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Interview mit Snowboarder Aaron March

„Es braucht einen inneren Motor“

Aaron March ist einer der erfolgreichsten Südtiroler Snowboarder. Der Schabser über das Leben als Profisportler, die kommenden olympischen Winterspiele und die Pläne nach seiner Karriere.

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Bild: Tobias Kaser

Was benötigt man, um ganz vorne mitzufahren?
Die Basis ist sicherlich Talent. Ohne Talent geht nichts. Im Weltcup hat das aber jeder. Es kommt daher auf das Mindset und die mentale Stärke an, seine Topleistung abrufen zu können. Viele Wegbegleiter waren im Training immer top, aber im Rennen konnten sie diese Leistung nicht erbringen. Weiters braucht es Durchhaltvermögen und einen eisernen Willen, da es im Profisport öfters nicht glatt läuft. In diesen schwierigen Momenten darf man das Ziel nicht aus den Augen verlieren und hart dran arbeiten, es auch zu erreichen. Das ganze Jahre gilt der sportlichen Vorbereitung und es verlangt viel von einem ab. Es braucht einen inneren Motor, der einen immer wieder antreibt. Wie gesagt: Der Wille immer besser werden zu wollen ist entscheidend. Als Profisportler darfst du dich nie zufrieden geben, du willst immer besser werden.

Roland Fischnaller ist ein Weggefährte und noch erfolgreicher als du (Weltmeister, Weltcupgesamtsieger, 19 Weltcupsiege, Anm. d. Red.). War er dir Motivation und Ansporn zugleich, immer besser zu werden?
Ich kenne ihn schon seit vielen Jahren. Beide haben wir im Snowboardclub Villnöß das Snowboardfahren erlernt. In jungen Jahren habe ich viel von ihm profitiert und gesehen was es alles braucht, um als Profi zu bestehen. Als ich in die A-Mannschaft gekommen bin, war er sicherlich einer der wichtigsten Bezugspunkte und ich habe mir vieles von ihm abgeschaut. Er war definitiv wichtig für meine weitere Karriere.

Aaron March (35) besuchte die Sportschule Sterzing und studierte anschließend in Innsbruck Betriebswirtschaft. Seit 2004 fährt er im Weltcup, 2010 fuhr er seinen ersten Weltcupsieg, zwei weitere und zahlreiche Podestplätze folgten. In der letzten Saison gewann er den Gesamtweltup und die Kugel für die Parallel-Slalomwertung. March führt außerdem ein Fitnessstudio in Seis.

Aaron March gewann bis heute drei Welcuprennen und in der letzten Saison den Gesamtweltcup und die Slalom-Gesamtwertung.

Bild: Miha Matavz

Wie blickst du auf die kommende olympischen Winterspiele in China? Bist du bereits qualifiziert?
Nein, noch nicht. Bei der Olympiade wird der Riesentorlauf stattfinden, leider kein Slalom. Der Slalom ist meine Paradedisziplin, da tue ich mich leichter. Bei der Qualifikation für Olympia zählen die Weltcuprennen der laufenden Saison. Wir sind heuer ein starkes Team mit sieben Leuten, vier davon fahren nach China.

Wie siehst du deine Chancen, dich fix zu qualifizieren?
Bis jetzt sind die Rennen nicht gut gelaufen. Zwei Rennen stehen noch bevor und ich muss eine gute Leistung abrufen. Die Qualifikation ist alles andere wie fix. Ich bin 35 Jahre alt und habe meine Erfolge gefeiert, deswegen nehme ich es wie es kommt. Die Olympiade ist natürlich das Ziel und ich werde in den nächsten Rennen alles geben. Alles andere ist sowieso eine Konsequenz meiner Leistungen. Mein Fokus liegt auf den nächsten beiden Rennen, den Rest versuche ich auszublenden.

Falls du dabei bist, glaubst du es wird deine letzte Olympiade?
Das weiß ich nicht. Es gibt genügend Athleten im Weltcup, die auch mit 40 Jahren noch gut Snowboardfahren. Die olympischen Winterspiele 2026 sind nicht ausgeschlossen, doch es gibt keine Gewissheit. Ich werden von Jahr zu Jahr schauen, wie meine Motivation und körperliche Verfassung ausschauen. Irgendwann ist es einfach anstrengend, das ganze Leben nach dem Profisport auszurichten. Dieses Höher, Schneller, Weiter hat auch seine Schattenseiten, wie beispielsweise weniger Zeit für die Familie. Es ist deshalb wichtig, dass diese hinter mir steht. Vier Jahre im Voraus zu planen, ist deshalb nicht möglich.

Die Olympiade findet in China statt, das nicht gerade ein Vorbild in Sachen Menschenrechte ist…
Als Sportler sehe ich das ganz nüchtern. Ich bereite mich gut darauf vor und denke mir, dass China ein guter Ausrichter ist. Schade sind sicherlich die extrem rigorosen Covid-Beschränkungen. Für einen Athleten ist dieses einzigartige Erlebnis getrübt, da er vorwiegend das Hotel und die Piste erleben wird. Politisch will ich gar nichts sagen, denn da müsste ich die Erlaubnis von meinem Arbeitgeber, dem Militär, einholen.

Damit die Olympiade in europäischen Ländern Akzeptanz erfährt, muss sie nachhaltig gestaltet werden.

Wären andere Länder besser als Ausrichter geeignet?
In vier Jahren wird die Olympiade wieder in Italien stattfinden. Das wäre schon eine tolle Geschichte, vor allem für einen italienischen Athleten. Wenn in Deutschland eine Olympiade stattfindet, dann ist es schwierig der Bevölkerung die Benefits klar zu machen, weil einfach der Sinn dahinter nicht leicht zu erklären ist. Viele haben mit Sport nichts am Hut und sehen die hohe Kosten in die Infrastruktur als nicht gerechtfertigt an. So war es bei den letzten Olympiaden in Russland, Südkorea und jetzt eben China. Damit die Olympiade in europäischen Ländern Akzeptanz erfährt, muss sie nachhaltig gestaltet werden. Ich denke in diesem Zusammenhang an Russland und China, weil dort die gesamte Infrastruktur neu aufgebaut wurde. Da wurde nicht lange gefragt, ob das später auch noch gebraucht wird. Das funktioniert in Europa nicht. Der dortigen Bevölkerung muss gezeigt werden, dass die neu aufgebaute Struktur einen späteren Nutzen hat.

Fürchtest du dich vor der rigorosen Überwachung während der Spiele in China?
Ich glaube es wird sehr nervenaufreibend und übertrieben. Deshalb wird es nicht die schönste Olympiade. Diese ganzen Beschränkungen werden mit Sicherheit dazu führen, dass man sich so gut wie gar nicht bewegen kann. Trotzdem muss man das Beste aus der Situation machen und das Hauptaugenmerk auf das Rennen richten. Ich fürchte mich nicht, auch wenn das ganze Drumherum sicherlich seltsam sein wird.

Solltest du mal dein Snowboard an den Nagel hängen, welche Dinge im Profisport wirst du gern in Erinnerung behalten?
Der Weltcupzirkus ist im Laufe der Jahre zu einer Familie für mich geworden. Die Mannschaft samt Trainer und die Delegationen der anderen Länder sind mir schon ans Herz gewachsen. Auch die Wettkämpfe an sich werde ich vermissen. Die tägliche Ausübung dieses wunderschönen Sports in der freien Natur ist auch wunderschön und wird mir sehr fehlen.      

Was wirst du nicht vermissen?
Das Essen in den meisten Ländern. Das kann mit unserem nicht mithalten. Auch der Reisestress und Jetlag wird mir nicht fehlen. Ich freue mich darauf, wenn ich häufiger daheim neben meiner Tochter und Freundin einschlafen werde.

Wie könnte dein Leben nach dem Profisport ausschauen?
Mein Fitnessstudio wird sicherlich eine Option sein, wo ich mich beruflich orientieren will. Doch auch der Trainerjob würde mich interessieren. In Italien gibt es wenige, die soviel Erfahrung wie ich habe. Irgendwie wäre es schade, wenn ich diese nicht weitergeben könnte. Ich habe viel von diesem System profitiert und ich würde gerne etwas zurückgeben. Ein Trainer, der lange Profi war, ist Gold wert. Diese Erfahrung führt meiner Meinung nach dazu, dass du viele kleine Dinge besser erkennst. Es ist außerdem toll, seinen Erfahrungsschatz an die nächsten Generationen weiterzugeben.

 

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