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„Mache ich genug?“

Mehr als 300 tote Flüchtlinge machen betroffen. Was sich jetzt ändern muss und wer helfen kann, darüber spricht Caritas-Direktor Heiner Schweigkofler.

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Bild: Judith Dietl

Bei einem Macchiato im Glas in der hauseigenen Caritas-Bar in Bozen, geht es dieses Mal um ein ernstes Thema: Das Flüchtlingsdrama in Süditalien. Die mehr als 300 toten Flüchtlinge seit Anfang Oktober haben betroffen gemacht. Seit 1990 sollen laut Flüchtlingsorganisationen 25.000 Menschen auf ihrer Flucht im Mittelmeer ertrunken sein. Eine neue, bessere Flüchtlingspolitik wird gefordert. Doch nicht nur die Politik ist gefragt, auch jeder Einzelne kann helfen, sagt Heiner Schweigkofler, Direktor der Caritas Südtirol. 

Mehr als 300 Flüchtlinge sind seit Anfang Oktober vor Lampedusa gestorben. Fast täglich hören wir neue Schreckensmeldungen über Flüchtlingsboote in Seenot. Was läuft Ihrer Meinung nach falsch?
Als dieses Unglück passiert ist wurde dramatisch vor Augen geführt, was auf dem Mittelmeer ständig passiert. Das Drama dabei ist, dass die Flüchtlinge, die ihr Leben auf's Spiel setzen, nicht zu Wort kommen. Mich hat das sehr betroffen gemacht und ich habe deshalb bei mir selbst angefangen und mich gefragt: „Mache ich genug? Setze ich mich genug ein?“
Und was falsch läuft? Das fängt schon damit an, dass Italien die Flüchtlingsthematik kriminalisiert hat – mit der Konsquenz, dass die Fischer und die Boote, die auf dem Meer sind, gar nicht mehr bereit sind zu helfen. Es wurden eine Reihe von Fischerbooten beschlagnahmt weil sie Flüchtlinge auf dem Meer aufgenommen haben. Deshalb ist das einer der ersten Schritte der Politik, das rückgängig zu machen. Zudem wurde vor zehn Jahren in der EU das Reglement vom Erstaufnahmeland festgelegt, von dem die Küstenländer wie Italien besonders betroffen sind. Und man muss schauen, warum diese Menschen bereit sind ihr Leben zu riskieren. Weil sie in Afrika, ob richtig oder falsch, die Hoffnung haben, dass sie in Europa Geld verdienen können für sich und ihre Familien.

Der Tiroler Caritas-Direktor, Georg Schärmer, sagte der „Kältetod des Mitgefühls“ habe das jüngste Flüchtlingsdrama erst möglich gemacht – eine Kritik an der Gesellschaft, an uns allen. Sehen Sie das genauso?
Ich glaube, dass es Auswirkungen hat, wenn die Regierung vor Jahren ein Gesetz entlassen hat, die diese illegale Einwanderung kriminalisiert und Leute, die Flüchtlingen helfen auch kriminalisiert. Es ist, denke ich, eine Mischung aus Ängsten und Sorgen. Es gibt die Sorge, dass die Flüchtlinge etwas wegnehmen. Dass jene Parteien, die das als Problem thematisieren Aufwind bekommen, zeigt, dass es irgendwo auch einen Teil der Gesellschaft betrifft. 

Vielen Flüchtlingen fehlt die Arbeit, um sich nützlich zu fühlen. Die Caritas organisiert deshalb das Projekt „Freihand“, dabei helfen Flüchtlinge bei verschiedenen Arbeiten in Haus und Garten. Wie kommt das Projekt bei den Südtirolern an?
Es sind 15 bis 20 Flüchtlinge mit denen wir das Projekt ganz konkret machen konnten. Wir hätten noch Potential, wir bräuchten noch Leute, die bereit sind Flüchtlinge einzusetzen. Das Projekt ist auch eine Möglichkeit die Männer und Frauen kennenzulernen. Dann ist das plötzlich nichts Anonymes mehr, sondern Menschen mit einer Lebensgeschichte, und dadurch verändern sich auch die Vorbehalte.

Wie geht es den nordafrikanischen Flüchtlingen, die vor zwei Jahren nach Südtirol gekommen sind?
Das ist recht unterschiedlich. Ein sehr beeindruckender Teil davon hat es geschafft eine Arbeit zu finden und selbstständig zu sein. Es gibt auch solche, die Südtirol wieder verlassen haben weil es ihnen zu klein ist, die in die Großstädte gehen, weil sie dort mehr Anschluss haben. Und es gibt einzelne, die nach wie vor Schwierigkeiten haben und die wir nach wie vor auch sozial begleiten müssen.

Wie hilft die Caritas Südtirol den Flüchtlingen vor Ort, in ihrer Heimat?
Ich glaube, dass wir sehr engagiert sind und auch an der Wurzel ganz viel machen. Wir haben, nur ein Beispiel, in Äthiopien versucht die Lebenssituation der Kleinbauern zu verbessern. Dabei haben wir jungen Männern geholfen eine eigene Existenz in der Landwirtschaft aufzubauen. Und diese Männer werden dann dort bleiben, dort Familie gründen. Es darf da unten keine existentielle Hoffnungslosigkeit geben, was einer der großen Fluchtgründe ist.

Derzeit kommen viele Flüchtlinge auch aus Syrien, einem Kriegsgebiet. Wie kann diesen Menschen geholfen werden?
Es gibt auch da Möglichkeiten, zum Beispiel das Konzept des Resettlement. Dabei muss keine gefährliche Flucht nach Europa unternommen werden, sondern es wird vorher in Europa geklärt welches Land wie viele Flüchtlinge aufnimmt, und sie werden dann direkt vor Ort abgeholt und in den Westen gebracht. Ein anderer Punkt über den man diskutieren müsste ist, ob man nicht Asylansuchen bereits in den Heimatländern stellen könnte, damit nicht so viel Geld in die kriminellen Schlepperbanden fließt. Die ganze Asylgesetzgebung müsste neu geprüft werden.

Es ist also die Politik gefragt, etwas zu unternehmen?
Zum einen die Politik, es braucht aber auch die Bevölkerung, die die Politik unterstützt, die solche Vorschläge macht. Es braucht Mehrheiten in der Bevölkerung, damit die Politik auf entsprechenden Druck reagiert. Deshalb braucht es eine aktive Bevölkerung, die sich dafür einsetzt.

Müsste auch in Südtirol in der Bevölkerung mehr passieren?
Ja, das auf jeden Fall. Wir sehen das auch, wenn wir uns als Caritas engagieren. Das wird nicht immer goutiert. Wenn wir irgendwo eine Struktur eröffnen, gibt es Schwierigkeiten mit der Nachbarschaft, oft Widerstände in der Politik. Da gibt es einiges, was man noch machen könnte.

Was sind die nächsten Caritas-Projekte für Flüchtlinge in Südtirol?
Wir haben jetzt eine ganz konkrete Herausforderung, das sind die Flüchtlinge am Brenner, die von Österreich zurückgeschickt werden. Wir schauen, was wir als Caritas dazu beitragen können, damit das nicht auch menschliche Tragödien werden. Damit sie nicht oben am Brenner in der Kälte alleingelassen und sich selbst überlassen werden. Sie brauchen eine Erstversorung. Da versuchen wir zu helfen.

Judith Dietl

arbeitete eine Zeit lang im hohen Norden, jetzt BARFUSS-Redakteurin der ersten Stunde. Ist lieber barfuß unterwegs, weil lässt sich ungern einengen.
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