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„Eine Kriegserklärung“

Fiorello Habibaj ist in Albanien geboren und in Südtirol aufgewachsen. Im Interview spricht er über die umstrittene Anti-Gewalt-Kampagne der Medien.
Die Tageszeitung „Dolomiten“ und das News-Portal „Stol“ fahren mit ihrer Kampagne „Stopp der Gewalt“, seit Tagen schwere Geschütze gegen vermeintliche Schlägerbanden auf. Ohne auf stichhaltige Statistiken zu verweisen, kommen die Gewalttäter für die beiden Medien „meist aus Albanien oder anderen Balkanstaaten“. Der 18-jährige Fiorello Habibaj wurde in Albanien geboren und wohnt seit seinem dritten Lebensjahr in Brixen. Im Gespräch erklärt er, was er von der Kampagne hält, und wie die Integration von Ausländern seiner Meinung nach am besten gelingen kann. 
 
Was ist dir als erstes durch den Kopf geschossen, als du von der Kampagne „Stopp der Gewalt“ gelesen hast?
Ich fühlte mich persönlich angegriffen, weil damit der Eindruck vermittelt wird, dass alle Albaner gewalttätig sind. Jeder hat natürlich das Recht die eigene Meinung zu sagen, aber die Kampagne liest sich teilweise wie eine Kriegserklärung an die „organisierten albanischen Schlägerbanden." Wenn es tatsächlich solche Schlägerbanden gibt, dann sollte es für die Polizei kein Problem sein, diese zu schnappen. Ich habe mich auch gewundert, warum das Thema ausgerechnet jetzt so fett in den Schlagzeilen ist. Als ich dann gelesen habe, dass die Kinder des „Dolomiten“-Chefredakteurs von Ausländern angegriffen worden sind, wurde mir einiges klar. Das ist der eigentliche Auslöser der Kampagne. Außerdem hat mich die einseitige Perspektive der Berichterstattung gestört.  
 
Inwiefern? 
Eine Kampagne gegen Gewalt finde ich an sich ja nicht schlecht, und ich verstehe voll und ganz, dass die Opfer der Gewaltattacken sich schützen und das Phänomen bekämpfen wollen. Aber so wie die Kampagne aufgezogen wurde, ist es ein direkter Angriff auf alle Albaner. Ich habe mich auch gewundert, dass jeder, anonyme Vorfälle von Gewalt den „Dolomiten“ zuschicken kann, die teilweise schon Jahre zurückliegen.  In diesen Artikeln liest man vorwiegend von Gewalttaten der Ausländer und nur sehr selten von Schlägereien, in denen ausschließlich Einheimische verwickelt waren. Mich würde interessieren, ob die Täter in all diesen Fällen auch eindeutig identifiziert wurden. Man sollte schon wissen, wer es war, bevor man die Albaner verdächtigt.
 
Dich stört also dieser Generalverdacht?
Ja, als Mensch neigt man generell zu Generalisierungen, aber es sind ja nicht alle Albaner gleich. 
 
Politiker wollen nun verstärkt Überwachungskameras einsetzen und strengere Gesetze gegen Körperverletzung verabschieden. Wie findest du das?
Niemand bestreitet, dass es Schlägereien gibt und ich habe kein Problem damit, dass gegen Gewalttäter hart durchgegriffen wird. Aber wenn es wirklich Schlägerbanden gibt, dann wird man diese auch ohne Überwachungskameras ausfindig machen. 
 
In Südtirol leben etwa 5.000 Albaner. Wie gut integriert sind sie deiner Meinung nach?
Ich kann die Gesamtsituation nicht exakt beurteilen. Viele Albaner sind gut integriert. Aber es gibt auch einige, die noch nicht so lange in Südtirol sind und die deutsche Sprache noch nicht beherrschen. 
 
Welchen Bezug hast du zu deinem Herkunftsland Albanien?
Ich spreche fließend Albanisch, kenne die albanische Kultur und fahre auch jedes Jahr dorthin, um meine Verwandten zu besuchen. Ich fühle mich in Albanien nicht fremd. Hier in Brixen habe ich sowohl mit meinen albanischen Landsmännern als auch mit Einheimischen Kontakt. Nachdem ich den italienischen Kindergarten besucht habe, ging ich auf die deutsche Schule.  Am Realgymnasium in Brixen mache ich gerade die Maturaprüfung. 
 
Kannst du dir vorstellen, wieder nach Albanien zurückzukehren?
Momentan kann ich mir das nicht vorstellen, weil der Lebensstandard in Südtirol einfach höher ist. Korruption ist in Albanien sehr verbreitet. Viele Albaner erhalten eine gute Ausbildung im Ausland und wären die Hoffnung für das Land. Sie kehren aber wegen der politischen Missstände nicht in ihr Heimatland zurück. 
 
Wurdest du  in Südtirol aufgrund deiner Herkunft schon einmal diskriminiert? 
Eigentlich ist bis jetzt nichts Schlimmes passiert. Vor zwei Jahren wurde ich einmal nicht in den Club Max in Brixen gelassen, ohne mir einen Grund dafür zu nennen. Es gab dann eine Aussprache, in der die Verantwortlichen sich entschuldigt haben.
 
Gibt es deiner Meinung nach ein Rezept, damit sich Ausländer in Südtirol gut integrieren können?
Ausländer sollten nicht nur unter sich bleiben. Wenn man immer nur unter sich bleibt, entwickelt sich eine Art geschlossene Clique und es ist noch schwieriger die Sprache des Anderen zu lernen. Das ist nicht ideal für die Gesellschaft. Wenn sich Ausländer nicht verständigen können, entstehen leicht Missverständnisse oder Konflikte. Deshalb ist es in Südtirol sehr wichtig, Deutsch und Italienisch sprechen zu können.
 

Oliver Kainz

ist im Vinschgau daheim und in der Welt zu Hause. Er findet Politik faszinierend und ist jederzeit für einen „Watter" im Gasthaus bereit.
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Zu dem obigen Interview ..eine Kriegserklärung wäre viel zu schreiben...
Eines sei aber gesagt.....Wir beheimaten in Südtirol 70.000 Ausländer aus fast 130 verschiedenen Ländern.
Der grösste Zulauf aber kommt aus Albanien mit mehr als 30.000 Menschen und nicht 5.000 wie der junge Herr verlauten liess. Also soviel wie Meran Einwohner hat.
Seit Jahren gab es Anzeigen über Anzeigen betreffs Vorfälle- Gewaltsituationen, bewusste Provozierungen-
schlimme Schlägereien mit Todesdrohungen- Einschüchterungsversuchen usw....
und seit Jahren gibt es traumatisierte und entstellte Opfer (Einheimische)..die nie mehr ein normales Leben führen werden..in unserem Südtirol...das Land das soviel Gastfreundschaft, Lebensqualität und Luxus pur seinen Gästen bietet. Ein Eldorado- ein Schlaraffenland. Und nun aber sprechen Fakten und diese Kampagne stoppt die Gewalt..ist das einzig richtige Instrument um dieses schwerwiegende Problem zu thematisieren und zwar mit uns- den direkt Betroffenen...der einheimischen Bevölkerung. Unsere Menschen und unsere Kinder müssen sich so wie früher- sicher fühlen können. Die Missachtung unserer Gastfreundschaft ist härtestens zu bestrafen und zwar mit der sofortigen Rückführung. Jeder der Mist baut- muss damit rechnen- dass er geschnabt wird und auch dass sein Namen und Herkunftsland in der Zeitung steht. Also....ganz einfach....schön Etikette bewahren und froh sein- hier sein zu dürfen.

Liebe Astrid, bitte beachte, wenn du den Autor korrigieren möchtest, mach es korrekt. Laut ASTAT waren in Südtirol Ende 2011 5500 Menschen mit albanischer Staatsbürgerschaft ansässig, also fehlst du um einiges ab.
Du redest von Gastfreundschaft, aber gleichzeitig wirfst du alle Menschen mit Migrationshintergrund in einen Topf und schikanierst sie. Schade, dass du auf solche Hetzkampagnen reinfällst und ganz vorne mitmachst - so trägst du bestimmt nicht zu einem besserem Klima in unserem "Schlaraffenland" bei. Und zu deiner Aussage "froh sein- hier sein zu dürfen.": Du hast einfach nur Glück gehabt in Südtirol geboren zu sein. Denk mal drüber nach...

Liebe Astrid, wenn sie wie sie sagen, das Problem thematisieren wollen und es lösen wollen, dann kann eine allgemeine Beschuldigung doch nicht das "einzig richtige Instrument" sein.
Soll das Problem wirklich gelöst werden, bleibt eigentlich nur die Frage nach dem WARUM. Warum werden Jugendliche gewalttätig, wenn wir uns auf Vorfälle spät nachts beschränken wollen. Warum gibt es diese Trennung unter den Jugendlich.
Natürlich ist die Frage nicht leicht zu beantworten und das Problem nicht schnell und vor allem eindeutig lösbar. Aber deshalb eine altbekannte Abkürzung auf kosten anderer, schwächerer einzuschlagen ist doch auch der falsche Weg.

Liebe Astrid, Sie sind ganz schön naiv, wenn Sie Südtirol ein "Schlaraffenland" nennen. Vielleicht sollten Sie das Märchenbuch zuklappen und die Augen für die Realität öffnen.

Sorry Astrid, aber was du schreibst ist schlichtweg falsch, wie Eva ja bereits heraus gestellt hat. Neben den Zahlen stimmt der Rest aber auch nicht. Diese Kampagne führt letztlich - weil eben sehr einseitig und unprofessionell durchgeführt - nur dazu, dass sich die Fronten verhärten. Die unter Generalverdacht gestellten Menschen erfahren nun noch mehr Ablehnung (weil unser schönes, freundliches Luxus-Südtirol nämlich nur zu Touristen, Geldgebern und Bauern freundlich ist) und besser wird es dadurch sicher nicht. Ich kenne viele Menschen aus dem Baltikum, die hier einer geregelten Arbeit nachgehen und ihren Beitrag zur Gesellschaft leisten. Natürlich sind diese Menschen in bestimmten Aspekten anders als wir, natürlich hat ein Moslem in gewissen Bereichen eine andere Sicht der Dinge als Katholiken, aber das sollte doch kein Grund sein, solche Leute abzuwerten. Ich bin deutscher Protestant, vieles von dem, was hier als "gesellschaftliche Normen und Werte" gilt lässt mich auch öfter mal zusammen zucken.

Wo wir übrigens bei seriöser Bericht-Erstattung sind: liebes Barfuss-Team, die Überschrift ist auch ein bisschen aus dem Zusammenhang gerissen und ein wenig reißerisch, meint ihr nicht?

Lieber DaNilz,
bezüglich seriöser Berichterstattung: ich finde den Einleitungstext und auch die Antworten unseres Interviewpartners sachlich und überlegt. Die Überschrift ist nicht aus dem Zusammenhang gerissen, weil Fiorello dieses Wort selbst benutzt hat und es ist durchaus üblich ein Zitat aus dem Interview in der Überschrift zu verwenden. Sie haben wohl recht, "Eine Kriegserklärung" klingt schon plakativ und vielleicht etwas zu martialisch, aber der Titel soll ja auch das Interesse und die Neugierde des Lesers wecken. Deshalb finde ich persönlich diese Überschrift vertretbar. Besten Dank für Ihr Feedback und noch einen schönen Tag!
Oliver

Guten Abend Oliver,

dann haben wir uns ja richtig verstanden. Ich wollte damit nicht Ihr Interview an sich kritisieren, sondern lediglich die Wortwahl im Titel. "Wie eine Kriegserklärung", was Fiorello nämlich eigentlich gesagt hat, hätte da in meinen Augen nicht ganz so auf den Busch getrommelt. Aber gut gut. :)

Kritik ist nun mal ein Weg für Besserung und Veränderung.

Doch gehört nach meiner Meinung zu jeder guten Kritik auch ein Verbesserungsvorschlag oder zumindest ein Lösungsansatz.

Dies gilt aber sowol für Herrn Fiorello Habibaj's sachmäßige Schilderung und Kritik, als auch für die auf Scheuklappenleser und Mitschwimmer ausgerichtete Kampagne.

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