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Interview mit Isabel Folie

(K)eine elitäre Gattung?

„Lyrik braucht neue Zugänge!“ lautet die Devise von Isabel Folie. Die Lyrikerin berichtet über ihr neues Buch, den Versuch Lyrik erlebbar zu gestalten und ihrem „gummibandartigen“ Verhältnis zum Schreiben.

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Bild: Comfreak (Pixabay)

Isabel Folie arbeitet seit einigen Jahren als freie Texterin und Lyrikerin. Die 32jährige lebt heute in Wien und ist Teil des Künstler Kollektivs „Grauer Greif“. In ihrem kürzlich erschienenen Lyrikband „In meiner Mitte Kohle, in meinen Armen der Wind“ thematisiert die gebürtige Südtirolerin die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft.

Isabel, woher kommt deine Leidenschaft für das Schreiben von Lyrik und Prosa?
Isabel Folie: Ich habe schon immer gerne geschrieben. Das hat in der Schulzeit mit tragischen Gedichten angefangen und hat sich in meinem Studium der Publizistik rasch ausgebaut. Während der Studienzeit habe ich begonnen als Texterin zu arbeiten und habe in einer PR-Agentur und Redaktion viele Lifestyle Artikel publiziert. Dabei musste ich mein literarisches Schreiben erst mal pausieren, was ich sehr vermisste. Nach einem Jahr in der Redaktion habe ich beschlossen, einen Neuanfang zu starten. Ich habe gekündigt und mich aufs Schriftstellersein fokussiert. Heute arbeite ich selbstständig nur noch nebenbei als Texterin und schreibe Produktbeschreibung oder Zeitungs- und Blogartikel. Das ermöglicht mir viel Zeit für meine Leidenschaft des literarischen Schreibens.

Bild: Isabel Folie

Was treibt dich an, zu schreiben?
Das sind sowohl äußere als auch innere Dinge. Auf die Frage „Warum ich überhaupt schreibe?“, antworte ich immer: Für das Gefühl danach. Das Schreiben selbst macht nicht immer so viel Spaß und ist oft ein Kampf. Häufig verfolgen mich im Schreibprozess Gedanken nach dem Sinn, dem Aufwand und dem Ziel meines Schreibens. Wenn ich einen Text beende, finde ich immer das, wonach ich gar nicht wusste, dass ich gesucht habe. Für dieses Gefühl nach dem Schreiben zahlt sich der Kampf um die richtigen Worte aus.

Was ist das für ein Gefühl?
Es ist ein Gefühl von Befriedigung und Ruhe. Schreiben ist ein Prozess, der unglaublich viel Konzentration abverlangt, aber einen nach der Vollendung wieder runterbringt. Es gibt keine genaue Erklärung für das Gefühl, weil es nicht meditativ aber dennoch beruhigend ist. Mir hilft das Schreiben auch aufgestaute Emotionen zu verarbeiten. Gedanken in einen Text zu gießen, hilft mir bei der Verarbeitung von emotionalen Tiefschlägen aber auch Höhenflügen.

Geht es darum in deinem neuen Lyrikband „In meiner Mitte Kohle, in meinen Armen der Wind“? Um Verarbeitung von Emotionen?
Nicht wirklich, weil das lyrische Ich im Buch nicht mit meinem Ich, also mit Isabel, gleichzusetzen ist. Der Band thematisiert aber sehr wohl eine Thematik, die mich beschäftigt und zwar die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft. Eine Rolle, die von gesellschaftlichen Normen, Selbstoptimierungsansprüchen und Unzulänglichkeiten geprägt ist.

So viele Gedanken auf so wenigen Zeilen. Wie geht das?
Der Schlüssel lautet: Ganz viel Nachdenken. Meistens habe ich ein Konzept im Kopf, welches genau vorgibt, wo ich hinwill. Es ist so, dass ich nicht aus fünf Notizbüchern etwas zusammen collagier, sondern versuche einen Text und ein Gedicht aus einem Gedanken zu gießen. Manchmal schreibe ich superschnell: Ein Gedanke, ein Anfang, ein Ende. An anderen Tagen stochere ich mehrere Wochen an einem Text herum. Nicht selten werfe ich dann alles über einen Haufen und beginne wieder von vorne. Der Schreibprozess ist immer unterschiedlich. Der einzige Vorsatz, dem ich immer treu bleibe ist, immer nur an einem Text zu schreiben. Bevor ich mit diesem nicht zufrieden bin, setzte ich mich an keinen zweiten. Ich bleibe so lange dran, bis es sich „rund“ anfühlt.

In welchen Situationen entstehen deine Ideen? Wann wirst du von der Muse geküsst?
Entweder setze ich mich bewusst gleich in der Früh mit der Intention etwas zu verfassen an den Schreibtisch oder mir kommen Ideen bei monotonen Beschäftigungen, wie dem Spazierengehen. Am besten funktioniert es beim Zugfahren, wenn meine Gedanken einfach frei schweifen können. Ich kann nicht lange an einem Arbeitsplatz sitzen und muss mich immer wieder bewegen und etwas anderes tun, bis mich der Schreibtisch wieder anzieht. Mein Verhältnis zum Schreiben kann man am besten mit einem Gummiband vergleichen, dass mich immer wieder zum Schreibtisch zurückzieht.

Auf die Frage „Warum ich überhaupt schreibe?“, antworte ich immer: Für das Gefühl danach.

Wie hast du deine Sprache gefunden und wie würdest du sie beschreiben?
Ich glaube, ich habe zwei Sprachstile. Meine ehemalige Chefin beschrieb meinen Sprachstil als ironisch und mit Witz. Im Vergleich zu meinen Gedichten ist die Sprache als Texterin viel lustiger, blumiger und frecher. Darin setzt sie sich klar von meiner Sprache als Lyrikerin ab. Diese zeichnet sich durch Reduzierung und bildgewaltige Stärke aus. Meine Sprache versucht also mit wenigen Wörtern stark zu sein.

Allegorien, Chiffren und Metaphern: Lyrik gilt häufig als „verpönte, elitäre und unzugängliche“ Gattung. Wie siehst du das?
Leider muss ich dir zustimmen. Es ist schade, dass Lyrik so elitär wirkt. Viele Leute denken sich: Das verstehe ich sowieso nicht, da wage ich mich nicht heran, Lyrik ist mir zu aufwendig. Ja, es gibt sehr komplexe Gedichte mit komplexer Sprache und noch komplexeren Verweisen, die dann nur Germanistikstudierende entziffern können. Allerdings denke ich, dass dieser Zugang zur Lyrik nicht notwendig ist, weil das Erkennen von rhetorischen Figuren und Verweisen nicht die Gattung bestimmt. Ich glaube, dass von jedem Gedicht jeder etwas mitnehmen kann und Gedichte eine individuelle Wirkung erzielen. Diese ist nicht ausschließlich für einen gewissen Bildungsgrad zugänglich. Meine Gedichte richten sich sicherlich nicht an eine elitäre Gruppe, weil es mir darum geht, was sie auslösen und bewegen und nicht wie sie interpretiert werden können.

Wird ein ähnliches Ziel vom Künstler Kollektiv “Grauer Greif”, zu welchem auch du gehörst, verfolgt?
Ja genau. Wir versuchen, Menschen Lyrik unmittelbar erlebbar zu machen. Die Texte von meinem Buch wurden zum Beispiel in Wien bei keiner klassischen Lesung von mir vorgetragen, sondern im Theater aufgeführt. Es gab drei Schauspieler, Musik und auch Interaktionen vom Publikum. Wir versuchen durch szenische Lesungen die Gattung Lyrik wieder zugänglicher zu machen und dadurch den Menschen neue Erfahrungen im Gebiet der Lyrik zu ermöglichen.

Inwiefern hat dich deine Heimat Südtirol als Lyrikerin und Texterin geprägt?
Eigentlich gar nicht (lacht). Ich lebe seit dreizehn Jahren in Wien und dahingehend hat mich Österreich viel mehr geprägt und tut es auch heute noch. Besonders der Lebensstil, das Kulturprogramm und die Kaffehauskultur in Wien sind prägend für mein Dasein als Lyrikerin und Texterin.

Was sind deine nächsten Ziele und womit dürfen wir in Zukunft von dir rechnen?
Mit dem Grauen Greif verfolgen wir aktuell zwei große Projekte. Zum einen den Schreibwettbewerb und zum anderen das Projekt „Abgegriffen“. Hier schreibe ich als Lyrikerin Gedichte zu aktuellen Zeitungsartikeln. Das Ziel ist Tagespolitisches in einem abstrakten Stil darzustellen. Zudem schwirren bereits einige zukünftige Buchgedanken in meinem Kopf umher, die aber noch konkretisiert werden müssen.

Teresa Putzer

Träumerin, Crazy Cat Lady und Feministin. Schusselig, aber liebenswert. Liebt Konzerte, Horrorfilme und politische Diskussionen.
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