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Sex: Auf der einen Seite ist er in unser aller Leben überpräsent, auf der anderen Seite ist er bei vielen eines der größten Tabus überhaupt. Warum ist das so? Und wie beeinflusst das unsere Beziehungen und unser Sexualleben? Seit über zehn Jahren verhilft die Sexualberaterin Petra Massardi aus Bruneck Pärchen zu einer offeneren Kommunikation und einem besseren Sexleben. Sie ist der Meinung: „Eine gelingende und erfüllte Sexualität trägt zur Lebensqualität bei.“ Im Interview erklärt sie, warum eine offene Kommunikation von Kindesbeinen an sowie der Kontakt zu sich selbst entscheidend sind.
BARFUSS: Jede:r hat Sex – niemand spricht darüber: Warum?
Petra Massardi: Viel hat sicherlich mit der katholischen Prägung zu tun, die in unserer Gesellschaft vorherrscht – Lust und Sexualität wurden immer als Sünde gekennzeichnet. Dementsprechend fehlt das entspannte Reden darüber. Auf der anderen Seite gibt es dieses Übermaß an Informationen, durch soziale Medien, Film usw. Es gibt diesen Ausspruch oversexed and underfucked. So viele Themen werden sexualisiert dargestellt und es gibt so viele sexuelle Informationen, wie und wie oft Sex passieren sollte – das setzt die Leute zusätzlich unter Druck. Diesen Bildern nicht zu entsprechen, löst Scham aus, die zum Tabu noch dazukommt. Deshalb fällt es so schwer, darüber zu reden. Gerade in meinen Elternvorträgen merke ich immer wieder, wie gehemmt wir eigentlich sind.
Ah, und ich möchte noch kurz ergänzen: Alle haben wir nicht Sex – und das müssen wir auch nicht. Aber viele haben es. Ja und wenn, dann hoffentlich Sex, der es wert ist, gewollt zu werden – sei es mit sich selbst, als auch mit der Partnerperson.
Wenn man erst im Teenageralter die Tür zu diesen Themen aufmacht, ist es zu spät.
Du hast gerade die Elternvorträge erwähnt … Warum ist eine frühe Auseinandersetzung so wichtig?
Wir muten unseren Kindern eigentlich sehr viel an Informationen zu, die eigentlich gar nichts mit ihnen zu tun haben, aber wenn es um Körperwissen geht, werden wir wackelig. Gäbe es Sex nicht, wären wir gar nicht da (lacht). Wenn man erst im Teenageralter die Tür zu diesen Themen aufmacht, ist es zu spät. Es ist wichtig, eine Basis zu schaffen – gerade deshalb, weil Kinder schon früh mit vermeintlich erwachsenem Sex in Berührung kommen. Ich finde es wichtig, Kinder zu schützen, mit Handyblockern etwa. Nachfragen. „Weißt du denn, was das bedeutet?“ Begriffe erklären, in Kontext setzen. Und Grenzen setzen, also dass zum Beispiel abwertende Begriffe daheim nicht gesagt werden dürfen.
Schafft eine sachlich-fachliche Auseinandersetzung mit den Themen Sex und Leidenschaft immer Offenheit?
Die allermeisten profitieren davon und sind froh, dass sie mal offen darüber sprechen können. Manche hingegen haben sich von ihrer Sexualität schon so weit entfernt, dass sie gar nicht darüber reden wollen.
Ich erweitere den Begriff der Sexualität gerne um jenen der Körperlichkeit. Körperlichkeit ist ein Grundbedürfnis von uns allen. Die Frage ist: Wie kann ich diese gut leben?
Was umfasst der Begriff der Körperlichkeit?
Umarmen, Körperkontakt, Sich-nahe-Sein, sich selbst spüren, was möchte und brauche ich selbst. Es ist die Verbindung zum eigenen Körper. Ich habe das Gefühl, dass wir uns von unserem Körper immer weiter entfremden. Der Körper wird zum Objekt, der optimiert werden muss oder keine Beachtung mehr erfährt. Der erotische Raum umfasst weit mehr, als die gemeinhin geläufige Reduktion auf Geschlechtsverkehr oder Orgasmus: etwa die sinnvolle und genussvolle Beziehung mit sich selbst, einem Gegenüber, auch mit dem Leben als solches.
Wie prüde sind Südtiroler:innen?
Petra: In einem so ländlichen Gebiet wie unserem, in dem jede:r jede:n kennt, hält man sich schon eher bedeckt. Es gibt aber Bubbles, in denen das Thema aufgegriffen wird. Diese Bubbles werden mehr.
Welche Themen tauchen bei dir in der Paarberatung immer wieder auf?
Petra: Ein Thema, das immer wieder auftaucht, ist die Sexualität, wenn sie in Langzeitbeziehungen einschläft. Auch junge Eltern kommen immer wieder, die mit ihrer neuen Rolle überfordert sind und in der Familiengestaltung Unterstützung suchen. Das ist sicher eine sehr herausfordernde Phase für junge Paare, sich nicht aus den Augen zu verlieren. Weitere Themen sind Trennungsambivalenzen, aufgeflogene Affären oder Paare, die ihre Beziehung öffnen und/oder polyamore Beziehungen führen möchten, was sehr komplex und zeitintensiv ist – das unterschätzen die meisten.
So wie wir uns laufend verändern, verändert sich auch unsere Sexualität. Wird Sexualität zur einstudierten Choreografie, ist sie nicht mehr lebendig und authentisch.
Welche Bedeutung hat Sex für die Menschen?
Petra: Es geht um Nähe und Sich-miteinander-Wohlfühlen, sich hinzugeben, aus dem Alltag auszusteigen, loszulassen. Es geht auch um dieses Auflösen des Ichs und des alltäglichen Funktionierens. Ich glaube, das ist die Sehnsucht, die all dem zugrunde liegt. Aber gleichzeitig sind wir so konditioniert, wie Sex ausschauen soll, wie oft ein Orgasmus passieren sollte, sodass diese Sehnsüchte unerfüllt bleiben. So wie wir uns laufend verändern, verändert sich auch unsere Sexualität. Wird Sexualität zur einstudierten Choreografie, ist sie nicht mehr lebendig und authentisch. Wir halten oft an statischen Bildern fest, aber das entspricht eigentlich nicht unserem Wesen.
Schlüpfrig unterwegs?
Mit Judith Brugger von Radio Holiday trifft sich Petra Massardi seit Sommer 2024 monatlich zum Sex-Talk: In ihrem Podcast „Oh jaaa! Der Podcast über Liebe, Lust und Leidenschaft“ unterhalten sich die beiden über Themen rund um Beziehungen und Sexualität. Das Ziel: Sensibilisierung und ein offener Umgang.
BARFUSS: Judith, warum ein Podcast über Sex?
Judith Brugger: Das Thema Sex ist schambehaftet und bei den meisten ein Tabuthema. Wir möchten mit dem Podcast zeigen: Schaut, man kann ganz normal darüber sprechen, genauso wie man übers Einkaufen spricht.
„Oh jaaa!“ ist der auf Radio Holiday am meisten gehörte Podcast … Welche Reaktionen habt ihr in den vergangenen Monaten bekommen?
Judith: Kritische Stimmen habe ich bis jetzt noch nicht vernommen. Positives Feedback haben wir schon öfter bekommen, auch von Männern, die gerne Themenvorschläge bringen.
Petra: Erinnerst du dich, Judith, am Anfang kam mal die Bemerkung: „Ma, es seit schlüpfrig unterwegs“ … Wir haben dieses Argument aufgegriffen: dass wir auf eine sehr wertschätzende und entspannte Art über Sexualität reden und es eigentlich das Kontrastprogramm zu dem ist, was man sonst so zum Thema hört und sieht.
Judith: Es ist ja auch nichts Verwerfliches daran.
Petra: Ich finde es immer noch sehr mutig von dir, Judith. (lacht) Und ich schätze es sehr, dass Redakteur:innen wie ihr dem Thema eine Plattform geben, weil es einfach ein Tabu ist. Sich für dieses doch private Thema zu öffnen, ist nicht einfach.
Warum sollten sich die Leute euren Podcast anhören?
Judith: Ich denke, es ist eine gute Mischung aus Laien- und Expertinnensicht. Mythen und Google-Wissen werden durch Petras Wissen aufgebrochen: Was stimmt, was nicht? Man entdeckt und lernt immer wieder etwas Neues, für sich oder andere.
Petra: Partnerschaft und Sexualität sind etwas völlig Individuelles – ich möchte absehen von schnellen Antworten. Wir schenken diesen Themen in unserem Podcast einen tieferen Blick. Das ist unser Anliegen. Es geht uns aber nicht um Vollständigkeit. Es dürfen aber auch mal Fragen offen bleiben und neugierig machen. Wenn die Menschen nach dem Hören unserer Sendung in Austausch miteinander gehen, ist unser Ziel erreicht.
Judith, du bist ja Radiomoderatorin und eigentlich keine (S)Expertin … Wie ist es für dich als Laie im Radio über Sex zu sprechen?
Judith: Als Nicht-Expertin bin ich manchmal mit den Themen selbst überfordert, das weiß Petra auch (lacht). Ich recherchiere im Vorfeld immer, bin aber teilweise auch zurückhaltend. Im Privaten bin ich jetzt auch niemand, die offen über diese Themen redet. Umso interessanter ist die Podcast-Situation. Es ist schwierig zu beschreiben, wie man sich dabei fühlt. Wenn ich eine Sendung mache und die Kopfhörer aufsetze, ist das aber zum Glück wie ein Wohlfühlort. Mit Petra stimmt die Chemie. Aber manchmal denke ich mir schon: Kann man das schon so sagen im Radio? (lacht)
Ich empfehle Männern für ihre Selbstbefriedigung ja oft „Taschenmuschis“.
Welche Themen innerhalb des Spektrums Sex sind besonders Tabu-behaftet?
Judith: Ich glaube, Selbstbefriedigung ist ein großes Tabu, auch Sextoys. Heute gibt es sicher viele Menschen mit einem Vibrator daheim, aber offen ansprechen wird das niemand. Umso wichtiger, dass wir über diese Themen reden und es Menschen wie Petra gibt, die so einer Arbeit nachgehen. Das fällt alles unter Sensibilisierung. Aufklärung ist wichtig.
Petra: Ich finde, dass Frauen sich – was Sextoys anbelangt – schon mehr Möglichkeiten zugestehen als Männer. Ich empfehle Männern für ihre Selbstbefriedigung ja oft „Taschenmuschis“ (Silikon-Masturbatoren ohne Motor), worauf sie erstmals eher ablehnend reagieren. Die, die sich darauf einlassen oder auch zum Beispiel ein Gleitgel verwenden, sind dann aber sehr glücklich damit. Und ich habe das Gefühl: Mannsein ist noch druckbelasteter als Frausein: Mann muss, kann, will immer – aber das ist nicht die Realität.
Auf der anderen Seite gibt es aber den Orgasm Gap …
Petra: Männer haben eine ganze andere Sozialisierung in Hinsicht auf ihr Geschlecht, sprich Männer haben von klein auf täglich ganz selbstverständlich ihren Penis in der Hand. Wenn sich ein Mädchen im Intimbereich berührt, dann heißt es gleich: „Greif dich da nicht an.“ „Mach die Beine zusammen.“ Die weibliche Lust wird uns von Kindesbeinen auf verboten. Wenn eine Frau ihre Lust auslebt, wird sie schnell als „Hure“ betitelt, während ein Mann immer noch als „cooler Hecht“ gilt. Das erschwert uns Frauen den natürlichen Zugang zur eigenen Lust – und das hat eine fehlende Kommunikation zur Folge, erstens, weil die Frauen zum Teil gar nicht wissen, was sie möchten und zweitens, weil sie sich diesen Raum mitzugestalten gar nicht eingestehen. Homosexuelle Pärchen hingegen haben sich viel mehr mit ihrer Sexualität befasst und kennen diese Probleme weniger. Bei ihnen gibt es auch keinen Orgasm Gap.
Sexualität passiert oft in einer „Black Box“. Es passiert etwas und irgendwie merkt man: Man ist nicht happy damit, redet aber nicht darüber.
Was macht guten Sex aus?
Judith: Eines der wichtigsten Dinge ist Kommunikation. Darüber reden, was man fühlt, was man gerne hat, was man verändern möchte. Was ich mit Petra in den letzten Ausgaben gelernt habe: Der/die Sexpartner:in kann nicht hellsehen.
Petra: Genau. Sexualität passiert oft in einer „Black Box“. Es passiert etwas und irgendwie merkt man: Man ist nicht happy damit, redet aber nicht darüber. Wir können uns aber in diesem Moment selbst ausdrücken und sagen: „Hey, mach hier genau so weiter!“ oder: „Hier bitte ein bisschen intensiver.“ Oder eben: „Das ist nicht so angenehm für mich.“ Die Basis ist: Mit sich selbst, den eigenen Bedürfnissen und dem eigenen Körper, den eigenen Gefühlen in Kontakt zu sein.
Das klingt so einfach, ist vermutlich aber das Schwerste. Hast du einen Tipp, wie man mit sich selbst besser in Kontakt kommt?
Petra: Selbstkontakt braucht Raum und Zeit, mich damit auseinanderzusetzen, bewusste Ruhemomente, in denen ich in mich hineinspüren kann: Was brauche ich, wonach sehne ich mich gerade?
Was wird die Zuhörenden zukünftig erwarten?
Judith: Es werden ab und zu Gäste dazu kommen, mit denen wir über bestimmte Themen sprechen. Ansonsten freuen wir uns immer über Themenvorschläge und Wünsche, die wir dann gerne aufgreifen, zum Beispiel Sexualität im Alter oder die Bedeutung des Beckenbodens in der Sexualität, über die wir bald sprechen werden. So darf sich das Ganze dann immer weiterentwickeln.
„Oh jaaa! Der Podcast über Liebe, Lust und Leidenschaft“ wird jeweils am ersten Donnerstag im Monat um 10 Uhr und am letzten Dienstag im Monat um 16 Uhr auf Radio Holiday ausgestrahlt und ist dann in der Mediathek sowie auf Spotify abrufbar.
BARFUSS freut sich über die neue Zusammenarbeit mit Radio Holiday und wird ab sofort regelmäßig die Podcast-Episoden teilen – schon bald geht’s los: Let’s talk about sex!
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