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Auf a Glas'l mit Stefanie Sargnagel

Die Facebook-Literatin

Mit Alltagsbeobachtungen löste Stefanie Sargnagel auf Facebook einen Medien-Hype aus. Das selbsternannte It-Girl fühlt sich trotzdem als Außenseiterin.

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Bild: Magdalena Jöchler

„Wenn Leute fragen, als was ich mich bezeichnen würd, sage ich einfach, wie es ist: It-Girl”, schreibt Stefanie Sargnagel, die eigentlich Stefanie Sprengnagel heißt, am 21. Mai 2015 bei Facebook. Nachzulesen gibt es diese und viele weitere Einträge, Anekdoten aus dem Alltag und Reportagen, in ihrem zweiten Buch, das sie „Fitness” taufte. Seit es letzten Herbst erschienen ist, ist auch Sargnagel aus der Wiener Underground-Szene in die Feuilletons gerutscht – ihr Kopf mit der roten Baskenmütze zierte daraufhin etliche Titelseiten. Dabei macht die mittlerweile 30-Jährige nichts Besonderes: Sie treibt sich gerne in versifften Wiener Beisln, Kaffeehäusern oder Einkaufszentren herum, studierte ein bisschen an der Kunstuni, hat in einem Callcenter gearbeitet und geht gerne spazieren.

Der Grund warum halb Facebook-Wien gerade verrückt nach ihr ist, sind ihre pointierten Kommentare über die banalen und fäkalen Dinge ihres Lebens. In ihren Facebook–Einträgen nimmt sie ihre Gefolgschaft mit auf Lesereise – in ihr Lieblingsbeisl, in die Straßenbahn und unter die Bettdecke. Auf den ersten Blick könnte man sie einfach in die Kategorie „Internetphänomen” schieben, würde sie nicht auch noch zeichnen – ihre MS Paint–Cartoons für die Wiener Stadtzeitung Falter erscheinen mittlerweile wöchentlich – und Lageberichte vom Opernball oder vom Bachmannpreis schreiben.

Ein Kaffeehaus, das in ihren Texten immer wieder vorkommt, ist das Weidinger gegenüber Richard Lugners Shoppingtempel Lugner City. Dunkle Täfelung, vom Qualm vergilbte Wände und für ein Wiener Kaffeehaus erstaunlich wenig Schnickschnack – hier fühlt sich Stefanie Sargnagel wohl. BARFUSS trifft die Autorin an ebendiesem Ort auf einen Kaffee, ein Soda Zitron und viele selbstgedrehte Zigaretten. Liebe BARFUSS–Leser, ihr werdet jetzt ein bisschen Wienerisch lernen müssen ...

Das Weidinger gehört also immer noch zu deinen Stamm-Beisln?
Früher war ich voll viel da, jetzt mach ich eigentlich nur noch so Treffen mit irgendwelchen Leuten.

Früher gings in deinen Facebook-Kommentaren mehr ums Saufen und den Kater danach, jetzt geht’s um den Steuerberater ...
Ja eh. Ich find’s auch echt fad, das sage ich eh immer wieder. Ich merke es so richtig, wenn ich viele Termine habe, dann habe ich überhaupt keine interessanten Sachen mehr zu erzählen.

Findest du es schade, dass du diese anderen Sachen nicht mehr machen kannst?
Ich denke mir halt, das kommt eh wieder. Ich habe ja nicht mein Leben lang jeden Tag einen Journalistentermin. Jetzt habe ich dann zwei Wochen lang diese Lesetour, dann wird’s eh wieder ruhiger und dann habe ich wieder mehr Freizeit.

Vermisst du eigentlich das Callcenter?
Ich fand es schon chillig. So konnte ich vor allem gezielt meine Sachen erledigen, also E-Mails beantworten. Das Callcenter war wie ein Büro, weil es nicht so viel Arbeit war. Aber ich vermisse es jetzt nicht so. Ich habe einmal Bildungskarenz genommen, um auszuprobieren wie es ist, wenn ich frei arbeite. Da habe ich es echt vermisst, weil ich so versandelt bin – urlang weggegangen, urlange geschlafen und nix wirklich erledigt. Da habe ich diese Tagesstruktur vermisst, aber jetzt habe ich sie eh durch diese Termine.

Was macht dir im Moment am meisten Spaß?
Diese Faltercartoons. Da kriege ich halt nicht so viel bezahlt. Ich wollte früher schon immer Cartoons machen, das war eigentlich immer mein Lieblingsding. Jetzt habe ich das ein bisschen vergessen, weil alle immer meine Texte wollen. Ich freue mich jede Woche drauf, was zu zeichnen. Bei Auftragstexten habe ich immer den ur-Horror davor, wobei es schon besser wird, weil es mir irgendwie wurst ist. Davor wollte ich immer gute Sachen machen, jetzt mache ich auch mal Scheiß und denk mir „ist wurst, liest eh keiner“.

Wie gehst du bei Facebook mit blöden Kommentaren um? Werden da Postings auch gelöscht?
Manchmal. Manchmal finde ich so passiv-aggressive Postings ärger als depperte, die so richtig stumpf sind. Die blocke ich manchmal auch, manchmal lasse ich sie aber auch stehen, weil die Leute sehen sollen, was es da so gibt. Wenn ich grantig oder verkatert bin, blocke ich Leute schnell.

Hast du dich irgendwann bemüßigt gefühlt, diese Facebook-Einträge zu schreiben?
Nein, das ist so ein Mitteilungsdrang. Ich fände es sogar mal gut, wenn ich mal zwei Wochen nichts Posten würde. Aber es ist eher so ein Mitteilungsbedürfnis.

Das haben bei Facebook ja viele, nur ist es nicht bei allen witzig.
Ich kenne auch sehr viele Leute, die sehr witzig sind, die dieses Mitteilungsbedürfnis einfach nicht haben. Wo ich mir denke, warum schreibst du nicht mehr?

Erwarten Leute von dir immer noch, dass sie nach einer Lesung mit dir abstürzen können?
Ja, wobei ich sagen muss, ich bin nicht so schwer zu überreden. Ich will ja auch danach mit Leuten reden, entspannen sozusagen. Es ist aber schon auch ein Stress, mit wildfremden Leuten die ganze Zeit Gespräche zu führen.

Vor allem weil sie dich ja besser kennen, als du sie.
Ja, eben. Weil es ja auch anstrengend ist, man kann ja auch nicht jeden Abend weggehen, dann ist man irgendwann im Oasch, gerade bei so einer Lesereise. Da denk ich mir, ich sollte lernen, einfach heim zu gehen.

Das könnte dann aber am Image kratzen.
Ja, eh. Ich bin halt auch keine Maschine. Das stört mich jetzt nicht so. Eher so, dass ich mir denke, vielleicht freuen sich Leute, mit mir ein Bier zu trinken und das ist ja auch nett, dass sie sich freuen. Es sind ja auch manchmal leiwande Leute. Also eher soziale Pflicht als Imagedruck.

22.2.2015: Ich war gestern auf der Geburtstagsfeier eines Freundes, habe sehr viel Wein getrunken und danach Koffer für New York gepackt. Bin schwer verkatert auf dem Weg zum Flughafen und schon sehr gespannt, was in meinem Koffer drin ist.

22.5.2015: Ich bin schon urlang nicht mehr im Café Jara abgestürzt. Die machen sich bestimmt Sorgen.*

*Auszug aus „Fitness”

Man hat den Eindruck, dass bei dir alles ein bisschen zufällig passiert ist ...
Ja, kann man eh auch sagen. Ich habe immer schon viel gebloggt. Ich wusste schon, dass ich das gut kann, so lustige Geschichten im Internet erzählen. Das ist dann von Bekannten und Freunden verbreitet worden, dann haben mich Freunde von Freunden geaddet und dann wurde es plötzlich immer größer. Zuerst hat mal das Vice-Magazin meine Fanzines publiziert, dann Rokko’s Adventures, wo so dichte Reportagen drin sind. Das hat nur 1.000 Stück Auflage, aber die Leute die es lesen, sind ziemlich cool. Das Vice hat eine viel größere Reichweite, aber durch das Rokko’s Adventures wurde ich dann plötzlich vom Forum Stadtpark eingeladen zu lesen und im Falter erwähnt.

Es war aber nicht nur Zufall, du hast dich schon auch damit beschäftigt – auf der Akademie der Bildenden Künste zum Beispiel.
Ja, beschäftigt. Ich war halt inskribiert, ich hab aber nicht sehr viel studiert.

Warum hast du das dann gemacht?
Weil ich immer gerne gezeichnet habe, keine Matura hatte und dachte, ich bewerbe mich halt. Ich wurde genommen und dachte mir: Cool, jetzt bin ich an der Kunstakademie. Da habe ich dann gemerkt, dass das eben nicht so mein Ding ist, die ganze Kunstwelt mit Galerien und so. Ich mach schon lieber so witzige illustrative Sachen.

Über den Bachmann-Preis gibt es auch eine Reportage von dir. Da bist du auch zum Schluss gekommen, dass du da nicht so reinpasst.
Ich war halt einen halben Tag dort und musste schon den Text wegschicken und hab meinen Eindruck erzählt. Ich hab mir drei Lesungen angehört, aber nicht wirklich zugehört, sondern mehr Leute angeschaut. Das war dann das, was ich schreiben konnte. Ich würde über alles aus so einer distanzierten Haltung schreiben. Ich fühle mich überall ein bisschen als Außenseiterin.

Du verabscheust die Leistungs- und Karrieregesellschaft?
Verabscheuen nicht, es ist halt nicht mein Ding, ich mach mich halt lustig darüber.

Machst du dir nie Gedanken, wie es weitergeht?
Ich denke mir, es wird schon so weiterlaufen. Wenn nicht, muss ich mir halt was anderes überlegen. Ich hatte schon Zukunftsängste, ich will halt auf gar keinen Fall 40 Stunden in einem Callcenter arbeiten, weil man davon einfach Depressionen bekommt. Ich hab jetzt auch einen großen Verlag, der interessiert ist, also um die nächsten Jahre mache ich mir keine großen Sorgen. Außerdem bin ich recht sparsam. Ich hab das Gefühl, Österreich ist eh so ein Kulturghetto, wenn du einmal ein bisschen bekannter bist, kannst du immer irgendwie irgendwas machen. Schau ma mal, so weit denke ich einfach noch nicht. Bald bricht eh alles zusammen.

In deinen Texten kommt immer wieder Thomas Brezina vor. Was hast du eigentlich gegen ihn?
Eigentlich gar nichts. Ich finde ihn einfach nur eine lustige Figur. Er ist ein erwachsener Mann, der in einer Kinderwelt lebt. Bei ihm hat man schon das Gefühl, er lebt in dieser Detektiv-Geschichtenwelt, weil er auch immer die Hauptrolle bei Tom Turbo spielt. Das macht ihn halt irgendwie witzig.

Wie viele rote Kappen hast du eigentlich?
Momentan zwei. Meine Mutter hat mir eine zu Weihnachten geschenkt. Eine andere ist von Motten befallen worden. Früher habe ich voll viele verloren. Jetzt merke ich schon, dass ich weniger weggehe. Ist ja auch normal, dass man mit 30 nicht mehr so drauf ist wie mit 20.

Von deinen Followern ist das niemals angemerkt worden?
Die altern ja mit mir mit.

Das sind also keine 20-Jährigen?
Ich glaube schon auch. Es gibt auch viele ältere, die das lesen. Ich merk das halt bei meinen friends, da merkt man auch Veränderungen. Plötzlich sind alle in Südostasien. Das war früher auch nicht so, dass plötzlich alle im Winter ins Warme fahren. Ich würde auch gerne wieder mal eine Fernreise machen. Jetzt habe ich endlich mal ein bisschen Geld.

Nach Südostasien?
Das interessiert mich irgendwie nicht so, komischerweise. In Afrika würde ich gern mal herumfahren. Ich frag mich immer, warum Leute so eine Hemmung haben, nach Afrika zu reisen. Man hat schon das Vorurteil, dass Afrika urgefährlich ist aus irgendeinem Grund. Da denkt man gleich an große, starke, wilde Schwarze. Ohne Scheiß, ich glaube das sind schon so rassistische Sachen, die mitspielen.

Du beobachtest ja gerne, leidet das darunter, dass du jetzt selbst oft beobachtet wirst?
Hin und wieder. Über andere Leute kann ich viel weniger schreiben, weil die das dann lesen. Als ich mir mal einen NEOS-Stand anschauen wollte, um mich darüber lustig zu machen, hat der eine zu mir gesagt „ah, Stefanie Sargnagel“.

Geht dir das in deinem Grätzel genauso?
Ich hab nicht das Gefühl. Wobei mich in meinem Gemeindebau die Hausbesorgerin angesprochen hat, „ah, ich habe Sie im Fernsehen gesehen“. In meinem Haus habe ich keinen Kontakt zu den Leuten, ich vermeide das irgendwie. Wenn ich zum Supermarkt gehe, etwas weg von der Gemeindebaugegend, wo man auch meistens Studenten und Hipster sieht, da habe ich immer das Gefühl, dass mich irgendwer erkennt.

Du könntest einfach die rote Kappe abnehmen.
Das könnte ich. Aber ich habe mich so daran gewöhnt. Ich hatte immer schon irgendwas, das ich immer dabei hatte. Schon als Kind hatte ich so eine verrückte Kappe. 

Du machst das also nicht bewusst?
Jetzt ist es plötzlich so aufgeladen. Früher wars wurst, da wars halt so, ja, die hat halt das Kapperl auf. Jetzt fragen sie, warum ich das hab und ob es eine Bedeutung hat. Stimmt eigentlich, warum hab ich das? Voll komisch.


Bücher:
Fitness, redelsteiner dahimène edition, Wien 2015
Binge Living, redelsteiner dahimène edition, Wien 2013

Magdalena Jöchler

lebt und werkelt in Wien. Sie erzählt gerne Geschichten, die hoffentlich auch gelesen werden. Nein, sie ist nicht mediengeil.
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Auf a Glas'l

BARFUSS trifft regelmäßig bekannte und weniger bekannte Leute Südtirols in einem ihrer Lieblingslokale. Sie trinken, was sie möchten, und das Gespräch endet, sobald das Glas oder die Tasse leer ist. Na ja, so genau nehmen wir es dann doch nicht.

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