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Interview mit Sharon Booth

"Jeder kann tanzen"

Für Sharon Booth ist Tanzen ihre Art der Kommunikation und Heilung. Beim Festival Tanz Bozen, das sie künstlerisch leitet, möchte sie das Tanzen allen näherbringen.

Für den klassischen Balletttanz war Sharon Booth zu groß. Heute ist diese Größe genau das, wonach sie beim Tanzen strebt: so groß wie möglich sein, das Maximum an Energie an den Saal und die Zuschauer*innen weitergeben zu können. Als langjährige künstlerische Direktorin von Tanz Bozen, sie ist für das Kursprogramm verantwortlich, will die aus Kanada stammende und heute mit ihren beiden Kindern in Wien lebende Tänzerin diese Energie und den Mut, Grenzen einzureißen und die eigenen Schwächen nach Außen zu kehren, auch an das Bozner Publikum vermitteln. Für sie, die zwischen Essstörungen, Verletzungen und der Misshandlungsaffäre an der Ballettakademie der Wiener Staatsoper auch die Schattenseiten der Tanzwelt nur allzu gut kennt, ist Tanz Bozen “our happy place”, ein Ort, an dem wirklich alle die Freude am Tanz für zwei Wochen lang teilen dürfen.

Sharon, Sie haben vor sieben Jahren als künstlerische Leiterin von Tanz Bozen das Kursprogramm übernommen. Das Motto der Veranstaltung, die auch dieses Jahr wieder für zwei Wochen im Juli stattfinden wird, ist: jede*r kann tanzen. Aber ist das so? Kann wirklich jede*r tanzen?
Ja, davon bin ich überzeugt! Bei Hochzeiten und anderen Sommerfesten können wir das auch ganz gut beobachten: Spätestens nach dem zweiten Glas Wein beginnen wir mit dem Fuß zu wippen, den Kopf zur Musik zu bewegen oder schaukeln unsere Körper hin und her. Also ja, ich glaube wirklich, dass jede*r tanzen kann. Ob wir uns das Tanzen erlauben, ist eine andere Frage! Bei Tanz Bozen versuchen wir deshalb eine sehr inklusive und bunte Atmosphäre zu schaffen, sodass sich auch wirklich alle willkommen fühlen.

Gleichzeitig ist das Gefühl, nicht tanzen zu können, nun wirklich keine Seltenheit. Warum ist das so?
Wenn es ums Tanzen geht, denken viele an ein Bühnensetting, wo andere sie beim Tanzen beobachten. Diese Vorstellung möchten wir bei Tanz Bozen durch unser Social-Dancing-Angebot, durch Lindy Hop oder Bollywood-Dance durchbrechen. Hier geht es vor allem darum, den eigenen Körper unbeschwert zu bewegen. Eine Ballettklasse kann anfangs natürlich sehr einschüchternd wirken, aber es gibt so viele andere Möglichkeiten, um mit dem Tanzen zu beginnen!

Es geht also vor allem darum, uns selbst das Tanzen zu erlauben. Warum fällt dieser Schritt vielen von uns so schwer?
Das hat mit unserer Angst, uns anderen zu öffnen, uns zu zeigen zu tun. Und somit auch mit der Angst, geneckt zu werden oder uns zu blamieren. Wie singen ist auch tanzen eine sehr persönliche Angelegenheit. Tanzen ist ein Ausdruck, der zwar natürlich ist, aber nicht normal (lacht). In unserer Gesellschaft ist es nicht normal, einfach in Tanz auszubrechen so wie wir vielleicht in Worte ausbrechen würden. Es geht also darum, einige unserer Zwiebelschichten abzuziehen - das erfrischt uns, macht uns aber gleichzeitig auch verletzlich.

Ein Leben für das Tanzen: Sharon Booth

Bild: Eva Manasieva

Wie versucht Tanz Bozen diese Ängste zu durchbrechen?
Wir haben dort Klassen für Menschen, die vorher noch nie getanzt haben und Golden-Age-Levels, bei denen sich Menschen, die 65 oder 70 sind, zum ersten Mal am Tanzen versuchen. Es herrschte eine sehr warme Atmosphäre, in der man keine Angst haben muss, sich zu blamieren. Langsame Rhythmen, die eigene Spiegelung ist unwichtig und die Lehrpersonen haben Erfahrung damit, eine offene Atmosphäre zu kreieren. All das bringt hoffentlich auch jene, die glauben, nicht Tanzen zu können, dazu, zu sagen: “Natürlich kann ich tanzen!”

Wie sind hier die Reaktionen in den letzten Jahren ausgefallen? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Viele sind überrascht, wie gut sie tanzen! Manche kommen auch mehrere Sommer lang immer wieder zurück. Die Erfahrung, die eigenen Grenzen zu durchbrechen, ist für viele neu und anfangs vielleicht etwas angsteinflößend. Schlussendlich ist sie aber unglaublich wertvoll!

Sie waren selbst - und sind es immer noch - Profitänzerin. Wie sind Sie selbst zum Tanz gekommen?
Eigentlich, weil ich ein sehr ungestümes Kind war (lacht). Meine Eltern haben mich also in den Ballettunterricht gesteckt, damit ich etwas Disziplin lerne. Ich hatte Talent und ich liebte die Aufmerksamkeit und die Kraft, mich mit meinem Körper ausdrücken zu können. Also habe ich weitergemacht.

Gab es denn auch bei Ihnen Hemmungen, die Sie überwinden musstest?
Ich glaube, bei Kindern ist das anders. Aber ich kämpfe manchmal immer noch damit, Tänzerin sein zu dürfen; es mir selbst zu erlauben. Ich komme aus einer Ärztefamilie, das heißt, einer Familie, in der alle andauernd unglaubliche Dinge leisten, sich in Freiwilligenarbeit engagieren oder ein Heilmittel gegen Krebs finden. Und ich tanze. Das löst bei mir manchmal eine Art schlechtes Gewissen aus. Ich frage mich, ob das, was ich tue, wirklich essenziell ist.

Wie drückt sich dieses schlechte Gewissen aus?
Ich mache so viele Dinge, um zu zeigen, dass ich mich sehr wohl darum kümmere, die Welt schöner, besser zu machen (lacht). Beispielsweise haben wir im März drei ukrainische Flüchtlinge bei uns aufgenommen! Und auch die Tanztherapie- und Pilatesstunden, denen ich mich seit meinem Hüftbruch widme, geben mir das Gefühl, einen wertvollen Beitrag zu leisten. Ich glaube, dass viele dieser Dinge daher rühren, eine sogenannte “Künstlerin” zu sein. Aber ich weiß heute auch, dass das Tanzen selbst seinen ganz eigenen Wert hat: die Freude und die Energie, die ich durchs tanzen ausdrücken kann, ist unglaublich wertvoll - vor allem jetzt, nach zweieinhalb Jahren Pandemie. Ich habe im April nach einer langen Pause zum ersten Mal wieder vor 10.000 Menschen getanzt. Es war wundervoll, die Energie im Raum zu spüren und zu sehen, wie glücklich die Menschen waren, Theater, Tanz, Musik und Kostüme live erfahren zu dürfen. Die Menschen aus ihrem Alltag abzuholen. Ich glaube, all diese “nicht essenziellen” Interaktionen sind heute noch viel wichtiger geworden.

In einem Interview mit der Südtiroler Wochenzeitung “FF” meinten Sie vor einigen Jahren, dass Sie sich oft leichter durch den Tanz als in Worten ausdrücken können. Was meinen Sie damit?
Ich glaube, es gibt keine Worte für die winzigen Emotionen, die irgendwo ganz tief drinnen in meinem Körper starten. Wenn ich versuche, diese in Worte zu fassen, dann hört sich das falsch an, ganz so, als würde ich mich selbst auf einem Tonband hören. Es sind tief verwurzelte Emotionen, für die ich außer meiner Körpersprache keine Sprache finden kann. Mein Körper erlaubt es mir, mich subtil auszudrücken und eine non-verbale Verbindung zu anderen Menschen zu finden - auch wenn sie nicht dieselbe Sprache sprechen oder zu klein sind, um überhaupt Worte zu verwenden.

Mein Körper erlaubt es mir, mich subtil auszudrücken und eine non-verbale Verbindung zu anderen Menschen zu finden.

Wie wichtig ist es Ihnen, dabei verstanden zu werden?
Überhaupt nicht. Es ist mir wichtig, mit anderen in Verbindung zu treten, aber wie der oder die andere diese Verbindung aufnimmt, ist jedem und jeder selbst überlassen. Ich muss nicht verstanden werden. Oft muss ich auch gar nicht gesehen oder gehört werden. Ich muss die Gefühle nur aus mir raus lassen.

Das heißt, es macht überhaupt keinen Unterschied, ob Sie vor 10.000 Menschen tanzen oder nur für sich allein?
Das ist unterschiedlich. Vor einigen Wochen habe ich beispielsweise eine sehr schwierige Phase durchgemacht. Ich fühlte, tanzen zu müssen und ich wollte, die Gefühle, die ich dabei ausdrückte, mit meinen Eltern, meinem Partner und einer guten Freundin teilen. Ich habe ihnen also eine Aufnahme geschickt. Meine Freundin hat mich später dazu bewegt, das Video zu teilen, damit auch andere wissen, dass es nicht nur die gesunde, witzige und starke Sharon gibt, sondern auch eine tiefe Verletzlichkeit. Ich weiß nicht, wie viele Menschen das Video letztendlich gesehen haben und es macht für mich auch gar keinen Unterschied. Meine Gefühle für ein Publikum auf der Bühne auszudrücken wäre aber etwas ganz anderes gewesen. Dann würde mein Perfektionismus zum Vorschein kommen. Mein Tanz wäre also weniger ehrlich — aber ich würde trotzdem tanzen.

Perfektionismus, der oft Teil der Tanz und Performance-Welt ist. Wie hat dieser Ihre Ausbildung und Karriere geprägt?
Der Mix aus Perfektionismus und Workaholic prägt mich noch immer, nur verstehe ich diesen anders als eine russische Ballettlehrerin ihn verstehen würde. Es geht mir nicht um die perfekte Linie oder eine fehlerlose Pirouette - auch deshalb, weil ich diese Zeiten mit 45 längst hinter mir habe, sondern darum, mein volles Potenzial ausdrücken zu können. Ich bin eine sehr große Tänzerin; wie groß kann ich sein? Wie viel Energie kann ich auf die Bühne bringen? Wie viel davon an die Zuschauer*innen weitergeben? Auch die Kreativität, eine Choreografie immer wieder neu aufzuführen, ist mir wichtig. Dabei sieht sich kaum jemand eine Aufführung zweimal an. Ich könnte mir das also sparen (lacht). Zudem versuche ich eine gewisse Leichtigkeit zu vermitteln. Das Publikum soll sich wohlfühlen, wenn es mich tanzen sieht; Schmerzen oder Verrenkungen nur dann sehen, wenn ich das auch ganz explizit möchte.

Sind dies auch jene Dinge, die Sie an ihre Schüler*innen vermitteln möchten?
Im Unterricht ist mir die Musikalität wichtig, die Art und Weise, wie sich die Tänzer*innen um ihre Haltung und Körper kümmern. Aber auch Disziplin, Fokus und ein Sinn für Ästhetik und Kreativität.

Sie sprechen die Fürsorge für den Körper an: Ihre Mutter hat Sie in mental zehrenden Situationen trotz Schmerzen häufig zum Tanzen ermutigt. Kann tanzen wirklich wichtiger sein als körperliche Schmerzen?
Meine Eltern haben mich nie zum Tanzen gezwungen. Aber meine Mama rät mir noch heute zum Tanzen, wenn mein Kopf verrückt spielt. Es geht hier um das Gleichgewicht zwischen physischer und psychischer Gesundheit - und ich würde lieber meinen Körper als meinen Geist brechen. Ich tendiere dazu, mentale Schwierigkeiten zu internalisieren, diese drücken sich dann in körperlichen Schmerzen aus. Wenn ich all das “austanze”, fühle ich mich besser und auch mein Körper regeneriert sich. Wegen einer schweren Essstörung in meiner Jugend habe ich bereits viele Verletzungen hinter mir. Aber ich muss trotzdem tanzen, da ich sonst leicht in eine Depression hineinrutsche. Durch den Tanz kann ich meine Energie und meine Emotionen ausdrücken und loslassen.

Sharon Booth mit ihren Kindern

Bild: Eva Manasieva

Ist es das, was wir uns von der Tanztherapie erwarten können? Psychische Schmerzen und Stress auszudrücken und loszulassen?
Genau. Die Klassen sind so angelegt, dass die Teilnehmer*innen ihre Probleme vor der Tür lassen können. Sie treten in einen Safe Space, wo sie loslassen, aber auch neuen Input erhalten können. Es geht darum, das Gefühl der Verantwortung für eine Weile an die Musik, den Raum und die Lehrperson abzugeben. Einfach für eine Weile loszulassen. Danach sehen die Dinge oft ganz anders aus.

Sie haben selbst zwei Kinder. Haben Sie sie zum Tanzen ermutigt?
Sie sind alle beide kleine Tänzer. Cajetan liebt Hip Hop, Karate und Breakdance und Helena liebt einfach alles am Tanzen - ist aber alles andere als diszipliniert. Beide möchten sie Profitänzer*in und Sänger*in und Ärzt*in werden (lacht). Mir ist eigentlich nur wichtig, dass sie sich wohlfühlen beim Tanzen. Ermutigen musste ich sie eigentlich nicht. Dadurch, dass ich selbst immer im Studio war, wäre es gar nicht anders gegangen. Übrigens: Ihre erste wirkliche Tanzerfahrung haben die beiden bei Tanz Bozen gemacht.

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