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Kritik unerwünscht

Agnes S. wird der Therapiealltag oft zu viel, aber sie gibt nicht auf. Im selbst angelegten Garten tankt sie Kraft, als sie ihr Strafmaß erfährt.

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Bild: Flickr, dierk schaefer

Es ist Karfreitag, der 10. April 2009. Alle Wasch- und Putzmittel werden aus unserer Gemeinschaft eliminiert. Dies hat einen Grund: Der siebenjährige Bub, der mit seiner Mutter in der Therapiegemeinschaft ist, hat ein in ein Mineralwasserfläschchen gefülltes Bleichmittel getrunken und ist gleich in die Erste Hilfe eingeliefert worden. Nach kurzem Krankenhausaufenthalt kommt er wieder zurück. Zum Glück ist alles gut ausgegangen. Von nun an gibt es täglich nur noch einen kleinen Becher Neutralreiniger  für jedes Zimmer und einen Sack Waschmaschinenpulver für die gemeinsame Wäscherei. Von Anfang an störten mich die verschiedensten Putzmittelgerüche in allen Räumen. Es war für mich unverständlich, wie flaschenweise Kloreiniger in die Klosetts geschüttet und alle möglichen parfümierten Reinigungsmittel verschwendet wurden.
Weil ein paar Brioches spurlos verschwunden sind, gibt es eine Woche lang als Strafe keine Marende mehr. Mir wäre eh lieber, die Marende würde ganz ausbleiben, ich esse zu viel und die Nachmittage sind dadurch zerrissen. 

Die ganzen Strafen und Regeln  finde ich sinnlos und dumm. Ich trinke keinen Kaffee mehr und rauche nur noch drei Zigaretten am Tag. Neben Zigaretten- und Kaffeeverbot gibt es auch Zwangsarbeit als Strafe, natürlich nur für jene, die nicht gerne arbeiten. Ich arbeite gerne. Die Betreuer erfinden immer wieder neue Strafmaßnahmen. Sie finden immer etwas, was wir in ihren Augen falsch machen, auch wenn wir noch so gut aufpassen. Meine Zimmergenossin und ich waren zum Beispiel bei einem Selbsthilfegruppengespräch abwesend, da uns an jenem Morgen gesagt worden war, es würde ausfallen. So begaben wir uns genüsslich zum Mittagsschlaf ohne zu erfahren, dass die Gruppenstunde dann doch stattfand. Als Strafe dafür müssen wir beide für eine Woche lang beim Essen an unseren Plätzen stehen bleiben, bis sich alle hingesetzt haben, und nach dem Essen mussten wir sitzen bleiben, bis alle aufgestanden sind. Ich spiele dieses „Theater“ gleichgültig mit, während es meiner Zimmergenossin sehr peinlich ist.    

Entsetzen über das definitive Gerichtsurteil

Der Maresciallo überbringt mir mein definitives Gerichtsurteil, welches zu meinem Entsetzen sechs Jahre Haftstrafe anstatt vier beinhaltet. Ich erfahre, dass ich der Anwältin aus Trient unterschrieben habe, dass ich mich mit der Strafe einverstanden erkläre und die Schuld eingestehe. Ich habe ihr vertraut, meine Italienischkenntnisse waren unzureichend, in gutem Glauben habe ich unterschrieben. Ich habe mich selbst  in eine Sackgasse gebracht. Meine Gedanken schwirren im Kopf herum: Was habe ich bloß gemacht!? Hätte ich doch damals die Finger davon gelassen! Wie konnte ich so ignorant sein!… Ist nicht der Anwalt dafür zuständig, mich zu fragen, was wirklich geschah und mich zu verteidigen?! ... Beruhige dich, mit Vorwürfen und „hätte ich“ kommst du nicht weiter! Was gewesen ist kannst du nicht ändern, sage ich mir immer wieder.

Wie oft den Winter über, stürmt draußen wieder ein kalter, ungeheuerlicher Wind, so als wollte er alles wegfegen. Schlecht schließende Türen und Fenster haut es immer wieder irgendwo zu oder auf, wie im Film „Il Vento“ von Sijòstròm. Im Gegensatz dazu spielt der Himmel bei jedem  Sonnenuntergang  über den Apenninenhügeln stundenlang mit seinen unbeschreiblichen, verzaubernden Farben. Ich bewundere sie und kann diese ganze Sinnlosigkeit etwas vergessen. 
Ich bin in die klinische Phase versetzt worden und habe erneut eine andere Betreuerin. Diese versetzt mich nach 10 Tagen jedoch wieder in die Motivationsphase zurück. Ich sei zu wenig motiviert für ihre Phase, sagt sie. Ich müsste verstehen, dass ich große Probleme hätte und mir nichts anderes wichtig sein dürfte als an diesen zu arbeiten und nur an mich zu denken, nicht einmal meine Kinder und die Musik dürften mir wichtig sein … Alles was Freude macht, wird mir hier genommen. Mein Musikspiel wird mir wieder verboten, so auch das Nähen. Die Nachtfrau hatte mir eine Nähmaschine gebracht, womit ich in meiner Freizeit oft Hausschuhe und die kaputten Kleider der Frauen und Kinder nähen durfte. 

Kritik wird nicht geduldet
Sie haben mich jetzt  in der Wäscherei eingeteilt. Dort waschen und bügeln wir zu zweit für die ganzen Leute, fünf Wochen lang jeden Vormittag, außer sonntags, ohne Bezahlung. Die Sozialhilfe von Meran schickt mir jeden Monat 200 Euro Taschengeld, so muss ich nicht betteln und kann mir die Telefonate nach Hause, die wenigen Briefmarken und persönlichen Notbedarf leisten. 

Öfters kommt es vor, dass sie meine Briefe nicht verschicken, wenn ihnen der Text nicht gefällt. Ich wollte zum Beispiel nach Hause schreiben: „…um sich zu kurieren gibt es nur Antibiotika und Schmerzmittel. Sie haben hier keine Ahnung von natürlichen Heilmitteln...  Auf einen Zahnarzttermin warte ich seit sieben Monaten, das ist hier alles normal…“ Den freiwilligen Helfern des Gefängnisses, die uns die Kinofilme zeigten, wollte ich folgendes erzählen: „… Hier darf man nie begeistert sein. Sie haben mir viele Aktivitäten verboten, weil ich über mich nachdenken müsste... Die Filme, die wir schauen, gefallen mir nicht. Wir sehen nur Filme über Drogen, Vampire, Mafia und Krieg. Mir fehlen Leute wie ihr, die imstande sind, Filme auszusuchen, von welchen wir für unser Leben etwas lernen können…“ 

Kritik wird hier absolut nicht geduldet. Nur wenn meine Leute mich ab und zu besuchen kommen, kann ich mir all diese Sachen von der Seele reden. Beim Telefonieren muss ich außer mit meinem minderjährigen Sohn italienisch sprechen, während sie neben mir sitzen und zuhören. Immer wieder fühle ich mich niedergeschmettert, ich gebe nicht auf und lasse mich nicht unterkriegen. 

Krafttanken im Freien
Das Frühjahr ist da und die Beschäftigung im Freien ruft mich. Ich schlage vor, das schon längst vernachlässigte Blumenbeet an der Mauer entlang  vor dem Büro zu bepflanzen und neben dem Wäschehäuschen oberhalb der Villa einen kleinen Garten anzulegen. Zu meiner Freude bekomme ich Anfang  Mai die Erlaubnis, die Beete in meiner Freizeit zu pflegen. Ich grabe die Erde um und die liebe Nachtfrau bringt mir Samen, Pflänzchen und was es sonst so braucht. Sie hat selbst zu Hause einen kleinen Bauernhof und bringt oft frische Erdbeeren, Kirschen und im Herbst Kastanien für alle. Abends wenn sie bei uns im Dienst ist, bietet sie den Frauen Fußpflege an. Sie ist sehr verständnisvoll und einfühlsam, wo sie kann, hilft sie uns weiter und ihr Humor lockert alles für ein paar Abendstunden auf.

Mein Garten gedeiht und wird von den Frauen und Kindern bewundert. Ich merke, wie wenig Bezug sie zu den Pflanzen und zur Erde haben. Im Freien ist vieles vernachlässigt: Die Nussbäume ersticken im Efeu, kein Baum und keine Hecken werden geschnitten, abgebrochene Äste nicht aufgeräumt und die Früchte nicht geerntet. Ich finde das sehr schade. Ab und zu kommt jemand um das Gras abzumähen, was dann liegen gelassen wird.  

Ein ständiges Kommen und Gehen
Anfang Juni dürfen wir mit den Betreuern ein paar Tage ans Meer fahren. Jede Minute bis zur Toilettentür werden wir beaufsichtigt. Mit unbeschreiblichem Genuss springe ich in das wohltuende Wasser. Ich kann  mich ein wenig von der erstickenden Atmosphäre des „Sorriso“ erholen. 

Mitte Juni verlässt meine Zimmergenossin nach elf Monaten die Therapiegemeinschaft, es ist ihr alles viel zu langweilig. Eine Transsexuelle aus Süditalien hat die Therapiegemeinschaft nach sechs Monaten verlassen, sie bereute es, kehrte zurück und musste alle Phasen von Anfang an nochmals durchmachen. Nach weiteren sechs Monaten verschwindet sie wieder, ohne sich zu verabschieden. Die Mutter mit dem zweijährigen Sohn aus Meran wird von der Therapiegemeinschaft ausgeschlossen. Auch andere Frauen werden ausgeschlossen. An diesem Ort ist ein dauerndes Kommen und Gehen. Kaum jemand erreicht das Ende der zwei Therapiejahre. Ich wäre auch  schon längst weg, wenn ich nicht unter Hausarrest stehen würde.

Von Agnes S. 

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