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Interview mit Ludwig Thalheimer

„Ich klaue kein Foto“

Ludwig Thalheimer fotografiert nicht nur Flüchtlinge, er unterstützt sie auch bei der Arbeitssuche. Sein Ziel: Das Fremde den Leuten vertraut machen.

Ludwith Thalheimer 2

Ausstellung des Fotoprojekts mit Flüchtlingen “Here I am” im Theater Cristallo.

Bild: Ludwig Thalheimer

Wann hast du angefangen, Flüchtlinge zu fotografieren?
Ludwig Thalheimer:
2015 kam zum ersten Mal eine größere Anzahl von Flüchtlingen nach Bozen. Da habe ich gemerkt: Das ist ein neues gesellschaftliches Phänomen. Ich habe zuerst begonnen, diese Menschen auf den Bahnhöfen zu fotografieren, danach vor den Aufnahmezentren – weil ins Ex-Gorio oder in den Ex-Alimarket lassen sie dich trotz Presseausweis nicht rein. Wahrscheinlich aus schlechtem Gewissen: Sie wollen nicht, dass man die Zustände dieser Zentren sieht. Ich wartete also auf der Straße, auf öffentlichem Grund – das konnte mir niemand verbieten – und habe die Leute angesprochen.

Die Migranten ließen sich so einfach fotografieren?
Nicht alle. Am Anfang reagieren manche ablehnend oder sogar aggressiv, wenn du mit der Kamera kommst, auch weil sie teilweise schlechte Erfahrungen mit Medien gemacht haben. Wenn sie aber merken, dass ein ehrliches Interesse da ist, vertrauen sie dir. Mittlerweile kennen sie mich auf der Straße. Sie wissen: Ich klaue kein Foto. Ich würde niemals jemanden ungefragt fotografieren.

Du hast zwei Jahre lang Flüchtlinge im Haus Aaron, einem Zweitaufnahmezentrum der Caritas fotografiert und mit einem Fotoprojekt begleitet. Wie war diese Erfahrung?
Ich habe anfangs viel Zeit in dem Haus verbracht, die Menschen erst einmal persönlich kennengelernt, Vertrauen aufgebaut. Dann habe ich ihnen Fotokameras in die Hand gedrückt und gesagt, sie sollen fotografieren, was ihnen gefällt. Das Fotografieren war aber nur Mittel zum Zweck. Mir war es wichtig, dass die Leute rausgehen, in Kontakt mit der Stadt und den Leuten treten. Denn die Caritasleitung hatte ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Anweisung gegeben, dafür zu sorgen, dass die Flüchtlinge das Haus so wenig wie möglich verlassen. Das war politisch gewollt, um sie von der einheimischen Bevölkerung fernzuhalten, ein Wahnsinn!

Wenn ein Migrant mal eine Chance bekommt, dann verspielt er sich diese kaum, weil er so selten eine bekommt.

Deshalb hast du am Ende des Projekts eine Ausstellung ihrer Fotos organisiert, um ebenjenen Kontakt zur lokalen Bevölkerung doch herzustellen?
Genau. Die Leute kamen zur Ausstellungseröffnung ins Teatro Cristallo in Bozen, schauten sich die Fotoarbeiten an; es gab ein Buffet, Gespräche mit den Fotografen. Nur wenn ein persönlicher Kontakt entsteht, können Ängste überwunden und Vorurteile abgebaut werden.

Was offenbarten die Fotos der Beteiligten so alles?
Einer hat Burgen und Schlösser fotografiert, weil sie ihn an seine Heimat Pakistan erinnerten. Der andere unsere Häuser, weil er sich selbst so sehr ein eigenes Haus wünschte. Und ein Flüchtling aus Bangladesch hat die Fahrradwege der Stadt abgelichtet, weil er so fasziniert davon war. Er sagte, da wo er herkomme, seien nicht einmal die besten Straßen so schön gepflegt wie bei uns die Fahrradwege.

Kam dieser Blick bei den Ausstellungsbesucherinnen und Ausstellungsbesuchern an?
Ich glaube, den Leuten wurde schon klar, dass viele Flüchtlinge junge motivierte Menschen sind, die das wollen, was alle wollen: ein Haus, eine Beschäftigung, eine Familie. Über dieses Fotoprojekt fanden auch einige Flüchtlinge eine Arbeit. Das war ein toller Nebeneffekt der Ausstellung.

Ludwig Thalheimer mit einigen Flüchtlingen

Bild: Ludwig Thalheimer

Du engagierst dich auch als Freiwilliger für Flüchtlinge und hilfst ihnen unter anderem dabei, eine Arbeit zu finden.
Genau. Ich habe schon etlichen Flüchtlingen helfen können, eine Arbeit zu finden. Selbst eine zu finden, ist für sie fast unmöglich. Einmal habe ich bei einer Firma angerufen, die über eine Jobanzeige einen Schlosser suchte. Sie fragten mich, wann ich denn anfangen könnte. Sobald ich sagte, das sei für einen Bekannten aus Marokko, haben sie abgewinkt und gemeint, sie würden sich eventuell später melden, was dann aber nie mehr passierte.

Und wenn sich dann jemand „überwindet“ und einen Flüchtling einstellt?
Ich habe meistens gute Erfahrungen gemacht. Wenn ein Migrant mal eine Chance bekommt, dann verspielt er sich diese kaum, weil er so selten eine bekommt. Vor ein paar Jahren suchte ein Obstbauer dringend Erntehelfer, denn die Polen, die sonst als Saisonsarbeiter kamen, waren ihm in diesem Jahr ausgefallen. Ich bot ihm einige Burschen an, die ich kannte, aus Bangladesch und afrikanischen Ländern. Am Anfang zögerte er noch. Aber dann war er so verzweifelt, dass er ihnen eine Chance gab. Seitdem will er keine anderen Arbeiter mehr.

Der Arbeitsmarkt in vielen europäischen Ländern profitiert am Ende von Migration, weil in der älter werdenden Bevölkerung wichtige Arbeitskräfte fehlen.
Ich höre von so vielen Unternehmen in Südtirol, dass sie keine Leute finden: zum Beispiel eine Maschinenbaufabrik, die gut bezahlte Jobs bietet und international tätig ist. Der Chef erzählte mir, die jungen Leute in Südtirol seien selten bereit, beispielsweise mehrere Wochen am Stück auf Montage im Ausland zu verbringen. Nach einem Jahr wollen sie oft schon wechseln oder ein Sabbatjahr einlegen. Für den Arbeitgeber, der in seine Mitarbeiter investiert, rechnet sich das Personal aber erst, wenn es mehrere Jahre bleibt. In dieser Firma konnte ich mehrere Migranten unterbringen. Der Flüchtling, der zum Beispiel die Fahrradwege fotografiert hatte, ist seit 2016 dort. Den würden sie ungern wieder gehen lassen, so zufrieden sind sie.

Und trotzdem landen viele Schutzsuchende auf der Straße, weil es nicht genug Aufnahmezentren gibt und sie auf ihre Aufenthaltsgenehmigung oft Monate und Jahre warten, und ohne eine solche nicht arbeiten dürfen. Was läuft falsch in Südtirol?
Das große Problem ist der fehlende politische Wille und das ewige Mantra, es würde schon genug getan. Aber das stimmt nicht. Die Notunterkünfte sind total ineffizent.

Inwiefern?
Das sogenannte Ex-Alimarket des Bozner Immobilienunternehmers Pietro Tosolini kostet das Land im Monat 35.000 Euro an Miete, und an das Rote Kreuz zahlen sie für die Führung zusätzlich 6.000 Euro monatlich. Dabei handelt es sich um eine peripher gelegene Halle in der Industriezone, weit entfernt vom Stadtzentrum, wo 80-90 Menschen in kleinen Abteilen übernachten können, so ähnlich wie Umkleidekabinen in Schwimmbädern. Und sie hatten dort lange Zeit nicht einmal WLAN, weil dafür angeblich kein Geld vorhanden war. Wir reden hier von etwa 30 Euro pro Monat, also ein lächerlicher Betrag. Die Leute brauchen das aber notwendig, um zum Beispiel die Übungen für die Sprachkurse zu machen oder Kontakt zu ihren Familien in der Heimat zu halten.

Die Notunterkünfte sind total ineffizent.

Und ihr Freiwilligen macht es besser?
Wir haben als Gruppe von Freiwilligen von Mitte Januar bis Mitte März 2021 eine Tagesstätte für Obdachlose im Pfarrheim neben dem Dom betrieben, also mitten im Stadtzentrum. Der finanzielle Aufwand war minimal, er betrug inklusive aller Ausgaben 5 Euro pro Stunde Öffnungszeit. Und wir hatten WLAN, wir konnten die Menschen in bürokratischen Dingen unterstützen und ihnen beim Sprachlernen und bei der Jobsuche helfen. Nur in solchen kleinen, zentral gelegenen Strukturen kann eine fruchtbare Begegnung stattfinden.

Und die Politik will davon nichts wissen?
Die Politik will die Leute nicht im Zentrum haben. Die Verantwortlichen argumentieren, dass wenn wir sie „zu gut behandeln“, alle hierherkommen. Doch das ist Unsinn: Seit Jahren beläuft sich die Anzahl der Personen, die in Bozen auf der Straße leben, konstant auf ungefähr 150.

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