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Interview mit ukrainischem Filmemacher

Der zerstörte Aufbruch

Der Filmemacher Kyrylo Naumko arbeitet an einer Doku über seine Heimatstadt Odessa. Fünf Tage vor dem Krieg beendete er die Dreharbeiten und kehrte nach Südtirol zurück.

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Hafenszene in der ukrainischen Stadt Odessa

Bild: Vanya Ilchenko/unsplash

Der Filmemacher Kyrylo Naumko führte letzten Donnerstag im Filmclub Bozen den Dokumentarfilm „The Long Breakup” vor, den eine ukrainische Regisseurin über die lange und kompliziere Geschichte von Ukraine und Sowjetunion gedreht hat. Damit wollte der 30-jährige Ukrainer die Zuschauerinnen und Zuschauer für die Anliegen seines Heimatlands sensibilisieren. Naumko schließt gerade die Filmschule Zelig mit einer eigenen Dokumentation über die Schwarzmeerstadt Odessa ab. Im Gespräch mit BARFUSS erzählt er, was ihn bewegt hat, seinen Diplomfilm über Odessa zu drehen, warum er nun improvisieren muss und wie er den Krieg als Betroffener wahrnimmt.  

Du hast deinen Diplomfilm über Odessa gemacht. Herrschte zu diesem Zeitpunkt noch Frieden?
Ich und meine Mitstudentinnen waren zweimal jeweils einen Monat lang in Odessa, im Sommer und im Winter. Fünf Tage, bevor der Krieg ausbrach, haben wir unseren Film beendet und sind nach Südtirol zurückgekehrt. Die Schwierigkeit, die sich jetzt ergibt, ist die Anpassung des Films an die Realität. Zentral wird sein: Was wollen wir mit dem Film konkret aussagen? Wir sind gerade beim Schneiden, doch ich bin zuversichtlich.

Worüber handelt der Film?
Es geht um meine persönliche Beziehung zu Odessa. Als meine Heimatstadt liebe ich sie, ich habe die besten Jahre meines Lebens dort verbracht. Gleichzeitig bin ich wütend, vor allem auf die Stadtregierung. Der Bürgermeister ist korrupt und zerstört durch den Bau von Hochhäusern die wunderschöne Altstadt. Mein Film könnte wichtig werden, da er dem Zuschauer einen Eindruck vermittelt, wie Odessa vor dem Krieg aussah. Bis jetzt ist sie noch nicht hart betroffen, doch wer kennt die Zukunft. Und falls doch? Was bedeutet es, wenn es dein Haus nicht mehr gibt oder die Straße, in der du gelebt hast. Das ist schon hart.

Bild: Kyrylo Naumko

Kyrylo Naumko ist genau gleich alt wie die Ukraine, 30 Jahre. Er hat in Odessa Germanistik studiert und hat in dieser Zeit angefangen, kleinere Dokumentationen zu drehen. Durch einen Freund ist er auf die Zelig aufmerksam geworden, hat sich beworben und wurde nach dem Aufnahmeverfahren zugelassen.

Wie geht es im Moment deiner Familie und deinen Freunden. Wie unterstützt du sie?
In meinem Film sind die Protagonisten ein Kindheitsfreund und meine Mutter. Meine Mutter ist bei Kriegsbeginn zu meiner Schwester nach Osnabrück gereist. Mein Freund blieb in Odessa und wollte eine aktive Rolle im Krieg spielen. Er füllt beispielsweise Sandsäcke, um Denkmäler zu schützen oder Panzersperren zu errichten. Ich fokussiere mich momentan nur auf die Arbeit, um Geld in die Ukraine zu schicken. In Bozen besuche ich jede Demonstration und Kundgebung für die Ukraine. Es ist wichtig, dies zu tun, denn die Menschen beginnen, vom Krieg müde zu werden. Es gilt weiterhin, die Awareness zu erhalten. Ich bin auch Teil der ukrainischen Community in Bozen, die Spenden, Lebensmittel und Medikamente organisiert.

Willst du zurück in die Ukraine oder bleibst du hier in Bozen?
Ich will mit meiner Freundin, die in Trient studiert, nach Odessa zurückkehren. Wir fühlen uns dort einfach wohler. Wenn der Krieg vorbei ist, muss jeder Ukrainer und jede Ukrainerin tatkräftig mithelfen, das Land wieder aufzubauen. Ansonsten wird es schwierig.

“Jeder Ukrainer, den ich kenne – egal ob er im Land geblieben ist oder im Ausland lebt –hilft auf seine Weise. Die entscheidende Frage ist: Wo und wie kann ich am meisten bewirken?”

Wolltest du mal aktiv in den Krieg ziehen?
Ja, ich habe lange darüber nachgedacht. Ich habe mit meiner Freundin gestritten, denn ich fühlte mich irgendwie verpflichtet, mein Land zu verteidigen. Letzten Endes habe ich aber eingesehen, dass ich als Mensch, der sich zur Kunst hingezogen fühlt, kein Soldat sein kann. Ein guter Freund ist bei der Armee und sagte mir, dass es nicht mehr viele Soldaten braucht. Der Krieg ist heutzutage anders, die Professionalität und Ausbildung der Soldaten ist entscheidend. Nicht die Anzahl. In Odessa würde ich wahrscheinlich als Checkpoint-Halter eingesetzt werden. Jeder Ukrainer, den ich kenne – egal ob er im Land geblieben ist oder im Ausland lebt – hilft auf seine Weise. Die entscheidende Frage ist: Wo und wie kann ich am meisten bewirken?

Du hast den Filmabend mit der Dokumentation “The Long Breakup” initiiert. Wie ist es dazu gekommen?
In vielen Gesprächen ist mir bewusst geworden, dass in Hinblick auf den ukrainisch-russischen Hintergrund viel Unwissenheit herrscht. Russland und Ukraine sind weder ein einziges Volk noch haben sie eine gemeinsame Geschichte. „The Long Breakup“ ist ein guter Beleg hierfür und erzählt die Familiengeschichte der Regisseurin. Diese ist aber stellvertretend für die ganze ukrainische Gesellschaft. Unsere Identität ist komplex, denn wir sind erst seit 30 Jahren eine unabhängige Nation. Wir hatten in dieser Zeit zwei Revolutionen. Der Film ist eine wichtige Reflexion über unsere Beziehung zur UDSSR aber auch zu Putins Russland.

Welche Beziehung hast du zur Regisseurin von „The Long Breakup“?
Ich war begeistert von ihrem Film. Ich habe ihr dann über Facebook geschrieben, ob ich ihn im Bozner Filmclub zeigen kann und ob sie für ein Gespräch mit dem Publikum verfügbar wäre. Die Zelig hat mich bei der Organisation tatkräftig unterstützt. Wir wollten auch Geld durch eine freiwillige Spende sammeln. Die Regisseurin war sofort von der Idee begeistert.

Ich hätte gerne Frieden durch einen Kompromiss. Doch wie soll man mit Terroristen umgehen? Wie kann man mit ihnen verhandeln?

Wie siehst du die ukrainisch-russischen Beziehungen vor der Krim-Krise 2014?
Ich persönlich hatte nie eine Beziehung zu Russland. Es war mir völlig gleichgültig. Die russische Sprache ist weitverbreitet in der Ukraine. Aus diesem Grund war unsere Kultur auch von Russland geprägt. Man hörte russische Bands oder schaute russische Filme. Bis 2014 war es mehr oder weniger „gut“ und viele Russen machten in Odessa Urlaub. Nach der Krim-Krise hat sich alles verändert. In unserer Schwächephase, da wir gerade eine „Revolution“* hatten, hat Russland uns das Messer in den Rücken gerammt. Nach der Krim-Krise konnte es keine Beziehungen mehr zwischen Ukraine und Russland geben. Für mich waren alle Russen ab diesem Zeitpunkt inexistent.

*ab dem 18. Februar 2014 fanden große Proteste in Kiew statt. Auslöser war die überraschende Erklärung der damaligen Regierung von Victor Yanukovych, das Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union nicht unterzeichnen zu wollen. 100 Menschen verloren ihr Leben.

Straßenbild in Odessa vor dem Krieg.

Bild: Unsplash/Ddddddarya

Russland behauptet, dass die potentielle NATO-Mitgliedschaft der Ukraine der Hauptgrund für den Krieg ist.
Für mich geht es nur um Putin. Dieser Mann hat keinen Respekt vor der Ukraine, die wie er sagt, kein eigenständiges Land ist und somit keine Existenzberechtigung besitzt. Einen Tag vor dem Krieg erklärte er, dass die Ukraine von Lenin gegründet wurde und wir keine Geschichte haben. In Wirklichkeit fürchtete Putin, dass die wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen in der Ukraine nach Russland überschwappen könnten, vor allem wenn der Wohlstand größer werden würde. Es ging nur um unsere Lebensweise, nie um die NATO-Mitgliedschaft. Mit Lettland und Litauen sind direkte Nachbarn Russlands NATO-Staaten. Mit ihnen hat und hatte Russland nie ein Problem. Das NATO-Argument ist Schwachsinn. Der Grund ist ideologischer Natur.

Glaubst du, es kommt bald zu einem Kompromiss?
Das weiß niemand. Ich hätte gern Frieden durch einen Kompromiss. Doch wie soll man mit Terroristen umgehen? Wie kann man mit ihnen verhandeln? Die Ukraine wird mit Sicherheit keine territorialen Einbußen hinnehmen.

Wie können wir helfen und was würdest du dir von Südtirol wünschen?
Mehr Beteiligung. Auch im Sinne von Wissen-Aneignen und Verstehen-Wollen, wie dieser Krieg zustande kam. Ich höre oft: „Ukraine, wo ist das? Neben Russland?“ Wir sind ein tolles Land und ich hoffe, dass man mehr über uns erfahren will. Wir sind reich an Kultur und wären ein tolles Reiseziel. Ich würde mir ein besseres Image für mein Land wünschen. Mehr Wissen über die Ukraine würde da hilfreich sein.

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