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Interview mit Peter Koler

„Alkohol ist Mainstream“

Die jüngsten Zahlen jugendlicher Alkoholexzesse ließen kürzlich aufhorchen. Peter Koler stellt im Interview klar, wie es in Sachen Alkohol wirklich um Südtirols Jugend steht.

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Lizenz: CC by-nd
Bild: Flickr, Paul Padshewscky

Bild: Petra Schwienbacher
325 Jugendliche unter 25 Jahren wurden im Jahr 2016 wegen Alkoholmissbrauchs in Südtiroler Krankenhäuser eingeliefert, 31 „Komatrinker“ waren jünger als 15 Jahre. Zahlen, die aufhorchen lassen und auch im Südtiroler Landtag vor Kurzem wieder die Frage aufwarfen, wie problematisch der Alkoholkonsum von Südtirols Jugendlichen ist.

Peter Koler, Direktor vom Forum Prävention, geht im Interview auf die jüngsten Zahlen ein, räumt mit Geschlechterklischees auf und zeigt, wo Präventionsarbeit ansetzen muss.

Herr Koler, wird heute mehr Alkohol konsumiert als früher?
Es gibt das Problem des problematischen Alkoholkonsums. Die jüngst genannten Zahlen zu den Erste-Hilfe-Einlieferungen könnten auch auf eine Zunahme des Alkoholkonsums schließen lassen. Allerdings sind sie nicht direkt vergleichbar. Im Vorjahr wurden nur Einlieferungen mit Aufnahmen von Jugendlichen ins Krankenhaus gezählt, in diesem Jahr hat man auch die Zugänge ohne Aufnahme mitgezählt. Wenn man aber die vergleichbaren Daten der letzten Jahre anschaut, sieht man, dass heute weniger getrunken wird als früher.

Es gibt also keinen Grund zur Sorge?
Doch, ich finde beispielsweise schon besorgniserregend, wie sehr der Alkohol als „soziales Schmiermittel“ gebraucht wird. Das meine ich jetzt nicht so sehr auf die Jugendlichen selbst bezogen, sondern mehr auf den Stellenwert des Alkohols in der Südtiroler Gesellschaft. Es gibt eigentlich keine gesellschaftlichen Anlässe, die ohne Alkohol funktionieren. Dass die Jungen dann diese Muster übernehmen und in ihrem Sozialisationsprozess Alkohol eine wichtige Rolle übernimmt, ist eigentlich normal. Ich möchte aber hier noch einmal betonen: Wenn wir uns die Zahlen der letzten 15 Jahre genau anschauen, dann sehen wir, dass der Alkoholkonsum unter Jugendlichen zurückgegangen ist. Allerdings ist das Rauschtrinken nach wie vor ein Problem.

Inwiefern?
Rauschtrinken ist per Definition der Konsum von mindestens fünf alkoholischen Getränken bei einer Trinkgelegenheit. Allerdings wird in dieser Definition kein Zeitraum vorgegeben. Das heißt, es ist statistisch gesehen völlig egal, ob ich fünf kleine Bier in fünf Stunden oder in fünf Minuten trinke. Deswegen ist die Definition schon sehr ungenau. Besonders kritisch ist aber das Rauschtrinken in Verbindung mit Gewalt bzw. dem Straßenverkehr zu sehen. Eine langfristige Folge vom Rauschtrinken kann auch Alkoholabhängigkeit sein. Die ist allerdings kein Jugendproblem mehr, sondern zeigt sich erst in höherem Alter.

Welchen Stellenwert hat der Alkohol heute bei den Jugendlichen?
Was ich bei den Jugendlichen immer wieder problematisch finde, ist wie sehr der Alkohol teilweise zum Erwachsenwerden dazu gehört, das heißt wie verwoben der Konsum mit Erfahrungen ist, die in dieser Phase wichtig sind.

„Früher war es ganz normal, wenn auf Dorffesten ein gewisser Prozentsatz der Besucher bewusstlos war und liegen geblieben ist.”

Sie sagen, der Alkoholkonsum sei gesunken. Manchen Medienberichten nach scheint das aber nicht der Fall zu sein. Wird heute vielleicht einfach mehr darüber berichtet?
Ja, die Sensibilität gegenüber des Alkoholkonsums hat eindeutig zugenommen. Auch in den Medien. Was eindeutig positiv ist. Früher war es ganz normal, wenn auf Dorffesten ein gewisser Prozentsatz der Besucher bewusstlos war und liegen geblieben ist. Das passiert jetzt nicht mehr, denn jetzt werden alle eingeliefert. Früher war es auch völlig normal, allen Alkohol auszuschenken. Heute schaut man viel genauer hin. Beispielsweise werden bei bestimmten Events je nach Alter verschiedenfarbige Bändchen an die Besucher verteilt. Da hat man dann eine gewisse Kontrolle darüber, wer jetzt wirklich trinkt. Auch wurde die Straßenverkehrsordnung verschärft und es ist heute üblich, dass man mit dem Shuttlebus nach Hause fährt. So gesehen ist die Sensibilität insgesamt schon gestiegen.

Welche Rauschmittel sind momentan in Südtirol angesagt?
Alkohol ist der Mainstream, ungefähr 80 Prozent der Bevölkerung konsumieren ihn. Rund 20 Prozent sind abstinent. Es gibt aber auch eine Gruppe, die bewusst keine Rauschmittel konsumiert. Bei den illegalisierten Substanzen ist sicherlich Cannabis an erster Stelle. Wobei sich auch hier die Haltung verändert hat. Durch die große Legalisierungsbewegung ist Cannabis in der Wahrnehmung vieler Leute heute nichts Verbotenes mehr. Man muss aber sagen, dass sich der ganze illegale Markt mittlerweile sehr differenziert hat. Es werden auch sogenannte NPS (Neue Psychoaktive Substanzen) konsumiert. In gewissen Szenen spielt sicher auch Ketamin eine Rolle. Es gibt auch einige Anzeichen, dass wieder vermehrt Heroin im Umlauf ist. Allerdings nicht mehr in Form von Spritzen, sondern es wird inhaliert. Welche Drogen konsumiert werden, hängt aber immer von den Subkulturen ab.

Woher wissen Sie das?
Wir forschen und veröffentlichen immer wieder unsere Ergebnisse, zuletzt 2015 den Bericht über Freizeitdrogenkonsum und Schulabbruch. Außerdem haben wir das Projekt streetlife.bz, mit dem wir direkt bei Events Präventionsarbeit leisten. Mit diesem Projekt sind wir daher immer am Puls der Zeit. Vieles an aktuellen Konsumtrends erfahren auch die Streetworker in Bozen, die für das Forum Prävention arbeiten.

Ist es wahr, dass Crystal Meth immer beliebter wird?
Wir merken das in Südtirol nicht so stark. Crystal Meth ist regional unterschiedlich stark verbreitet. Da sind Gegenden wie etwa Bayern, an der Grenze zu Tschechien, schon stärker betroffen. Es ist nämlich immer eine Frage davon, wer den Markt bedient. So ist Ketamin in Südtirol ein Thema, in anderen Regionen aber nicht.

Ist die Legalisierung von Cannabis light ein erster Schritt zur völligen Legalisierung von Cannabis?
Cannabis Light war immer legal, weil es ja kein THC hat und damit nicht psychoaktiv wirkt. Von dem her ist es ähnlich, wie wenn man Tee raucht. Es hat zwar eine leicht beruhigende Wirkung, verändert aber nicht das Bewusstsein und hat somit keinen Rauscheffekt. Das ist aber nicht nur ein erster Schritt hin zur regulierten Freigabe von Cannabis, sondern ein weiterer. Cannabis ist ja schon in der Medizin für therapeutische Zwecke freigegeben. Wenn wir uns weltweit umsehen, geht der Trend momentan immens zu einer Regulierung des Cannabis-Marktes.

Wie funktioniert gute Präventionsarbeit?
Das Wichtigste ist – aus unserer Sicht –  Sucht zu vermeiden. Es wäre auch nicht sinnvoll, den Alkoholkonsum pauschal zu verbieten. Das wäre ja fast schon eine talibanische Haltung. Es geht vielmehr darum, mit psychoaktiven Substanzen, die potentiell süchtig machen, bewusst und risikoarm umzugehen. Wir versuchen vorzubeugen, dass jemand damit beginnt, Substanzen funktional zu verwenden – beispielsweise um Stress oder negative Gefühle abzubauen. Für gute Präventionsarbeit ist es elementar, dass man dem Menschen Informationen und Möglichkeiten gibt, dass er innen und außen in einer Balance ist. Das erfordert natürlich den persönlichen Kontakt. Deshalb sind wir auch auf Festivals präsent, reden mit Eltern oder bieten Workshops an.

Inwiefern spielt eigentlich Gruppenzwang eine Rolle beim Trinkverhalten?
Das ist ein viel diskutiertes Thema. Manche sagen, die Gruppe zwingt. Das stimmt sicher bis zu einem gewissen Punkt, wie wir es bei der Mode sehen. Wir wollen halt einfach dazugehören. Auf der anderen Seite suchen wir uns aber die Gruppe aus, zu der wir gehören wollen. Dann ist es eigentlich kein Gruppenzwang mehr. Die einzelnen Personen suchen sich nämlich die Gruppen, die für sie einen identitätsstiftenden Sinn haben. Dann unterwerfen sie sich freiwillig den Gruppenregeln. Wenn dann in einer Gruppe, zu der man gehören möchte, viel getrunken wird, trinkt man selber mit. Letztendlich ist es ein Wechselspiel. Gruppen machen auf jeden Fall etwas aus, weil wir ja auch von den Gruppen leben.

Gibt es statistisch einen Unterschied zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen?
Man merkt bei den Altersgruppen einen Unterschied. Die Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen weist den höchsten Alkoholkonsum auf. Später geht er zurück, weil die Verantwortungsübernahme steigt und man auch andere Prioritäten im Leben setzt. Das Alter der Konsumenten steigt außerdem auch immer weiter, weil der Jugendschutz besser greift.

„Bei Buben ist der Alkoholkonsum eher darauf ausgelegt, sich zu messen. Man möchte sehen, wer mehr trinkt. Wer mehr verträgt.” 

Wie sieht es mit den Geschlechtern aus: Stimmt das Klischee von den trinkfesteren Buben und den eher zurückhaltenden Mädchen?
Wenn man die Zahlen anschaut, kommt man auf die fast gleichen Werte. Allerdings haben Mädchen und Buben verschiedene Konsumverhalten. Mädchen müssen beim Konsum von Alkohol immer auch stärker auf ihr Umfeld achten, weil potentielle Übergriffe immer stattfinden können. Dann hängt es natürlich auch davon ab, in welcher Situation sie sind und mit wem sie unterwegs sind. Bei Buben hingegen ist der Alkoholkonsum eher darauf ausgelegt, sich zu messen. Man möchte sehen, wer mehr trinkt. Wer mehr verträgt. Deswegen sind die männlichen Einlieferungen eher älter und die weiblichen eher jünger und unerfahrener.

...und das Klischee, dass Jungs eher ein Bier bevorzugen und Mädels einen Alcopop?
Das sind eher alte Klischees. Logisch findet der Einstieg über süße Getränke statt, weil der Alkohol den Jugendlichen ja eigentlich nicht schmeckt. Getränke wie Wein sind nicht beliebt. Lieber trinkt man ein Bier. Es geht aber immer auch darum, was ich mit meinem Alkoholkonsum erreichen will, eine Enthemmung, Kontakt zum anderen Geschlecht oder anderes.

„Eigentlich müsste überall, wo Alkohol drinnen ist, drauf stehen, wie viel man davon risikoarm konsumieren kann und welche potentiellen Folgen der Konsum haben kann.”

Warum wird eigentlich hauptsächlich getrunken?
Alkohol ist in unserer Gesellschaft ein Hilfsmittel, sich den Herausforderungen des Erwachsenwerdens leichter stellen zu können. Denn sonst gibt es nicht viele Möglichkeiten, die Bedürfnisse, die mit dem Erwachsenwerden zusammenhängen, zu erfüllen. Damit meine ich zum Beispiel Grenzen ausloten, sexuelle Beziehungen eingehen, entdecken, wer die wahren Freunde sind, und so weiter. Um durch den Dschungel der Pubertät zu gehen, gibt es sonst eben nicht viele Möglichkeiten, weil der Rest sehr funktionalisiert ist. Die Schule oder der Sportverein funktionieren nämlich alle schon nach gewissen Regeln und mit Sanktionen. Deswegen sind diese Alkohol-Szenen auch so wichtig. Nicht weil es so toll ist, sondern weil es für den Mainstream die einzige Möglichkeit ist, etwas zu tun, was außerhalb der Norm ist. Für manche ist das dann aber auch schon wieder zu viel Mainstream und dann gehen sie in die verschiedenen Subkulturen mit anderen Drogen. Aber hinter dem Alkoholkonsum steckt eigentlich ein Sozialisationsprozess.

Ist Alkohol eine Kulturdroge?
Alkohol war ja seit jeher ein Nahrungsmittel. Man denke an den Leps zur Marende in jedem Südtiroler Bauernhaus. Später hat sich dann der Alkohol zum Genussmittel gewandelt. Es wird aber immer kaschiert, dass Alkohol eine Droge ist. Dass man hier ein Zellgift konsumiert, wird nirgends gesagt. Eigentlich müsste überall, wo Alkohol drinnen ist, drauf stehen, wie viel man davon risikoarm konsumieren kann und welche potentiellen Folgen der Konsum haben kann.

 

Michael Keitsch

Interessiert sich für Geschichte und Geschichten. Mag es Fragen zu stellen und Neues zu lernen.
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