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Interview mit Medienexpertin

Strategien gegen Online-Wut

Medienexpertin Liriam Sponholz erklärt, was Hass im Netz ausmacht und warum Gesetze allein wenig bewirken können.

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Bild: iAmMrRob on Pixabay

Liriam Sponholz ist Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin und arbeitet am DeZIM-Institut (Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung) in Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Medienkonflikte, insbesondere Hatespeech in sozialen Medien. Wie genau sich Hass im Netz manifestiert und wie sich Menschen dagegen wehren können, erläutert sie im Gespräch mit Barfuss.

Wie würden Sie Hass im Netz definieren?
Liriam Sponholz: Hass im Netz umfasst verschiedene Formen von Fehlverhalten, die in der Onlinekommunikation vorkommen. Das reicht von Verschwörungstheorien über Hass gegen Frauen bis hin zu Hatespeech. Letzteres ist eine besondere Form von Hass im Netz, und richtet sich gegen kollektive Eigenschaften wie Herkunft, Ethnie oder Religion.

Wie erkennt man Hass im Netz?
Zuerst am Inhalt, wenn wir beispielsweise einen Kommentar lesen, der besonders beleidigend oder anstiftend ist. Auch Beschimpfungen und Drohungen fallen darunter. Eine weitere Form von Hass im Netzt besteht darin, Interaktionsfunktionen auf Sozialen Medien zu verwenden, um Personen zu schaden. Ein Beispiel dafür sind sogenannte „dislikes raids“ oder „hate raids“: Jemand postet ein Video über Flüchtlinge und bekommt innerhalb kürzester Zeit eine große Anzahl von dislikes. Auch „Hashtagaktivismus“ fällt darunter, wenn beispielsweise unter einem Hashtag wie #banislam islamophobe und rassistische Posts gesammelt und verbreitet werden.

Ist Hass im Netz ein neues Phänomen?
Als Forschende sind wir erst vor ca. 12 Jahren darauf aufmerksam geworden, da wir zu Beginn begeistert waren vor dem Potential der sozialen Medien. Erinnert sei an den Arabischen Frühling oder die Occupy-Bewegung, die sich dank sozialer Medien verbreiten konnten. Die Politik sah in Facebook und Co. vor allem ein Mobilisierungspotential und einen Anstoß für Emanzipationsbewegungen. Damit rief man aber auch andere politische Akteure auf den Plan.. Man denke an den rechtspopulistischen Berater Steve Bannon. In diesem Sinn wurde Mobilisierung auch durch Hetze zu einem Thema.      

Dr. Liriam Sponholz

Bild: Privat

Fällt Hass im Netz unter die Meinungsfreiheit?
Die allermeisten Fälle sind juristisch irrelevant. Nur die heftigsten Fälle sind juristisch relevant, wie beispielsweise ein Aufruf zu Gewalt. Das ist aber gut und wird auch so bleiben, sonst würde man die Meinungsfreiheit gefährden. Das bedeutet aber nicht, dass das, was legal ist, auch harmlos ist. Wir brauchen neben juristischen auch anderen Strategien, um gegen Hass im Netz vorzugehen. 

Welche Strategien gibt es noch, um Hass im Netz vorzubeugen?
Zuerst müssen wir verstehen, worum es geht: Handelt es sich bei denjenigen, der postet, überhaupt um einen Menschen oder könnte es ein social bot sein? Geht es um eine koordinierte Aktion von Überzeugungstätern? Oder handelt es sich einfach um einzelne aufbrausende User? Letzterem kann man laut aktuellen Studien vorbeugen, indem ein Trigger davorgesetzt wird, der informiert, dass bestimmte Handlungen verletzend sind. Zum Beispiel: „Achtung: Ihr Kommentar kann Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe beleidigen“. Man setzt also auf Empathie. Im Falle von Überzeugungstätern funktioniert das nicht. Diese würden ihre Äußerung einfach umformulieren, um z.B. ihre rassistischen Ideen zu posten.

Wie gehen diese Plattformen bisher mit Hass im Netz um?
Solche Plattformen verdienen ihr Geld mit unseren Daten, die sie wiederum aus unseren Interaktionen gewinnen. Hass im Netz beflügelt diese Interaktionen immens. Für die jeweilige Plattform bedeutet Hatespeech also ein gutes Geschäft. In letzter Zeit sind sie in der Öffentlichkeit aber stark unter Druck geraten. Die Plattformen dürfen aber nicht allein entscheiden, wie sie gegen Hass im Netz vorgehen. . Das wäre willkürlich und gefährdet die Meinungsfreiheit.

Ist die gefühlte Anonymität der Nutzer der Hauptgrund für Hass im Netz?
Nein. Die Vorstellung, dass Anonymität Hass im Netz triggert, beruht auf der Idee, dass nur unbekannte Personen Hass im Netz verbreiten. Das ist nicht der Fall. Um Leute zu mobilisieren, benötige ich Medienkapital. Dies ist beispielsweise gegeben, wenn ich ein Prominenter bin. Viele, die im Netz hetzen, stehen in der Öffentlichkeit und tun das mit vollem Namen und Foto.

Postet ein Hater etwas, dann sollte man nicht mit einer Antwort auf ihn reagieren, sondern mit einer unterstützenden Botschaft für die Betroffenen.

Welche Maßnahmen kann der Gesetzgeber ergreifen, um Hass im Netz einzudämmen?
Gesetze allein werden das Ganze nicht lösen, denn das Recht ist sehr unflexibel und hinkt den digitalen Entwicklungen hinterher. Es werden Kriterien benötigt, die kollektiv definiert werden. Forschung, Zivilgesellschaft, digitale Plattformen und Gesetzgeber müssen dem zusammen entgegenwirken. Die Zivilgesellschaft ist ja direkt betroffen, wird am schnellsten auf Hass im Netz aufmerksam und könnte daher am schnellsten dagegen vorgehen. Wir brauchen auch die Forschung, weil sie beobachtet, ob das, was gemacht wurde, nützlich ist. Sie ist sozusagen der letzte Prüfstein.

Wie sollte die Zivilgesellschaft auf Hass im Netz reagieren?
Postet ein Hater etwas, dann sollte man nicht mit einer Antwort auf ihn reagieren, sondern mit einer unterstützenden Botschaft für die Betroffenen. Wenn man auf Hassnarrative reagiert, bestärkt man sie. Stattdessen sollte man sie melden oder ein anderes Narrativ in Form eines anderen Posts anbieten. Ein gelungenes Beispiel hierfür ist die Verwendung des Hashtags #proudboys – in Anspielung auf den Namen einer rechtsgerichteten Gruppierung  – durch gleichgeschlechtliche Paare. 

Wird Hass im Netz weiter zunehmen?
Ich denke, dass Hass im Netz vor allem auf den großen Social-Media-Plattformen geringer werden wird, doch er wird streuen. Hatespeech wird zudem durch verschiedene Strategien schwerer zu erkennen sein. Zum Beispiel: Um die automatisierte Wort-Erkennung zu umgehen, wird von „Migratten“ gesprochen, einer Wortkombination aus Migranten und Ratten. Oder Rechte Gruppierungen posten Bilder auf Instagram ohne Minderheiten direkt zu beschimpfen, indem sie verbreiten, wie toll und schön es sei, weiß zu sein. Auf den ersten Blick ist Hatespeech hier für die Nutzer selbst nicht zu erkennen.

 

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