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Standhafte Bergbauern

Ein Besuch im Vinschger Bergdorf Matsch zeigt: Die heile Bergbauernwelt gibt es nur in Hochglanzbroschüren, die Realität ist wenig romantisch - Teil 1.

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Bild: Petra Schwienbacher
Kehre um Kehre schraubt sich das Auto nach oben. Rechts zieht die schneebedeckte Ortlergruppe an mir vorbei. Auf der linken Seite erblicke ich nichts als grüne Hänge, an denen hin und wieder ein Hof klebt. Ich schalte in den zweiten Gang, hetze weiter die Bergstraße hoch und passiere das Matscher Dorfzentrum mit seinen 470 Einwohnern. Die Straße wird zunehmend enger und steiler – ein besonderer Nervenkitzel, wenn entgegenkommende Autos und Traktoren knapp an mir vorbeibrettern. Vier Kilometer später erreiche ich mein Ziel: den auf 1700 Metern gelegenen Restiefhof. Das Rauschen des Baches ist das einzige Geräusch, das man hier oben noch hört. Schwarze Gewitterwolken hängen tief an diesem Sommertag und verdecken die Sicht auf die umliegende Bergwelt. Doch für trübe Stimmung sorgt am Restiefhof nicht nur das schlechte Wetter.
 
Harte Arbeit
 
Patrik Telser, der den Hof vor vier Jahren nach dem plötzlichen Tod seines Vaters übernommen hat, redet nicht lange um den heißen Brei herum: „Nur von der Berglandwirtschaft allein kann ich nicht leben.“ Deshalb arbeitet der 29-Jährige auch Vollzeit als LKW-Fahrer, während seine Lebensgefährtin Karin Rinner als Teilzeitkraft im Büro arbeitet sowie Haushalt und Erziehung der zweijährigen Tochter Hanna übernimmt. Wie bringt die Familie all das unter einen Hut? Die Antwort ist einfach und ernüchternd zugleich: durch harte Arbeit. Ein freies Wochenende gibt es nicht, die Kühe müssen gemolken, die Stallarbeit verrichtet und die acht Hektar Wiesen gemäht werden. Die Wiesen des Restiefhofes sind so steil, dass sie nur teilweise mit der Mähmaschine gemäht werden können. Bei der Stallarbeit hilft noch Patriks Mutter Irmgard mit.
 
Doch nach und nach will Patrik seine sieben Milchkühe verkaufen. „Die Berglandwirtschaft deckt bloß die Produktionskosten, davon kann ich aber nicht mein Haus abbezahlen oder meine Familie ernähren“, sagt der Landwirt. Mehr Kühe zu kaufen, um mehr Milch beim Milchhof abzuliefern und folglich mehr Geld zu bekommen, rentiere sich für Familie Telser nicht. „Dann müssten wir auch wieder mehr Heu und Futter aus dem Ausland kaufen“, wirft Patrik ein. Das Futter aus dem Ausland zu beziehen ist in der Südtiroler Landwirtschaft gängige Praxis, aus ökologischer Sicht steht diese Vorgangsweise aber im krassen Widerspruch zum Grundsatz der lokalen Kreisläufe. 
 
Zweimal arbeiten, einmal leben
 
So wie der Familie Telser geht es vielen Bergbauern in Südtirol. 70 Prozent der Bergbauern sind im Nebenerwerb tätig. Das heißt, sie haben neben der Landwirtschaft noch einen zweiten Job, damit sie über die Runden kommen. Und  der beansprucht oft mehr Zeit als der landwirtschaftliche Betrieb. Das Motto lautet: Zweimal arbeiten, um einmal zu leben. Deshalb hält es Karin Rinner, die junge Bäuerin vom Restiefhof, durchaus für möglich, dass manche Höfe im Zuge des Generationenwechsels aufgelassen werden: „Die alten eingesessenen Matscher Bauern halten noch an der Berglandwirtschaft fest. Die Jungen aber sehen, dass die Rechnung nicht mehr aufgeht.“ Wie konnte sich die Situation in der Südtiroler Berglandwirtschaft trotz all der EU- und Landessubventionen so zuspitzen?
Die Antwort auf diese Frage gibt es im zweiten Teil.

Oliver Kainz

ist im Vinschgau daheim und in der Welt zu Hause. Er findet Politik faszinierend und ist jederzeit für einen „Watter" im Gasthaus bereit.
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