Stück über den Klimawandel

Trauer zulassen

Beim Theaterstück „Anthropos, Tyrann (Ödipus)” stehen Wissenschaftler*innen und Schaupieler*innen gemeinsam auf der Bühne und thematisieren den Klimawandel. Kann das funktionieren?

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Bild: Luca Guadagnini/VBB

Das neue Stück der Vereinigten Bühnen Bozen reflektiert die derzeitigen gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse, will zum Nachdenken anregen, ja sogar schockieren. Die wichtigste Botschaft, die gleich zu Beginn von den fünf Hauptfiguren verkündet wird: „Die Welt brennt und wir alle müssen zu Trauern wagen.“ Die Bedingung der Überwindung des furchtbaren Schmerzes „Klimawandel“, aber auch eine mögliche Herangehensweise ist nur gegeben, wenn man trauert, so die Botschaft. Dies setzt natürlich Bewusstsein und Betroffenheit voraus. Euripides Tragödie, die als Basis des Stücks dient und sich im Stück mit dem Thema Klimawandel verbindet, erscheint in diesem Kontext so aktuell wie selten zuvor, denn wir alle verkörpern den tragischen Helden Ödipus. Im Interview spricht Regisseurin Carina Riedl, die unter anderem schon am Wiener Burgtheater oder am Deutschen Theater Berlin gearbeitet hat, über den Sinn ihres Stücks, das heute (26. März) im Stadttheater Premiere feiert: die Rettung des Planeten.   

Im Stück treffen Wissenschaft und Theater aufeinander. Wie passt das zusammen?
Wir kooperieren als VBB-Projekt mit der EURAC, die tolle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beherbergt. Ich habe dort zwei Wochen lang recherchiert und von Beginn an bestand ein hohes Interesse an einer solchen Zusammenarbeit. Die Idee einer Kooperation, wie man Wissenschaft und Theater kombinieren könnte, hat sich schnell entwickelt. Im Mittelpunkt stand die Art und Weise der Kommunikation zu den Menschen und die Übersetzung ins Handeln. Seit vierzig Jahren ist die wissenschaftliche Position zum Klimawandel unverändert, doch es gibt so gut wie kein Handeln.

Carina Riedl

Bild: VBB/Carina Riedl
Wie hat die Zusammenarbeit mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern funktioniert?
Sie sind in ihrer Funktion als Forschende, aber auch als Privatpersonen auf der Bühne. Beides ist meiner Meinung nach nicht mehr zu trennen und bedeutet im Zusammenhang mit dem Klimawandel politisch zu sein, eine Position zu vertreten. Dieser Anspruch zu dozieren, objektiv zu sein und die Wahrheit zu kennen, soll im Stück schrittweise abgebaut werden. Sie trauen sich subjektiv zu sein und eine Meinung zu haben. Sie sind schlussendlich Menschen und verstecken sich nicht hinter ihrer Disziplin und Ergebnissen.

Wie wird das Thema visuell dargestellt?
Im Stück gibt es zwei Komponenten: erstens der klassische performative Teil und zweitens das Gesprächsformat mit dem Publikum. Es ist so, dass die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wirklich auf der Bühne sind. Wir haben uns Patenschaften ausgedacht. Es sind fünf Schauspielerinnen auf der Bühne, jede von ihnen hat mit einem Wissenschaftler bzw. einer Wissenschaftlerin oder einer Wissenschaftsposition zusammengearbeitet. Es gibt also ein Kollektiv und zusammen hat man sich auf das Schwerpunktthema eingelassen. Der zweite Teil des Abends ist wie gesagt als Gesprächsformat geplant, wo alle Beteiligten für Fragen und Austausch zur Verfügung stehen. Die Forschenden haben mit uns gemeinsam Texte aus ihren jeweiligen Wissenschaftsdisziplinen vorbereitet. Diese werden vom Band abgespielt. 

Warum haben Sie sich auf dieses Stück in dieser Form eingelassen?
Für mich war es ein Segen dieses Thema ausführlich behandeln zu können. Ich habe mich natürlich mit dem Klimawandel beschäftigt, doch eher oberflächlich. Ich fliege nicht innerhalb Europas und esse kein Fleisch. Ich habe eine gewisse Awareness zu diesen Themen, aber durch die ersten Gespräche mit dem Gletscherforscher Georg Kaser wurde mir bewusst, dass die jetzige Zeitspanne entscheidend sein wird und bereits in zehn Jahren irreversible klimatische Zustände eintreten werden. Ich selbst hatte die Chance, bestimmten Ahnungen und Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Ich kenne gewisse persönliche Exit-Strategien und Relativierungen, wo man versucht sich einzureden: „Das wird schon nicht so schlimm werden.“ Für mich hat sich diese Sichtweise im Laufe der Arbeiten total verändert. Je mehr wir uns gemeinsam diesem Thema stellen, desto größer werden auch die Räume und Chancen. Ich habe durch dieses Stück einen neueren und viel tieferen Zugang gefunden. Einen, der einen nicht mehr verlässt.

Je mehr wir uns gemeinsam diesem Thema stellen, desto größer werden auch die Räume und Chancen.

Ist Ödipus eine Metapher für uns Menschen, die wissend um der Folgen des Klimawandels ihrem Abgrund entgegenschreiten?
Ja genau, das ist der Link der Tragödie Ödipus zum Klimawandel. Ödipus wird prophezeit, dass er mit seiner Mutter Kinder zeugen und seinen Vater ermorden wird. Mit sehendem Auge und mit dem Versuch, dem zu entweichen, löst er das Schritt für Schritt aus. Wir befinden uns in einer ähnlichen Situation mit der Klimakrise. Diese Prophezeiung wurde uns vor langer Zeit gemacht und indem wir die Augen davor verschließen, übernehmen wir nicht die Verantwortung für unser Handeln. Bewusst lösen wir sehendes Auge die Katastrophe aus.

Unsere „imperiale“ Lebensweise ist verantwortlich für den Klimawandel, sind wir alle wirklich Schuld am Schlamassel?
Für mich ist die Frage nach der Schuld, wie übrigens in der Ödipus-Geschichte, völlig irrelevant. Sobald wir wie Ödipus uns festhacken, uns ständig fragen, wer Schuld an allem sei, werden wir nie die Vergangenheit überwinden. Wir werden uns nie der Zukunft stellen. In einer Zeile heißt es in unserem Stück: „Schuld betrifft immer nur Individuen. Viel weiter reicht die Verantwortung.“ Jeder von uns führt ein Leben, das nicht mit den verfügbaren Ressourcen vereinbar ist. Auch ist die Idee absurd, alles beherrschen zu können und zu wollen.

Bei der Inszenierung sind auch Wissenschafterinnen und Wissenschaftler auf der Bühne.

Bild: Luca Guadagnini/VBB

Wäre also der Begriff der Verantwortung angebrachter?
Der Schuldbegriff ist einfach nicht richtig. Verantwortung beinhaltet, dass wir als Kollektiv Verantwortung übernehmen müssen für die Position, die wir in der Welt haben. Wir sind ein winziges Rädchen in einem riesigen Geflecht von Kreisläufen, Wechselwirkungen und Zusammenspiele von unterschiedlichen Parametern. In dieser Position haben wir aber zentrale Wirkungen und genau das schlägt jetzt zurück. Davon Wissen zu erlangen und verantwortlich damit umzugehen, liegt nun in der Verantwortung von uns Menschen.

Soll das Stück auf der kulturellen Ebene Bewusstsein für den Klimawandel schaffen oder soll es mit dazu beitragen, eine Änderung herbeizuführen?
Ich kann beides nicht voneinander trennen. Wir möchten das Thema in unser aller Bewusstsein rücken. Die verwendete Form ist das Kommunikationsmittel, mit dem ich persönlich mich am ehesten ausdrücken kann.

Wie schafft das Stück dieses Ziel zu erreichen?
Ich hoffe, dass unterschiedliche Sinne angesprochen werden. Dabei steht Verstehen, Erkennen und Wahrnehmung im Mittelpunkt. Es geht im Stück nicht unbedingt um rationales Verstehen, sondern eher es auf allen Ebenen zuzulassen. Der Mensch hat so wahnsinnig viel zerstört und man sollte daher auch Trauer gestatten. Diesem einen Raum in einem selbst zu geben. Es sollte ein Ort, eine gemeinsame Form und eine Zeitspanne geschaffen werden, wo man sich diesem öffnen kann.

Sie involvieren auch das Publikum.
Der Wissenschaftler Timothy Morton prägte den Satz: „Gedanken kommen aus der Vergangenheit, Gefühle kommen aus der Zukunft.“ Wir alle haben eine ganze Reihe von Ahnungen und Gefühlen zum Klimawandel, doch noch keine Sprache dafür. Wir müssen aber lernen, eine zu finden. Deshalb ist der erste Schritt auch mit unfertigen Gedanken an den Start zu gehen. Deshalb erhoffe ich mir durch die Involvierung des Publikums, dass sich das potenziert. Leute sollen das Gefühl haben, dass sie mit ihren Sorgen und Ängsten nicht allein sind. Alle zusammen sollen verstehen, in welcher heiklen Lage wir uns gerade befinden.  

 

 
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