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Abseits der Piste

Vor fast zwei Jahren hat Skiweltmeister Patrick Staudacher seinen Rücktritt bekannt gegeben. Eine schwere Entscheidung, die er nie bereut hat.

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Bild: Heinrich von Kastellatz

Es ist die zweite Skisaison, in der Patrick Staudacher nicht mehr am Start steht, und die Skirennen nur noch als Zuschauer verfolgt. Im März 2012 gab der damals 31-jährige Super-G-Weltmeister überraschend seinen Rücktritt aus dem Skisport bekannt. Bereut habe er seine Entscheidung seither nicht, sagt Staudacher. Heute arbeitet er als Trainer der Carabinieri-Sportgruppe und ist als Musiker mit der „Stodlgang“ unterwegs. Außerdem ist er verheiratet und hat zwei Söhne. Langweilig wird dem ehemaligen Skistar also nicht.

Super-G-Weltmeister

Zwölf Jahre fuhr Staudacher um die internationalen Titel mit. Im Jahr 2000 bestritt er sein erstes Weltcup-Rennen, 154 waren es insgesamt, außerdem drei Olympische Spiele, Weltmeisterschaften, Europacup. Seinen größten Erfolg hatte Staudi –so nenen ihn seine Fans – bei der Weltmeisterschaft 2007 im schwedischen Åre. Dort gewann er die Goldmedaille im Super-G. In dieser Disziplin erreichte er auch seinen einzigen Podestplatz im Weltcup, als er 2009 in Gröden Dritter wurde. Dann, in seiner vorletzten Saison, 2010/2011, lief es nicht mehr so gut. Er hatte gesundheitliche Probleme, verlor die guten Startplätze, der Erfolg blieb aus. Sein Ziel für die nächste Wintersaison war klar: Er wollte wieder im Weltcup unter die ersten 30 kommen oder den Europacup-Fixplatz machen. An beidem ist er knapp gescheitert. „Es ist nicht so gelaufen, wie ich es mir vorgestellt habe.“ Das sei der Auslöser gewesen.

Bild: Facebookseite Patrick Staudacher

Für die Öffentlichkeit kam sein Rücktritt überraschend. Er habe sich den Schritt gut überlegt, sagt Staudacher und wird nachdenklich „Wenn du zwölf Jahre im Weltcup fährt, triffst du eine solche Entscheidung nicht von heute auf morgen.“ Ihm habe das Rennenfahren nicht mehr so richtig Spaß gemacht. Er hat den schweren Sturz von Hans Grugger miterlebt. Er habe sich oft gefragt, wieso eigentlich noch? Staudacher hat zu grübeln begonnen, und weiß „sobald du zu viel überlegst, hast du schon verloren.“

Musikersatz

Aus dem Skisport komplett zurückgezogen hat Staudacher sich deshalb nicht. Im vergangenen Jahr war er bei mehreren Weltcup-Rennen live mit dabei – als Zuschauer. „Beim ersten Mal war es ein komisches Gefühl, aber auch ein brutaler Genuss“, sagt er heute. Wehmut ist in seiner Stimme nicht zu hören. Sein ursprüngliches Ziel sei Olympia 2014 in Sotschi gewesen, verrät er. Aber naja, so war er eben nur bei drei Olympischen Spielen dabei, fügt er pragmatisch hinzu.

Er vermisse nichts, nicht den Wettkampf, nicht den Erfolg, nicht das Umjubelt werden. „Ich habe die richtige Entscheidung getroffen“, sagt Staudacher. „Aber du brauchst schon gewisse Sachen, die dich beschäftigten. Sonst wäre es gefährlich, dass man in ein Loch fällt.“ Eine solche „Sache“ sei für ihn das Musikmachen mit seiner „Stodlgang“. Im Juli 2012 wurde die Gruppe gegründet und tourt seitdem mit einem Mix aus alpinen Klassikern und rockigen Songs durchs Land. Die Herausforderung, die Bühne, jubelnde Fans – es gebe durchaus Parallelen zum Skisport, so Staudacher. Die Musik begleitet den Skiweltmeister schon lange. Im Mittelschulalter wollte er sogar seine Karriere als Skifahrer, noch bevor sie überhaupt begonnen hatte, beenden. Er wollte damals lieber Musik machen und aufs Konservatorium gehen. Sein Vater habe ihn dann in die „richtige Richtung gelenkt“ und auf die Sportoberschule in Mals geschickt. „Musik kannst du später auch noch machen“, soll sein Vater gesagt haben. Und damit hatte er recht.

Ohne Renndruck

Die „Stodlgang“ ist vor allem Hobby. Es sei sehr schwierig, von der Musik leben zu können, so der Pflerscher Geld verdient er heute, wie viele ehemalige Profisportler, als Trainer. Staudacher trainiert die Carabinieri-Sportgruppe, zu der er auch als aktiver Skirennläufer gehört hat. Es mache Spaß, sei aber eine extreme Umstellung gewesen. Zwei Athleten sind dabei, die bereits mit ihm Rennen gefahren sind. „Diese Freundschaft vom Training zu trennen, das war anfangs nicht so einfach. Wichtig ist der Respekt", sagt er.

Neben der richtigen Technik, kann Patrick Staudacher seinen Schützlingen auch Tipps für's mentale Training mitgeben. Der Druck, der auf Profisportlern lastet ist groß. Der Pflerscher Skiweltmeister weiß das: „Auf dem Niveau, auf dem man im Weltcup unterwegs ist, sind technisch alle gut, da sind 80 Prozent Kopfsache.“ Staudacher muss sich mit dem Renndruck nicht mehr auseinandersetzen, denn ein Comeback als Skirennläufer wird es nicht geben, versichert er. Weiterhin Spaß haben mit der Musik und der Familie, das sei ihm wichtig, sagt Staudacher. „Der Rest kommt dann ganz von alleine."

Judith Dietl

arbeitete eine Zeit lang im hohen Norden, jetzt BARFUSS-Redakteurin der ersten Stunde. Ist lieber barfuß unterwegs, weil lässt sich ungern einengen.
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