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„Vor Freude geweint“

Claudia Schuler sitzt im Rollstuhl, ist die erfolgreichste Handbikerin Südtirols und hat vor kurzem ihren ersten Weltcupsieg gefeiert.
Wegen eines Ärztefehlers muss sie im Rollstuhl sitzen. Claudia Schuler hat sich damit arrangiert. Heute ist sie eine erfolgreiche Handbikerin und die einzige Südtirolerin in der italienischen Nationalmannschaft. Die 23-Jährige war mehrmalige Italienmeisterin, hat vor kurzem zwei Weltcups gewonnen, wurde Zweite bei der diesjährigen Sportlerwahl und war im vergangenen Jahr bei den Paralympics in London mit dabei. Die Plauserin will sich in der San Zeno Bar in Naturns treffen. Sie kommt mit dem eigenen Auto, das sei alles kein Problem, sagt sie, schwingt sich vom Rollstuhl auf den etwas tieferen Sessel und bestellt einen frisch gepressten Orangensaft. Sie ist, was nur nebenbei erwähnt wird, die Tochter des Landtagsabgeordneten Arnold Schuler. 
 
Seit wann sitzt du im Rollstuhl?
Fast seit Geburt. Es war aufgrund eines Ärztefehlers bei einer Operation, da war ich drei Monate alt. Ich kenne mich also nicht anders. 
 
Du musst im Rollstuhl sitzen, weil ein Arzt einen Fehler gemacht hat. Was geht dir da durch den Kopf?
Ich denke eher, der ist auch nur ein Mensch. Und Ärzte haben tagtäglich eine enorme Verantwortung. Ich möchte diese Verantwortung nicht haben müssen. Vor der Operation hieß es, das Risiko sei so hoch wie bei einer Blinddarmoperation. Es ist wirklich blöd gelaufen. Die Ärzte meinten, dass es wieder besser wird. Teilfunktionen sind auch zurückgekommen. Ich habe ein Gefühl und kann die Füße zum Teil bewegen. Wirklich nur ganz wenig, aber alleine, dass ich etwas spüre, hat einen enormen Wert. 
 
Fühlst du dich benachteiligt?
Das einzige, wenn du in einer Bar bist, zum Beispiel in Bozen. Da kenne ich nur eine Bar, wo ich die Toilette benutzen kann. Weil die meisten viel zu eng sind. Da musst du dir dann überlegen, wie viel du den ganzen Abend trinkst (lacht). Oder letztens, da wollte ich mir die Hände waschen, alles war eigentlich behindertengerecht, aber um den Wasserhahn aufzudrehen, musste man am Boden einen Hebel mit dem Fuß betätigen. Das sind so Kleinigkeiten, die unangenehm sind. 
 
Hast du eigentlich beim Sportunterricht mitgemacht?
Da habe ich viel für mich gemacht. Ich habe viel Tischtennis und Basketball gespielt. Aber was willst du machen, wenn neben dir 20 Mädchen laufen können. Da ist die Integration bei einem Ballspiel ganz anders, wir sind nicht auf einer Augenhöhe. Das sind Dinge, die automatisch nicht funktionieren. Aber sie können wegen mir auch nicht das vorgegebene Programm streichen. 
 
Wie bist du zum Handbiken gekommen?
Als ich in der Volksschule war, wurde ein normales Kinderfahrrad für mich umgebaut, damit ich es mit der Lenkstange antreiben konnte. In der dritten Mittelschule bekam ich dann das erste richtige Handbike. In Cles habe ich damals mein erstes Rennen gemacht, da war ich noch alleine als Frau. Und seit 2009 bin ich in der italienischen Nationalmannschaft. 
 
War es immer schon dein Ziel, Profisportlerin zu werden?
Ich wollte immer schon von klein auf Sport machen. Ich habe als Kind mit dem Schwimmen angefangen und war sofort begeistert. Ich wollte immer gleich behandelt werden wie jeder andere. Und da hat auch der Sport dazu gehört. Ich glaube, vor allem deshalb hat mich das dann fasziniert. 
 
Im vergangenen Jahr warst du in London erstmals bei den Paralympics mit dabei. Was war das für ein Erlebnis?
Es war faszinierend und es war immer schon ein Traum von mir. Als ich zum ersten Mal ins olympische Dorf gekommen bin, hatte ich richtig Tränen in den Augen, weil ich gedacht habe, jetzt hast du es endlich geschafft. Allein die Stimmung, und außerdem hat jeder eine Behinderung, das verbindet. Und ich habe gesehen, dass der Rollstuhl im Vergleich zu anderen keine Behinderung ist. 
 
Wie hart trainierst du?
Ich trainiere so sechs Tage pro Woche. Im Winter vorwiegend im Schwimmbad und im Fitnessstudio, in den wärmeren Monaten bin ich natürlich viel auf dem Rad unterwegs, so ein- bis zweimal am Tag. Und meistens auf dem Radweg, weil es auf der normalen Straße mit dem Handbike ziemlich gefährlich ist. Ich bin schon einmal unters Auto gekommen, aber zum Glück ohne Verletzung geblieben.
 
Andere schwere Verletzungen durch deinen Sport?
Nein, eigentlich nicht. Da kann ich mich glücklich schätzen. Erst kürzlich hat sich wieder eine Konkurrentin verletzt, weil sie unter ein Auto gekommen ist. Die muss jetzt länger pausieren. 
 
Du hast ja schon einige Titel geholt.
Aber ich muss sagen: Der schönste Sieg war vor einigen Wochen mein Weltcupsieg in Marling  Ich habe nicht damit gerechnet, war beim Weltcup noch nie auf dem Podest und dann gelingt es gerade zu Hause vor heimischem Publikum. Ich glaube, dass das mich beflügelt hat. Im Ziel habe ich vor Freude nur noch geweint. 
 
Beim Sport hängt auch viel vom Kopf und von der Motivation ab. 
Genau. Der mentale Aspekt wird am meisten unterschätzt.
 
Wirst du dabei unterstützt?
Ich habe eine Mentaltrainerin und ich habe sehr viel gelernt. Ich habe teilweise viel zu wenig an mich selber geglaubt und wenn du nicht hundertprozentig an dich glaubst, hast du keine Chance beim Rennen vorne mitzufahren. 

Judith Dietl

arbeitete eine Zeit lang im hohen Norden, jetzt BARFUSS-Redakteurin der ersten Stunde. Ist lieber barfuß unterwegs, weil lässt sich ungern einengen.
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