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Zurück in die Zelle

Nach Monaten voller Verboten und Strafen kommt es, wie es kommen muss: Agnes S. wird aus der Therapiegemeinschaft ausgeschlossen und muss zurück ins Gefängnis.

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Bild: Flickr, florianplag

Es ist Juli 2009. Die Sommerhitze ist eingetreten. Die Zikaden zirpen Tag und Nacht und ich betrachte die Sonnenaufgänge mit ihren unglaublichen Farben. Mit den Frauen verstehe ich mich gut, ich mag die Kinder sehr gerne und genieße es oft, mit ihnen auf dem Spielplatz in der Wiese unter den Pinien zu spielen.

Seit ein paar Wochen bin ich hier im Sorriso wieder in der klinischen Phase. Das ist die schwierigste Phase, in der die meisten scheitern. Meine Betreuerin dieser Phase ist mir nach ihrem äußeren Aussehen nicht unsympathisch, jedoch die Art, wie sie uns behandelt, ist zum Kopfschütteln. Sie hat die Macht über uns. Sie bietet uns freiwillig einen Yogakurs mit komischen Übungen an. Ich finde, dass sie keine Ruhe übermittelt. Sie ist sehr streng und wenn sie durch das Haus geht, hören wir ihre Stöckelschuhe von weitem. Wenn sie kommt, erinnert es mich an meine Mittelschulzeit, als der Direktor kam und wir Schüler mucksmäuschenstill wurden. Während des Essens beobachtet sie uns andauernd. Bei jedem Wort, jedem Lachen und jeder Bewegung passen wir auf, um nicht etwas zu tun, was ihr nicht gefällt. Bei meinem ersten Therapiegespräch bekomme ich schreckliche Kopfschmerzen. Sie hat ein eigenes Zimmer im Dachgeschoss für ihre Einzeltherapiegespräche und zum Übernachten, wenn sie Nachtdienst hat. Ihr Zimmer wirkt kalt. Es steht ein Bett darin, ein Nachtkästchen, ein Kleiderschrank, ein kleiner Tisch und zwei Stühle. Ein Notbett ist an die Wand gelehnt und sonst ist es leer, kein Bild und kein einziger Gegenstand ist zu sehen, weder ein Kugelschreiber noch sonst etwas. Nebenan befindet sich ein Klosett. Als ich dieses einmal putzen musste, haute es mich fast um. Am Boden war der Siphon des Abflussrohres kaputt, das Fenster geschlossen und der Jauchegeruch konzentrierte sich im Raum.


Verbote über Verbote 

Am 1. Juli findet so wie jede Woche eine Versammlung der Equipe statt. Unsere schriftlichen Anfragen für Ausgänge, Einkäufe, Besuche usw. werden behandelt, die Arbeiten in der Struktur werden neu eingeteilt und Verbote und Strafen festgelegt. Es ist jedes Mal spannend, weil keiner weiß, was ihn erwartet. Zu meiner Enttäuschung wird beschlossen, dass mir ab 2. Juli meine Freizeitbeschäftigung im Garten verboten ist. Einen Tag geben sie mir Zeit, um eine Süditalienerin in die Gartenarbeit einzuweihen. Diese hat vom Garten keine Ahnung und auch kein Interesse, im Gegenteil, sie hält zwei Meter Abstand, wenn ihr eine Heuschrecke begegnet.

Dieses Bild malte Agnes S. im Sommer 2009.

Bild: Agnes S.

Mein Therapieprogramm wird mir geschlossen, mit der Begründung, ich sei nicht geeignet für diese Gemeinschaft und ich hätte noch nicht verstanden, dass dies hier eine Therapiegemeinschaft und keine Arbeitsgemeinschaft sei. Ich würde zu viel arbeiten, heißt es, und ich werde wieder für fünf Wochen in die Küchenarbeit eingeteilt. Dann gibt es wieder Apfelstrudel und frisch gepressten Orangensaft, den nur ich mache und den sie alle gerne mögen. Ich sei in „Wartestand auf Versetzung“ gestellt und sie wollen mir eine andere Therapiegemeinschaft suchen, erklärt mir meine Betreuerin. An der Selbsthilfegruppe muss ich jedoch trotzdem teilnehmen und auch am Abend im Fernsehraum dabei sein. „Soll das ein Ausschluss sein? Ich habe doch nichts Schlimmes angestellt?“, frage ich. „Nein, das ist nur ein Wechsel der Struktur“, bekomme ich ohne weitere Diskussion zur Antwort. Am darauffolgenden Tag gibt es ein schreckliches Gewitter. Hagelkugeln, so groß wie Pflaumen, treiben ihr Spiel. Das habe ich in meinem Leben nie gesehen. Der ganze Garten ist zerstört. Es wird schon alles so sein müssen, denke ich mir. 

Eine Katzenmutter lockt ihre zwei niedlichen Kätzchen unterhalb meines Zimmerfensters hervor. Wir haben mindestens zehn wilde Katzen, die wir mit Essensresten aus der Küche füttern. Kaum eine von ihnen lässt sich streicheln, alle sind scheu. Eine der Betreuerinnen ist Katzenliebhaberin, deshalb werden hier die ganzen Katzen geduldet, daher auch die Aufschrift an der Bürotür: „In diesem Haus sind wir alle nervös, auch die Katze.“


„Es gibt immer eine Verräterin.”

Ab 7. Juli wird mir auch verboten, die Kinder zu betreuen, wenn ihre Mütter bei den Gesprächen sind. Der Grund: Eine der Mütter hätte mir anscheinend eine Zigarette gegeben, weil ich zu ihr gesagt haben soll, ich würde ihr dafür auf ihr Kind schauen. Das erzählte sie den Betreuern. „Für dich sind die Kinder eine Ware und das ist sehr schlimm! Verstehst du nicht, was du da gemacht hast?!“, versucht mir eine der Betreuerinnen zu erklären. Regeln übertreten und verraten ist hier Gang und Gäbe. Ich verbringe die Freizeit jetzt mit Tageszeitung lesen, die wir zum Glück bekommen. 

Ab 12. August bekommen wir alle Fernsehverbot für insgesamt drei Monate. Bis dahin durften wir um 13 Uhr und um 20 Uhr nur die Nachrichten auf Canale 5 und zwei- oder dreimal die Woche einen Film schauen. Jemand hatte sich länger als vorgeschrieben im Fernsehraum aufgehalten und wir müssten einander auf die Regeln aufmerksam machen, wenn auch mal kein Betreuer in der Nähe ist. Eine Verräterin gibt es immer wieder. Ab jetzt müssen wir um halb 10 im Bett sein. Die tollen Gespräche mit der lieben Nachtfrau fallen aus.

Der in der Sommerhitze verdorrte Garten wird mir wieder überlassen, niemand sonst ist daran interessiert. Ich hege und pflege ihn wieder mit Freude und finde dort Zerstreuung. Bei der Selbsthilfegruppe geben sie uns die Aufgabe, eine „Schuldliste“ zu schreiben, gemeint sind dabei geheime Übertretungen von Regeln. Das erinnert mich an die Beichtzettel in meiner Volksschulzeit. Ich schreibe: „Ich habe im Garten eine kleine Tomate gegessen“, denn außerhalb der gemeinsamen Mahlzeiten dürften wir nichts essen. Die Equipe fühlt sich bei diesem Satz an der Nase rumgeführt. Darauf werden mir für eine Woche die Telefonate nach Hause gesperrt, der Besuch meiner Tochter und Freundin für das kommende Wochenende gestrichen und ich muss eine neue „Schuldliste“ schreiben.

Der Geburtstag meiner Kinder

Für Ende August male ich zwei Bilder für meine Kinder zum Geburtstag. Zum Verschicken frage ich meine Betreuerin um ein passendes Kuvert. „Das musst du selbst schauen!“, gibt sie mir kurz gebunden zur Antwort. Ich frage die Nachtfrau und gleich am nächsten Abend bringt sie eines mit und gibt es im Büro für mich ab. Eine Betreuerin schickt mich zur anderen, bis schließlich die Equipe die Erlaubnis erteilt, dass ich dieses Kuvert haben darf. In der Zwischenzeit bastle ich selbst ein Kuvert, denn hier werde ich wirklich alt, bis ich etwas erreiche, denke ich mir. Ich will das fertige Paket meiner Betreuerin geben, damit sie es auf die Post bringen könnte und sage ihr: „ Ich brauche das andere Kuvert nicht mehr.“ Das gefällt ihr ganz und gar nicht. Sie weist das Paket ab, geht für drei Wochen in Urlaub und meine Post ist für diese Zeit stillgelegt. „Die Nachtfrau hätte nicht wissen dürfen, dass du ein Kuvert brauchst!“, sagt sie zu mir. Ach, der haben wir doch immer alles erzählt und sie hat uns doch immer alles gebracht. Ist das wieder eine neue Regel?, frage ich mich. Ich fühle mich nur noch schikaniert. Der Geburtstag meiner Kinder ist ihnen wohl auch egal. Normalerweise regt mich nichts so schnell auf, aber so etwas ärgert mich richtig, sodass ich gleich am liebsten freiwillig ins Gefängnis zurück möchte, wo zumindest die Post funktioniert. Bestrafen für nix und wieder nix! Schon oft haben sie durchklingen lassen, ich könnte ruhig ins Gefängnis zurück, wenn es mir hier nicht gefällt und ich sei nicht gezwungen hierzubleiben. Das hat für mich alles keinen Sinn mehr! Ich beruhige mich mit der Gewissheit, dass sie mir eine andere Therapiegemeinschaft suchen. Hier ist sowieso alles schief gelaufen. Das Klavier des Pfarrers ist seit Weihnachten in einem Raum eingesperrt, ich durfte nie mehr drauf spielen, obwohl ich öfters schriftlich und mündlich angefragt habe. Warum sie das tun, verstehe ich nicht. Musik hat mich mein Leben lang begleitet und keiner kann mir sagen, dass sie mir schaden könnte. Ich sehne mich so nach Musik.

Der heiße Sommer geht vorbei. Zum Zahnarzt müsste ich auch schon seit über einem Jahr. Sie schaffen es einfach nicht, mich dorthin zu bringen. Einmal fehlt das Ansuchen auf dem Gericht, dann haben die Betreuer keine Zeit mich hinzubegleiten, oder es geht sonst irgendetwas schief. „Mach dir keine Sorgen. Du musst lernen zu warten“ heißt es immer wieder. Ich bekomme schreckliche Zahnschmerzen, verweigere die Schmerzmittel, die sie mir geben wollen, und bestehe auf einen Privatzahnarzt. Wo bleibt mein Recht auf Gesundheit?! Als ich früher Drogen konsumierte, ließ ich mir die Zähne trotzdem stets behandeln. Muss ich hier den ersten Zahn meines Lebens verlieren?! Das kann es nicht sein! 

Auf nach Rimini? Zurück ins Gefängnis?

Am 27. November werde ich zu einem Gespräch mit zwei Leuten von San Patrignano, einer Arbeitstherapiegemeinschaft bei Rimini, gerufen. Sie wollen mich dorthin schicken. Ein älterer Herr und eine ältere Dame erwarten mich im Versammlungsraum. „Das ganze Therapieprogramm dauert bei uns vier Jahre oder mehr. Es gibt Arbeiten wie Weinbau, Käserei, Rinder-und Pferdehaltung, Handarbeiten usw. Jeder wird irgendwo eingeteilt unter 1.800 Ex-Drogenabhängigen. Du hast keine Ausgaben, verdienst aber auch nichts bis am Ende der Therapie. Die Schlafzimmer sind für bis zu zehn Personen. Für das erste Jahr darfst du keinen Kontakt mit der Außenwelt haben, auch nicht mit deiner Familie, keinen Besuch, keine Post, keine Telefonate … “ erklären sie mir. Unser Gespräch dauert ziemlich lange, aber ich sage ihnen gleich: „So schön das klingt, …das ist genau das Gegenteil von dem, was ich möchte, das ist kein Platz für mich. Ich wollte näher an zu Hause sein, so bald als möglich eine bezahlte Arbeit haben, mehr Kontakt zu meinen Leuten pflegen und daran unter 1.800 Ex-Drogenabhängigen zu leben, habe ich auch überhaupt kein Interesse.“ Meine Betreuerin der klinischen Phase wird ganz nervös, als sie das hört: „Wenn du das nicht akzeptierst, dann musst du ins Gefängnis zurück!“, erklingt gleich ihre strenge Stimme. Ich bin innerlich ruhig und antworte entschieden: „Das ist traurig, das tut mir leid, aber San Patrignano ist nicht der Platz für mich! Ich will da nicht hin! Wenn ich keine andere Alternative habe, gehe ich lieber ins Gefängnis zurück!“ Sie ist ganz aufgebracht, so wie ich sie noch nie erlebt habe. Sie scheint die Macht über mich zu verlieren. Warum regt sie sich auf, was hat sie, das ist doch meine Entscheidung, denke ich mir. Sie bringt mich nicht aus der Ruhe. Zehn Tage hoffe ich noch, dass es doch einen anderen Platz für mich gibt. Die Verantwortliche meint: „Wir werden schon sehen. Ich würde dich auch als Angestellte hier behalten, aber das darf ich nicht. Ich weiß, du machst jede Arbeit und alles ordentlich von Anfang bis Ende und man kann es nicht besser machen …“

Am 7. Dezember ist es doch soweit. Die Carabinieri holen mich ab. „Pack deine Sachen und geh! Nicht zurückschauen!“, sage ich zu mir selbst. Der Abschied ist für mich kurz und schmerzlos. Ich bin froh, diesen Lebensabschnitt der Vergangenheit zu übergeben. Ich bedanke mich bei den Betreuern. „Kopf hoch, es wird alles gut gehen!“, sage ich den Frauen, die mir ans Herz gewachsen sind. Sie tun mir leid und die lieben Kinder werde ich nie vergessen. Während der Fahrt runter von den Apenninenhügeln wird mir ganz leicht. In der Carabinieri-Kaserne bekomme ich einen Kaffee angeboten und ich darf zu Hause anrufen und meinen Leuten Bescheid sagen. Die Menschlichkeit tut mir so wohl. Wir unterhalten uns auch ganz nett auf der Fahrt. Unterwegs gibt es einen Zwischenhalt auf der Quästur. Meine Fingerabdrücke sollen wieder abgenommen werden. Ein Agent hantiert mit einer Rolle in einer schwarzen, dickflüssigen Farbe. Es ist wohl eine veraltete Methode. Auf meinen gesamten Handflächen walzt er die weiche Masse. Die Abdrücke sind auf Papier, die Farbe lässt sich kaum abwaschen und die Fahrt geht bald weiter. Mit verschmierten Händen, die mich an einen Mechaniker erinnern, komme ich im Gefängnis an. Zelle, ich bin bereit für dich, um in Ruhe allen meinen Brieffreunden von 15 Monaten zu erzählen. 

Von Agnes S.

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Eingesperrt

Agnes S. wurde wegen Drogenhandels zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Untergebracht war sie im Gefängnis „Dozza" in Bologna – fernab von ihrem Zuhause und ihrer Familie in Südtirol. Heute lebt sie wieder in Freiheit und erzählt von ihren Erlebnissen und Erfahrungen hinter Gittern.

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