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The Others

Stolen Generation II

Der Kinderraub an Aborigines-Familien geht bis heute weiter. Unter dem Vorwand der "Vernachlässigung" werden indigene Kinder in Pflegeheime gesteckt.

Kutcha Edwards

Musiker Kutcha Edwards gehört zur Stolen Generation. Hier erzählt er seine Geschichte

Bild: David Redfearn on Flickr

16.000 Aborigines-Kinder sind noch immer in australischen Pflegeeinrichtungen „untergebracht“. Das sind ein Drittel der Pflegekinder im staatlichen Betreuungssystem. Die Aborigines stellen aber nur drei Prozent der Bevölkerung.

Padraic Gibson von der Forschungsgruppe in Jumbunna im Indigenen Bildungszentrum der Technischen Universität von Sydney erhebt schwere Vorwürfe gegen den australischen Staat. Seine Vorwürfe dokumentiert Gibson mit Aussagen von Betroffenen.

Nie wurden mehr Aboriginal-Kinder aus ihren Familien genommen als heutzutage, wirft Gibson dem Staat vor. Die Begründung ist meist „Vernachlässigung“. Die Armut in den Aboriginal-Gemeinschaften ist jedoch die Folge der staatlichen Politik, die Aborigines über Generationen hinweg zu vernachlässigen und systematisch zu diskriminieren.

Kinder werden ihren Müttern weggenommen, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind. Viele der Frauenhäuser wurden wegen gekürzter staatlicher Mittel geschlossen. Kinder werden aus überfüllten Wohnhäusern oder von obdachlosen Eltern fortgeholt, die Regierung  weigert sich aber uneinsichtig, neue Häuser zu bauen. Manche Aborigine werden sogar aus ihren Gemeinden ausgesiedelt. „Termination“, die weitere Zerstörung der indigenen Gesellschaft. Viele der mittellosen Aboriginal-Eltern können sich gerichtlich nicht gegen Vorwürfe wehren, die gegen sie erhoben werden.

Die folgenden beiden Aussagen stammen von Aboriginal-Frauen – von Pedraic Gibson und seinem Team befragt  - aus dem Northern Territory:

Hartnäckig gekämpft

Meine Kinder wurden mir im März 2014 vom NT Department of Children and Families (Ministerium für Kinder und Familien/DCF) weggenommen und erst nach acht Monaten in meine Obhut zurückgegeben. Die Vorwürfe gegen uns wurden nie gerichtlich untersucht. Ich habe schließlich meine Kinder zurückbekommen, nachdem das DCF seinen Versuch zurückgezogen hatte, mir das Sorgerecht für zwei Jahre zu entziehen. Angestellte des DCF hatten die Gesundheit meiner Kinder in Frage gestellt. Meine zwei Jahre alte Tochter sei untergewichtig. Nachdem mir die Kinder weggenommen worden waren, konnte ich mit einem ärztlichen Gutachten nachweisen, dass die Anschuldigungen absolut falsch waren. Das DCF wollte das Gutachten nicht akzeptieren, obwohl die Behörde selbst keines für ihre Anschuldigungen vorweisen konnte.

Die Polizei kam ohne jegliche Vorwarnung mit den Leuten vom DCF zu mir und wollte meine zweijährige Tochter mitnehmen. Als ich mit ihnen diskutieren wollte, bedrohten sie mich mit Pfefferspray, das sie auf mein Gesicht richteten, während ich meine Tochter auf dem Arm hielt. An das „beste Interesse des Kindes“ hat an diesem Tag niemand gedacht. Meine Tochter weinte, als man sie mir wegnahm. Zwei meiner anderen Kinder wurden von der Schule weggeholt – ohne meine Genehmigung, ohne mein Wissen. Die Zeit ohne meine Kinder war für meine Familie traumatisch. Sie waren in einer Fürsorgeeinrichtung, deren Personal im Schichtdienst arbeitete. In dieser ganzen Zeit hatten meine Kinder mehr als 30 verschiedene Betreuer. Der Kontakt zu meinen Kindern war stark eingeschränkt und fand nur unter Überwachung statt. Ich wurde wie eine Kriminelle behandelt.

Die Polizei kam ohne jegliche Vorwarnung mit den Leuten vom DCF zu mir und wollte meine zweijährige Tochter mitnehmen. Als ich mit ihnen diskutieren wollte, bedrohten sie mich mit Pfefferspray.

Das DCF wollte erreichen, dass mir meine Kinder zwei Jahre lang entzogen werden. Die Anhörung wurde erst sechs Monate nach dem Kindesentzug angesetzt. Erst dann hatte ich die Möglichkeit, meine Sicht der Dinge vor einem Amtsrichter zu schildern. Zum Glück hatte ich einen guten Anwalt, der nach anderen Wegen suchte. Ich glaube, wenn ich mit meinen Anwälten bei der Aboriginal-Rechtshilfe (ALS) nicht so hartnäckig gewesen wäre, hätten sie mich nicht so gut vertreten. Anfangs schlugen sie mir vor, dass ich meine Kinder am ehesten wieder zurückbekomme, wenn ich mit der Behörde zusammenarbeite und ihre Anweisungen befolge. Aber ich habe verlangt, dass die Rechtshilfe diese Anweisungen anficht.

Die Behörde bekämpfte unseren Versuch, die Kinder bei meiner Familie unterzubringen, während wir auf die Anhörung vor Gericht warteten. Meine Schwester ist Grundschullehrerin und sie war bereit, die Kinder aufzunehmen. Aber die Behörde weigerte sich und bestand darauf, dass die Kinder bei der Fürsorge bleiben sollten. Nach einem gescheiterten Mediationsverfahren ordnete der Amtsrichter dann glücklicherweise an, dass die Kinder bis zur Anhörung bei meiner Schwester bleiben konnten. Letztlich beschloss das DCF, die Anschuldigungen gegen mich fallenzulassen. Nun sind meine Kinder wieder bei mir.

Ich glaube, dass meine Familie nur deshalb Opfer des DCF wurde, weil wir Aboriginal People sind. Während meiner Verhandlungen mit der Behörde kam ich zu dem Schluss, dass die Beamten dort arrogant, verlogen und rassistisch sind. Sie waren mehr daran interessiert, ihre falschen Entscheidungen zu rechtfertigen und ihre Fehler zu vertuschen als daran, meiner Familie zu helfen.

Die Geschichte der Stolen Generation wiederholt sich. Jeden Tag erleiden Aboriginal-Familien das, was auch ich durchgemacht habe. Diese armen Familien tun mir leid. Sie haben das Gefühl, dass sie sich nirgendwohin wenden können, dass niemand ihnen hilft. Manche fangen an zu trinken, weil sie sich so hilflos fühlen. Sie sind Opfer, genau wie ich.

Ein Denkmal der “Stolen Generation” in Queensland. Trotz offizieller Entschuldigung der australischen Regierung ist der Kindesraub für viele Aborigines-Familien heute noch Realität.

Lizenz: CC by-sa (bearbeitet)
Bild: Creative Commons

Ungeignete Eltern?

Ich bin eine Warlpiri-Großmutter, die sich um zwei ihrer Enkel gekümmert hat, bis sie mir 2013 vom DCF weggenommen wurden. Ich habe mich zusammen mit meinem Mann bereits um die beiden gekümmert, als sie noch Babys waren.

Eines Tages kam ich nach Hause. Meine Enkelin war sehr verzweifelt. Sie erklärte mir in meiner Sprache, dass „die weißen Leute die Kinder aus der Schule fortgeholt“ hätten.

Nicht allen Aboriginal-Kindern ist es vergönnt, unbeschwert aufzuwachsen. Einige werden ihren Familien unter fadenscheinigen Gründen weggenommen, um sie in staatliche Betreuungseinrichtungen oder zu Pflegefamilien zu schicken. DCF-Mitarbeiter und Angestellte anderer Sozialdienste haben Beurteilungen über mich abgegeben, die ich widerlegen konnte. Sie haben sich gar nicht erst bemüht, uns zu verstehen. Sie wussten nicht, woher diese Kinder kommen, dass wir die Kinder lieben und uns um sie kümmern. So viele Sozialarbeiter, die sagten, dass sie mir helfen würden, schrieben lange Stellungnahmen für das Gericht, in denen sie behaupteten, dass ich nicht in der Lage bin, mich um meine Kinder zu kümmern. Sie haben nie mit mir selbst gesprochen und auch nie einen Dolmetscher hinzugezogen, damit ich mich in meiner Muttersprache Warlpiri verständigen kann.

Eines der Kinder kam nach dem Tod der Eltern zu mir. Ich hatte ihnen vor ihrem Tod versprochen, dass ich mich um den Jungen kümmern werde. Er hatte jedoch Probleme damit, zur Toilette zu gehen, und das haben sie mir angelastet. Sie haben nicht verstanden, dass er schon sein ganzes Leben darunter leidet. Sie glauben, dass wir uns nicht genug um ihn kümmern. Sie glauben, dass wir ihn einschüchtern, aber er ist von Natur aus ein schüchterner kleiner Junge. Er hat den Tod seiner Eltern noch nicht verwunden. Ihn jetzt auch von uns wegzuholen, hat alles noch viel schlimmer für ihn gemacht.

Auch an der Schule begegnen Lehrer, von denen einige dieser Berichte stammen, unserer Familie mit Vorurteilen. Der Schuldirektor hat meinen Mann als „hoffnungslosen Fall“ beschrieben, obwohl er mehrere Kinder großgezogen und durch die Schule gebracht hat. Viele von ihnen sind heute erwachsen und haben selbst Kinder. Als ich diese Kinder großgezogen habe, hatte ich nie Probleme mit dem DCF. Die Behörde hat mir in der Vergangenheit sogar bestätigt, dass ich als Pflegemutter geeignet bin. Sie hat mir einen sechs Jahre alten, behinderten Jungen anvertraut. Ich habe diesen Jungen trotz vieler Herausforderungen erzogen, bis er ein junger Mann war.

DFC-Mitarbeiter verurteilen uns, weil wir Aboriginal People sind. Sie sagen, dass wenn Familienangehörige zu uns kommen, das Haus chaotisch sei und die Kinder deshalb keinen routinierten Tagesablauf hätten. Aber dieser Kontakt mit der Großfamilie ist wichtig für die Kinder. Sie lieben ihre Familie und sind jedes Mal glücklich, wenn sie sie sehen können. Es ist wichtig für die Identität von Warlpiri-Kindern, in einer Großfamilie aufzuwachsen.

Nachdem uns die Kinder weggenommen worden waren, waren sie in sieben verschiedenen Pflegestellen untergebracht. Das war natürlich unglaublich traumatisierend für sie. Sie haben geweint, als sie uns besuchten. Sie vermissen uns und wollen wieder bei uns leben, sagten sie. Sie haben uns auch erzählt, dass sie von ihren Betreuern geschlagen werden, dass sie hungrig sind und nicht genügend zu essen bekommen. Zudem haben die Betreuer von den Kindern verlangt, dass sie mich und meinen Partner nicht „Mutter und Vater“ nennen dürfen. Sie durften auch nicht über die Umstände in den Betreuungseinrichtungen sprechen.

Das Verbrechen der „Stolen Generation“ ist uns in der Vergangenheit schon einmal passiert. Nun passiert das alles wieder.

Es wurde niemand aus meinem Familienkreis oder aus der Warlpiri-Gemeinschaft bei der Entscheidung einbezogen, was mit den Kindern geschehen soll. Ihnen wird, so lange sie in der Obhut des DCF sind, der Zugang zu ihrer Kultur, Sprache, Familie und zu ihrem Land verwehrt.

Als ich versucht habe, einen Rechtsanwalt zu finden, hat mir niemand geholfen. Offizielle Stellen sagten mir, dass sie mir nicht helfen könnten, da ich sowieso keine Chance hätte. Ich bin glücklich, dass ein Freund mir einen guten Anwalt vermitteln konnte, der sich nun des Falls annimmt. Der Richter konnte gar nicht glauben, was der DFC meinen Kindern angetan hat. Es sieht jedenfalls gut aus, dass wir sie bald wiederbekommen.

Das Verbrechen der „Stolen Generation“ ist uns in der Vergangenheit schon einmal passiert. Kinder wurden unserer Gemeinschaft entrissen und kamen erst als Erwachsene zu uns zurück. Sie waren verloren. Sie konnten ihre Sprache nicht sprechen und kannten ihre Familie nicht mehr.

Nun passiert all das wieder. Wir wollen nicht, dass unsere Kinder bei nicht-indigenen Menschen leben. Wir wollen sie bei uns haben, sodass sie ihre Sprache sprechen und Liebe und Unterstützung von ihrer Großfamilie erfahren können.

 

Für mehr Infos:

Australien: Landrechte der Aborigines, von Theodor Rathgeber, Mai 2008 (gfbv.it)

Australien: Der Völkermord an den Aborigines, Mai 2008 (gfbv.it)

Die Ureinwohnerpolitik Australiens - nationales und internationales Recht (gfbv.de)

Face the facts: Aboriginal and Torres Strait Islander Peoples | Australian Human Rights Commission

 

 

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The Others

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In der kanadischen Provinz British Columbia wird auf dem Gelände einer ehemaligen katholischen Internat-Schule ein Massengrab entdeckt. Indigene Kinder wurden dort vergraben. Im Amazonas-Regenwald in Brasilien töten Covid und Goldsucher indigene Menschen. In Rojava in Nord-Syrien wehren sich Kurden gemeinsam mit Arabern und Aramäern gegen türkische und syrische Islamisten. Die Sami in Skandinavien, politisch unkorrekt Lappen, halten stur an ihrer Rentierhaltung fest. Es gibt eine andere Welt hinter den globalen Glitzer-Fassaden, die sich gegen das Plattmachen sträubt, Menschen die darauf beharren, eine eigenständige Existenz zu haben.

Ihre Geschichten tauchen nicht oder nur selten in den großen Medien auf.  Über diese Menschen spricht niemand oder kaum jemand. In der Reihe „The Others“ kommen jene zu Wort, die nicht gehört werden, die keine Stimme haben.

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