Anzeige
LGBT-Aktivistin Mariasilvia Spolato

Die Pionierin

Vor 50 Jahren outete sich Mariasilvia Spolato als erste Lesbe Italiens öffentlich und wurde dafür geächtet. Anschließend lebte die Aktivistin und Feministin obdachlos in Bozen. Persönliche Erinnerungen von Lissi Mair.

© ProfessionalPhotoStudio Maria Silvia Spolato 2018_01.jpg

Bild: Lorenzo Zambello/ProfessionalPhotoStudio

Am 8. März 1972 organisierten sozialistische Organisationen auf der Piazza Campo dei Fiori in Rom den ersten Frauenkampftag in Italien. Prominenteste Rednerin war Jane Fonda, die amerikanische Schauspielerin, Feministin und Aktivistin. Die Frauen skandierten Parolen, die auch auf Spruchbändern zu lesen waren, und forderten vor allem die Legalisierung der Abtreibung.  Flugblätter wurden verteilt, auf denen zu lesen war, dass weder Staat noch Kirche, sondern die Frau allein die eigene Schwangerschaft verwalte. Wegen vermeintlicher Provokationen griff die Polizei mit Schlagstöcken ein und sprengte die Versammlung. Einige Frauen wurden verletzt. Unter den Aktivistinnen war auch die damals 37-jährige Mariasilvia Spolato aus Padua, sie hielt ein Plakat mit der Aufschrift „Liberazione omosessuale“ in die Höhe. Das Wochenmagazin „Panorama“ setzte ein Foto der Kundgebung auf sein Titelblatt, das sie dem mit Plakat zeigte. Sie outete sich damals als erste Italienerin öffentlich als homosexuell.

Für die Aktivistin und Feministin begann allerdings ein Kesseltreiben. Der jungen Dottoressa (100 e lode), die an einer staatlichen Schule in Rom unterrichtet und schon über die Universität Mailand Unterrichtseinheiten für den Mathematikunterricht veröffentlicht hatte, flatterte bald die Kündigung ins Haus, wie es heißt wegen „Unwürdigkeit“. Spolato hatte 1971 die Organisation FLO (Fronte Liberazione Omosessuale) gegründet und war zu diesem Zeitpunkt Redaktionsmitglied der LGBT-Zeitschrift „Fuori!“ Spolato war auch in Sanremo dabei, als Aktivistinnen und Aktivisten am 5. April 1972 den 1. Internationalen Kongress des CIS (Centro Italiano di Sessuologia) zum Thema Devianzen der menschlichen Sexualität unterbrochen hatten. Dem „Corriere della Sera“ gab sie ein Interview mit Vor- und Zunamen. Im gleichen Jahr erschien ihr Buch “I movimenti omosessuali di liberazione”. Die Schriftstellerin Dacia Maraini schreibt das Vorwort dazu.

Das Jahr 1972 ist einschneidend für das Leben von Mariasilvia Spolato, aber was genau sie in den folgenden Jahren durchgemacht haben muss, nachdem sie vom Unterrichtsministerium fristlos entlassen und von ihrer Herkunftsfamilie zurückgewiesen worden war, kann nur vermutet werden. 

Das Jahr 1972 war einschneidend für das Leben von Mariasilvia Spolato. Was genau sie in den folgenden Jahren durchgemacht haben muss, nachdem sie vom Unterrichtsministerium fristlos entlassen und von ihrer Herkunftsfamilie zurückgewiesen worden war, kann nur vermutet werden.  Wie und wann sie  auf der Straße landete, ist nicht bekannt. Fest steht, dass sie in den späten 1980er-Jahren nach Bozen kommt. Da hatte ich sie auch das erste Mal angetroffen, und zwar auf einer Parkbank neben dem Hotel Laurin. Ich war sofort von ihrer Persönlichkeit angezogen, von ihrem Stil, auch wenn es offensichtlich war, dass die Frau schon seit Längerem auf der Straße lebte, strahlte sie Stärke aus.

Ich erinnere mich an ihre roten Wollstutzen über den Jogginghosen und an ihren weiten blauen Wollpullover. „Avresti una sigaretta per me?“, fragte sie mich. Das brauchte sie mich nur einmal fragen. Jedes Mal, wenn ich sie wieder antraf, später meist am Waltherplatz, bot ich Zigaretten an. Meist rote Gauloises, die sie liebte. Ihr durchdringender Blick bleibt mir bis heute in Erinnerung, ihre stechenden Augen suchten nach Wahrheit. Immer wieder traf ich sie auch im Zug an. Sie bettelte nicht, aber viele Boznerinnen und Bozner steckten ihr immer wieder Geld zu und mit diesem kaufte sie sich Bahnfahrkarten und reiste dann durch Italien und Europa. Ihr ganzes Hab und Gut, zwei prall gefüllte Stofftaschen voll mit Lesematerial, hatte sie immer bei sich. Dann verlor ich die mir namentlich unbekannte Frau aus den Augen, erinnerte mich aber zuweilen an sie, ich vermutete und hoffte, dass sie als Reisende sich wohl eine andere Stadt zum Leben ausgesucht haben mag.

Mariasilvia Spolato bei einer Homosexuellen-Kundgebung 

Bild: Il Manifesto

Als ich dann eine Woche nach ihrem Tod im Jahr 2018 erfuhr, dass sie 20 Jahre lang im Altersheim Villa Serena und zuvor noch einige Jahre im Caritas-Obdachlosenhaus für Frauen gelebt hatte, dem Haus Margareth in der Kapuzinergasse, war ich doch erleichtert zu erfahren, dass die Frau in Bozen ihre Ruhe gefunden hatte. Der Journalist Luca Fregona und der Fotograf Lorenzo Zambello haben ihr kurz nach ihrem Tod mit enem einfühlsamen Portrait in der Tageszeitung „Alto Adige“ die Würde zurückgegeben. Die Bilder und die Story gingen um die Welt, vor allem jener der LGBTQIA+-Bewegung. Dissertationen werden fortan über Spolato geschrieben, ihr Buch wird von Elena Biagini 2019 neu aufgelegt. Centaurus, die LGBTI+-Vertretung Südtirols, will im April einen Erinnerungsort am Bozner Friedhof schaffen, wo sie beerdigt ist.

Zeitzeugin Edda Billi kommt in einem Beitrag von Elena Biagini im Blatt „Il Manifesto“  zu Wort, der am 11. November 2018 titelt: “La luminosa radicalità di Mariasilvia Spolato”. Mit dem Schild samt Aufschrift „Liberazione omosessuale“, das Mariasilvia Spolato 1972 auf der Piazza Campo die Fiori trug, stand sie „verdammt allein” da, sagt Edda Billi, eine Säule der Feministinnen Roms. Schon 1971 hatte Spolato zu ihr gesagt, dass sie „doppelt unterdrückt” werde, einmal als Frau und einmal als Lesbe.

Am 1. Mai 1972 steht Mariasilvia Spolato wieder auf der Piazza Campo dei Fiori in Rom, diesmal aber auf der ersten Kundgebung der Homosexuellen-Bewegung Italiens. Sie selbst sagte damals: „Ich trug einen beschrifteten Müllkübel mit Pedal bei mir, um auszudrücken, dass Lesben aus der kapitalistischen Bourgeoisie austreten. Die Pedalöffnung bedeutete: Hinaus mit euch! Fuori!“. Auf gesamtstaatlicher Ebene zählt Spolato zu den wichtigen Stimmen der LGBT-Zeitschrift „FUORI!“, in Rom aber gehört sie auch dem Frauenkollektiv der Via Pompeo Magno an und somit beiden Richtungen: der homosexuellen wie auch der feministischen Bewegung. Wie Edda Billi sich weiter erinnert, kümmert sich Mariasilvia Spolato vor allem um junge Lesben und schafft Freiräume für diese in der fast männlich besetzten Homosexuellenbewegung. Die Compagne del Pompeo Magno bleiben schließlich Bezugspunkt, auch als sie beginnt, auf der Straße zu leben. Das beruhigt und auch die Tatsache, dass die Compagne in den letzten Jahren immer wieder ein Geschenkspaket mit Süßigkeiten zu ihr ins Altersheim von Bozen schickten.

 

 

 

 

 

Anzeige

Hinterlasse einen Kommentar

Mehr Artikel

„Von Afrin über Moskau nach Göttingen“

Der deutsche Menschenrechtler Kamal Sido kennt die kurdische Realität aus eigener Erfahrung. Er stammt aus dem kurdischen Afrin in Nordsyrien.
0    

Freiheit – ein gefährdetes Gut

Der Angriffskrieg in der Ukraine stellt nicht nur die nach dem 2. Weltkrieg aufgebaute Friedensordnung in Europa, sondern auch jahrzehntelange friedensethische Überlegungen und Projekte radikal in Frage, so Martin M. Lintner.
0    

„Unbequemes Experiment“

Der Menschenrechtler Kamal Sido setzt sich für Minderheiten ein. Im ersten Teil unseres Podcasts berichtet er über das kurdische Autonomieprojekt in Westkurdistan-Rojava in Nord-Syrien.
0    

Der Andere: Eingrenzung oder Ermöglichung meiner Freiheit?

Im zweiten Teil seiner Trilogie über „Freiheit und Ethik“ erklärt Martin M. Lintner, warum das bewusste Mittragen der Corona-Einschränkungen eine aktive Verwirklichung von Freiheit im Sinne sozialer Verantwortung war, nicht nur passiv erlittene Einschränkung.
0    

Was ist Freiheit?

„Sind wir überhaupt frei oder ist Freiheit lediglich eine Illusion?“, fragt sich der Moraltheologe Martin M. Lintner in diesem Gastbeitrag.
0    
Anzeige
Anzeige