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Interview mit Tristan Horx

Wie wird die Zukunft?

Tristan Horx ist Zukunftsforscher. Im Interview gibt er einen Einblick in seine Arbeit, erläutert seine Ansichten zur gegenwärtigen Situation und macht Mut für die Zukunft.

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Tristan Horx

Bild: Tristan Horx, www.tristan-horx.com / Foto: Klaus Vyhnalek, www.vyhnalek.com

Was macht denn ein Zukunftsforscher genau? Können Sie uns Ihre Arbeit kurz beschreiben?
Es ist immer ein bisschen schwierig, das zu erklären. Ich bin natürlich nicht allein mit dieser Tätigkeit, sondern habe ein Institut hinter mir, das Zukunftsinstitut, dessen Sprachrohr ich bin. Aber grundsätzlich kann man sich das so vorstellen, dass es für mich im Jahr zweimal sich wiederholende Phasen gibt. Einmal gibt es eine Unterwegs-sein-Zeit auf Veranstaltungen usw., das ist die Wanderprediger-Zeit, in der ich Themen über die Zukunft mit anderen teile. Dann gibt es den intensiv forschenden Teil, in dem ich eine Menge Statistiken begutachte und schaue, wie sich Trends in letzter Zeit verändert haben und wie sie sich sehr wahrscheinlich in Zukunft weiterentwickeln werden. Also eine Zeit lang forschen, eine Zeit lang vortragen – und diese Zeiten wechseln sich ab. Das hat den Vorteil, dass ich Thesen, die ich generiere, immer auch mit dem Zukunftsinstitut gegenprüfen oder mir von ihnen Zahlen, Daten, Fakten holen lassen kann. Darüber hinaus habe ich ein paar eigene Themen wie Generationen, Arbeit, Digitalisierung, um die ich mich kümmere.

Legen wir den Fokus auf die Gegenwart. Man hat den Eindruck, dass wir im Zeitalter von Krisen leben: Corona, Ukraine-Krieg, Klimawandel, Energiekrise, Teuerungswelle etc. Was macht dieses Szenario vor allem mit den jüngeren Generationen?
Sie wachsen jetzt natürlich in unsicheren Zeiten auf. Meine Generation, die Millennials, hat noch das Ende des Wirtschaftsaufschwungs der Nachkriegszeit erlebt. Um die Jahrtausendwende ging‘s den Jüngeren noch ziemlich gut, sie haben noch diesen anfänglichen digitalen Aufschwung erlebt. Aber die Generation Z, also nun gerade die Jüngsten, erlebt diese Krisen in für sie sehr prägenden Zeiten. Da entsteht natürlich ein größeres Sicherheitsbedürfnis. Das führt in dieser Generation gelegentlich zu gewissen Rebellionstendenzen, die ich immer sehr unterstütze, weil sich sonst ja auch nicht viel ändert. Es besteht immer dieser Kontrast zwischen der oft altersbedingten Machtlosigkeit und den stürmischen Zeiten sowie der langsamen Änderung der Systeme. Dass es dabei zu Verdruss und Frustrationen kommt, ist ganz normal, da muss man dann auf die Straße gehen. Aber das finde ich gut, das ist ein gesellschaftlich anerkannter und konstruktiver Lösungsweg. Das wird oft vergessen.

 Man darf nicht vergessen, dass Fridays for Future am Ende gewonnen hat.

Dazu fällt mir die Fridays-for-Future-Bewegung ein. Gibt es noch weitere Bewegungen, die hier zu erwähnen wären?
Da war auch die Black-Lives-Matter-Bewegung, die größte in Menschenzahlen gemessene Protestbewegung. Es wird gelegentlich unterschätzt, wie schnell man in digitalen Zeiten an diese physische Menge von Menschen kommt, die man braucht, damit man sich global vernetzen kann. Die Generation Z ist ja eine kleine Generationenkohorte, aber sie nutzt die digitalen Technologien und kann dadurch relativ schnell so einen großen Moment entwickeln. Das ist schon sehr beeindruckend. Man darf nicht vergessen, dass Fridays for Future am Ende gewonnen hat. Es traut sich heute kein Unternehmen, kein Politiker mehr, nicht mehr darüber zu sprechen. Das ist schon sehr enorm geworden. Man muss die Siege auch mal benennen.

Wenn ich an meine Kindheit und Jugend denke, so war die Bedrohung eines Atomkrieges sehr real. Hat also jede Generation ihre „eigenen“ Krisen? Was unterscheidet die heutige Situation von früheren?
Die älteren Generationen mussten ihre Krisen nicht am Live-Ticker mitverfolgen. Natürlich ist ein großer Teil der gefühlten Krisen, die Sie vorhin aufgezählt haben, auch eine Wahrnehmungsfrage. Daran sind auch die Journalist*innen mit schuld. Wenn man Nachrichten liest, geht ja jeden Tag die Welt unter. Insofern: Wie sollen es die jüngeren Generationen besser wissen? Das ist die Aufgabe von Informationskuratierung. Dass im Netz und den Sozialen Medien nur Schrott steht, das wissen wir mittlerweile alle, aber dass jetzt auch in den gesicherten Medien immer mehr Angst kreiert wird, das prägt natürlich das Bild.

Unter diesem Gesichtspunkt erscheint das von Ihnen vorher erwähnte erhöhte Sicherheitsbedürfnis der jüngeren Generation sehr nachvollziehbar. Man muss mit dieser vermittelten ständigen Krisenhaftigkeit ja auch erst mal umgehen lernen.
Ja, es ist eigentlich auch schade, weil es momentan nicht so schlimm ist, wie es uns ständig suggeriert wird. Die wahren Bedrohungen unserer Zeit – also ich sag‘s mal so: Eine völlige nukleare Zerstörung war in den 80er Jahren wesentlich wahrscheinlicher als jetzt. Wir haben im Moment schon eine schwierige Zeit, aber sie ist nicht so schwierig, wie sie uns erscheint. Das liegt einfach an den Medien und dem Informationskonsum heutzutage. Wenn in Zeiten vor dem Internet ein Warlord in einem Dorf Minderheiten getötet hat, dann hat man das einmal in irgendeiner Seitenmeldung in der Zeitung gelesen. Heute hingegen können Sie das am Live-Ticker mitverfolgen. Es ist also eine Mischung aus beidem: Es ist eine Übergangszeit zwischen Industriezeitalter und Informationszeitalter – und das tut halt auch weh. Aber ich glaube, dass die jetzige Wahrnehmung einer völligen Apokalypse eher eine Wahrnehmungsfrage ist.

Man hat ja eh Verständnis, dass nicht alles „Friede, Freude, Eierkuchen“ ist, aber wenn man das Gefühl hat, dass man gar nicht gehört wird, dann muss man auf die Straße. 

Krisen zu erleben und mit ihnen umgehen zu lernen, stellt eine wichtige Entwicklungsaufgabe dar. Etwas wodurch man gestärkt hervorgehen kann.
Es hat ja auch jede Generation ihre Krise(n) gehabt. Das ist gut für die Entwicklung, denn Krisen zu durchleben, macht resilient. Ohne Krisen durchzumachen, wächst man nicht als Mensch, das gehört dazu. Aber es ist ein bisschen frustrierend, wenn es Krisen sind, auf die man keinen Einfluss hat. Das fühlen die Jüngeren ja auch gerade. Unsere Machtstrukturen sind nicht sehr demokratisch. Realpolitisch interessiert sich niemand für die jüngeren Generationen, weil die Wählerkohorte zu klein und zu divers ist. Es ist extrem anstrengend für Marketing – und Politik muss natürlich auch Marketing und Zielgruppenanalyse machen – sich so extrem diverse Gruppen anzuschauen. Die Differenzierung der jüngeren Generation durch die Kleinheit der Kohorte führt dazu, dass sie politisch uninteressant ist. Sie fühlt sich nicht gehört und somit wird’s problematisch. Wenn man das Gefühl hat „Ja, wir haben zwar nicht mehr viel Zeit, aber die Schlauen und Mächtigen arbeiten daran, auch für uns“, dann passt das. Man hat ja eh Verständnis, dass nicht alles „Friede, Freude, Eierkuchen“ ist, aber wenn man das Gefühl hat, dass man gar nicht gehört wird, dann muss man auf die Straße. Das funktioniert ja dann.

„Resilienz“ ist als Begriff gerade sehr en vogue. Können Sie uns mehr dazu sagen?
Es ist eine Verkennung zu denken, Resilienz bedeutet keine Krisen zu haben, also Krisenvermeidung im Sinn von „Wir mögen keine Krisen“. Resilienz bedeutet aber Krisen lieben zu lernen, sie zu durchleben und sie als Chance für Wachstum zu erkennen. Ein resilientes System ist eines, das sich an Krisen anpasst, sich mit ihnen bewegt. Je länger man keine Krise hat, desto krisenanfälliger wird man ja auch, desto eher haut sie einen komplett über den Haufen. Insofern ist Resilienz nicht das Vermeiden von Krisen, sondern das Umgehenlernen, das sich schon „Freuen auf die Krise“.

Als Zukunftsforscher ist Ihr Blick in die Zukunft gerichtet. Was können Sie uns über die Zukunft verraten? Wohin geht denn die Reise?
Das ist die große Frage! Ganz schnell kann man sagen, es geht nicht in die Apokalypse. Tatsächlich glaube ich, dass uns auf der anderen Seite dieser doch sehr turbulenten Zeiten, die ich immer als Übergang zwischen Industriezeitalter und Informationszeitalter sehe, eine tolle Welt blüht. Eine Menge, was wir mit Lebensglück assoziieren, hängt mit Arbeit und Leben zusammen und hier wird sich einiges zum Besseren wenden. Die Diskussionen z.B., ob man ins Homeoffice darf, Fachkräftemangel usw. – hier wird in den nächsten fünf bis zehn Jahren alles endlich besser werden, weil gerade eine neue Epoche anfängt. Das kann durchaus als etwas Spannendes gesehen werden. Endlich geht es mal in Richtung Zukunft! Aber Übergänge – und in einem solchen befinden wir uns gerade – tun eben auch sehr weh. Im Rückblick wird man das auch so sehen, dass das jetzt eine Übergangszeit war, in der viele gesellschaftliche Verträge – Generationsverträge – neu verhandelt werden müssen. Aber das gehört zur Zukunft dazu.

Ich bin davon überzeugt, dass wir nicht wieder in diese regressiven, nationalistischen Tendenzen zurückrutschen, die uns ja in der nicht allzu fernen Vergangenheit schon fast die Welt zerstört haben.

Wird die Frage nach dem Sinn des Lebens also mehr in den Fokus rücken?
Das ist die ewige Menschheitsfrage. Jetzt, wo es die Religion nicht mehr bringt, um Antworten auf diese Frage zu liefern, werden wir sie früher oder später in der Arbeit finden. In dem Sinn, was sie für die Gesellschaft und für unsere Umwelt tut.

Folgenden Satz haben Sie kürzlich bei einem Vortrag erwähnt: „Heute wird man als Individuum geboren und sucht seine Gemeinschaft, früher war das umgekehrt.“ Das ist ein interessanter Ansatz.
Es ist sehr schwer gegen den Individualisten, der wir großteils sind, auch zu rebellieren. Die Differenzierung fällt gar nicht so einfach. Zusätzlich muss man auch festhalten, dass sich gerade die jüngeren Generationen immer einsamer fühlen und sie das statistisch auch sind. Die Suche nach Gemeinschaft ist hier ein guter Weg, um zu heilen. Die älteren Generationen wurden in eher kollektivistische Haushalte geboren. Im deutschsprachigen Raum muss man nicht groß ausführen, was der Kollektivismus in seiner zugespitzten Form auch angerichtet hat. Nun hat man schon das Privileg der Individualisierung in der Gesellschaft und so dreht sich dieser Trend wieder. Historisch kann man das wunderbar sehen, seit jeher gibt es das ewige Pendel, das zwischen Individualisierung und Kollektivismus hin- und zurückschlägt. Wir waren gerade an der Spitze der Individualisierung und jetzt geht das Pendel langsam wieder in die andere Richtung. Das gehört dazu, auch weil in Krisenzeiten der Individualismus wieder in den Hintergrund rutscht. Also bewegt sich das Pendel gerade wieder in die andere Richtung. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir nicht wieder in diese regressiven, nationalistischen Tendenzen zurückrutschen, die uns ja in der nicht allzu fernen Vergangenheit schon fast die Welt zerstört haben.

Blicken Sie positiv in die Zukunft?
Ja. Man kann es aus zwei Blickwinkeln sehen: Man kann die gute alte österreichische Variante nehmen und sagen „Es kann eh nur besser werden“, das ist dann Zwangsoptimismus. Oder man ordnet es einfach historisch ein. Also die Zukunft wird zwar nicht genau gleich, wie das, was in der Vergangenheit passiert ist, aber das reimt sich schon sehr wohl. Ich weigere mich auch an diesen negativen Zukunftsaussichten mitzumachen, weil die Schmerzen, die wir gerade erleiden müssen, dürfen nicht umsonst gewesen sein. Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Christine Kriwak

Dieser Text erschien erstmals in der Zeitschrift “zum Beispiel” (Nr. 4/2022), Beiträge zur Jugendarbeit in Südtirol und Tirol.

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