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Interview mit Pokerspieler

"Das Spiel ist mein Beruf"

Einnahmequelle oder Schuldenfalle? Der professionelle Pokerspieler Rainer Kempe über seinen risikoreichen, mit Vorurteilen behafteten und „etwas anderen“ Beruf: das Pokern.

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Rainer Kempe (rechts) in Aktion.

Bild: Drew Amato

Rainer Kempe gehört zu den drei erfolgreichsten deutschen Pokerspielern. Insgesamt erspielte sich der 32-Jährige knappe 21,5 Millionen US-Dollar bei Poker Live-Turnieren. Rainer kennt die Vorurteile zum Glücksspiel, das Risiko und die Reaktionen der Menschen auf seinen Beruf.

Rainer, wie bist du in die Poker-Szene gekommen?
Hinter meiner Faszination für das Pokerspiel liegt ein langer „Gaming-Background“. Es gibt meistens zwei Varianten, wie und warum man zum Pokern kommt: So haben viele Spieler eine allgemeine Affinität fürs Gambling, also für das Glückspiel an sich, für das Casino und den damit einhergehenden Lebensstil. Die anderen, zu denen auch ich mich zähle, haben eine Leidenschaft für das strategische Spiel. Im Laufe meiner Karriere konnte ich beobachten, dass dieser spielerische Zugang zum Poker sehr typisch für Europa ist.

Der professionelle Pokerspieler Rainer Kempe

Bild: Rainer Kempe

Also hast du dein Hobby zum Beruf gemacht?
So in etwa. Zuerst habe ich BWL in Potsdam studiert und nebenbei andere Online-Spiele gespielt und mich für Strategie und Taktik interessiert. Irgendwann habe ich mich ans Pokern gewagt und mit winzigen Beträgen angefangen. Die Theorie hinter dem Spiel hat mein Interesse geweckt und ich habe immer effizienter an meinem Hobby gearbeitet und meine ganze Freizeit reingesteckt. Im Nachhinein kommt es mir so vor, als hätte ich kurz geblinzelt und dann hat es auch schon funktioniert. Schnell habe ich gemerkt, dass ich gut drin bin und damit mein Geld verdienen kann.

Und das nicht schlecht: Laut einigen Internetseiten hast du mit dem Poker allein in einem Jahr mehrere Millionen gewonnen. Stimmt das?
Nicht so ganz (lacht). Das Geld, das ich gewinne, gehört nicht nur mir. Das Problem mit diesen statistischen Seiten, wo man meine Gewinne einsehen kann, ist, dass diese nur die Gewinne tracken. Die Einsätze, Buy Ins und Verluste werden dabei nicht mit einberechnet. Wenn ich beispielsweise bei einem 100.000 Euro-Turnier 250.000 Euro gewinne, bleiben 150.000 Euro Gewinn. Zudem spielt man häufig Turnierserien. Sprich, wenn ich am Tag davor ein Spiel verloren habe, ist der Verlust vom Vortag vom Gewinn auch noch abzuziehen. Letztlich gehört mein Gewinn auch noch Drittpersonen, denen ich Anteile verkauft habe und die mich sponsern. Das bedeutet, dass ich, selbst wenn ich laut besagten Seiten 400.000 Euro Gewinn generiert habe, letztlich einen Loosing-Trip (Pokerreise, bei der mehr Geld verloren als generiert wurde) hätte haben können.  

Wirst du immer gesponsort?
Bei den riesigen Turnieren und den hohen Buy Ins (Buy Ins sind die Chips beim Turnier oder der Mindestgeldumtauschbetrag beim Cash-Game) tragen die wenigsten ihre Kosten alleine. Man müsste wahnsinnig viel Geld haben um ein 100.000 Euro-Turnier ohne Sponsoring zu spielen. Da reichen nicht eine Million und da reichen auch nicht 10 Millionen. Objektiv habe ich schon eine große Menge Geld beim Spielen gesetzt, allerdings nie ohne Hilfe des Bankroll Management (BRM). Dieses stellt sicher, dass man nicht pleitegeht und wägt dabei ab, wer wie viel vom eigenen Networth investieren kann. Das BRM System ist superkomplex. Daher kann man von außen nur sehr schlecht nachvollziehen, wie finanziell erfolgreich ein Pokerspieler wirklich ist.

In Amerika wird der Beruf des professionellen Pokerspielers als relativ normal angesehen.

Was ist der Schlüssel zum Erfolg? Taktik, Pokerface oder doch einfach nur Glück?
Poker ist ein superkomplexes, aber auch gelöstes Spiel, was so einige nicht wissen. Es gibt eine klare Strategie. Es ist statistisch nachweisbar, dass ein massiver Skillfaktor, also das Wissen zur Theorie, Taktik und Strategie, in den Longterm-Turnieren gewinnerwartend funktionieren kann. Bei einzelnen Spielen und Turnieren überwiegt der Glücksfaktor. Du kannst bei Longterm-Turnieren aber klare positive Erwartungswerte generieren, weil das Spiel ja gegen Menschen stattfindet und nicht gegen algorithmische Maschinen und ein gelöstes System.

Wie reagiert dein Umfeld auf deinen außergewöhnlichen Beruf?
Ich mache aus meinem Beruf kein Geheimnis, erwähne ihn aber immer nur auf Nachfrage. Die Reaktionen darauf fallen regional sehr unterschiedlich aus. In den deutschsprachigen Gebieten ist die Reaktion meist etwas verhalten und von vielen Vorurteilen behaftet. Schnell kommen Fragen bezüglich Geldverlusten oder belächelnde Kommentare wie „Aha, viel Spaß damit und was machst du beruflich?“ oder „Was arbeitest du wirklich, um Geld zu verdienen?“. In Deutschland hatte ich diese Art von Konversation bestimmt schon 50 Mal, während in Amerika der Beruf des professionellen Pokerspielers als relativ normal angesehen wird und man eher auf die eigene Intelligenz angesprochen wird. In Europa wird das Thema Poker schnell mit Casino, Spielsucht und einer „Krieg mal dein Leben auf die Reihe“-Mentalität assoziiert.

Bist du denn spielsüchtig?
Das kommt drauf an (lacht). Viel zu spielen, haut dich nicht automatisch in eine Abwärtsspirale, weil man Poker schlagen kann. Ich behaupte, nicht süchtig zu sein, weil ich eine gute allgemeine Suchtresistenz habe. Beim Pokern verbringe ich ein Drittel meines Lebens in Casinos und bin dabei permanent der Versuchung weiterer Glücksspiele ausgesetzt. Dennoch habe ich mich noch nie dazu verleiten lassen, mich an eine Slot Maschine oder einen Blackjack-Tisch zu setzen. Laut diversen Selbsttests zur Spielsucht bin ich aber süchtig. Das Problem bei diesen Tests ist, dass sie nicht für positive Gewinnerwartung konzipiert sind. Das bedeutet, dass die Tests ähnlich wie die Vorurteile keine professionelle Schiene des Spiels also das Spiel als Beruf mit einbeziehen.

Ich will nicht mehr 50 Jahre durch amerikanische Casinos tingeln. Das macht mich auf Dauer nicht glücklich. 

Wie sieht dein Alltag aus, wenn du nicht gerade spielst?
Das ist immer unterschiedlich. Ich habe keinen geregelten Alltag. Viele Pokerspieler versuchen 50 Prozent zu spielen und 50 Prozent ihrer Zeit in Training und Theorie zu investieren. Ich gestalte meinen Beruf deutlich mehr spiellastig und baue mittlerweile mehr auf Spiel- als Trainingszeit. Das war früher aber anders. Am Anfang war ich sehr stark auf Verbesserung ausgelegt. Jetzt reise ich und nehme dort an Turnieren teil, die mir helfen, in die guten Spots hineinzukommen.

Willst du für immer spielen?
Nein. Ich will nicht mehr 50 Jahre durch amerikanische Casinos tingeln. Das macht mich auf Dauer nicht glücklich. In den letzten sechs Jahren habe ich immer gedacht, noch zwei Jahre und dann höre ich auf. Ich suche schon lange nach etwas Neuem, was meine Passion genauso „catcht“, wie es das Pokern damals getan hat. Allerdings suche ich nur passiv, weil ich mich gerade in keiner akuten Drucksituation befinde und es mir jetzt noch mit dem Spielen gut geht. Es ist einfach angenehm, sich mittags einen Kaffee zu holen und am Abend an einem Job zu arbeiten, in dem man gut ist. Corona hat mir ein bisschen geholfen, aus dem Trott des Poker-Alltags zu entfliehen. Ich habe meine Community gewechselt und bin von Brighton nach Wien gezogen.

Von Großbritannien nach Österreich. Warum genau Wien?
Wegen Corona und der Lust nach Neuem und Aufregendem, wollte ich was Anderes ausprobieren. Die Poker-Bubble in Wien ist sehr groß und ich habe hier einige gute Freunde. Zudem ist die Lebensqualität in dieser Stadt einfach wahnsinnig hoch.

Man darf nicht vergessen, dass die Pokerspieler, die heute erfolgreich sind, lange nicht das aufregendste Leben geführt haben.

Außerdem sind die Gewinne durchs Glücksspiel in Österreich ähnlich wie in Großbritannien steuerfrei. Findest du es gerecht, dass Pokerspieler keine Steuern zahlen müssen?
Ich bin hier in Wien kein Steuerexperte. Aber ja, es stimmt, im Vereinigten Königreich ist auf das Pokerspielen eine 0%-Steuer. In Wien ist es ein wenig unklarer. Prinzipiell bin ich natürlich dafür, dass Menschen, die viel Geld verdienen, Steuern zahlen müssen. Ich glaube es ist wahnsinnig schwierig, ein sinnvolles Steuersystem für die Pokerspieler zu finden. Das Problematische bei der Versteuerung von den Spielgewinnen ist der Zeitpunkt, wo das die Steuer berechnet wird. Wenn es also ein Jahr gibt, wo ich gewinne und darauf die Steuern verrechnet werden, wird das schnell zum Problem, sobald ich einmal verliere.

Luxus und Champagner: Kann ich mir so das Leben eines Pokerspielers vorstellen?
Nein. Das Pokerspielen wird gerne mit einem luxuriösen Lifestyle assoziiert. Man darf nicht vergessen, dass die Pokerspieler, die heute erfolgreich sind, lange nicht das aufregendste Leben geführt haben, sondern für superkleine Beträge, teilweise 80 Stunden die Woche am Computer gearbeitet haben. Mein Leben bestand in den letzten sechs Jahren aus vielen Reisen und bis zu zehn Stunden pro Tag im Casino. Es ist nicht so, dass wir Pokerspieler den ganzen Tag am Pool chillen und dann am Abend bei zwei Bierchen ein bisschen Karten hin und herschieben. Der Vorteil bei meinem Job ist aber sicher, dass mir seit Jahren niemand mehr sagt, was ich machen soll und ich mein eigener Chef bin. Das trifft aber auf jeden selbstständigen Arbeiter zu.

Was ist das nächste große Spiel, das für dich ansteht?
Gerade findet die WSOP (World Series of Poker) in Las Vegas statt. Die Corona-Maßnahmen zur Einreise in Amerika sind noch etwas unklar. Das Ziel wäre aber, Anfang November zum Main Event nach Vegas zu fliegen und an der Turnierserie teilzunehmen. Das Event dauert sonst immer von Mai bis Juli. Da alles verschoben wurde, ich die erste Hälfte verpasst habe und mich nicht mehr komplett mit dem Lebensstil identifiziere, kann es für mich auch nur ein dreiwöchiger, also eher kurzer Pokertrip werden. Das lasse ich alles auf mich zukommen. 

Teresa Putzer

Träumerin, Crazy Cat Lady und Feministin. Schusselig, aber liebenswert. Liebt Konzerte, Horrorfilme und politische Diskussionen.
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