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Gesichter des Wandels

Die Wildbeeren-Pioniere

Alois Burger war früher Milchbauer. Als die Einkünfte nicht mehr zum Leben reichten, ersetzte er die Kühe mit Wildbeeren.

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Bild: Martin Burger

Am nördlichen Rand von Niederdorf, wo sonst Kartoffelfelder und blühende Wiesen beginnen, hebt sich ein Hektar Land durch seltsame Sträucher ab, die man sonst in Südtirol noch nie gesehen hat. An den Pflanzen hängen exotisch wirkende Beeren, manche einzeln, manche in Trauben, manche blau, andere gelb. Ob man von solchen Sträuchern naschen würde? Schon vertrauter wirken die Früchte in veredelter Form: Im Hofladen des Fasslerhofs stehen sie als Fruchtaufstriche und Sirupe in zwei hohen Holzregalen. Vor ihnen steht, mit blauem Schurz und strahlenden Augen, Alois Burger.

Wie sein Hof, der auf einer Anhöhe am Dorfrand liegt, ist der pensionierte Landwirt und Förster zwar kein Außenseiter, ging aber doch seinen eigenen Weg. Gemeinsam mit Sohn Martin und dessen Frau Anni baut er seit etwa zwölf Jahren Wildbeeren an und veredelt die von Hand geernteten Früchte zu köstlichen Aufstrichen und Sirupen. Zusätze wie Zitronensäure, Farb-, Aroma- oder Konservierungsstoffen sind dabei Tabu. Aufgrund des hohen Gehalts natürlicher Abwehrstoffe im Wildobst kann sogar auf Pflanzenschutzmittel verzichtet werden.

Sanddorn und Wildquitte, eigentlich verdrängte Beerensorten aus Mitteleuropa, belebt Alois Burger in Niederdorf wieder

Bild: Andreas Trenker

Angebaut werden vor allem Sanddorn, Wildquitte und Apfelbeere. Aber auch Stachelbeeren, Schlehdorn und Berberitzen. Die Experimentierfreudigkeit des Familienbetriebs kennt in dieser Hinsicht keine Grenzen: „Wir bauen aus der Beerenwelt alles an, was hier irgendwie gedeihen und verwertet werden kann“, sagt Alois Burger, der frühere Milchbauer.

Dass hier einmal jemand vom Beerenanbau leben würde, war vor zehn Jahren noch alles andere als ausgemacht. Das Klima rund um Niederdorf ist rau und kalt, im Gegensatz zum Etsch- und Eisacktal ist der Obstbau so gut wie unmöglich. Traditionell wurden bis vor etwa 50 Jahren daher noch häufig Kartoffeln, Roggen und Weizen angebaut, das Pustertal galt damals als Südtirols Kartoffelparadies. Doch durch billige Massenimporte brach den einheimischen Kleinbauern auch diese Einnahmequelle weg. Geblieben ist die Milchwirtschaft.

Doch durch billige Massenimporte brach den einheimischen Kleinbauern auch diese Einnahmequelle weg. Geblieben ist die Milchwirtschaft.

Dafür boten die saftigen Wiesen im Hochpustertal eine gute Grundlage. Doch wer mit den sinkenden Milchpreisen mithalten wollte, musste expandieren, Ställe ausbauen, neue Maschinen anschaffen. Für Kleinbauern wie die Familie Burger, die sich nicht mehr als sechs oder sieben Stück Vieh hielt, bedeutete diese Entwicklung ein riskantes Wagnis: sich hoch verschulden oder die Landwirtschaft ganz aufgeben.

Für Alois Burger und seine Familie kamen beide Optionen nicht infrage. Lieber ging man zunächst anderen Berufen nach und kümmerte sich in der übrigen Zeit um die Kühe. So arbeitete Burger viele Jahre als Förster. Daneben wurde noch ein Kartoffelfeld bestellt, auch Roggen, Weizen und Gerste baute die Familie seit Generationen an. „Wir lebten fast als Selbstversorger“, sagt Burger. Doch spätestens als die alten Geräte, die zur Milchgewinnung notwendig waren, kaputtgingen und durch neue ersetzt werden mussten, ließ sich die Entscheidung nicht länger aufschieben. „Erst vor einem Monat haben wir die letzte Kuh verkauft“, erzählt Burger mit nachdenklichem Ausdruck. „Ja, das ist uns sehr schwergefallen.“

Das Gute an der Geschichte: Burger hat den Wechsel zu einem neuen Standbein schon längst geschafft. Es war vor rund zehn Jahren, als er und sein Sohn mit dessen Frau Anni begannen, sich für das Hobby seines Bruders zu interessieren. Der baute schon damals sonderbare Wildbeeren an, er versuchte herauszufinden, welche Pflanzen dem Klima im Hochpustertal standhielten und veredelte diese. Wildfrüchte wie Aronia (Apfelbeere), Sanddorn und Wildquitte, sind Beerenarten, die in Mittel- und Nordeuropa natürlich vorkommen, jedoch von gezüchteten und massentauglichen Sorten mit der Zeit zum Teil verdrängt wurden.

Aronia (Apfelbeere) gilt aufgrund des hohen Anthocyan-Gehalts als Heilpflanze.

Bild: Martin Burger

Für Alois Burger wurde das Hobby schnell zur Leidenschaft – und zu einem blühenden Geschäft. Von den Kunden werden die Wildbeeren wegen der wertvollen Inhaltsstoffe sehr geschätzt, berichtet Burger. Auch der intensive und ungewöhnliche Geschmack der Aufstriche und Sirupe begeistert die Kostgänger. Die Produkte des Fasslerhofs sind deshalb stark nachgefragt, auch im Ausland. „Gar so einigen Nachfragen mussten wir auch schon absagen“, sagt Burger. Deswegen ist er zurzeit dabei, den Anbau bestimmter Sorten auszubauen.

Viel Nachfrage, kaum Angebot: Warum steigen nicht andere Bauern in diesen boomenden Geschäftszweig ein? Burger muss bei dieser Frage schmunzeln. „Ganz so einfach ist es nicht“, erzählt er. Über ein Jahrzehnt forscht und experimentiert der passionierte Landwirt nun schon mit den Wildbeeren. Die landwirtschaftliche Oberschule und der Kurs in Lebensmittelchemie, die er in seiner Jugend absolviert hatte, kamen ihm dabei zugute. Manche Sorten musste er selbst weiterzüchten, damit sie im rauen Bergklima nicht eingingen. Auch die einzelnen Rezepturen mussten erst entwickelt werden, hier leistete Burger Pionierarbeit.

Burgers Beerenprodukte erhielten das “Rote Hahn” Siegel

Bild: Andreas Trenker

Erst kürzlich gelang es ihm, durch ein spezielles Verfahren einen Teil der herben Gerbstoffe aus der Schlehe zu filtern. Das Ergebnis sind ein Fruchtaufstrich und ein Sirup, die genau den richtigen Gerbstoffgehalt haben. „Sehr, sehr gut!“ und „Ein Traum“, kommentierte hier die Prüfungskommission, die Burgers Produkten den „Roten Hahn“-Siegel verleiht.

Warum steigen nicht andere Bauern in diesen boomenden Geschäftszweig ein? Burger muss bei dieser Frage schmunzeln. „Ganz so einfach ist es nicht.“

Die Entscheidung, auf Beerenobst umzusteigen, war riskant, aber die Alternative wäre gewesen, die Landwirtschaft ganz einzustellen. Für Alois Burger, den Sohn Martin und dessen Frau Anni stand dies nicht zu Wahl, sie wollten weitermachen, ob mit Kühen oder ohne.

Die Liebe zu den Pflanzen war dafür die Voraussetzung. Neben den Wildbeeren, die sich heute für die Familie Burger zu einem einträglichen Geschäft entwickelt haben, kümmert sich Alois Burger nämlich auch um andere seltene Gewächse. Jedes Jahr baut er auf einem kleinen Beet Flachs, Feldrüben, Kraut, Ackerbohnen und Schwarzplenten an – „der Wissenschaft zuliebe“, wie er sagt. Es sind angestammte Landsorten aus dem Hochpustertal, die schon von seinen Urahnen verwendet wurden und Eigenschaften besitzen, die sich nur hier herausbilden konnten.

Dankbar für diese Mühe waren einige Forscher vom Versuchszentrum Laimburg, die dort eine eigene Samenbank für solche lokalen Landsorten aus Südtirol eingerichtet haben. Sie haben auch dem Fasslerhof einen Besuch abgestattet und einige Samen, die dank Alois Burger erhalten geblieben sind, mitgenommen. So ist nicht auszuschließen, dass nach den Wildbeeren noch weitere Sorten in Zukunft ein Comeback feiern werden.

Teseo La Marca

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