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Interview mit einem Musiktherapeuten

„Musik ist für mich wie Rohöl“

Dietmar Elsler ist Musiktherapeut. Er hilft Menschen mit Problemen, die sie schwer in Worte fassen können, Autist*innen oder auch Sterbenskranken. Was steckt dahinter?

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Bild: Silke Pernter

„Wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an.“ Dieses Zitat von E.T.A. Hoffmann findet sich auch auf der Website von Dietmar Elsler. Warum? Weil er als diplomierter Musiktherapeut davon überzeugt ist, dass Musiktherapie besonders gut dort geeignet ist, wo Rationalität und Worte versagen. Musik ist eine Art der Kommunikation. BARFUSS trifft Dietmar Elsler in einem Kaffeehaus in Brixen – er kommt gerade aus Bruneck, wo er an einer Stunde einer Musiktherapie-Kollegin teilgenommen hat.

Wie sind Sie eigentlich zur Musiktherapie gekommen?
Musik und Menschen haben mich immer schon interessiert. Ich habe auch in einer Band gespielt. Der Gitarrist der Band, Luca Moresco, wurde später Direktor des Instituts CESFOR, das in Südtirol die für die Ausbildung von Musiktherapeuten und Musiktherapeutinnen verantwortlich ist. Viele Jahre nach Auflösung der Band schickte er mir einen Link zu genau dieser Ausbildung. Ich bin dann zum Tag der offenen Tür gegangen, habe mir das angeschaut und schließlich beschlossen, Musiktherapeut zu werden. Ich habe dann die berufsbegleitende dreijährige Ausbildung und anschließend 200 Stunden Praktikum gemacht. Seit 2020 bin ich diplomierter Musiktherapeut.

An welchen Projekten arbeiten Sie gerade?
Zurzeit arbeite ich als Freiberufler an jeweils zwei Oberschulen und Volksschulen, außerdem für die Kinderkrebshilfe, für den Verein MOMO, der sich um Palliativbetreuung von Kindern und Jugendlichen kümmert, und für die Lebenshilfe.

Wie funktioniert Musiktherapie? 
Musiktherapie gehört zu den Kunsttherapien, bei der das Medium Musik gezielt eingesetzt wird, um den individuellen Therapieprozess zu unterstützen. Dabei wird auf verschiedene musiktherapeutische Methoden zurückgegriffen, die einem tiefenpsychologischen und psychodynamischen Ansatz folgen. Bei vielen psychischen Erkrankungen oder Problemen kann es schwerfallen, das eigene Problem in Worte zu fassen. Das kann beispielsweise bei Abhängigkeitskrankheiten der Fall sein oder auch bei Traumata und anderen extremen Erfahrungen wie Gewalt oder Ausnahmesituationen.

Und wie hilft die Musik?
Die Musik ermöglicht den Menschen einen nonverbalen Zugang zu therapierelevanten Themen. Mit der Musik als Medium hat man eine direkte Möglichkeit, Unaussprechbares zu verarbeiten und ein Ventil zu bieten, das Druck herausnimmt. Im Vordergrund stehen Eigen- und Fremdwahrnehmung, gemeinsames Erleben, der Umgang mit Gefühlen sowie Spannungsabbau. Die Anwendungsbereiche der Musiktherapie reichen vom pränatalen Bereich bis zum Hospiz.

Dietmar Elsler verwendet bei seiner Arbeit alles, was einen Ton erzeugt: im Bild eine Kalimba.

Bild: Silke Pernter

Welche Instrumente verwenden Sie?
Ich verwende im Prinzip alles, was einen Ton von sich gibt. Bei der aktiven Musiktherapie, bei der Patientinnen und Patienten selbst Musikinstrumente spielen, verwendet man Instrumente, die intuitiv und leicht spielbar sind: Perkussionsinstrumente, ORFF-Instrumente, einfache Saiteninstrumente, aber auch Klavier oder Gitarre. Dabei geht es eben nicht um die musikalische Leistung, sondern darum, geistige und körperliche Fähigkeiten zu fördern, vorhandene Fähigkeiten zu erhalten und verloren gegangene zurückzuholen.

Ich verwende im Prinzip alles, was einen Ton von sich gibt.

Sie arbeiten viel mit Kindern. Können Sie von einem prägenden Fall erzählen?
Ich arbeite sehr gerne mit Kindern, aber die schlimmste Kombination, die ich mir hätte vorstellen können, sind Kinder und Tod. Das habe ich mir dann selbst als eine Art Prüfung auferlegt. Also habe ich im Praktikum beim Verein MOMO angefangen und Kinder ambulant direkt bei ihnen zuhause betreut. Ich habe dann für 14 Monate mit einem achtjährigen Mädchen gearbeitet, das sich im Wachkoma befand. Die drei Elementarfragen waren: Hört sie? Sieht sie? Und reagiert sie auf die Musik? Nachdem ich alle drei positiv beantworten konnte, ging es ans vierte Ziel: die Kommunikation. In diesem Fall war es ein Geräusch, eine Art Seufzer, von dem mir ihre Mutter bestätigte, dass das Mädchen dieses Geräusch noch nie zuvor gemacht hatte. Dieses Geräusch konnte ich auch reproduzieren und das bedeutete, dass es eine reproduzierbare Reaktion auf die Musik war.
Ich konnte sie dann auch dazu bringen, zu summen, indem ich Pausen in mein Summen einführte, die sie dann füllen konnte. Ihr erster Ton kam nach sechs Monaten. Darauf kann man dann aufbauen, indem man die Töne variiert und sie mit bestimmten Gefühlen assoziiert. Das ist dann auch schon eine spezifische Kommunikation. Das sind im Prinzip die Ziele, die man sich als Musiktherapeut setzt.

Die drei Elementarfragen waren: Hört sie? Sieht sie? Und reagiert sie auf die Musik?

Wovon sind denn die Ziele in der Musiktherapie abhängig?
Die Ziele hängen natürlich davon ab, mit welchen Menschen man arbeitet und welche Krankheiten sie haben. Man arbeitet mit Autistinnen und Autisten anders als mit Kindern mit Down-Syndrom. Da bringt einen nur die Erfahrung weiter. Man macht natürlich auch Fehler. Das gehört aber dazu. Als Musiktherapeut ist man in einem dauernden Lern- und Improvisationsprozess. Das Schlimmste, das man als Musiktherapeut machen kann, ist die gesetzten Ziele eisern zu verfolgen.
Jede Musiktherapiesitzung ist im Prinzip eine Improvisation. Dazu gibt es einen Spruch des bekannten Kampfkünstlers Bruce Lee: „Empty your mind, be formless. Shapeless, like water.“ Also leere deinen Geist oder sei frei von Gedanken, sei formlos und gestaltos wie Wasser. Das gilt nicht nur für die Kampfkunst, sondern auch für die Musiktherapie. Man muss flexibel und offen sein, und sich anpassen wie Wasser.

Was war das Erstaunlichste, das mal in einer Therapiestunde passiert ist?
Das war mit einem Autisten, der anfänglich auf keinen meiner Versuche reagiert hat. Er kam in den Raum und ging ihn bis ins kleinste Eck aus. Er hat jede Tür und jede Schublade geschlossen und alles geradegerückt. Das war sein Ritual und sonst hat er nichts gemacht. Ich habe ihn so akzeptiert und nicht versucht, ihn zu irgendetwas zu bringen oder zu zwingen. Nach zehn, fünfzehn Stunden ist er in den Raum gekommen, hat die Klavierbank zurechtgerückt und das Klavier aufgemacht. Wir haben dann zusammen Klavier gespielt. Ich hatte Gänsehaut, weil auf einmal eine Verbindung da war. Seitdem ist es mit seiner Entwicklung sehr schnell vorangegangen. Die meisten Autisten haben ein Problem mit Empathie und körperlicher Nähe. Aber irgendwann hat er sogar angefangen, den Arm um mich zu legen. Und als ich aufgestanden bin, hat er meinen Kopf in die Hände genommen und seine Stirn gegen meine gerieben. Die Betreuerin hat gesagt, dass er das bei niemand anderem macht. Das war für mich eine Riesenfreude, da es bei einem solchen Menschen hundertprozentig authentisch ist.

“Irgendwann hat er sogar angefangen, den Arm um mich zu legen”, erzählt Dietmar Elsler über die Arbeit mit einem Autisten (im Bild).

Bild: Dietmar Elsler
Ist es grundsätzlich gesund, Musik zu hören?
Ja. Ich spreche aber nicht vom Musikkonsum, bei dem man sich einfach durch eine Playlist durchklickt und alle fünf Sekunden den Song wechselt. Es ist wichtig, sich aktiv die Zeit dafür zu nehmen, jetzt genau diesen Song oder dieses Album zu hören. Das Wertvollste, das jeder Mensch hat, ist Zeit. Und wenn man diese sich selbst schenkt, ist es ein Zeichen der Wertschätzung einem selbst gegenüber. Bestimmte Songs verknüpft man auch mit bestimmten Erinnerungen und Emotionen. Dabei lernt man auch, emotional zu sein. Es besteht natürlich ein Unterschied zwischen Musikhören und Musikmachen. Beim Musizieren sind mehr als doppelt so viele Gehirnregionen aktiv als beim Musikhören.

Hilft es, wenn man musikalisch ist?
Ich behaupte, dass jeder Mensch musikalisch ist. Musiktherapie meint nicht Musik im traditionellen Sinn. Die moderne Musikpädagogik startet von vornherein immer schon mit einem Konzept von „richtig“ und „falsch“. Das ist alles sehr limitiert und nicht die ursprüngliche Musik, die in einem Menschen ist, sondern eine raffinierte Musik, so wie man aus Rohöl Benzin macht. Ich arbeite eigentlich mit Rohöl.
Ursprüngliche Musik fängt schon beim Atemrhythmus an. Oder wenn Menschen ihren Daumen bewegen. Das ist der eigene Rhythmus, ich nenne ihn Puls. Diesen greife ich dann mit meinen Instrumenten auf. Da fängt auch schon Kommunikation an, weil der andere Mensch merkt, dass ich seinen Rhythmus wahrnehme. Damit beginnend, baue ich ihn dann aus. Das braucht natürlich Zeit und deshalb ist Musiktherapie immer als ein Prozess zu verstehen. Man muss also nicht ein Instrument besonders gut spielen oder schön singen können. Für bewertende Ohren kann es schief klingen, für mich ist es aber nur wichtig, dass diese Kommunikation da ist.

Das Wertvollste, das jeder Mensch hat, ist Zeit. Und wenn man diese sich selbst schenkt, ist es ein Zeichen der Wertschätzung einem selbst gegenüber. 

Gab es durch Corona einen Anstieg in der Anzahl der Patientinnen und Patienten?
Ja, die Psychologenkammer in Südtirol spricht von einem Anstieg der Nachfragen nach psychologischer Hilfe in der Coronazeit von 30 Prozent, Tendenz weiter steigend. Die Pandemie hat den Menschen die Freiheit und das Soziale genommen. Besonders Kindern und Jugendlichen hat das geschadet, aber natürlich auch Erwachsenen.
Die Sanität versucht natürlich, das Ganze aufzufangen und hat eine Initiative nach der anderen ins Leben gerufen. Ich habe mich auch angeboten, zu helfen, ich habe meine Arbeit auch kostenlos angeboten, aber keine Antwort von der Sanität auf meine E-Mails bekommen.

Hängt das vielleicht damit zusammen, dass Ihr Berufsbild in Italien noch nicht offiziell anerkannt ist?
Sicher auch. Im italienischen Sanitätssystem existiert noch keine professionelle Figur des Musiktherapeuten. Damit hat man sehr oft zu kämpfen. Ich versuche deshalb die Leute aufzuklären, dass eine Wissenschaft hinter der Musiktherapie steht. Es gibt mittlerweile in Südtirol einen Verein, der alle Kunsttherapeuten und Kunsttherpeutinnen vertritt und wir verfolgen unter anderem auch das Ziel, ein offizielles Berufsbild für alle Kunsttherapeuten zu definieren und zu verankern. Es gibt eine Reglementierung, die vorschreibt, wie lange die Ausbildung sein muss und welche Inhalte gelehrt werden oder wie lange das Praktikum dauert. Die Kunsttherapien, zu der auch die Musiktherapie gehört, werden auch durch ein Gesetz geregelt und es gibt mittlerweile auch eine staatliche Zertifizierung. Was es nicht gibt, ist das Bewusstsein und das Wissen bei den Menschen, was ein Musiktherapeut oder eine Musiktherapeutin ist und wie er oder sie arbeitet.

Ist das in anderen Ländern anders?
Ja, in Ländern wie Deutschland, Österreich, Schweden oder Frankreich, um nur einige zu nennen, ist man viel weiter, dort gibt es auch eine universitäre Ausbildung und die Musiktherapie hat längst in Krankenhäusern, Kliniken und anderen Institutionen Einzug gehalten. In Italien ist man noch weit davon entfernt.


 


 

 

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