Anzeige

Laufen mit Gefühl

Die Five-Finger-Zehenschuhe sind bekannt. Geführte Wanderungen versprechen die ultimative Barfuß-Erfahrung. BARFUSS hat es ausprobiert.

img_4827.jpg

Bild: Konstantin
Im Gänsemarsch laufen wir durch Dorf Tirol. Es geht bergauf. Vorbei an zahlreichen Sonnenterrassen und Wanderern, die mit festem Schuhwerk Richtung Berg pilgern. Ihre Blicke verfolgen uns. Denn wir haben uns heute keine klobigen Wanderstiefel an die Füße geschnallt, sondern ganz leichte und zugegeben, etwas gewöhnungsbedürftige Zehenschuhe. 
 
Five-Fingers nennt sich das, was wir an den Füßen tragen. Es sind weniger Schuhe, als vielmehr ein Schutz gegen spitze Gegenstände. Ansonsten soll es sich anfühlen wie Barfusslaufen. Muskeln und Bänder sollen gestärkt und die Kondition verbessert werden. Wieder nur einer dieser  Fitnesstrends oder steckt mehr dahinter? 
Das wollte ich herausfinden und habe mich bei einer geführten Five-Finger-Wanderung in Dorf Tirol angemeldet. Seit drei Jahren werden sie angeboten und „sind eigentlich immer gut besucht“, sagt die Wanderführerin, Katharina Ladurner. Ich bin gespannt.
 

Um kurz nach neun Uhr morgens versammeln sich sechs weitere experimentierfreudige Wanderer. Jeder bekommt einen Leihschuh - Pink für die Frauen und schwarz für die Männer. „Mit den Zehen voraus“, sagt Katharina und gibt Tipps zum Anziehen. Der ein oder andere blickt noch skeptisch auf das seltsam anmutende Schuhwerk, mit dem er die nächsten drei Stunden durch die Natur spazieren soll. 

Die ersten Schritte sind ungewohnt. Eine neue Freiheit. „Es sind Gute-Laune Schuhe", sagt Katharina. „Weil sie alle Punkte auf den Fußsohlen stimulieren“, erklärt sie. Eine Art Fußreflexzonenmassage, die sich positiv auf das Immunsystem auswirke. Nach gut zehn Minuten lassen wir das hektische Treiben im Dorf und die asphaltierte Straße hinter uns und wandern durch die Obstwiesen. Das Gras und der weiche Boden sind deutlich zu spüren. An die kleinen Unebenheiten passt sich der Fuß von ganz alleine an. 
 
Es wird steiler und wärmer. Obwohl die Barfußschuhe keine Stütze bieten, gibt es kein Ausrutschen und kein Umknicken. Die Zehen krallen sich am Boden fest. Der Fuß müssen sich erst wieder an diesen natürlichen Bewegungsablauf gewöhnen. Ich komme langsam außer Atem. Wir machen eine erste kurze Pause. „Lasst uns über die richtige Atmung sprechen“, sagt Katharina. „Immer tief einatmen, bis in den Bauch. Das ist wichtig“. 
 
Dann geht es weiter bergauf, bis wir einen Waldweg erreichen. Der sandige Boden, die Wurzeln, kleine Steine – ich spüre, wie sich der Untergrund verändert. Es ist ein ungewohntes, spannendes Gefühl. Katharina erzählt etwas über den blühenden Holunder und die Kastanienbäume, die am Wegrand stehen. Mir wird klar, dass es hier nicht nur um Fitness geht, sondern auch um das bewusste Erleben des Weges und der Natur. Immer wieder macht sie uns auf die Landschaft aufmerksam. Hier ein Wasserfall, da ein schöner Ausblick, dort ein besonderer Baum. Und tatsächlich würde ich vieles gar nicht wahrnehmen, zu sehr bin ich in Gespräche oder Gedanken vertieft. 
 

Bild: Judith Dietl
Mitten im Wald bleiben wir stehen. „Jetzt machen wir ein paar Übungen und ein bisschen Qigong. Aber nur wer möchte“, sagt sie. Scheinbar möchte jeder, denn alle machen mit. Vielleicht will aber auch keiner als Spielverderber dastehen. Qigong ist eine chinesische Bewegungskunst mit Übungen zur Konzentration und Meditation. Aus der inneren Ruhe soll dabei neue Kraft geschöpft werden. Und genau darum geht es auch beim Wandern mit den Five-Fingers. Sie führen zurück zum Ursprung und lassen die Natur wieder intensiv erleben. 
Nebenbei werden Muskeln und Sehnen neu beansprucht, die in normalen Schuhen verkümmern. Das bekomme ich jetzt zu spüren. Nach drei Stunden merke ich ein leichtes Ziehen in meinen Waden, meine Fußsohlen fühlen sich müde an, die Fußballen brennen leicht. Doch das spornt mich an, beim nächsten Spaziergang wieder zu den „Barfußlatschen“ zu greifen. Als Ausgleich für zu enge und zu hohe Schuhe, und um meine Füße wieder bewusster wahrzunehmen. Schließlich tragen sie uns durch das ganze Leben.

Judith Dietl

arbeitete eine Zeit lang im hohen Norden, jetzt BARFUSS-Redakteurin der ersten Stunde. Ist lieber barfuß unterwegs, weil lässt sich ungern einengen.
Anzeige
Anzeige

Hinterlasse einen Kommentar

Herrlich !! gut für YOGA im FREIEN.... DER trend im südtiroler Sommer :)

Und wer hats erfunden? Robert Fliri aus Naturns,rundet die Story vielleicht noch ab.

Kann ich nur zustimmen, habe mir nun schon das zweite Paar zugelegt.
Benutze die FiveFingers zum Laufen und habe seitdem keine Probleme
mit den Kniegelenken mehr. Am Anfang ist es eine kleine Umstellung,
jedoch gewöhnt sich der Fuß schnell dran.

Mehr Artikel

„Von Afrin über Moskau nach Göttingen“

Der deutsche Menschenrechtler Kamal Sido kennt die kurdische Realität aus eigener Erfahrung. Er stammt aus dem kurdischen Afrin in Nordsyrien.
0    

Freiheit – ein gefährdetes Gut

Der Angriffskrieg in der Ukraine stellt nicht nur die nach dem 2. Weltkrieg aufgebaute Friedensordnung in Europa, sondern auch jahrzehntelange friedensethische Überlegungen und Projekte radikal in Frage, so Martin M. Lintner.
0    

„Unbequemes Experiment“

Der Menschenrechtler Kamal Sido setzt sich für Minderheiten ein. Im ersten Teil unseres Podcasts berichtet er über das kurdische Autonomieprojekt in Westkurdistan-Rojava in Nord-Syrien.
0    

Der Andere: Eingrenzung oder Ermöglichung meiner Freiheit?

Im zweiten Teil seiner Trilogie über „Freiheit und Ethik“ erklärt Martin M. Lintner, warum das bewusste Mittragen der Corona-Einschränkungen eine aktive Verwirklichung von Freiheit im Sinne sozialer Verantwortung war, nicht nur passiv erlittene Einschränkung.
0    

Was ist Freiheit?

„Sind wir überhaupt frei oder ist Freiheit lediglich eine Illusion?“, fragt sich der Moraltheologe Martin M. Lintner in diesem Gastbeitrag.
0    
Anzeige
Anzeige