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Die Vielfalt am Kasserolhof in Villnöss

Eine Familie und ihre Weidegänse

Marlene und Lorenz Psenner sind nicht die klassischen Bauern. Sie gehen mit ihren Weidegänsen neue Wege und sind seit 2022 Teil der Slow Food Bewegung.

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Bild: Katharina Tratter

77 Gänse stürmen mit schlagenden Flügeln und unter lautem Geschnatter auf die Weide. Eine Schnapszahl, wie Marlene sagt, die das Federvieh eben aus dem Stall geholt hat. Sie mag es, ihren Gänsen beim Grasen zuzusehen, auch wenn sie weiß, irgendwann werden sie geschlachtet. Das sei eben der Kreislauf.

Die Weidegänse sind für Marlene und Lorenz Psenner nur ein Standbein von vielen. Eine Nische und Chance für die Zukunft ihres 7,5 Hektar großen Hofes. Und während die Haltung von Weidegänsen in Österreich Tradition hat und ihr Fleisch als Spezialität gilt, sieht es in Südtirol anders aus.

Die Weidegänse grasen seit 2018 auf dem Kasserolhof der Familie Psenner zwischen Teis und Albeins Gänse. Auf zwei sagenumwobenen Moränenhügeln, die nach allen Himmelsrichtungen frei sind. Die zwei Hügel sind im Eisacktal weitum sichtbar und schon seit Jahrhunderten bekannt. Einer davon wurde sogar im Buch „Mystische Orte in Südtirol“ erwähnt.

Sich selbst verwirklichen

Kennengelernt haben sich Marlene, gebürtige Wienerin, und Lorenz, gebürtig in Gummer, im Jahr 2006 in Wien. Sie auszubildende Floristin, er Kunst-Student, der sich in der Weihnachtszeit im Blumenladen etwas dazuverdienen wollte. Man verstand sich, lachte und bandelte an. Danach herrschte fünf Jahre Funkstille. Bis Marlene 2012 beschloss, „zu schauen, was Lorenz auf seinem Hof in Südtirol so macht.“

Bild: Katharina Tratter

Im selben Jahr besuchte sie ihn dreimal für einige Wochen und dann war auch schon die erste Tochter unterwegs. Valentina. Sohn Sion kam nur 19 Monate später. Dazwischen ganz viel Hausarbeit, Heimweh und Heimfahren. „Man stellt sich ein Hofleben schön und romantisch vor, aber wie viel Arbeit auch dahintersteckt, weiß man erst, wenn man selber einen Hof bewirtschaftet", sagt Marlene heute, während sie zwischen ihren Gänsen auf der Wiese hockt.  Damals hatte sie ein Tief. Ihr fehlte etwas, um sich selbst zu verwirklichen. Also besuchte sie einen Imkerei-Kurs, schaffte ein paar Hühner alter Rassen an und fing an, Beeren zu Marmelade und Sirup einzukochen: Johannisbeeren, Himbeeren, Brombeeren. 2020 kam Sohn Laurin zur Welt.

„Man stellt sich ein Hofleben schön und romantisch vor, aber wie viel Arbeit auch dahintersteckt, weiß man erst, wenn man selber einen Hof bewirtschaftet."

Lorenz hatte den Hof 2000 von seinem Onkel übernommen, der noch heute mit auf Kasserol lebt. Er studierte Malerei in Mailand und in Wien. Neben seiner Arbeit als Bauer arbeitet er bis heute als Kunstlehrer in der Mittelschule Klausen. Seine Kunstwerke hat er früher in einigen Ausstellungen präsentiert. Mittlerweile fehlt dafür zwischen Lehrer-Dasein, Hof und Familie die Zeit. 

Die Arbeit auf dem Hof ist sowohl für ihn, als auch für Marlene ein Ausgleich, aber vielmehr noch eine Lebenseinstellung, ein Herzensprojekt für ihre kleine Familie.

Auf die Gans gekommen

Vor sieben Jahren keimte in Marlene das erste Mal die Idee auf, Weidegänse als Nebenerwerb anzuschaffen. Die Familie setzte damals bereits schon auf Direktvermarktung, mit Marmeladen und Säften, Honig, Obst von ihren Streuobstwiesen. Zudem betrieben sie wie heute auch noch Grauvieh-Kälberaufzucht. Südtirols Schlachthöfe hatten zu dieser Zeit jedoch keine Geflügelvorrichtung und damit war der Gänsetraum erstmal ausgeträumt. Nachdem der Eisacktaler Schlachthof begann, auch Geflügel zu schlachten, zögerte das Paar nicht lange und kaufte sich 2019 seine ersten 50 Gössel. Seitdem lebt jedes Jahr von Mitte Mai bis Mitte November eine Gänseschar auf den Hügeln des Kasserolhofes. 

Bild: Familie Psenner

Die Villnösser Weidegänse grasen auf drei eingezäunten Wechselweiden, auf denen das Gras immer nur so lange wächst, dass es noch jung und frisch für die Gänse ist, die den ganzen Tag draußen in der Natur verbringen. Zugefüttert wird nur wenig Getreide.

Rund um das Martinifest am 11. November werden die Gänse geschlachtet und im Stück an Privatpersonen, Restaurants oder Hotels verkauft. Gegen Vorbestellung. Marlene bringt ihre Gänse eigenhändig zum Schlachthof. „Ich will bis zum Ende dabei sein“, sagt sie. Auch wenn es ihr schon schwerfalle, wie sie umringt von den 77 Federknäueln zugibt. Aber die Haltung von Gänsen sei eben neben den anderen Sparten am Hof eine gute Ergänzung, die sich gut bewerkstelligen liese. Und zur Martinizeit, sagt Marlene, habe die Fleischqualität ihren Höhepunkt erreicht.

Die Marke Slow Food

Durch das viele Gras, die Wiesenkräuter und die viele Bewegung an der frischen Luft soll das Fleisch der Gänse besonders geschmackvoll und kompakt sein. Das scheinen auch Gastronomen so zu sehen, denn die Villnösser Weidegänse sind beliebt. So beliebt, dass Haubenkoch und Referent des “Slow Food Bündnis der Köche” Oskar Messner die Familie vergangenes Jahr für das Slow Food-Siegel gewann.

Bild: Familie Psenner

Dieses Siegel steht für hohe Qualität, nachhaltige Produktion, gerechte Arbeitsbedingungen und lokale Kreisläufe. Partner von Slow Food verpflichten sich nach den Werten der Marke zu arbeiten. Marlene und Lorenz mussten nicht lange überlegen, Teil von Slow Food zu werden: „Für uns war es keine Umstellung, wir hatten schon immer dieselben Werte und schon immer versucht, möglichst nachhaltig zu wirtschaften.“

2022 wurde das Villnösstal selbst zur ersten “Slow Food Travel Destination” in Südtirol, ein Projekt von Slow Food, das den Gästen das Wissen über lokale Kulturen, Identitäten und Gastronomie näherbringen möchte. Für Gäste bedeutet das, sie können Höfe besichtigen und die Arbeit von Bauern wie Familie Psenner kennenlernen, Produkte kennenlernen und verkosten.

Noch arbeiten Marlene und Lorenz an einem Konzept, wie ab Ende 2022 ihre Hofführungen mit Verkostung aussehen könnten. Zurzeit sind sie anderweitig beschäftigt – mit Mähen, Beeren ernten und Renovierungsarbeiten am alten Stall.

Die Reise geht weiter

Drei Wochen Abbrucharbeiten liegen hinter ihnen. Die beiden möchten so viel wie möglich Eigenleistung miteinbringen. Jetzt kommen die Maurer, um die zwei bestehenden Mauern zu stabilisieren. An zwei Seiten bleibt der Stall offen, drinnen wird Laufstall für die Kälber. Für mehr Licht, Luft und Tierwohl. Auch ein Verarbeitungsraum ist geplant und ein Schlachtraum. Zur Sicherheit, falls es im Schlachthof einmal Probleme geben sollte.

Der neue Stall wird dann auch Heimat der neuen Gänse im nächsten Jahr. „Und vielleicht, wenn alles fertig ist, fangen wir auch mit Mutterkuhhaltung an“, sagt Marlene, die sich mit ihrem Mann die Liebe zu alten Nutztierrassen teilt. Pustertaler Sprinzen sollten es dann sein.

Wohin sie die Reise auf ihrem Kasserolhof noch führt, weiß das Paar nicht, aber in einem sind sie sich sicher: die große Produktvielfalt soll bleiben. Sie wollen möglichst unabhängig arbeiten, in einer Größe, dass sie die Arbeit zu zweit bewerkstelligen können – obwohl die Nachfrage nach dem Gänsefleisch ständig steigt.

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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