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Interview mit Familientherapeutin

Stop MomShaming!

Besserwisserei, ungebetene Ratschläge und Kritik sind Schattenseiten einer Mutterschaft. Familientherapeutin Katharina Pommer fordert mehr Sensibilität.

Mom shaming

Bild: Unsplash

„Du stillst immer noch?“ „Langsam könnte dein Kind aber schon alleine schlafen!“ „Du isst Salami während der Schwangerschaft!?“ So lauten einige der Kommentare, mit denen Mütter Tag für Tag konfrontiert werden. Katharina Pommer erlebte selbst Situationen, in denen ihre mütterliche Kompetenz angezweifelt wurde. In Ihrem Buch „Stop MomShaming!“ thematisiert die Familientherapeutin und fünffache Mutter das in der Gesellschaft verankerte Mobbing gegen Mütter.

Katharina, was genau ist MomShaming?

Der Begriff des MomShaming oder auch MomBashing beschreibt eine Form des Mütter-Mobbings, bei dem Frauen einem Umfeld ausgesetzt sind, in welchem permanent ihre Fähigkeit als Mütter hinterfragt wird. Das beginnt bereits in der Schwangerschaft mit Kommentare wie: Ernähr dich mal gesünder! Du machst immer noch Sport? Wieso Kaiserschnitt? Wieso stillst du nicht? Wieso gehst du das Risiko einer Hausgeburt ein? usw. Jede psychisch gesunde Mama hat die natürliche Kompetenz zu wissen, was gut für ihr Kind ist. Besonders deutlich wird dieses Bashing auch bei Kindern, die auf die schiefe Bahn geraten. Schnell fallen Kommentare, dass die Mutter am Versagen der Kinder Schuld sei, weil in der Erziehung etwas nicht geklappt hat. Die Frage lautet eher selten: Was ist mit den Vätern? Gibt’s einen Papa?

Gab es einen konkreten Anlass für dein Buch zum Mütter-Mobbing?

Viele meiner Patientinnen, Freunde, Bekannte und auch ich selbst haben MomShaming erfahren. Ich habe mich vermehrt psychotherapeutisch dem Thema genähert und mich in der Persönlichkeitsentwicklung fortgebildet. Meine Recherchen zeigen, dass besonders auf dem Land die Schattenseite einer Mutterschaft noch immer ein Tabuthema darstellt. Das Klischee der guten Mutter als Hausfrau und Erzieherin, die Halbtags auch noch arbeiten geht, ist in unseren Köpfen verankert. Diese Erwartungen an die Frau als Mutter, gekoppelt mit permanent gesellschaftlicher Ablehnung, ist sehr befremdlich. So habe ich mich entschlossen ein Buch über all das zu schreiben mit einer klaren Botschaft: Stop MomShaming!

Welche Erfahrungen hast du im Bereich MomShaming gemacht?

Das waren viele, besonders während meiner ersten Schwangerschaft! Der Schwachsinn, dass die Qualität der Mutterschaft vom Alter abhängt, ist weit verbreitet. Als ich mit 18 Mama wurde, musste ich mir ganz viel harsche Kritik anhören, ob ich überhaupt in der Lage sei, ein Kind zu erziehen. Ich ging damals noch zur Schule und dort gab es Eltern, die ihren Kindern verboten haben, mit mir als Teenie-Mutter Kontakt zu haben. Plötzlich befand ich mich am Rande der Gesellschaft und musste die Vorfreude auf mein Kind mit totaler gesellschaftlicher Ablehnung teilen. Immer wurde mir gesagt, das sei das Ende meines Lebens.      

Familientherapeutin Katharina Pommer

Bild: Michael Goldenbaum
   

Wer betreibt MomShaming?

Alle. MomShaming finden wir sowohl strukturell als auch individuell in der Gesellschaft verankert, besonders aber bei Müttern. Natürlich gibt es solidarische Mütter, die sich gegenseitig unterstützen. Aber es gibt einen genau so hohen Anteil an Müttern, die beurteilen, vergleichen und alles hinterfragen: Warum schläft dein Kind noch mit im Bett? Also, mein Kind schläft schon durch usw. Diese Art von Kommunikation baut psychologisch betrachtet enormen Druck auf, weil sich Mütter in Vergleich und Konkurrenz setzen. Dabei hinterfragen Mütter schnell ihre eigene Kompetenz und fühlen sich minderwertig.

Was sind die Folgen von Mütter-Mobbing?

MomShaming hat erhebliche Auswirkungen auf die Mutter-Kind-Beziehung und auf den Selbstwert der Mütter. Viele Frauen, gerade alleinerziehende Mütter erfahren Ablehnung aufgrund ihres Beziehungsstatus oder Kinderanzahl in der Arbeitswelt. Arbeitgeber*innen dürfen eigentlich gar nicht fragen, wie viele Kinder die künftige Arbeitnehmerin hat oder ob sie plant, schwanger zu werden, und trotzdem sind das die typischen Fragen in Bewerbungsgesprächen. Diese strukturelle Ablehnung gegenüber Müttern auf der einen Seite, gemeinsam mit den Erwartungen der Gesellschaft an die Frau als Mutter auf der anderen Seite, führen zu massiven psychischen Belastungen.

Wird MomShaming von der Gesellschaft als Problem wahrgenommen?

Nein. MomShaming ist mittlerweile akzeptiert, und wird gar nicht mehr bemerkt oder hinterfragt. Sogar Mütter selbst nehmen das Shaming und die Konsequenzen für sie selbst meist gar nicht mehr wahr. Viele Frauen fühlen sich schon faul, wenn sie einmal „nur“ zwei bis drei Stunden die Zweisamkeit mit ihrem Baby genießen und stillen. Es baut sich in ihnen ein Druck auf, dass sie jetzt mal wieder was tun müssen. Die Sensibilität für Mutterschaft ist total verloren gegangen.

Welche Rolle spielt dabei Social Media?

Social Media und die sogenannte Generation Influencer betreibt massives MomShaming. So viele Influencer-Mütter präsentieren sich auf Social Media mit ihren perfekt angezogenen Kindern, sind dabei immer perfekt gestylt und haben bereits wenige Wochen nach der Geburt ihr Normalgewicht wieder erreicht. Mütter, die überfordert in ihrer Jogginghose vor einem Wäscheberg zuhause sitzen und das sehen, schlussfolgern logischerweise, dass sie die größten Versagerinnen sind. Es wäre wichtig, dass Influencerinnen ihre Verantwortung in diesem Bereich erkennen und mehr Realität der Kindererziehung auf Social Media preisgeben und da gehören Überforderungen und Chaos dazu.

Was können wir gegen MomShaming unternehmen?

Der erste Schritt zur Veränderung ist die Bewusstmachung des MomShamings in der Gesellschaft. Es müssen Räume geschaffen werden, in denen ohne Beurteilungen Probleme und Sorgen von Müttern Gehör finden. Auch das Arbeitsfeld benötigt mehr Sensibilität für Mütter. Es darf nicht sein, dass Chefs als erstes „Oh mein Gott“ rufen, wenn Angestellte schwanger werden.

Wie sieht das alles in Zeiten von Corona aus?

Bewusstmachung findet de facto nicht statt. Es ist für mich unbegreiflich, dass in jeder Berichterstattung und in jeden Talkshows durchgehend von Impfstoffen und neuen Mutationen die Rede ist, aber kaum jemand über die Elternschaft spricht. Eltern sein, bedeutet während Corona eine unglaublich psychische Belastung, besonders für Mütter. Es wurde nachgewiesen, dass sich in erster Linie Mütter, obwohl sie Home Office haben, um die Schulbildung der Kinder sorgen. Das ist eine enorme Doppelbelastung. Dass hier sehr wenig bis kaum finanzieller Ausgleich stattfindet und nicht einmal eine Debatte darüber zustande kommen, ist für mich eine unfassbare Form des MomShamings.

Welchen Stellenwert hat die Mutterschaft in unserer Gesellschaft?

Keinen hohen, zumindest keinen, der mit Sensibilität zu tun hat. Die Entscheidung fürs Kind, geht bei Frauen mit Opfern einher. Sie verlieren Karrierechancen usw. Die natürliche Schlussfolgerung daraus, nämlich, dass viele Frauen keine Kinder mehr wollen, sehen wir in den drastisch sinkenden Geburtenraten. Viele haben das Gefühl einen zu großen Teil ihres eigenen Lebens opfern zu müssen. Die gesellschaftliche Struktur bietet Frauen einfach keinen Raum um zu sagen, ich setzte ein Kind in die Welt. Natürlich ist es selbstverständlich, dass sich Eltern um ihre Kinder kümmern müssen, aber die Umstände haben Eltern und besonders Mütter an die Wand gedrückt.

Gäbe es strukturelle Lösungsvorschläge?

Die Politik muss sich beginnen zu fragen, wie die Mutterschaft in der Gesellschaft mehr unterstützt werden kann. Die Politik muss Familien einfach finanziell mit Elterngeld mehr unterstützen. Ich sage, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen in den ersten drei Jahren der Mutterschaft gar nicht in Frage gestellt werden sollte. Zunächst müssen aber Räume geschaffen werden, in denen über die Gefühle der Mütter gesprochen wird.

Gibt es ein ähnliches Phänomen für Nicht-Mütter oder für Väter?

Definitiv. Frauen, die sich entscheiden keine Kinder zu bekommen, müssen sich immer noch anhören, dass sie egoistisch seien oder irgendwas mit ihnen nicht stimmen könne. Genauso betroffen sind auch Väter, die um ihre Rolle in der Erziehung kämpfen müssen und dabei oft hinterfragt werden. Es ist falsch zu behaupten, dass Männer weniger gut erziehen können. Im Buch führe ich zahlreiche Studien an, die belegen, dass sich Männer genauso gut um Kinder sorgen können, wie Mütter. Im Nervensystem des Gehirns werden bei Vätern oder homosexuellen Paaren, Hormone ausgeschüttet, welche dieselben Bedürfnis-Intuitionen für Kinder entwickeln, die auch Mütter haben. Männer befinden sich in einer extremen Krise, weil sie auf keine Vorbilder der Vaterschaft zurückgreifen können. In meinem neuen Buch „Vom Umtausch ausgeschlossen“, das im Herbst rauskommt, wird auch das DadShaming thematisiert.

 

Teresa Putzer

Träumerin, Crazy Cat Lady und Feministin. Schusselig, aber liebenswert. Liebt Konzerte, Horrorfilme und politische Diskussionen.
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