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Ein Plädoyer

Proteste brauchen Gesichter

Der Unmut gegen die Politikerpensionen verlagert sich von der digitalen in die analoge Welt. Morgen um 10 Uhr findet eine Kundgebung vor dem Landtag statt.

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Bild: flickr/zakdblair

1988 nahm ich an meiner ersten Demo teil, da war ich noch kein ganzes Jahr alt. Meine Mutter nahm mich im Kinderwagen mit zur Protestaktion gegen ein geplantes Kraftwerk nicht weit von uns, und das ist eine von den Kindheitsgeschichten, an die man zwar keine Erinnerung hat, die man aber trotzdem gern erzählt bekommt. Ich weiß nicht, wie spannend das Ganze dann wirklich war, aber in meiner infantilen Verklärung hatte das was von Braveheart an sich. Ein mutiger Aufstand, und ich war mit dabei. Hätte meine Mutter nur einen Leserbrief zum Thema geschrieben, wäre das wohl nicht passiert.

Geschichten werden von Menschen geschrieben, und Geschriebenes allein macht noch keine Geschichte. Das ist das Problem beim aktuellen Protest gegen Politiker-Renten: Es mag Zorn und Zeit erfordern, einen Leserbrief oder einen Post auf einer Onlineseite zu schreiben – es bleibt aber Empörung ohne Gesicht. Jeder Politiker, den die Sache betrifft, kann die Zeitung einfach zumachen oder das Tab schließen. Es sind Buchstaben, so wie diese hier, und mit denen allein hat man noch nicht gewonnen. 

Egal, welcher Zorn sich in den Kommentarspalten entlädt, welche schlüssigen Argumente in diversen Posts gezogen werden: Die Renten gibt es weiterhin. Es gibt weiterhin Vorschüsse, die vor den Wahlen auf den Konten eingehen, und es gibt weiterhin Wahlkämpfe, in denen man einhellig über diese relevante Tatsache schweigt, mit einer Heimlichtuerei, die an Heuchelei grenzt. 

Die Frage nach dem „Wir“

Vor Wahlen wird man immer gern an die Bürgerpflicht der gelebten Demokratie erinnert. Und so sieht man am Tag der Stimmabgabe Leute vor den Wahllokalen ein- und ausgehen, von denen man weiß, dass der Weg zum Stimmzettel ein weiter war; von denen man weiß, dass sie andere Probleme im Leben und andere Kreuze zu tragen haben, als die richtige Wahl des einen kleinen Kreuzchens. Der heilige Imperativ des Wählens, er wirkt in der Retrospektive wie Hohn und Spott: Dem Wähler wird ein Idealismus abverlangt, den die Gewählten dann beim Bekleiden ihres Amtes nicht annähernd an den Tag legen.  

Die Tragik ist nicht das viele Geld an sich, auch wenn es anders hätte besser verwendet werden können. Das Bedauerliche ist, dass man die Südtiroler um den Glauben gebracht hat, es gäbe sowas wie ein „Wir“ in diesem Land, dass man doch gemeinsam an einem Strang zöge für unser aller Wohl, und dass wir etwas dazu beitragen, indem wir eine kluge Wahl treffen. Und nun fühlen sich Wähler wie die Marionetten, die die Kaste auf ihren Thron hieven, auf dem sie dann das große „Wir“ vergessen haben. Opposition ebenso wie Volkspartei.

Dass es ein großes „Wir“ gibt, daran kann erinnert werden, und wir haben sogar einen Termin dafür: Am morgigen Mittwoch um zehn Uhr findet vor dem Landhaus eine Kundgebung statt, und wer davon erfahren hat, soll davon erzählen.

Vom digitalen zum analogen Protest

Es ist wichtig – nicht, weil sich der Volkszorn in Echtzeit entladen soll, sondern weil Empörung ein Gesicht braucht. Meinung unterliegt heute der Mediatisierung durch die Medien. Dass es aber keine Medien waren, denen Unrecht getan wurde, sondern Menschen, das kann leicht vergessen werden. Wenn man stets Journalisten Rede und Antwort stehen muss, weiß man noch nichts von denen, die die gestellten Fragen eigentlich betreffen: Von denen, die mit einer Rente von 400 Euro halbwegs anständig zu leben versuchen; von jenen, die ehrenamtlich vieles und manchmal weit mehr an Arbeit tun; und von allen, die in ihrem Misstrauen mal wieder bestätigt wurden. In den Kommentarspalten sind wir nichts weiter als mäßig originelle Usernames, ein anonymer digitaler Mob. Vor dem Landhaus sind wir die, denen man verpflichtet war.

Es ist eine legitime Art der Meinungsäußerung, seinen Unmut im Internet zu äußern, aber damit ist es nicht getan. Keine Mauer fiel wegen eines Shitstorms, kein Staatsoberhaupt dankte wegen eines braven Bloggers ab. Alles, worüber man sich heute aufregt, ist traurige Wirklichkeit: Renten, Lügen, Heuchelei. Weil das Leben analog ist, muss auch der Protest es sein.

Vera Mair am Tinkhof

mag die deutsche Sprache, kämpft daher unermüdlich gegen notorische "besser als wie"-Sager. Barfüsslerin der ersten Stunde.
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