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Reif für die Bühne

Seit mehr als zehn Jahren steht sie im Scheinwerferlicht. Beatrix Reiterer ist Musicaldarstellerin – ein Beruf mit Schattenseiten.

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Bild: Judith Dietl

Seit fast 20 Jahren steht Beatrix Reiterer als Musicaldarstellerin auf der Bühne. Sie kommt aus Südtirol und lebt mit ihrer Familie in Köln. Derzeit steht sie in Bozen für „Das Ballhaus“ auf der Bühne. Zwischen Schülervorstellung und Fototermin nimmt sie sich Zeit für BARFUSS und ein Glas Holundersaft im Bozner Bio-Restaurant Aretè.

Sie kommen direkt von der Bühne?
Genau, direkt vom Theater ins Restaurant. Wir hatten heute eine Schülervorstellung. 

Wie ist es vor Kindern und jungen Leuten zu spielen? Anders?
Es ist total anders. Sie reagieren an anderen Stellen. Und man merkt jetzt an dem Stück, dass es für die älteren Leute etwas mehr Sinn macht, weil sie natürlich mehr von der Geschichte kennen und die Lieder. Die Schüler wachen erst etwas später auf, wenn die modernen Songs kommen. Und sie sind unbefangener und sagen das, was sie denken. Oder klatschen dann, wenn sie das Gefühl haben, jetzt wollen sie klatschen. Das ist total spannend. 
 
Gibt es so etwas wie ein Lieblingspublikum?
Naja, man freut sich immer über viel Applaus. Und da sind die Südtiroler ein bisschen vorsichtig. Wenn ich in Deutschland spiele sind Standing Ovations nichts Außergewöhnliches. Aber bis in Südtirol jemand aufsteht dauert das wirklich lange, sehr lange. Sie sind hier eben verhaltener. Aber weil ich ja immer wieder auch hier spiele, habe ich irgendwann verstanden, dass sie es anders zeigen. Da bekommt man es dann eher hintenrum mit, dass sie es super toll fanden. 
 
Wie groß sind denn die Unterschiede zwischen Bozen und den großen Bühnen in Deutschland?
Hier zu arbeiten ist total entspannt. In Deutschland ist der Konkurrenzdruck viel größer. Hier haben die Leute Spaß, es ist schönes Wetter und jeder lässt jeden sein. Es geht nicht darum, was kann ich und was kannst du. Aber wenn sich in Deutschland für 30 Rollen 1.000 Leute bewerben, ist das ein anderer Kampf. 
 
Sie haben zwei kleine Kinder. Sicher nicht einfach in Ihrem Beruf?
Ich habe den Vorteil, dass ich nicht jeden Tag spielen muss. Seit ich die Kinder habe, singe ich in Deutschland auch auf vielen Galas und Konzerten. Die kann ich mir selbst einteilen und sie sind meistens am Wochenende, da ist dann mein Mann zu Hause. Und wenn ich nach Südtirol komme, dann werden Oma, Opa und Tante eingespannt. Aber seit die Kleinen da sind, überlege ich mir schon, was ich annehme. Wenn ich Einladungen zum Vorsingen bekomme, überlege ich, ob das überhaupt Sinn macht. Wenn es zum Beispiel ein Job ist, wo ich ein Jahr lang nach Berlin müsste, dann funktioniert das nicht. Ich habe mich zehn Jahre lang in diesem Beruf ausgelebt, dann ist es auch in Ordnung, wenn es ein bisschen ruhiger ist. Und ich bin jetzt in einer Phase, wo ich schon zu alt bin für die jungen Rollen, aber noch zu jung für die alten. Von dem her ist das schon gut so im Moment. 
 
Wie alt sind Sie? 
Ich bin jetzt 37 geworden.  
 
Schauspieler, Tänzer, Musicaldarsteller - das sind Berufe mit Ablaufdatum. 
Ja. Am schlimmsten ist es natürlich bei den Tänzern, ab 30 oder 35 Jahren geht da nichts mehr. Bei Schauspielern und auch beim Musical geht es aber länger. In vielen Musicals gibt es ja auch Omas und Opas. Die werden nur oft jung besetzt, weil es zu wenig alte Leute gibt, die das machen wollen. Bei diesem Beruf muss man ständig woanders sein. Wenn man ein gewisses Alter hat, will man vielleicht nicht mehr für ein Jahr wegen des Jobs umziehen. Aber an sich könnte man auch als älterer Darsteller noch Sachen machen, da sehe ich nicht das Problem. Es ist eher die Frage, ob man es dann noch will. 
 
Und wie ist das bei Ihnen?
Ich lebe im Jetzt und jetzt mache ich es eben so, wie es sich ausgeht. Ich habe nicht vor, morgen aufzuhören, ich lasse das auf mich zukommen. Wenn ich merke, dass ich das nicht mehr machen will oder es ist mir zu mühsam ist, dann kann ich mir auch vorstellen, irgendwann aufzuhören. Ich bin nicht so fixiert darauf. Seit ich Kinder habe, mache ich auch viele eigene Projekte. Ich bin jetzt auch in einem Alter, wo ich mehr ich sein und mehr von mir einbringen möchte. Und das kann ich natürlich besser, wenn ich meine eigenen Sachen mache, und nicht wenn ich das abspule, was andere schon vor zehn Jahren gemacht haben. 
 
Gibt es noch eine Rolle, die Sie unbedingt spielen möchten?
Naja, es gibt die „Elisabeth“. Die habe ich immer noch nicht gespielt, wegen der ich ja eigentlich angefangen habe. Und es gibt schon noch ein paar Rollen, die ich toll fände. Aber wenn das nichts wird, ist es auch nicht schlimm. Ich bin nicht mehr so, dass ich todunglücklich bin, wenn ich eine Rolle nicht spielen kann. Ich habe gemerkt, dass es auch um andere Sachen im Leben geht. Nicht nur ums Spielen auf der Bühne.
 
Was steht als nächstes bei Ihnen an?
Im Herbst spiele ich die Königin Anna bei den „Drei Musketieren“, das ist eine Deutschlandtour. Dann habe ich in Südtirol noch einige Konzerte und die Gala-Tour im Jänner. 
 
Das klingt aber nicht nach wenig Arbeit. 
Nein, das stimmt. Aber die Tour ist in Ordnung. Die ist fünf oder sechs Mal im Monat. Ich bin also nicht die ganze Zeit unterwegs. 
 
Sie stehen seit mehr als zehn Jahren auf der Bühne. Haben Sie immer davon leben können?
Meistens. Ich habe in dem Jahr, wo ich nichts zu tun hatte, Arbeitslosengeld bekommen. Das ist in Deutschland natürlich gut: Wenn man lange genug gearbeitet hat, bekommt man Unterstützung. Aber seit fünf Jahren bin ich selbstständig, da bekomme ich auch kein Arbeitslosengeld mehr. Ab und zu springt auch die Familie ein. Aber dafür, dass ich das schon so lange mache, ist das wirklich eine Ausnahme. Als ich in Berlin war, habe ich nebenher noch Modenschauen gemacht. Oder auch jetzt noch, mache ich manchmal Werbespots. Aber es ist nicht so, dass ich nebenher kellnern gehe. 
 
Haben sich die Gagen in den vergangenen Jahren verändert?
Man verdient jetzt weniger. Als ich angefangen habe, hat man deutlich mehr verdient. Diejenigen, die Hauptrollen gespielt haben, haben extrem viel Geld verdient. Man kann jetzt nicht mehr lange davon leben. Im Prinzip muss ich schauen, dass ich jedes Monat meinen Job habe. 
 

Judith Dietl

arbeitete eine Zeit lang im hohen Norden, jetzt BARFUSS-Redakteurin der ersten Stunde. Ist lieber barfuß unterwegs, weil lässt sich ungern einengen.
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Auf a Glas'l

BARFUSS trifft regelmäßig bekannte und weniger bekannte Leute Südtirols in einem ihrer Lieblingslokale. Sie trinken, was sie möchten, und das Gespräch endet, sobald das Glas oder die Tasse leer ist. Na ja, so genau nehmen wir es dann doch nicht.

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