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Weihnachten hinter Gittern

Auch die Weihnachtszeit kann den Alltag in der Zelle nicht erheitern. Im Gegenteil. Und vom Anwalt gibt’s zu Neujahr nur schlechte Nachrichten.

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Das Bild hat Agnes S. während ihrer Haft am 21. Dezember 2009 gemalt.
 

Bild: Agnes S.

Am 1. Advent werde ich von Verona wieder nach Bologna transferiert. Der Arzt lässt mich gleich rufen, um nach meinem Befinden zu fragen. Es tut mir gut, mit ihm zu reden, ich brauche aber keine Medikamente. Die schwere Atmosphäre dieses Ortes legt sich wieder über mich. Heuer in der Adventszeit nicht zu Hause sein, ohne Familie, ohne Musik, Weihnachten im Gefängnis … Oh nein, bitte nicht, lieber Herrgott, bitte lass mich nach Hause gehen, bitte, bitte! Ich bin kein Gefängnismensch, hier klingt alles so grausig und kalt! Ach, beruhige dich, sage ich mir, das nützt nichts, raff dich auf, jeder muss sein Kreuz tragen, das ist jetzt deines! 

Die meiste Zeit muss ich in der Zelle verbringen, immer neben demselben Menschen in einem Raum von elf Quadratmetern samt Bad. Nicht mal mit einem Geliebten möchte ich so eng zusammenleben. Unser Fenster schaut nach Norden, ich sehe keine Sonne und keinen Mond. Jede Gelegenheit ergreife ich, um der Platzangst zu entgehen und der Zelle zu entkommen. Eineinhalb Stunden am Nachmittag gehe ich meistens alleine in den Hof, weil’s den anderen zu kalt ist. Zweimal am Tag benutze ich die Dusche, dort ist auch unser Waschraum, wo ich den anderen „Hochsicherheitsfrauen“ begegne und die unglaublichsten Geschichten erfahre. Wir müssen die Wäsche mit der Hand waschen. Von Arbeiten, Kursen und der Sonntagsmesse sind wir auch ausgeschlossen. Ab und zu dürfen wir in die Bibliothek, wo es Bücher in allen Sprachen gibt, außer in Deutsch. Meine Zellnachbarin geht kaum aus der Zelle, nur wenn ihr Mann sie besucht, der ihr Kekse bringt und ihre Wäsche wäscht. Sie braucht Tag und Nacht den Fernseher, um sich abzulenken, und will zu den anderen Inhaftierten keinen Kontakt haben. Ich verstehe mich gut mit ihr, obwohl mir der Fernseher besonders in der Früh beim Aufstehen wirklich gestohlen bleiben könnte. Sie nimmt Rücksicht auf mein schlechtes Italienisch und hilft mir wo’s geht. 

Der Alltag in der Zelle

Um sieben Uhr in der Früh bringen sie uns warmen Kaffee oder Schwarztee, um 11 Uhr Weißbrot und etwas Obst, um 12 Uhr Mittag- und um 18 Uhr Abendessen. Jeder muss in seiner Zelle speisen. Morgens und abends kommt eine freundliche Krankenpflegerin mit einem quietschenden Rollwagen von Zelle zu Zelle und bringt die ganzen Medikamente, die hier geschluckt werden.

Jeder Morgen beginnt mit einer schrecklichen Unruhe in den Abteilungen. Der Flur lässt zudem alle Töne widerhallen: das Auf- und Zusperren und Zuschlagen der schweren Eisentüren, Fernseher kreuz und quer, Stimmen von Inhaftierten und Aufseherinnen gemischt: Wer will in die Dusche? ...acht …sieben … Zellennummern und Namen schreien sie durch die Gänge ... Wer in den Hof? …Malkurs! …einen Moment …bitte Gas! …einen Moment! …danke… Besuch usw. So geht es Tag für Tag. Oh Gott, was höre ich da, spinne ich? Ein Baby schreit, es ist eine Mutter mit ihrem Kind inhaftiert worden. Mir fällt das Lied ein: „Wie viele Tage auf dieser Welt, sind Tage voll Tränen und Leid …“. Mir fehlt die Musik so sehr. 

Am 12. Dezember um 4 Uhr in der Früh werden wir plötzlich alle aus dem Schlaf gerissen. Es klingt wie ein Heer von Aufsehern, Schritte, Geräusche und Geflüster, alle Zellen werden im Eiltempo aufgesperrt. „Alle mitkommen in den kleinen Saal!“, wird befohlen, „die Hochsicherheitsfrauen in den Duschraum!“ Eine Generaldurchsuchung mit Hunden wird durchgeführt. Nach zwei Stunden schicken sie uns wieder in die Zellen zurück, wo alle Kleider aus den Schränken und alle anderen Gegenstände durcheinander geworfen sind. Dreimal am Tag werden die Fenstergitter in jeder Zelle mit einem Eisenstab abgeklopft, um die Sicherheit zu prüfen. Im Männergefängnis nebenan machen sie das nur einmal pro Woche. Dort sind tausend Häftlinge auf vierhundert vorgesehenen Plätzen eingesperrt. 

Weihnachten naht. Um die Zeit nicht totzuschlagen, bastle ich aus Papier kleine Weihnachtsbäumchen und Baumschmuck aus Zigarettensilberpapier und allerlei Abfall. Mitte Dezember schneit es ganz leicht. Ich mag Schnee sehr gerne und betrachte im Hof alleine die fallenden Flocken, während meine Kindheitserinnerungen erwachen. Es ist der einzige Ort, wo ich der Unruhe entkomme. 

Eine Woche lang sind wir ohne Heizung, dafür bekommen wir endlich eine warme, sogar neue Decke, die nach Schafwolle riecht. Diese erinnert mich an Oma, wie sie zu Hause selbst Wolle wusch, spann und daraus Socken und Decken strickte. 

„Du sollst ihnen verzeihen.“

An einem Nachmittag kommt eine Wärterin und sagt: „Der Kaplan ist hier, wer möchte zur Beichte gehen?“ Mit dem Hintergedanken, wieder aus der Zelle rauszukommen, und in der Hoffnung, mit ihm nur ein Gespräch zu führen, melde ich mich gleich. Ich habe seit der Volksschule nicht mehr gebeichtet. Die Treppen runter werde ich in eine leere, jedoch ruhige Kapelle mit vergitterten Fenstern gebracht. Ich erzähle dem Franziskanerpater von meiner Anklage, dann von meiner Volksschulzeit, als ich hilflos und schockiert miterlebte, wie uns ein Lehrer und der Pfarrer bei den Haaren gerissen und geschlagen haben. Einigen meiner Mitschüler, die nur schwache Leistungen erbrachten, erging es sehr schlecht, so dass sie in der Früh schon weinend zur Schule kamen. Keiner traute sich, sich zu wehren und jemandem davon zu erzählen. Durch diese jahrelangen Demütigungen und Gewalterfahrungen hatte ich lange Zeit ein gestörtes Verhältnis zur Kirche. Nach einem kurzen Schweigen sagt der Pater zu mir: „Du sollst ihnen verzeihen.“ Ich bin sprachlos.

Er schenkt mir ein Büchlein mit dem Lukasevangelium in sechs Sprachen, darunter auch in Deutsch. Wir reden dann über Kirchenmusik und er zeigt mir ein altes kleines Harmonium. Er möchte jeden Freitag für uns „Hochsicherheitsfrauen“ auch eine Messe zelebrieren und ich könnte dazu ein wenig Musik machen. Wie toll! Begeistert kehre ich in meine Abteilung zurück, wo mich gleich die eifersüchtige Afrikanerin anspricht: „Was hast du denn gemacht, wie lange hast du denn gebeichtet?“ Ich erwidere: „Sein langer Bart war so weich und unter seinem Kittel war’s warm.“ Mit den „Hochsicherheitsfrauen“ komme ich recht gut aus, wir scherzen auch manchmal. Unter ihnen ist eine Anwältin aus Palermo, eine sehr nette Frau, Mutter von zwei Kindern, sie ist schon ein paar Jahre gesessen und hat insgesamt zwölf Jahre bekommen. Mir gruselt. 

Weihnachten und weißer Reis

Wir alle wünschen uns zu Weihnachten nur die Freiheit. Am Weihnachtsabend gibt es keine Geschenke und zum Essen gibt es weißen Reis mit gedünstetem Mangold. Meine Zellnachbarin regt sich auf: „Das gibt’s ja nicht, mir reicht’s jetzt, immer weißen Reis, unmöglich …!“ Ich verstehe sie gut und empfinde das auch als eine Provokation. Die Köchinnen sind selbst Inhaftierte, müssen aber kochen, was ihnen vorgeschrieben wird. Die Zellnachbarin schneidet ihren selbst gekauften Panettone an, macht dazu einen Kamillentee und lädt mich ein. Wir sitzen auf unseren Betten, wünschen uns frohe Weihnachten, schauen fern und erzählen uns von unseren Lieben zu Hause.

Am Stephanstag spucke ich das Methadon aus, das mir verschrieben wurde, verweigere schriftlich jede weitere Therapie, auch das Antibiotikum für meine Wirbelsäule, das mir die Ärzte seit August verschrieben haben. Der Gefängnisarzt sagt mir später: „Das haben Sie gut gemacht.“ So möchte ich in das Neue Jahr gehen! Tage mit weiterer Abstinenz, Schwäche und totaler Krankheit folgen, ich schaffe es kaum zu sitzen, aber ich weiß, es wird gehen und es muss gehen. Nach den Feiertagen kommt Post von Zuhause, die mir auch wieder Kraft und Mut gibt.

Schlechte Nachrichten

Es ist bald Silvester, kein besonderer Tag bis um Mitternacht, da knallt es von draußen unaufhörlich und man sieht ein riesiges Feuerwerk durch die Fenster. Es klingt fast unheimlich, so als würden die Mauern gesprengt. Aber am nächsten Tag stehen sie alle noch. Alle Fernseher werden aufgedreht, ein wahnsinniger Radau entsteht, mit Glückwünschen gemischt. In der Abteilung B nebenan werfen sie alles, was durch die Türöffnung schlüpft, aus den Zellen, wofür es am nächsten Tag Strafe gibt.
Die Tage des neuen Jahres verbringe ich mit viel schreiben. 

Am fünften Jänner …oh nein …ein Brief vom Anwalt …er könne nichts für meine Freilassung tun. Etwa wohl deswegen, weil ich ihm nichts bezahlen kann? Darf ich nicht erst einmal vor Gericht aussagen, um mich gegen die Vorwürfe zu wehren, die erhoben wurden? Erneut steigen Niedergeschlagenheit und Verlassenheit in mir auf. Mit Gewalt muss ich mich aus dem Absturz reißen, so aussichtslos alles scheint.

Von Agnes S.

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Eingesperrt

Agnes S. wurde wegen Drogenhandels zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Untergebracht war sie im Gefängnis „Dozza" in Bologna – fernab von ihrem Zuhause und ihrer Familie in Südtirol. Heute lebt sie wieder in Freiheit und erzählt von ihren Erlebnissen und Erfahrungen hinter Gittern.

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