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Interview mit Wolfgang Mayr

"Dieser unendliche Lebenswille"

Wolfgang Mayr, Ex-Chefredakteur bei RAI Südtirol, engagiert sich seit Jahren für die Anliegen bedrohter Völker. Was ihn antreibt und wie man einen Unterschied macht.

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“Zurücklehnen ist relativ” sagt der ehemalige RAI-Chefredakteur Wolfgang Mair, seit Mai dieses Jahres in Rente.

Bild: Wolfgang Mayr

Als Minderheit stehen deutsch- und ladinischsprachige Südtiroler beeindruckend gut da. Jedenfalls im globalen Vergleich, sagt Wolfgang Mayr. Der ehemalige RAI Südtirol-Chefredakteur engagiert sich seit vielen Jahren für die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV). In China sitzen Hunderttausende Uiguren in „Umerziehungslagern“, im Amazonas werden die Lebensräume indigener Bewohner mit Pestiziden vergiftet, im Iran duldet und schürt der Staat Pogrome gegen die religiöse Minderheit der Bahai. Die Liste bedrohter Völker lässt sich scheinbar ins Unendliche fortführen, viele von ihnen bleiben von der internationalen Gemeinschaft ungehört. Sie sollen gehört werden, ist ein Ziel, das Wolfgang Mayr nach seiner Pensionierung mit freigewordenen Energien weiterverfolgen will.

Du bist seit Anfang Mai in Rente. Trotzdem kommen dir vor einem Interview kurzfristig Termine dazwischen. Noch keine Zeit gefunden, um dich zurückzulehnen?
Ich war in den vergangenen Tagen in Uffing am Staffelsee. Dort haben wir, Tjan Zaotschnaja, Claus Biegert, Jan Diedrichsen und ich an unserem Blog „Voices“ gearbeitet. Zurücklehnen ist relativ.

Deinem Einsatz bei der Gesellschaft für bedrohte Völker tut die Rente also keinen Abbruch. Worum kümmerst du dich dort?
Wir starten am 24. Juni mit „Voices“. Da bringen wir Kurznachrichten, Kurzinterviews und Podcasts zu diversen Themen, es spricht zum Beispiel kaum jemand darüber, wie brutal die polnische Minderheit von den Stalinisten in Weißrussland schikaniert wird. Oder auch: Was tut sich in Katalonien und im Baskenland? Die Anliegen von Minderheiten kommen meistens erst dann in die Schlagzeilen, wenn irgendwo ein Massengrab entdeckt wird, wie jüngst in den kanadischen Umerziehungsschulen für Indigene.

Die Redaktion von “Voices” mit Wolfgang Mayr (ganz links).

Bild: Voices/GfBV

Mit welchen Zielen wurde die Organisation gegründet?
Die Gesellschaft für bedrohte Völker ging 1968 aus der Studentenbewegung hervor. Unter den Gründern waren junge Ärzte wie Klaus Guercke oder der angehende Volkswirt Tilman Zülch, die sich für Biafra engagiert haben. Der rücksichtslose Krieg des nigerianischen Zentralstaats gegen das sich unabhängig erklärte Biafra forderte Hunderttausende Hungertote, ermordete Zivilisten und Vertriebene. Als Reaktion darauf starteten führende Intellektuelle, darunter Paul Celan und Rose Ausländer, einen Aufruf: Man kann nicht am 27. Januar der Opfer des Nationalsozialismus gedenken und dann nichts dagegen unternehmen, wenn sich ähnlich brutale Menschenrechtsverletzungen in der Gegenwart abspielen. In der Schweiz war Göpf Bergwerger der GfbV-Macher, in Wien Franz Fluch und Miriam Wiegele, in Sarajewo Fadila Memiseciv und Eli Tauber von der jüdischen Gemeinde.

Was waren von da an eure Themen?
In Deutschland ist es vor allem darum gegangen, den Völkermord der Nazis an den Sinti und Roma anzuerkennen und Minderheiten wie den Sorben und Dänen zu Verfassungsrechten zu verhelfen. Aktuell geht es vor allem um die Kurden in Syrien, in Irak, in der Türkei und Iran. Gleichzeitig schauen wir auch auf die Situation der Türken in Griechenland oder der muslimischen Bosniaken in Bosnien. Viel dreht sich auch um die Anliegen von indigenen Völkern, die heute nach wie vor von Zentralstaaten weltweit – vor allem in Südamerika – ausgegrenzt und unterdrückt werden.

Manche dieser Völker leben im wahrsten Sinne des Wortes am Ende der Welt, außer dem Menschsein haben wir nichts mit ihnen gemeinsam. Warum sollte ihr Schicksal uns etwas angehen?
Weil sie, genauso wie wir, Teil der Menschheitsgeschichte sind, weil sie viel zu erzählen haben. Und weil wir sie letztendlich doch wieder ausplündern. Die größten Uranvorkommen liegen beispielsweise auf dem Grund von indigenen Völkern. Indem wir sie ausplündern, rücken diese Menschen wieder näher an uns heran. Die Produkte, die wir konsumieren, hängen oft unmittelbar mit ihrer Unterdrückung zusammen.

Ist das auch dein eigener Antrieb, dich für die Interessen dieser Völker zu engagieren?
Angefangen hat es auf der Journalistenschule in München, wo ich in Kontakt kam mit  Aktionsgruppen für indianische und kurdische Anliegen. Als Südtiroler wurde ich oft auf unsere Autonomie angesprochen, so habe ich auch begonnen, mich erstmals intensiver mit der eigenen Geschichte zu befassen.

Die Betroffenen sind oft selbst engagiert, sie brauchen kein Sprachrohr, wir schaffen meistens nur das Forum.

Worin bestehen die Bedrohungen, wenn von bedrohten Völkern die Rede ist?
Da kann man schon in Europa anfangen: Wenn man etwa die Situation der Roma-Minderheit betrachtet, die in ganz Europa diskriminiert und kriminalisiert wird und kaum eine Perspektive hat. Bedrohungen fangen aber auch schon im Kleinen an, wenn etwa eine Mehrheitskultur die Minderheitskultur verdrängt, man denke etwa an den starken Zentralismus und die Sprachhegemonie in Frankreich, die dem Korsischen keinen Platz lässt. Das geht dann weiter von systematischer Unterdrückung und Entrechtung bis hin zu regelrechter Verfolgung und Völkermord, nicht nur im Süden der Welt.

Du sprichst auch eine leise und schleichende Bedrohung an, die Anpassung an eine Mehrheitskultur und -sprache, wobei Bräuche und Spracheigenheiten nach und nach verloren gehen. Auch in Südtirol gibt es Ausdrücke, die viele nur noch von ihren Großeltern kennen. Kann man dagegen etwas tun?
Man muss unterscheiden zwischen einer systematischen Verdrängung durch die Mehrheitssprache und einem allgemeinen Modernisierungsprozess, der mit der Gesellschaft auch den Sprachgebrauch verändert. Das ist ein ganz normaler Prozess. In der Diskussion ums Gendern berufen sich Konservative auf eine geltende Sprachnorm, vergessen aber, dass die auch von oben herab festgelegt wurde. Im Rahmen dieses Gesellschaftswandels passiert es eben, dass gewisse Dialektausdrücke aussterben, die Frage ist aber, ob das vergleichbar ist mit dem Absterben der bretonischen Sprache in der Bretagne oder der katalanischen Sprache in den französischen Pyrenäen.

Auf welche Errungenschaften kann die GfbV besonders stolz sein?
In den 1990er-Jahren hat die GfbV gemeinsam mit Flüchtlingen aus Bosnien – Bosniaken, Kroaten, Serben und Juden - Druck gemacht, um eine Intervention im Bosnienkrieg zu erreichen, die dann als NATO-Einsatz stattfand. Auch die Anerkennung des Völkermordes an Roma und Sinti durch die Nationalsozialisten wurde unter anderem auf Betreiben der GfbV erreicht. Die Anerkennung des deutschen Völkermords an den Herero und Nama ist ebenfalls ein Thema, das von der GfbV schon in den 70er-Jahren gemeinsam mit Vertretern dieser Volksgruppe angegangen wurde. In vielen Fällen bleibt aber das beschissene Gefühl, man geht einen Schritt vor und dann gleich fünf Schritte zurück…

Aus Teilen der Linken kommt heute der Vorwurf, jegliches „weiße“ Fürsprechen sei ohne expliziten Auftrag nur eine Fortführung kolonialer Ungleichverhältnisse.
Das heißt, wenn irgendwo Vertreibungen oder Genozide stattfinden, soll man schweigen? Und die eigenen Ansprüche von wegen „Nie wieder Krieg, nie wieder Unterdrückung“ zurücksetzen, weil wir als Weiße ja selber Dreck am Stecken haben? Das finde ich lächerlich. Es gibt einen Teil der Linken, die ideologisch blind sind, das war früher auch schon so, wenn über Verbrechen stalinistischer Regimes hinweggesehen wurde, in der Sowjetunion, im alten Ostblock, China oder in Kambodscha. Die Linken in Nicaragua führten Krieg gegen die indigene Bevölkerung an der Atlantikküste. Ganz in der Tradition der spanischen Eroberer. Man muss aber auch sagen, dass in der GfbV die Betroffenen oft selbst engagiert sind. Sie melden sich mit ihren Anliegen, sie brauchen kein Sprachrohr, wir schaffen meistens nur das Forum.

Sprachlich und kulturell ist Osteuropa noch immer ein Flickenteppich. 

Wir meinen oft, in Europa einen fortschrittlichen Umgang mit Minderheiten gefunden zu haben. Anfang dieses Jahres hat die EU-Kommission die Bürgerinitiative „Minority SafePack“ abgelehnt. Worum ging es bei diesem „SafePack“?
Das safe pack ging ursprünglich von den ungarischen Minderheiten in Rumänien und von der SVP aus. Den Grundentwurf entwickelte Gabriel von Toggenburg, ehemaliger Mitarbeiter der Eurac in Bozen und seit einiger Zeit schon im Dienst der EU-Grundrechte-Agentur in Wien. Im Grunde ging es darum, dass die Regionalpolitik der EU auf die Bedürfnisse der Menschen, die vor Ort leben, abgestimmt wird, anstatt alle mit der gleichen Messlatte zu entwickeln. Ein Brüsseler Projekt bleibt ansonsten ein Brüsseler Projekt und nicht unbedingt ein Projekt für Siebenbürgen. Indirekt ging es auch darum, dass regionale Sprachen als Amtssprachen anerkannt und nicht nur geduldet werden.

Welche Minderheiten in der EU hätten dieses Paket am dringendsten gebraucht?
Davon gäbe es auch in Italien einige. Man denke an die Friulani, wirtschaftlich sind sie erfolgreich, sprachlich liegen sie darnieder. Ähnlich ist die Lage der Sarden. Dann die Minderheiten in Frankreich und Osteuropa. Sprachlich und kulturell ist Osteuropa noch immer ein Flickenteppich. Hier haben Minderheiten nach wie vor kaum eine Chance, gleichberechtigt behandelt zu werden.

Hat Südtirol in seiner Position als bessergestellte Minderheitsregion eine gewisse Verantwortung gegenüber Minderheiten, denen es schlechter geht?
Die SVP hat das Minority Safepack stark unterstützt. Allein in Südtirol wurden für die Initiative fast 80.000 Unterschriften gesammelt. Kompatscher setzt sich im EU-Ausschuss der Regionen ein, zwar diplomatischer, während Durnwalder auf den Putz gehauen hat. Auch Dorfmann im EU-Parlament ist für Minderheitsfragen zu haben, wenn auch – so mein Eindruck - mit sehr christdemokratischer Schlagseite, also sehr leise.

Du hast vorhin das Gefühl erwähnt, das zurückbleibt, wenn das eigene Engagement verpufft und einem Schritt nach vorne fünf Schritte zurück folgen. Bist du manchmal frustriert?
Bei den Versammlungen der GfBV sind sehr viele Exilanten und Aktivisten der betroffenen Volksgruppen anwesend: Kurden, Eriträer, Ibos, Indigene aus Mexiko und so weiter. Da war oft dieser unendliche praktische Lebenswille dieser Menschen zu bemerken. Das hat mich sehr beeindruckt. Diese Menschen haben so viel mitgemacht und haben immer noch so viel Lust und Freude, sich zu engagieren. Trotz der schrecklichen Erfahrungen, trotz der Rückschläge: Es geht weiter.

Teseo La Marca

hat neulich eingesehen, dass Freiheit mehr bedeutet, als Bindungsängste gegen alles zu haben. Will daher sein Studium beenden und lebt nun in Wien, wo er nach wie vor zu viel prokrastiniert.
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