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Interview zum neuen VBB-Stück

Gefährliches Gewähren

Biedermanns Brandstifter sind manchmal mitten unter uns. Regisseurin Mona Kraushaar über die Aktualität von Max Frischs berühmtesten Stück.

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Jede Menge Benzinkanister, aber immer noch kein Verdacht: Szene aus “Biedermann und die Brandstifter”

Bild: VBB

Wie geht man am besten vor, wenn man etwas zu verbergen hat? „Scherz“, sagt der Kneller Eisenring, während er die gefüllten Benzinkanister im Hause Biedermann stapelt, „ist die drittbeste Tarnung. Die zweitbeste: Sentimentalität. Aber die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit, komischerweise. Die glaubt niemand.“

Herr Biedermann lacht, während man als Zuschauer kurz davor ist, wahnsinnig zu werden. Es liegt doch auf der Hand: Zwei Herren stapeln einen Benzinkanister nach dem anderen im Hause des Paares Biedermann, welches nichts mehr fürchtet als Brandstiftern zum Opfer zu fallen. Die Herren, die sie widerwillig beherbergen, machen kein Geheimnis daraus, das Haus in Flammen setzen zu wollen und doch bringt es Gottlieb Biedermann nicht zu Stande, sie aus seinem Haus zu bekommen.

 „Halten Sie uns etwa für Brandstifter, Herr Biedermann?“ – „Nein, nein!“ Doch, tut er, genau wie alle anderen im Saal auch. Doch anstatt die Warnzeichen zu erkennen, zückt Gottfried Biedermann ein Streichholz, um den Herren ein Zeichen des Vertrauens zu schenken.

Max Frischs Parabel „Biedermann und die Brandstifter“ ist seit dem 17. Oktober 2020 im Stadttheater von Bozen zu sehen. Nach „Viel Lärm um nichts“ ist das Stück Mona Kraushaars zweite Regiearbeit an den Vereinigten Bühnen Bozen.

Regisseurin Mona Kraushaar

Bild: Marlène Meyer-Dunker
Stehen die Figuren für bestimmte Gruppen in unserer Gesellschaft?
Herr Biedermann ist ein Repräsentant der heutigen Wohlstandsgesellschaft. Er ist auf seine Vorteile bedacht und an seinem Profit orientiert. Da er aus Bequemlichkeit und Feigheit lieber wegschaut, ebnet er den Brandstiftern den Weg. Die Brandstifter sind keiner bestimmten Gruppe zuordenbar, sondern nur symbolisch und exemplarisch gezeichnet. Sie stehen für radikale und gefährliche Bewegungen und gewaltbereite Machtübernahmen. Das Stück wurde zwar kurz nach dem Nationalsozialismus und aufkommenden Kommunismus geschrieben und war damals darauf bezogen, ist aber zeitlos aktuell. So gibt es auch heute Brandstifter in der Gesellschaft und in den Köpfen der Menschen.

Was geschieht mit Herrn Biedermann, dass er die Gefahr nicht erkennt?
Es ist Art und Weise, wie Biedermann sich zu den Gefahren, die im Raum stehen, verhält oder wie er sich nicht verhält, indem er wegschaut und immer mehr zulässt: Er hat Angst, sich ein Herz zu fassen und zu handeln, zu sagen: „Ich mache das nicht mehr mit.“ Stattdessen ist er um seine Fassade bemüht und versucht, gut vor den Brandstiftern dazustehen. Je mehr er darum bemüht ist, desto mehr verstrickt er sich in einer Selbstlüge und kommt aus dieser immer weniger heraus.

Kann das Stück als Appell verstanden werden, nicht wie Gottfried Biedermann zu handeln?
Ja, das wäre der Appell. Was das Stück aber hoffentlich auch auslöst, ist die Erkenntnis, dass einem so etwas, vielleicht auch im Kleineren, bekannt ist. Das kann sein, aus Bequemlichkeit nichts zu sagen oder auf Bedrohungen zu spät zu reagieren. Der Zuschauer oder die Zuschauerin soll sich aber keine Antwort vom Stück erhoffen – die gibt es nämlich nicht. Es soll zudem nicht mahnend oder belehrend wirken. Max Frisch sagte selbst, es sei ein Lehrstück ohne Lehre. Natürlich zeigt er plakativ auf, was falsch läuft, was falsch laufen kann und wie das passieren kann. Das steht dann aber offen da, ohne einen letzten Appell, und das ist auch richtig so.

Geht es letztlich um Verantwortung?
Es geht um die Verantwortung, die keiner übernimmt und jemand übernehmen sollte. Sei es im eigenen häuslichen Kreis, als auch in der Gesellschaft gilt es, Verantwortung zu übernehmen. Natürlich ist es nicht leicht. Wo kann man denn als Einzelner ansetzen? Aber es gibt Möglichkeiten, diese Verantwortung zu übernehmen und sie nicht anderen zu überlassen.

Was macht Klassiker wie dieses Stück von Frisch so zeitlos?
Klassiker sind aus dem Grund Klassiker, dass sie Ur-Themen behandeln, die urmenschlich sind, sich immer wiederholen und jede*n betreffen. Sie können also nicht nur den Menschen ihrer Zeit, sondern auch uns heute etwas sagen und uns berühren.

Was berührt Sie am Stück „Biedermann und die Brandstifter“?
Mich berührt vor allem die Mischung aus Ironie und bitterer Ernsthaftigkeit und Wahrheit. Es gibt einen antiken Chor, der übergreifende Texte spricht und singt. Diese Texte fahren einem ein. Das im Zusammenhang mit dieser im Biedermann-Wohnzimmer sich abspielenden Geschichte und den angesprochenen Menschheitsproblemen, berührt mich sehr.

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