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Simon Raffeiner im Porträt

Ein Mann, eine Weltkarte

Mit 23 hatte Simon Raffeiner erst vier Länder gesehen. Dann wurde er zum Weltenbummler. Inzwischen hat er schon 64 Länder bereist – trotz einer Arbeitsstelle in Vollzeit.

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Bild: Simon Raffeiner

Simon Raffeiner reist anders. Das fängt damit an, dass er über seine Reisen eine minutiöse Statistik führt. Immer wieder zieht er sie zu Rate, wenn er von seinen Abenteuern erzählt. 64 Länder hat er bis dato besucht, 586.000 Kilometer zurückgelegt, 210 Unterkünfte gebucht, 42 Mietwagen gefahren, 182 Flugzeuge bestiegen.

Auch sein Interesse für touristisch wenig erschlossene Länder und Territorien, von Belarus über Moldawien bis Transnistrien, hat mit gewöhnlichem Urlaub nichts zu tun. Von Sehenswürdigkeiten und touristischen Hauptattraktionen hält der nach Deutschland emigrierte Naturnser sich bewusst fern, egal in welchem Land. Stattdessen sucht er sogenannte „Lost Places“ auf, verwahrloste und verwunschene Bauwerke und Siedlungen, die aus den verschiedensten Gründen von ihren menschlichen Bewohnern verlassen wurde. Für seinen Blog „One Man, One Map“ recherchiert Raffeiner ihre oft skurrilen Geschichten und hält sie in eindrucksvollen Bildern fest.

Nerd und Draufgänger zugleich: Wenn Simon Raffeiner nicht gerade den Betrieb der Supercomputer am Karlsruher Institut für Technologie leitet, ist er auf Entdeckungsreise in unkonventionellen Weltgegenden unterwegs.

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Simon Raffeiner

Auch beruflich ist Raffeiner, heute 38 Jahre alt, ein Mann der Zahlen. Er leitet den Betrieb der Supercomputer am Nationalen Hochleistungsrechenzentrum des Karlsruher Instituts für Technologie und ist gerade in diesen Tagen mit dem Beantworten von Presseanfragen beschäftigt, nachdem an seinem Institut ein neuer Supercomputer eingeweiht wurde. Schneller als 150.000 Laptops soll das Ding sein, 17 Billiarden Rechenoperationen pro Sekunde kann es bewältigen.

Schnell und effizient im Beruf, bedacht und achtsam in der Welt unterwegs. „Der Beruf und das Reisen sind für mich zwei getrennte Lebensbereiche“, sagt Raffeiner. Die meisten Kollegen am Arbeitsplatz bekämen von seinen abenteuerlichen Streifzügen deshalb kaum etwas mit. „Ich bin eine Zeit lang weg und dann irgendwann einfach wieder da“. Was beide Welten noch am ehesten gemeinsam haben? Die Abwechslung, sagt Raffeiner. Ohne Abwechslung würde er sich vermutlich zu Tode langweilen.

Angefangen haben Raffeiners Reisen ganz anders. Nicht aus Draufgängertum, nicht aus Langeweile, sondern mit einem ganz pragmatischen Gedanken, angestoßen von der EU-Erweiterung 2007. Raffeiner war zu diesem Zeitpunkt 23 Jahre alt und hatte in seinem Leben erst vier Länder gesehen: Italien, Deutschland, Österreich und Frankreich. Das sei zu wenig, sagte er sich damals. „Wie kann ich von mir behaupten, Europäer zu sein, ohne meine Nachbarn zu kennen? Wie soll ich Ereignisse und Entwicklungen richtig einordnen können, wenn ich die anderen EU-Länder nur aus irgendwelchen Schlagzeilen kenne?“

Unterwegs sucht Simon Raffeiner am liebsten sogenannte “Lost Places” auf, so wie hier die italienische Geisterstadt Consonno.

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Simon Raffeiner

Es war die Zeit, als in Europa noch Aufbruchsstimmung herrschte. Die Einheitswährung war erst vor kurzem eingeführt worden, Grenzkontrollen waren abgeschafft und die Freizügigkeit von Waren und Personen verursachte einen politischen und wirtschaftlichen Optimismus, der von der Finanzkrise 2008 noch nicht erschüttert worden war. Welche Ausrede gab es da noch, zuhause zu bleiben? Also packte Simon Raffeiner zum ersten Mal seinen Koffer und brach mit seiner Freundin zu einer zehntägigen Pauschalreise nach Schweden auf. 400 Euro alles inklusive kostete ihn der Spaß – ein Preis, der sogar für sein klammes Budget leistbar war.

Wenn Raffeiner heute daran zurückdenkt, muss er schmunzeln. Solche Pauschalreisen sind nichts mehr für ihn. Jede Reise plant er selbst, von der Route bis zur Buchung der Transportmittel und Unterkünfte. Statt Reiseführer konsultiert er eher Berichte über die politische und wirtschaftliche Situation im Land. Er lege auch Wert darauf, sich soweit wie möglich mit der Landessprache seiner Reiseziele zu befassen und könne mittlerweile etwa auch kyrillische Schriftzeichen lesen.

Erst so lernt man die Verhältnisse wirklich kennen, ist er überzeugt. Man könne etwa Kriegsschauplätze besuchen, aber die Hintergründe eines Konflikts begreife man etwa erst, wenn man die Ausgangslage kenne, beispielsweise das Vorhandensein von Rohstoffen. „Nordkorea war in den ersten 15 Jahren nach der Trennung reicher als Südkorea, weil die ganzen Rohstoffe im Norden liegen. Südkoreaner sind damals in den Norden geflüchtet. Das weiß heute kaum noch jemand“, berichtet Raffeiner.

Wenn es nach Raffeiner geht, verdienen nicht auch, sondern vor allem die eher untouristischen Länder einen Besuch. Im Bild eine Berglandschaft in Albaniens Süden.

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Simon Raffeiner

Nur die Motivation für das Reisen blieb für Simon Raffeiner von Anfang an dieselbe: eine grenzenlose Neugier gegenüber dem Unbekannten und Abseitigen und der Drang, etwas über die Welt und die Menschen, die darin leben, in Erfahrung zu bringen. „Durch meine Reisen finde ich mich in der Welt besser zurecht. Wenn jemand zum Beispiel sagt: Ich komme aus der Ukraine, dann war ich vielleicht schon mal in der Gegend, und statt normalem Smalltalk kann sich ein interessantes Gespräch entwickeln“.

Solche Gespräche wären nicht möglich, wenn Raffeiner dann in der Ukraine nur die Sehenswürdigkeiten aus den Reiseführern besichtigt hätte, wie etwa „irgendwelche Kirchen, die nur für die Touristen erhalten werden“. Deshalb ist er am liebsten wie die Einheimischen unterwegs, mit dem Auto, mit dem Bus oder mit dem Zug, denn so komme man mit den Leuten ins Gespräch, so dringe man besser in die lokalen Lebenswirklichkeiten vor. Er lande häufig dort wo andere nicht landen, etwa in Fukushima, wohin er 2017 auf eigene Faust reiste und mit Überlebenden der Naturkatastrophe von 2011 sprechen konnte. Entspannter Urlaub ist das dann selten, im Gegenteil, Reisen findet der Blogger oft anstrengender als seine Arbeit. Nicht selten kommt es auch zu Zwischenfällen, etwa in Tunesien 2011, als er fast seinen Flieger zurück nach Deutschland verpasst hatte, weil der arabische Frühling gerade die Hauptstadt lahmgelegt hatte.

Um wirklich über die Verhältnisse in einem Land Bescheid zu wissen, muss man vor Ort sein – und mit den Leuten sprechen. Im Bild die demilitarisierte Zone zwischen Nord- und Südkorea.

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Simon Raffeiner

Bleibt nur noch eine Frage: Wie lassen sich so viele Reisen mit einem geregelten Job vereinbaren, und woher kommen die finanziellen Mittel? „Fernoffice“ kam für Raffeiners Position bislang nie infrage, sein Beruf ist ein klassischer „Stempel-Präsenzjob“. Und doch war der IT-Experte oft wochenlang am Stück unterwegs, allein im Jahr 2017 ging es mehr als einmal um die ganze Welt, 96.000 Kilometer legte er in diesem Jahr insgesamt zurück. „Das war kein Sabbatical, man muss nur kreativ sein“, behauptet Raffeiner. Ihm stünden 30 bezahlte Urlaubstage im Jahr zur Verfügung, also gute sechs Wochen. Wenn man das mit gesetzlichen Feiertagen, Dienstreisen, Wochenenden und Überstunden kombiniere, komme ganz schön was zusammen.

Auch das Geld ist fast nie eine gültige Ausrede, um daheim zu bleiben, meint Raffeiner. Erst vor kurzem ist er selbst in eine Führungsposition gekommen, davor bezog er jahrelang das Einkommen eines normalen Angestellten. „Es geht darum, Prioritäten zu setzen“, ist der Reiseblogger überzeugt. Als er einmal von einem Tauchurlaub auf den Malediven zurückkehrte und einem Bekannten davon erzählte, unterbrach ihn dieser sofort: „Sag bitte nichts, mach mich nicht unnötig neidisch mit deinem Malediven-Urlaub. Das ist seit Jahren mein Traum, aber mir fehlt einfach das Geld dazu“. Würde der selbe Bekannte mit dem Rauchen aufhören, könne er jedes Jahr auf die Malediven fliegen.

Die nächste Reise führt Raffeiner voraussichtlich in die Kaukasusländer. „Ich bin eigentlich immer am Planen“, lacht Raffeiner. So wird das Reisen zum permanenten Lebenszustand. Denn das Planen ist nicht nur Vorbereitung, es ist bereits Teil der Reise. Es findet dort statt, wo im Grunde jede Reise beginnt: im Kopf.

Teseo La Marca

hat neulich eingesehen, dass Freiheit mehr bedeutet, als Bindungsängste gegen alles zu haben. Will daher sein Studium beenden und lebt nun in Wien, wo er nach wie vor zu viel prokrastiniert.
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