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Geflüchtet aus Afghanistan

Der Sport war ihr Verbrechen

Nazira Khairzad hatte in Afghanistan als Skirennfahrerin und Fußballerin Erfolg. Nach ihrer Flucht baut sie sich in Italien ein neues Leben auf.

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Bild: Michael Pezzei

Nachdem sie die Lehmhütten des afghanischen Hochlands kannte, dachte Nazira Khairzad, sie würde in Europa endlich erfahren, wie ein modernes Land aussieht. Stattdessen landete sie in Ferrara, einer mittelgroßen Stadt in Oberitalien. Ihr neues Leben spielt sich hier ab zwischen mittelalterlichen Stadtmauern und dem Castello Estense im Zentrum, einer Wasserburg aus dem 14. Jahrhundert. In Ferrara macht der historische Kern fast das gesamte Stadtgebiet aus.

Doch vom Status des Unesco-Weltkulturerbes abgesehen, hat diese Stadt wenig mit der zentralafghanischen Provinz Bamian gemeinsam, wo Nazira aufgewachsen ist. Hier die graue Poebene, dort die schneebedeckten Bergrücken des Hindukusch; hier die zum Teil schwierigen Zimmergenossen im Flüchtlingsheim, dort die Eltern, zwei Brüder, die Freunde; hier die Sicherheit, dort die gewaltsame Verfolgung.

Weil sie als erfolgreiche Skirennfahrerin und Fußballerin international Schlagzeilen gemacht hatte, musste Nazira Khairzad am 21. August, mit nur 17 Jahren, vor den Taliban aus ihrem Heimatland flüchten. Ein befreundeter Skirennfahrer aus Italien hatte sie und einige weitere Athleten und Athletinnen aus Bamian auf eine Liste gebracht, die ihr die Ausreise ermöglichte.

Rund drei Monate später sitzt Nazira Khairzad in einem belebten Café im Zentrum von Ferrara. Ihre langen schwarzen Haare, die sie im Nacken zusammengebunden hat, legen sieben Ringe an beiden Ohren frei. Rundherum schwatzen Leute, der Barista grüsst lautstark die Gäste. Sie mag diese Lebendigkeit, das Wuseln der Menschen auf den Straßen, sogar an einem kalten Sonntagmorgen.

«Fast wie in Kabul», schmunzelt sie, jener Stadt, wo sie als Torhüterin des Nationalteams der Fußballjuniorinnen die letzten Monate vor ihrer Flucht verbracht hat. Nazira Khairzad ist neugierig, stellt im Umgang mit Journalisten gerne selbst die Fragen, sie lacht viel. Wie jemand, der noch sein ganzes Leben vor sich hat.

Heimlich auf den Fußballplatz

Erst wenn sie von ihrer Familie spricht, von der verlorenen Heimat, von Politik, wird offensichtlich, wie viel Leben sie schon hinter sich hat. Das Lachen stirbt dann ab. Ihre Flucht ist nicht zu Ende, solange die Familie in Lebensgefahr ist. Nazira versucht derzeit, jemanden zu finden, der helfen kann, ihre Familie aus dem Land zu bringen.

Sie macht sich große Sorgen. Werden es die Eltern und die Brüder schaffen, Afghanistan unversehrt zu verlassen? Und was soll aus der Schwester Nazima werden, die zurzeit allein in Pakistan ausharrt? Bei diesen Fragen senkt Nazira Khairzad den Blick, nur wenige Sekunden, blickt dann wieder auf und spricht mit fester Stimme weiter.

“Warum dürfen die ohne Hijab laufen? Mit bequemer Sportkleidung?”

Angefangen hat alles mit einem Lausbubenstreich vor vier Jahren. Naziras kleiner Bruder schlägt vor, sie und die ein Jahr ältere Schwester Nazima heimlich zum Fußballfeld am Dorfrand mitzunehmen. Die Mädchen lassen sich nicht zweimal bitten.

Es ist das erste Mal, dass Nazira einen Ball am Fuß hat, sie ist 14 Jahre alt. Für sie und ihre Schwester Nazima ist es wie eine Offenbarung. Zu Hause beichten sie den Eltern den verbotenen Ausflug und flehen sie an, ihnen das Fußballspielen zu erlauben. Zuerst sind die Eltern dagegen, besonders die Mutter und der ältere Bruder: Was sollen die Nachbarn von den Khairzads denken? Doch dann lässt sich der Vater erweichen.

Neues Leben in Italien: An jedem zweiten Morgen trainiert Nazira und läuft die alten Stadtmauern von Ferrara entlang.

Bild: Michael Pezzei

Einige Wochen später geht in der Schule ein Lehrer mit einer Liste herum. Buben wie Mädchen können sich für einen Zehn-Kilometer-Wettlauf anmelden. Eine Gelegenheit, die sich die Khairzad-Schwestern nicht entgehen lassen. Rund 3000 Menschen nehmen am Rennen teil, darunter auch einige westliche Besucherinnen.

«Warum dürfen die ohne Hijab laufen? Mit bequemer Sportkleidung?» Den Schwestern fällt erstmals auf, dass mit der Situation der Frauen in Afghanistan etwas nicht stimmt. Dass das, womit sie aufgewachsen sind, nicht alternativlos ist.

Zugleich ist dieser Wettlauf der Startschuss für zwei außergewöhnliche Karrieren. Nazira erreicht mit nur 14 Jahren als Erste das Ziel, die ältere Schwester kommt nur wenige Positionen hinter ihr an. «Dabei hatten wir zum Laufen nichts als ein paar Sandalen», erinnert sich Nazira. Im Dorf ist der Erfolg der beiden Mädchen eine Sensation – weitgehend im positiven Sinne. Von jetzt an steht der Vater voll und ganz hinter den sportlichen Ambitionen seiner Töchter.

Schon einige Male mussten Naziras Eltern und Brüder das Haus verlassen und sich in den Bergen verstecken.

Nicht überall in Afghanistan wäre ein derartiger Anlass möglich gewesen. Das von der Volksgruppe der Hazara bewohnte Bamian-Gebiet gilt als eine der liberalsten Gegenden in Afghanistan. Die hauptsächlich aus sunnitischen Paschtunen rekrutierten Taliban hatten hier nie Rückhalt, dafür gingen sie während ihrer ersten Herrschaft zwischen 1996 und 2001 umso brutaler gegen die schiitischen Hazara vor.

Auch beim erneuten Vormarsch der Taliban im August war das Bamian-Tal eines der letzten Gebiete, die in die Hände der Fundamentalisten fielen. Wie es jetzt den Menschen dort geht, darüber gibt es kaum verifizierbare Berichte. Doch Nazira ist es gerade an diesem Morgen, kurz vor unserem Treffen, nach langer Zeit wieder gelungen, mit ihren Eltern zu telefonieren. Weil sie nach Taliban-Lesart ihre Töchter verdorben und zum Verfall «afghanischer» Sitten beigetragen haben, ist das Leben der Khairzads im neu ausgerufenen islamischen Emirat akut gefährdet.

Doch in Bamian, wo kein einziger Talib lebt, können sich die Bewohnerinnen und Bewohner aufeinander verlassen. Sobald Taliban ins Dorf kommen, warnen sie einander über Telefon und Chat-Gruppen. Schon einige Male mussten Naziras Eltern und Brüder das Haus verlassen und sich in den Bergen verstecken.

Wer sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringt, wird verschleppt oder getötet. Ende November ermordeten die Häscher der Taliban ein Mädchen, das gemeinsam mit Nazira im Skiklub trainierte. Seinen Kopf stellten sie zur Abschreckung am Dorfeingang aus, es sind die gleichen Methoden, die sie schon vor zwanzig Jahren anwandten.

Zurück in die Heimat

Als der Bamyan Ski Club 2010 von Journalisten der «NZZ am Sonntag» ins Leben gerufen wurde, ahnte niemand, was kommen würde. Das Projekt mit dem Motto «Hedonismus gegen Extremismus» entwickelte sich für einige Athleten und Athletinnen bald zu einem Sprungbrett in die Welt des internationalen Skisports. Im Jahr 2017 stiessen Nazira und Nazima Khairzad dazu. Die beiden Ausnahmetalente brauchten nur drei Saisons, um auch bei internationalen Wettbewerben die ersten Medaillen zu holen.

Landesweit für Aufsehen sorgte im vergangenen Winter vor allem die ältere Schwester Nazima mit der Besteigung des Shah Fuladi, des mit 5140 Metern höchsten Bergs in Zentralafghanistan. Gemeinsam mit Tamara Jahan war sie die erste Frau auf dem Gipfel, begleitet von sechs männlichen Bergsteigern. Sechs Tage und fünf Nächte waren sie unterwegs, den Eltern hatten sie von Campingferien mit Freundinnen erzählt. Erst in den Nachrichten erfuhren Vater und Mutter, dass ihre Tochter soeben afghanische Alpingeschichte geschrieben hatte. Um wütend zu werden, war es da schon zu spät.

Sie sei nicht nach Italien gekommen, um ihrem Land den Rücken zu kehren, sagt Nazira.

Nazira und ihre Mitstreiterinnen gehören zu jener Generation, die heute die Hälfte der afghanischen Bevölkerung ausmacht: Sie ist jünger als zwanzig Jahre, hat die erste Herrschaft der Taliban nicht erlebt, ist gewandt im Umgang mit Social Media und ist in den Genuss einer gewissen Freiheit gekommen. Erfahrungen, die sich diese junge Generation ungern nehmen lässt.

Auch sie sei nicht nach Italien gekommen, um ihrem Land den Rücken zu kehren, sagt Nazira. Vorerst wolle sie ihren Traum vom Fußball und vom Skifahren weiterverfolgen. In Ferrara steht sie kurz davor, ins Frauenteam der SPAL Ferrara aufgenommen zu werden, die in den letzten Jahren zwischen der Serie B und A gependelt ist. Und diesen Winter soll sie endlich wieder Ski fahren dürfen, auf richtigen Pisten, in den Alpen.

Aber langfristig, das stellt Nazira Khairzad klar, will sie nach Bamian zurückkehren. Sie denkt darüber nach, Journalismus zu studieren. Dann könne sie über all die anderen afghanischen Frauen berichten, die Pionierinnen, die auch jetzt weiterkämpften um ein Stückchen Freiheit. Jene Frauen, die niemand sieht, weil sie im vergangenen August nicht das Glück hatten, auf einer rettenden Liste zu stehen.

Teseo La Marca

hat neulich eingesehen, dass Freiheit mehr bedeutet, als Bindungsängste gegen alles zu haben. Will daher sein Studium beenden und lebt nun in Wien, wo er nach wie vor zu viel prokrastiniert.
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