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Interview zur Festival-Szene

Sommer, wird das noch was?

Alexander Hellweger und Simon Pircher haben Südtirols Festivalszene als Veranstalter über viele Jahre aufgebaut und mitgetragen. Was wird dieses Jahr möglich sein?

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Bild: Wingman Events

Alexander Hellweger ist beruflich als DJ und Event-Berater in Klubs und Lokalen in Südtirol unterwegs. Gleichzeitig ist er Geschäftsführer von Wingman Events, einer Veranstaltungsfirma für Großevents, wie das “Crazy Castle Festival” in Bruneck, “Love Electro” in Franzensfeste und das “Boom Festival” in Neumarkt. Die Gesellschaft organisiert und berät aber auch kleinere Events und ist als Agentur für Klubs und Veranstaltungen tätig.

Simon Pircher lebt und arbeitet seit beinahe zehn Jahren in Salzburg, konnte sich aber von der Event-Szene in Südtirol nie losreißen: Als Präsident des Jugendzentrums Jux in Lana ist er auch Veranstalter des “Open Air” Festivals in der Gaulschlucht, das er jährlich im Mai zusammen mit anderen Freiwilligen auf die Bühne bringt. Im Interview sprechen die beiden über Festivalsorgen und realistische Möglichkeiten für den Sommer 2021.

Das Crazy Castle Festival in Bruneck ist für vier- bis fünftausend Südtiroler fixer Bestandteil des Sommerprogramms. Der Sommer und die Festivalvorfreude rücken näher. Wie sieht die momentane Planung für 2021 aus?
Alexander: Das Line-Up steht, die Acts sind gebucht und teilweise auch bezahlt. Aufgrund der Pandemie kann das Festival aber in diesem Jahr wieder nicht stattfinden. Das Crazy Castle Festival lebt von seinem großen Format: fünf Bühnen, siebzig Künstler aus aller Welt, verschiedene Einlagen. Deshalb ist es nicht möglich, die Veranstaltung auf kleinere, einzelne Events herunterzubrechen; das würde dem Gefühl und der Philosophie des Festivals nicht gerecht werden. Es bleibt uns also nichts anderes übrig, als weiter abzuwarten. Trotzdem: Sobald es wieder möglich sein wird, sind wir vorbereitet, das Crazy Castle Festival auch tatsächlich steigen zu lassen.

Interview in Coronazeiten: Valentina Gianera im Gespräch mit Alexander Hellweger (links oben) und Simon Pircher (unten).

Bild: Valentina Gianera
Auf der Website des Open Air Gaul läuft der Ticker: Noch 2 Monate, 19 Tage und 5 Stunden. Rechnet ihr damit, das Festival auf die eine oder andere Weise über die Bühne zu bringen?
Simon: Der Countdown läuft zwar, das Festival wird im Mai aber nicht stattfinden können. Wir haben noch keine offizielle Absage verkündet, aber dass das Open Air Gaul auch in diesem Jahr nicht wie gewohnt veranstaltet werden kann, wird niemanden überraschen.


Es wird also alles abgeblasen?
Simon: Nein, wir arbeiten mit dem Jugendzentrum Lana an einer Kompensierung. Dieses verlegt im Sommer einen Teil des Programms in die Gaulschlucht: Akustikkonzerte, Kinoabende oder kulinarische Verköstigungen. Sollten die Sommermonate ähnlich verlaufen wie 2020, was wir zu hoffen wagen, könnten einzelne Festival-Acts bei kleineren Konzerten oder Veranstaltungen über den Sommer gestreut auftreten.

Schon im letzten Jahr wurde versucht, Alternativen zum klassischen Festival mit Zeltlager zu finden. Wingman Events hat beispielsweise ein Autofestival am Kronplatz organisiert. Wie kam das beim Publikum an?
Alexander: Ich war anfangs sehr skeptisch, dachte, das sei alles viel zu langweilig, ‘olls a Quatsch’: Die Leute kommen in kleinen Gruppen im Auto, dürfen nur aussteigen, um aufs Klo zu gehen und Getränke konnten wir auch keine verkaufen. Wir wollten aber nichts unversucht lassen, und es hat sich gelohnt: Die Stimmung war unglaublich! Die Gäste haben auf den Autodächern getanzt und sich singend aus dem Fenster gelehnt. Die Musik wurde über Radio Holiday direkt ins Auto übertragen, einige hatten sogar Musikanlagen dabei. Auf der gesamten Parkfläche war eine wahnsinnige Energie zu spüren! Auch für diesen Sommer ist etwas Ähnliches geplant.

Das Covid-sichere Format war also ein voller Erfolg?
Alexander: Was das Publikum anbelangt, auf jeden Fall! Finanziell war das Ganze eine Nullnummer, aber auch das war uns von Anfang an bewusst. Dass die Organisation aber so schwierig werden würde, hatten wir nicht erwartet.

Inwiefern?
Alexander: Jeder nur mögliche Stein wurde uns in den Weg gelegt. Security, Brandschutzdienst, Feuerwehr, Sicherheitsplan… Die zu erfüllenden Auflagen waren extrem hoch und die Organisation und Koordination zwischen den verschiedenen Ämtern unglaublich schwierig. Alles musste verschoben werden, die Bedingungen wurden im letzten Moment wieder abgeändert, das war das reine Chaos! Jetzt im Nachhinein kann ich das verstehen: Keiner wollte sich in einer so heiklen Situation aus dem Fenster lehnen und ein neues Format absegnen. Wir waren schließlich die ersten, die so ein Event planten. Am Ende haben sich der Brunecker Bürgermeister und Gemeinderat aber für uns eingesetzt: ‘Wir machen das jetzt und fertig’, hieß es.

Auf der gesamten Parkfläche war eine wahnsinnige Energie zu spüren!

Onlinefestivals, Radiomarathons… Anderswo wird in Formate investiert, die nicht auf ein Live-Publikum angewiesen sind. Könnte so etwas auch in Südtirol funktionieren?
Simon: Im Dezember gab es ein Onlinefestival “S.TREAM”, das vom Dachverband der Musikfestivals ‘South Tyrol Music Festivals’ organisiert wurde. Das war eine interessante Möglichkeit für Künstler und Zuschauer. Die Frage ist aber, ob die Südtiroler auch bereit sind, ein Ticket für einen Stream online zu kaufen. Beim Gaul Open Air haben wir uns dagegen entschieden, das Festival 2021 online zu streamen. Ich glaube, dass wir dafür weder das richtige Publikum noch die nötige Reichweite haben. Die Idee, einzelne Konzerte im Radio zu covern, könnte hingegen eine interessante Alternative sein. Das Medium erfährt im Moment einen super Aufschwung! Hier werden wir versuchen, etwas in Bewegung zu setzen.
Alexander: Die Online-Szene ist sehr kreativ! Selbst etwas auf die Beine zu stellen ist aber nicht einfach: Die entstehenden Kosten müssen teilweise zu 100 Prozent durch Eigenmittel gedeckt werden, und solche sind im Moment kaum vorhanden. Nichtsdestotrotz planen wir etwas in diese Richtung. Wie das Ganze aussehen soll, werden wir in Kürze verraten.

Open Air Gaul in Lana

Bild: Open Air Gaul

Während manche an alternativen Formaten basteln, veranstalten Festivalmacher in Bern indessen Corona-Massentests.
Simon: Bestimmt nicht ohne Hintergedanken! In Holland werden momentan Studien durchgeführt, bei denen das “Sich-in-ein-Festival-hineintesten” erprobt wird und vor meiner Haustüre in Salzburg gibt es ein “Test and Taste”: Take-away vom Restaurant und einen gratis Schnelltest dazu. Ich bin gespannt auf die Alternativen, die daraus entstehen könnten, und ob Verantwortliche bereit sein werden, solche Formate auf Basis von einzelnen Vorläufern gutzuheißen. Wir Südtiroler müssen die Augen offen halten!
Alexander: Da stimme ich zu. Realistisch gesehen wird auch 2022 ein Open Air Gaul oder ein Crazy Castle nicht so stattfinden können, wie wir es aus anderen Jahren gewohnt sind. Es wird Regelungen und Formate brauchen. Die Entscheidungsträger müssen hier mutig neue Wege einschlagen. Wir als Veranstalter und Experten auf dem Gebiet sind jederzeit bereit mitzuhelfen.

Gibt es öffentliche Unterstützungen für innovative, Covid-sichere Formate?
Alexander: Leider wird die Eventbranche oft als Klotz am Bein und nicht als kulturelles Gut betrachtet, hier braucht es einen Perspektivenwechsel. Künstlerische Förderungen gibt es keine. Die öffentlichen Gelder der Staats- und Landesförderungen sowie der Ausfallbeitrag, den das Land an Wingman Events zahlt, reichen höchstens dafür, die liegen gebliebenen Fixkosten abzuzahlen und irgendwie über die Runden zu kommen. Die Finanzierung von neuen Projekten ist damit absolut nicht möglich. Trotzdem sind wir dankbar für diese Unterstützungen und für die Entscheidungsträger, die sich für den Sektor einsetzen.
Simon: Mehr als finanzielle Unterstützung wünsche ich mir eine gewisse Planungssicherheit. So schwierig diese im Moment auch zu schaffen sein mag, wir können nicht ins Blaue hineinarbeiten.

Auf welcher Grundlage werden Entscheidungen im Moment getroffen?
Simon: Der Dachverband der Musikfestivals ist hier eine Stütze. Normalerweise tagt die Gruppe nur zweimal im Jahr, um Informationen auszutauschen und Events zu koordinieren. Jetzt finden regelmäßig Sitzungen statt. Letztens nahm der Landesrat für Kultur Philipp Achammer daran teil. Dabei wurde schnell klar, dass auch diesen Sommer nichts Großes organisiert werden kann. Achammer hat zudem davon abgeraten, finanzielle Verpflichtungen einzugehen. Obwohl der Ausblick negativ ausfiel, ist so eine Einschätzung für die Eventbranche viel wert.

Es wird schwer werden, die kreativen Leute nach der Krise wieder zu mobilisieren.

Die Situation der Künstler ist alles andere als einfach. Wird es in Zukunft schwierig werden, Acts für ein Festival zu buchen?
Alexander: Ich kenne einige, die vor der Pandemie ihre Jobs gekündigt hatten, um sich auf ihre DJ- oder Musiker-Karriere zu konzentrieren. Viele, vor allem junge DJs und MusikerInnen, waren gezwungen, diesen Schritt 2020 wieder rückgängig zu machen. Einige haben in die Fabrik gewechselt, andere arbeiten jetzt auf der Baustelle oder im Online-Marketing. Es wird schwer werden, diese kreativen Leute nach der Krise wieder zu mobilisieren. Wir bleiben aber zuversichtlich.
Simon: Das Problem betrifft nicht nur die Künstler: Auch Veranstaltungstechniker sehen sich schon jetzt nach anderen Möglichkeiten um. Die Erhaltungskosten für die Techniker sind unglaublich hoch. Viele sind gezwungen, ihr Inventar oder Transportmittel zu verkaufen. Wer nicht selbst in der Eventbranche tätig ist, kann sich überhaupt nicht vorstellen, wie viele Existenzen an der Festivalkette hängen. Dafür muss ein größeres Bewusstsein geschaffen werden.

Auch um das Publikum zu halten, ist eine gewisse Kontinuität nötig. Befürchtet ihr, durch die erneuten Absagen euer Stammpublikum zu verlieren?
Simon: Ich bin optimistisch. Die Menschen warten nur darauf, dass endlich wieder etwas stattfinden kann! Deshalb hoffe – nein, weiß ich, dass unser Publikum auch kommen wird.
Alexander: Der Enthusiasmus und die Treue, die unser Publikum in den letzten Jahren an den Tag gelegt hat, stimmen uns zuversichtlich. Trotzdem habe ich Angst, dass in Zukunft nicht mehr genügend Gäste mitfeiern werden. Vor allem für größere Events wie das Crazy Castle könnten die finanziellen Mittel bei einigen nicht mehr ausreichen; auch die Angst vor einer Ansteckung wird eine Rolle spielen. Wenn anstatt der erwarteten vier- bis fünftausend Besucher beim nächsten Mal nur zweitausend Gäste teilnehmen, können wir unsere Firma zusperren.
Simon: Mehr als um die Kaufkraft des Publikums sorge ich mich um die der Sponsoren. Schon vor 2020 waren die Sponsorengelder rückläufig. Die momentane Krise kann diesen Trend nur verschärfen.

Bevor wir die Festivalbranche ganz abschreiben, worauf freut ihr euch am meisten?
Simon: Wenn mir heute jemand sagt, dass das Festival 2022 realistisch umsetzbar ist, dann ist das für mich wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag zugleich. Aber ich wäre schon froh, zumindest einige kleinere Veranstaltungen im Sommer organisieren zu können.
Alexander: Ich freue mich auf das Gesamtpaket: darauf, aufzulegen und selbst Events veranstalten zu dürfen, aber auch endlich wieder ein Event zu besuchen. Wenn Festivals, Clubs und Après-Skis irgendwann aufsperren dürfen, fällt mir nicht nur für mich ein Stein vom Herzen, sondern für die ganze Branche. Da hängen unglaublich viele Arbeitsplätze und Lebensentwürfe dran.

 

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