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Der Clochard

Günther sitzt täglich auf der Talferbrücke in Bozen und gibt Passanten seine Gedanken mit auf den Weg: Über einen, der sein Leben auf der Straße selbst gewählt hat.

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Bild: Manuela Tessaro

„Clochard. Danke!” Das steht auf einem Blatt Papier geschrieben, das am Boden vor der Bank auf der Talferbrücke liegt, wo Günther tagtäglich sitzt.  Neben dem Blatt steht eine kleine Blechdose für Spendengeld. „Clochard italiano“ stand früher einmal geschrieben, aber weil sich der heute 62-Jährige dafür als deutschsprachiger Südtiroler mehrmals hatte rechtfertigen müssen, hat Günther auf die Bezeichnung „italiano“ verzichtet. „Ich bin ein friedliebender Mensch“, erklärt der Bozner und betont gleichzeitig, dass er sich „unter Italienern immer sehr wohl fühlt und besonders gerne zum Wandern ins Trentino und ins Veneto oder nach Friaul fährt “. Günther springt beim Gespräch immer wieder in Italienische, das er bestens beherrscht.

Auf einem karierten, kleinen Abreißblock notiert er fein säuberlich und in schöner Schrift seine Gedanken, meist auf Italienisch, die er den Menschen, die ihm ein Paar Münzen in die Dose werfen, mit auf den Weg gibt. Wer sich öfters neben Günther auf die Bank setzt, um mit ihm über Gott und die Welt zu reden, der bekommt fein nummerierte Zettel mit der Anweisung, wie seine Gedanken, die wie Gebete anmuten, zu lesen sind. „Sie sollen zum Wohl in der Welt beitragen, die voller Lüge und Ungerechtigkeiten ist. Es braucht eine Umkehr, auch jeder Einzelne kann zum Wandel beitragen, wenn er sein Herz öffnet“, sagt Günther, der vor ein paar Wochen seine Gedankenblätter auch Bischof Ivo Muser ins Postfach gelegt hat. „Ob er die Zettel erhalten und gelesen hat, weiß ich nicht, aber die Gedanken wirken auch so im Universum, wenn sie einmal freigelassen sind“. Und er fügt mehrmals im Gespräch an: „Die Wahrheit muss ans Licht kommen“.

Es kommt zu vielen und bunten Begegnungen auf der Brücke. „Oft setzen sich junge Menschen oder Rentner zu mir auf’s Bankl oder Leute mit Problemen. Oft sind es längere Gespräche. Einmal hat mir eine 90-jährige Frau Sachen anvertraut, die sie bisher noch niemanden erzählt hatte. Es ging um Missbrauchsfälle in ihrer Kindheit, die unter den Teppich gekehrt wurden. Jahrelang trug sie das Leid mit sich herum. Reden ist wichtig und heilsam“, so Günther.

Auf einem Abreißblock notiert Günther seine Gedanken, die er Menschen, die ihm ein Paar Münzen in die Dose werfen, mit auf dem Weg gibt.

Bild: Manuela Tessaro

Wir kommen immer wieder über seine Beweggründe zu sprechen, die zu seinem Leben auf der Straße und im Wald führten.

„Ich bin kein Barbone, der unter der Brücke liegt und sich betrinkt. Ich bin ein Clochard ganz nach französischer Auffassung. Ich habe mir dieses Leben auf der Straße bewusst ausgesucht, bin aus dem gesellschaftlichen System ausgestiegen und nur noch dem kosmischen Prozess verpflichtet“, sagt Günther und immer wieder sickern seine esoterischen Anschauungen durch. „In Frankreich wird den Clochards großer Respekt gezollt“, sagt er und mir kommt der Film „Archimede le Clochard“ mit Jean Gabin in den Sinn. Der Streifen von Gilles Grangier hatte 1959 bei den 12. Filmfestspielen in Berlin den silbernen Bären erhalten. „Nein, den Film kenne ich nicht“, so Günther.

Wir diskutieren noch länger über die graduellen Unterschiede in der Auffassung, was einen Obdachlosen vom Sandler, Barbone oder Clochard unterscheiden mag. „Jüngst hat jemand eine wichtige Auszeichnung erhalten wegen sozialer Verdienste im Dienste der falliti, aber da taucht bei mir die Frage auf, wer diese falliti überhaupt sind? Jene, die die Hilfe annehmen, oder jene, die mit einer solchen Einstellung helfen? Nein, ein Gescheiterter bin ich nicht“.  Immer wieder blitzen philosophische Gedanken und Aspekte auf.

Vor einiger Zeit versuchte sich Günther auch als Eremit, er lebte bei Stenico im Trentino in einer Höhle. „Aber das hatte ich mir doch anders vorgestellt und musste diese Erfahrung unterbrechen. Ich erkannte, dass ich unter Menschen sein muss und im Licht. Ich genieße die Sonne und die frische Luft und meine Aufgabe hier in der Welt muss wohl eine andere sein, und zwar jene, mit den Menschen zu reden und für sie da zu sein. Wenn ich nur als Eremit lebe, dann bin gleichzeitig egoistisch, wenn ich unter den Menschen lebe, kann ich auch etwas fürs Universum tun.“

Ab und zu packt Günther wieder die Wanderlust, die ihn schon einmal bis nach Südfrankreich geführt hatte, da schultert er seinen Rucksack und wandert meist ins Trentino oder ins Veneto, wo er viele Freunde hat. „Ich würde gerne bei Schio wandern und auf Aussichtsberge steigen und die Weite und den Ausblick auf die Ebene genießen - vielleicht zwei Tage nach Recoaro fahren, wo ich noch nie war, und nach Vallarsa. Aber zunächst muss ich die gesundheitlichen Probleme ich den Griff bekommen.“

Autorin Lissi Mair und Günther im hochsommerlichen Bozen

Bild: Manuela Tessaro

Günther lebt seit sieben Jahren als Clochard in Bozen, seit kurzer Zeit bewohnt er ein kleines Dachbodenzimmer mit Bad. Er hat auch einen kleinen TV und Internet übers Smartphone.  Im Zimmer hält er sich aber nur zum Schlafen in der Nacht auf und kehrt in der Früh zu seiner Bank zurück. Warmes Essen bekommt er aus der Klosterküche.

„Das Bankl auf der Talferbrücke bedeutet für mich Heimat, ich habe da im Winter auch nie zu kalt oder im Sommer nie zu heiß. Die Brücke bedeutet mir viel, auch das Grün rundherum, die Verbindung zwischen alter und neuer Stadt, zwischen Osten und Westen – die Brücke ist sehr symbolisch für mich, auch als Metapher der Verbindung vom Inneren zum Äußeren“. Diese positive Energie und die Ruhe mögen auch die zwei Dutzend Spatzen spüren, die Günther täglich füttert und munter weiter essen, auch wenn Leute beim Bankl stehen bleiben.

Er stand selbst schon auf der Brücke zum Jenseits, aber „ich habe für das Universum noch eine Aufgabe zu erfüllen. Deshalb bin ich noch hier.”

Carpe diem, nutze den Tag, genieße den Augenblick, das scheint ein Leitspruch von Günther zu sein. „Schau nicht in die Vergangenheit zurück, blicke nicht in die Zukunft, lebe einfach im Hier und Jetzt“, so Günther und er benennt dieses melancholische Lebensgefühl als „Il potere dell‘adesso“. Eines seiner großen Vorbilder ist der Dalai Lama. Vermutlich jedem, der mit ihm ins Gespräch kommt, erzählt er von der Wichtigkeit, dass jeder und jede im Universum seinen Lebensweg finden wird und sein Herz öffnen kann. Er stand selbst schon auf der Brücke zum Jenseits, aber „ich habe für das Universum noch eine Aufgabe zu erfüllen. Deshalb bin ich noch hier. Und ich denke, ich werde ein hohes Alter erreichen.“ Er sagt dies fast aus einem Pflichtgefühl heraus. Manchmal, wenn ich an ihm vorbeigehe, sehe ich eine große Traurigkeit im Gesicht. Trägt er eine große Bürde?

Günther ist 1960 in Brixen geboren und wuchs bei seiner Großmutter in St. Peter-Lajen auf. „Ich liebte meine Oma sehr, sie war immer gut zu mir." Ich spüre seine große Dankbarkeit, die er für die Großmutter, die leider zu früh gestorben ist, entgegenbringt. Eingeschult wurde Günther in Bozen, wo seine Mutter mittlerweile einen Bozner geheiratet und noch ein Kind bekommen hat.

„Meine Mutter war noch sehr jung und unverheiratet, als ich zur Welt kam. Der Pfarrer im Ort wollte ihr damals sogar verbieten, in die Kirche zu gehen. Das mag sehr schwer für sie gewesen sein. Sie muss mich wohl als Strafe empfunden haben, denn sie war oft alles andere als nett zu mir. Gelegentlich sperrte sie mich, ich weiß eigentlich gar nicht warum, in ein dunkles Zimmer ein. Ich war noch zu klein, um den Lichtschalter zu erreichen“, erzählt er.

Seinen Vater habe er nicht gekannt und den frühen Tod seiner Großmutter sehr beweint, „aber ich wurde in der neuen Familie meiner Mutter gut aufgenommen und lebte da mit seinem fünf Jahre jüngeren Stiefbruder und seinem Stiefvater.“ Seine Mutter ist vor ein paar Jahren gestorben. „Ich war ein sehr guter Mittelschüler, aber die Oberschule interessierte mich schon weniger.“ Günther maturierte am Wissenschaftlichen Gymnasium in der Fagenstraße. Von einem Weiterstudium an der Universität wollte er nichts mehr wissen. Er arbeitete mehrere Saisonen in einer Bank in Gröden, in mehreren Obstgenossenschaften oder als Fahrer für Bäckereien. Mit 53 Jahren hängt Günther den Brotberuf an den Nagel.

Bild: Manuela Tessaro

„Ich bin eigentlich ein Nachtvogel, ich zog gerne nachts durch die Straßen, ging in Nachtklubs, da fühlte ich mich immer wohl.  Einmal bin ich da in eine Schlägerei geraten, die ein gerichtliches Nachspiel hatte und gesundheitliche Folgen“, sagt er und: „Ich liebe Frauen, nach einigen Beziehungen war dieses Kapitel für mich abgeschlossen, wahrscheinlich weil ich ein Freigeist bin.“ 

Bevor wir uns verabschieden, zeigt mir Günther freudig noch Fotos der Geburtstagsfeier für seinen 90-jährigen Stiefvater, die im Garten des Wohnhauses in Bozen stattfand und zu der 50 Gäste gekommen waren. „Mein Stiefbruder hat mich zum Grillfest eingeladen, das sehr gelungen war. Da ging es lustig zu und wir erzählten uns viele alte Geschichten.“

Da kommt ein Schäferhund des Weges und zieht Richtung Bankl.  Was will er? Der Besitzer hat es offensichtlich eilig und will weitergehen. Ich sehe wie Günther in seiner Tasche kramt und ein paar Leckerli herausholt und sie dem Hund gibt, der sich freudig wedelnd bedankt. 

Bild: Manuela Tessaro
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