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Interview mit Regisseur Christian Mair

Wege(n) der Liebe

Christian Mair inszeniert beim Theaterprojekt „Wege(n) der Liebe – Love in Südtirol“ die Liebesgeschichten von Südtirolerinnen und Südtirolern. Was steckt dahinter?

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Bild: Vereinigte Bühnen Bozen

Christian Mair besuchte in Bruneck die Schauspielschule und studierte dann Regie in Stuttgart. Er ist hauptberuflich Regisseur, steht aber auch als Schauspieler selbst auf der Bühne. Mair arbeitet seit 2007 vorwiegend in Südtirol, auch im Amateurbereich wie bei den Freilichtspielen in Völs. Bei den Vereinigten Bühnen Bozen inszeniert er die Liebesgeschichten von Südtirolerinnen und Südtiroler.

Was bedeutet für dich Liebe?
Es ist das höchste aller Gefühle: Wer das Glück hat, Liebe zu empfinden, zu geben und zu bekommen, kann sich glücklich schätzen. Ohne Liebe lebt es sich traurig, man kann auf vieles verzichten, auch auf Geld, doch richtig weiter bringt dich nur die Liebe. Bei unserem Stück ist die Definition von Liebe weit gefasst und es kommen viele Facetten hinzu, die man eigentlich nicht erwartet, die aber genauso liebenswürdig sind.

Welche Arten von Liebe gibt es und welche kommen in dem Stück vor?
Die klassische Art ist sicherlich die Partnerschaft, ein Bedürfnis, das jeder Mensch hat. In der Familie gibt es dann noch die Eltern-, Geschwister- und Kinderliebe. Die Liebe zu Freunden kann einem Halt geben. Bei unserem Stück kommt auch die Liebe einer Teilnehmerin zu ihrem Hund vor, die als bedingungslos beschrieben wird. Ich war fasziniert von diesem Fall, aber auch vom ganzen Projekt, in dem wir uns auf die Suche gemacht haben, Liebe und Glück zu finden. Ein anderer Teilnehmer empfindet Liebe zum Schreiben und zur Musik, er nimmt sie als therapeutisch wahr.

Gibt es Glück ohne Liebe?
Es gibt beides getrennt. Doch beide Gefühle zusammen bedeuten wirklich glücklich zu sein. Liebe bringt Glück hervor. Sie potenziert alles.

Bild: Vereinigte Bühnen Bozen


Wir leben in einer schnelllebigen Zeit, die von Wettbewerb, Konkurrenz und Egoismus beherrscht ist. Verlernen wir Menschen das Lieben?
Vor diesem Projekt teilte ich ein wenig diese Meinung. Vor allem dachte ich, dass die partnerschaftliche Liebe schneller wieder vergeht, dass Menschen nicht mehr im Stande sind, lange Beziehungen zu führen. Durch die Zusammenarbeit mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurde mir bewusst, dass das nicht stimmt. Liebe ist für die allermeisten eine bleibende Sache, auch nach einer Trennung. Im Stück haben sich Ex-Partnerinnen und -Partner nach 15 Jahren Trennung wiedergefunden. Ein jüngerer Teilnehmer wünscht sich zu heiraten, die damit verbundenen Werte sind auch bei jungen Menschen durchaus erstrebenswert.

Wege(n) der Liebe ist ein Wortspiel. Was hat es damit auf sich?
Wege der Liebe meint: Wo hat uns die Liebe hingebracht? Welchen Weg hat die Liebe zurückgelegt, sei es als geographische Entfernung als auch als innere Prozesse? Was haben Menschen aufgrund der Liebe alles gemacht oder empfunden, was haben sie alles dafür aufgegeben oder bekommen.   

Wird im Stück das Thema Liebe auch literarisch und philosophisch verarbeitet?
Es werden beide Dinge behandelt. Im Endeffekt kommt heraus, dass über dieses Thema keine endgültige Gewissheit herrscht und es viele Standpunkte gibt. Wir haben einen Text von Orianna Fallaci, der die Selbstliebe behandelt. Philosophische Texte behandeln einerseits die Ablehnung, andererseits die Bestätigung von Liebe.

Welche Geschichten über die Liebe inszenierst du in deinem Stück?
Zunächst einmal sind die Geschichten alle authentisch, sie wurden so erlebt. Ich würde es nicht als Stück bezeichnen, sondern eher als ein Theaterprojekt. Es handelt von den Geschichten, die sehr viel Wahrheit und nur ein bisschen Fiktion beinhalten. Die Geschichten der Darstllerinnen und Darsteller werden literarisch und musikalisch begleitet. Es ist nämlich so, dass eine fiktive Hochzeit gefeiert wird. Dies ist auch der Grund, warum wir das Stück in Gasthäusern aufführen und nicht im Theater. Das Stück hat lustige, traurige, berührende, glückliche Momente. Was ich noch verraten kann, ist, dass das Brautpaar nicht auftauchen wird. Es ist wie bei „Warten auf Godot“, es wird zwar permanent über sie geredet, doch sie erscheinen nicht. Die Zuschauer warten auf das Fest der Liebe und stellen dann fest, dass die Liebe schon da ist.

Bild: Vereinigte Bühnen Bozen

Wie hast du diese Geschichten verarbeitet?
Zuallererst mit viel Respekt. Das erwarte ich mir auch von allen Mitwirkenden. Ich bewerte die einzelnen Geschichten nicht, muss sie aber irgendwie in Relation setzen. Für mich hatte der ganze Prozess des Geschichtenverbindens etwas Therapeutisches. In vielen Geschichten erkennt man sich wieder, weil man Ähnliches erlebt hat.

Wie kommen die Mitwirkenden zur Geltung?
Sie bringen sich mit ihren Stärken ein, wobei zum Beispiel Poetry Slammerinnen oder Slammer und Sängerinnen und Sänger dabei sind. Ich habe versucht, ihre Stärken zur Umrahmung des Ganzen zu verwenden. Es ist zwar nur ein Teil ihres Lebens, doch es hilft ihnen, ihre Geschichte zu offenbaren.

Waren sie aktiv am Schaffensprozess beteiligt oder waren sie eher passiv?
Wir haben im April das erste Treffen abgehalten, wo ich das ganze Projekt erklärt habe. Dann habe ich jede*n, die oder der mitmachen wollte, an ihrem Lieblingsplatz getroffen. Dort habe ich mir Gedanken gemacht, welche Ausschnitte wichtig sein könnten und wie man sie mit denen der anderen Mitwirkenden verknüpfen könnte. Am ersten Probetag waren sie alle sehr aktiv, was ihren Beitrag anlangt. Wichtig ist, dass sie sich wohl fühlen, was den Inhalt betrifft, aber auch die Art und Weise, wie dieser erarbeitet wird. Wir haben einen Tango, die Rezitation eines Gedichtes oder ein Lied eingebaut, immer auf ihre Initiative.

Mein Wunsch ist es auch, dass am Ende alle mittanzen. Es soll ja eine Feier der Liebe sein.

Warum findet das Stück in einem Gasthaus statt?
Ich glaube, dass es ein zusätzlicher Reiz ist, mal ganz was anderes zu erleben, weg vom klassischen Theater. Es wird ein intimer Abend werden. Es werden maximal 50 Zuschauerinnen und Zuschauer anwesend sein können. Spannend wird auch sein, nicht zu wissen, wer die Darstellerinnen und Darsteller sind, denn sie sitzen mitten im Publikum. Es ist wie ein Flashmob aufgebaut. Sie interagieren dann im Laufe des Stücks auch mit dem Publikum, das aufgefordert ist mitzumachen. Mein Wunsch ist es auch, dass am Ende alle mittanzen. Es soll ja eine Feier der Liebe sein.

Was nehmen die Zuschauerinnen und Zuschauer mit nach Hause?
Die Liebe. Durch die Liebesgeschichten erfahren sie Liebe, ich schätze sie werden angeregt, über dieses Thema nachzudenken. Auch die literarischen Momente werden sie wortwörtlich mitnehmen, da jeder Zuschauer und jede Zuschauerin ein Gedicht geschenkt bekommt.

Es sind traurige und lustige Geschichten…
Das Wichtigste im Theater ist, dass die Leute nachdenken. Ob sie jetzt eine Komödie oder Tragödie gesehen haben, tut nichts zur Sache. Die empfundenen Emotionen ermöglichen es in einem weiteren Moment, darüber nachzudenken. Als Regisseur möchte ich Gefühle schaffen, besonders in diesem Stück.   

 

TERMINE:

Freitag 27.05.2022 Beginn: 20 Uhr Ort: Weißes Rössl Bozen

Samstag 28.05.2022 Beginn: 20 Uhr Ort: Weißes Rössl Bozen

Sonntag 29.05.2022 Beginn: 18 Uhr Ort: Stanglerhof Völs

  

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