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Porträt eines Geflüchteten

"Nicht ohne meine Familie"

Von der Obdachlosigkeit über den Familiennachzug bis hin zur ersten festen Anstellung: Der schwierige Weg eines Geflüchteten.

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Bild: Manuela Tessaro

Warum Menschen aus ihrem Heimatland fliehen, dafür gibt es viele Gründe. Und warum sich Menschen gerade dieses eine bestimmte Land aussuchen, wo sie sich ein neues Leben aufbauen wollen, bleibt uns oft verschlossen.  Auch im Gespräch mit Serwan, der im Winter 2019 nach Bozen gekommen ist, bleibt mir unklar, warum gerade Südtirol, warum gerade Italien zu seinem Zielland geworden ist.

Kaum ein anderes Land der Welt, ist so schwer mit Minen und Granaten belastet wie der Irak. Der Süden durch den Golfkrieg gegen den Iran in den 1980er-Jahren und der Norden durch die Kämpfe gegen die Terrormiliz IS. Der 44-jährige Sohn einer Araberin und eines Kurden ist im Frühjahr 2019 aus Baghdad geflohen. Seine 40-jährige Frau Khanda und die beiden Kinder, im Alter von 10 und 12 Jahren, holt er 2021 über das Programm der Familienzusammenführung aus dem schwer zerstörten Land heraus. Zu diesem Zeitpunkt stand der Kampfeinsatz der USA im Irak vor seinem Abschluss.

Als Serwan 2019 in Bozen ankommt und in Südtirol eisige Kälte herrscht, stand da kein warmes Bett für ihn bereit. „Ich hatte mir alles viel einfacher vorgestellt“, meint Serwan, der als Muslim wohl ein anderes Verständnis von Gastfreundschaft und Hilfe für die Armen haben mag. Und wie so viele, musste Serwan die ersten Tage unter der Brücke verbringen. Er ging zum Essen in die damals noch aktive Obdachlosen-Mensa des Vinzenzvereins am Verdiplatz, wo es zudem warme Decken gab. Da lernte Servan auch die freiwilligen Streetworker Giancarlo Boggio und Mirta Motta kennen, die vom Herbst bis zum Frühling nachts die Bozner Straßen abfahren und die armen Menschen, meist Geflüchtete oder Zurückgewiesene aus anderen Ländern, mit warmer Kleidung versorgen, mit Schlafsäcken, mit nötiger Information und vor allem mit einem offenen Ohr für sämtliche Anliegen.

Serwan mit Giancarlo Boggio

Bild: Manuela Tessaro

Serwan und Giancarlo tauschen sich die Telefonnummern aus. Ein erster Schritt ist gesetzt, Serwan wird mit dem von Federica Franchi geführten Verein Bozen Solidale bekannt gemacht, die erste Gehhilfe für Serwan hier in der Region Trentino Südtirol steht. Einige Tage kann er bei der Aktivistin Diana Belloni wohnen, als diese in den Urlaub fährt.  Bald besucht er einen ersten Italienisch-Kurs, wird dann für etliche Monate im Centro Bruno in Trient aufgenommen. Federica ist es auch, die sich für Serwan einsetzt, damit er für längere Zeit im Sozialzentrum leben kann. Serwan wird dann ins territoriale Flüchtlingsschutzprogramm SPRAR (Sistema di protezione per richiedenti asilo e rifugiati) aufgenommen und kann ein Jahr lang in Feldthurns wohnen.  Der gebildete Mann verbessert seine Sprachkenntnisse und besucht bald verschiedene ESF-Lehrgänge für seine zukünftige Beschäftigung im Gastgewerbe. Und obwohl er weder eine bleibende Unterkunft vorweisen noch einer geregelten Arbeit nachgehen kann, unterzeichnet er einen Antrag um Familienzusammenführung. „Das war wohl zu früh, ich weiß, aber ich konnte nicht mehr länger ohne meine Familie leben, die ich fast drei Jahre nicht mehr gesehen hatte. Ich wollte sie einfach aus dem Irak herausholen“.

Bald 20 Jahre nach der US-Invasion und dem vorangegangenen Krieg, ist der Irak heute immer noch in weiten Teilen des Landes zerstört. Aus Art. 14 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte geht hervor, dass Flüchtlinge das Recht haben, in einem anderen Land Asyl zu suchen, und außerdem ist der Schutz vor Abschiebung in die Verfolgung ein Menschenrecht, das unter anderem von der Europäischen Menschenrechtskonvention bestätigt wird. Es leuchtet also ein, dass Serwan so bald als möglich seine Familie nach Südtirol holen wollte. Die Freiwilligen der Zivilbevölkerung hatte Serwan im Vorfeld nicht über sein Vorhaben informiert, erst als Feuer am Dach stand und er die Trennung von seiner Familie riskierte, setzte er alle Hebel in Bewegung, sprich sämtliche Freiwillige.

Serwan hat mittlerweile eine feste Anstellung in einem Hotel bei Mühlbach gefunden. Zu seinem Glück fehlt ihm jetzt nur noch eine eigene Wohnung.

Serwans Frau Khanda kommt mit ihren Kindern im vorigen Oktober über Wien und dem Brenner nach Südtirol. Gleich an der Grenze wird die Tochter positiv auf Covid getestet und wird so einen Monat lang mit ihrem Bruder und ihrer Mutter in der Quarantäne-Kaserne in Gossensass verbringen, bis sie nicht freigetestet werden kann. Serwan, der seine Familie bisher in Südtirol noch nicht in die Arme schließen konnte, quartiert sich in dieser Zeit in Gossensass ein und grüßt seine Lieben aus der Ferne; sie geben sich Handzeichen und rufen einander zu. Serwan zeigt ein Foto der Kasernenwand, auf dem ein Fenster in roter Farbe eingerahmt ist. Es ist jenes des Zimmers seiner Familie.

Die Behörden melden die Neuankunft der Flüchtlingsfamilie dem Sozialdienst. Zunächst wird vorübergehend ein sehr bescheidenes Zimmer in Vahrn bereitgestellt, aber dem Familienoberhaupt werden Termine gesetzt, baldmöglichst hat er eine geeignete Wohnung zu suchen und eine feste Arbeit dazu, damit seine Familie nicht von ihm getrennt werden muss. Jetzt mobilisiert Serwan alle Kräfte, sucht nach passenden Unterkünften und Arbeitsstellen im Eisacktal und im Pustertal. Schließlich findet er eine Anstellung im Gastgewerbe im Pustertal: Er nimmt gleich zwei Teilzeitarbeiten an, eine in Innichen und eine in Mühlbach – und pendelt in seiner Zimmerstunde hin und her.

Serwan mit Autorin Lissi Mair

Bild: Manuela Tessaro

Serwan erinnert sich an Giancarlo, den er immer wieder in den vergangenen zwei Jahren getroffen hatte, sowie an Federica und Mirta von Bozen Solidale. Die Freiwilligen setzen nun alles in Bewegung, auf dass die Familie schließlich eine vorübergehende und passende Unterkunft im Haus der Solitarität (HdS) in Brixen findet. Dafür sei dem Direktor Alexander Nitz gedankt, der das Unmögliche möglich gemacht hat. Die ganze Familie wird im Millander Haus aufgenommen. „Grazie, grazie, grazie“, schreibt Serwan den Freiwilligen später per sms.

Und Giancarlo, als Vertreter des Vereins Rete dei Diritti, begleitet Serwan dann auch zum wichtigen und entscheidenden Termin am Sozialamt. Alles nimmt jetzt seinen geregelten Lauf. Die Kinder sind eingeschult, in die Mensa eingeschrieben, Khanda besucht einen Italienischkurs, so dass auch sie bald einer Arbeit nachgehen kann. Serwan hat mittlerweile eine feste Anstellung in einem Hotel bei Mühlbach gefunden. Zu seinem Glück fehlt ihm jetzt nur noch eine eigene Wohnung. „Ich würde gerne mit meiner Familie irgendwo entlang der Pustertaler Straße wohnen“, äußert Serwan diesen Wunsch zum Abschluss unseres Gesprächs. Und er umarmt Giancarlo, stellvertretend für alle Freiwilligen, die ihm bisher geholfen haben: „Giancarlo, du bist ein Engel!“

 

 

 

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