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Schizophrenie

Kleine Schritte gegen die Psychose

Obwohl bis zu einem Prozent der Bevölkerung betroffen ist, bleibt Schizophrenie ein Tabu-Thema. Albin Kapeller ist ein Patient und spricht offen über die Krankheit.

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Bild: Iulia Mihailov/unsplash

Schizophrenie ist eine schwere psychische Krankheit, die ein geregeltes Alltagsleben häufig unmöglich macht. Von der Gesellschaft unbeachtet oder gar als „Verrückte“ stigmatisiert, fristen Betroffene ein Schattendasein. Viele schämen sich deshalb, mit anderen über ihre Krankheit zu sprechen.

Für Albin Kapeller ist das anders. Der 44-Jährige hat die Scham überwunden und hat es nach vielen Jahren geschafft, trotz seiner Diagnose wieder in Würde leben zu können. Kapeller kommt ursprünglich aus einem kleinen Dorf im Münstertal, nahe der Schweizer Grenze. Nach seiner Matura und einem abgebrochenen Medizinstudium jobbte er in der Großstadt herum, heute wohnt er in Laas und arbeitet in einer Sozialgenossenschaft mit Schwerpunkt Biogemüse-Anbau sowie als Ex-In-Genesungsbegleiter. Im Interview spricht er über seine Diagnose und die Herausforderung, mit Schizophrenie ein erfülltes Leben zu führen.

Hat die Schizophrenie bereits in deiner Kindheit und Jugend begonnen?
Rückblickend würde ich sagen: nicht direkt. Indirekt schon ein bisschen. Es braute sich schleichend zusammen und das eine ist zum anderen gekommen. Ich hatte nicht die beste Kindheit. Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen und musste bereits in jungen Jahren mitanpacken. Wir Kinder sind manchmal geschlagen worden und mussten öfters im Stall schlafen. Wir wurden immer auf Leistung getrimmt und Arbeit war an der Tagesordnung. Ich wurde nur wertgeschätzt, wenn ich Leistung erbracht habe, sei es zuhause, in der Schule oder im Berufsleben. Das hat mich schon geprägt. Ich muss daher auch heute noch darauf Acht geben, dass ich nicht über meine Grenzen gehe.

Wann ist die Schizophrenie richtig ausgebrochen?
So richtig erst mit 21. Ich hatte heftige katatone Zustände. Durch diese Körperstarren konnte ich das Bett nicht mehr verlassen. Ich lebte in dieser Zeit in München und arbeitete als Hilfsarbeiter. Ich musste dort viel Verantwortung übernehmen und erledigte Industrie- und Montagearbeit. Das war zu viel für mich und ich gelangte an einem Punkt, wo ich nur mehr herumgeschrien habe. Auch bei der Arbeit. Das brachte das Fass zum Überlaufen und ich bin daraufhin in die Psychiatrie gekommen.

Bild: Albin Kapeller
Wie war es, mit dieser Krankheit konfrontiert zu werden?
Es war der Horror. Die erste Diagnose „paranoide Schizophrenie“ war mir in diesem Moment gleichgültig. Ich war froh, in der Psychiatrie zu sein, weil ich kein Geld mehr hatte und Verpflegung bekam. Ich hatte auch eine Psychose, die dem Film „Herr der Ringe“ ähnlich war. Ich als Frodo, der den allmächtigen Ring in seinem Besitz hat. Ich hatte einen völligen Realitätsverlust. In der Psychiatrie wurde ich medikamentös eingestellt und hatte eine intensive psychologische Betreuung, die ich sehr wichtig fand. Ein Angebot, das ich bei späteren Psychiatrieaufenthalten in Meran vermisst habe. Ich wurde dann in München entlassen, kehrte nach Hause zurück und ließ mich in der Psychiatrie Meran behandeln.

Was ist nach deiner Rückkehr passiert?
Mir wurde schnell bewusst, dass ich nicht mehr arbeitsfähig bin. Da ist meine Welt zusammengebrochen. Zwischen Schreien, Zorn, Scham und Wut war da alles dabei. Verzweifelt habe ich mich gegen meine Krankheit gewehrt. Ich hatte auch Suizidgedanken. Zu meiner Schizophrenie kam eine Depression hinzu, das Gefühl, gefangen und hilflos zu sein. Ich habe sechs- oder siebenmal versucht, wieder berufstätig zu sein, es hat nie geklappt. 

Welches Verhältnis hattest du am Anfang zur Krankheit?
Ich habe sie gehasst. Ich wollte und konnte sie nicht akzeptieren. Ich habe mich nicht damit identifizieren können. Ich habe sie verdrängt und keinerlei Krankheitseinsicht gezeigt. Mein Ziel war es, immer schnell aus den psychiatrischen Strukturen entlassen zu werden.

Was genau meinst du mit Krankheitseinsicht? 
Als meine Schizophrenie ausbrach, habe ich mich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt. Die ganzen Rückfälle haben mich dazu gebracht, darüber nachzudenken, was mir die Krankheit möglicherweise sagen will. „Kann ich mit der Krankheit leben lernen?“ war die wichtigste Frage.
Erst die letzten drei, vier Jahre habe ich eine Krankheitseinsicht entwickelt. Davor habe ich mich zur Wehr gesetzt, ich habe die Krankheit verteufelt. Erst nachdem ich begonnen habe, zu meiner Schizophrenie zu stehen, habe ich gemerkt, dass sie in den Hintergrund gewichen ist. Heute bin ich so dankbar, dass mir meine schlimmen Erlebnisse aufgezeigt haben, wie gut ich leben kann. Ich beziehe Energie von ihnen.

Medikamente sah ich als Eingeständnis an, krank zu sein.

Hat die mangelnde Krankheitseinsicht auch dazu geführt, keine Medikamente zu nehmen?
Ja, hat es. Ich habe immer wieder die Medikamente abgesetzt. Seit zehn Jahren nehme ich sie und mir geht es gut. Allerdings sind nicht nur die Medikamente dafür verantwortlich, sondern ein Mix aus mehreren Dingen. Das Wichtigste ist sicherlich die Arbeit.
Medikamente sah ich als Eingeständnis an, krank zu sein. Wenn ich keine nehme, dann bin ich gesund. Ich dachte: „Warum sollte ich mit 21 Medikamente nehmen? Die nehmen doch alte Menschen.“ Nachdem ich sie abgesetzt habe, bin ich rückfällig geworden. Ich habe immer zu den Psychiatern gesagt, ich brauche sie nicht. Keine Person kann gezwungen werden, Medikamente zu nehmen. Immer wenn ich die Medikamente weggelassen habe, hatte ich daraufhin ein Hoch und dann den Rückfall.

Psychosen sind bei Schizophrenie typisch. Wie war das bei dir?
Bei meinem letzten Psychiatrieaufenthalt 2011 kam eine schwere Psychose hinzu. Ich hatte starken Verfolgungswahn und hatte das Gefühl, dass mich alle umbringen wollten. Da war der Moment, wo ich zu mir sagte: „Albin, nutz die Chance und folge genau den Anweisungen der Psychiater.“

Wie würdest du deine Krankheit jemandem erklären, der es selbst nie erlebt hat?
Es war wie ein gespaltenes Ich. Ich wusste nie, wer ich bin und hatte 1000 Gesichter. Wie ein zersplitterter Spiegel, in den man schaut, der viele Bilder von einem selbst wiedergibt. Das Abbild seiner selbst wird nicht erkannt. Es war ein Labyrinth, wo ich mich nicht mehr gespürt habe und nicht wusste, wo der Ausgang ist. Ich bin dahinvegetiert.

Das hört sich wie eine Parallelwelt an.
Ja sicherlich, vor allem während meiner Psychiatrieaufenthalte. Dort bin ich den ganzen Tag in einem Raum auf und ab gegangen. Ich lebte engstirnig und mit Scheuklappen in meiner Parallelwelt. Ständige Fragen waren: „Wieso passiert das mir? Warum bin ich krank?“

Eine Psychose ist Realitätsverlust, sehr häufig begleitet von visuellen und auditiven Wahnvorstellungen. Ich sah vor allem Geister.

Wie würdest du deine Gedanken damals beschreiben?
Es war alles wüst, dunkel und starr. Ohne Liebe, Geborgenheit und Lebendigkeit. Einmal machte mich mein Bruder auf eine schöne Blume aufmerksam. Ich sah aber rein gar nichts, ich konnte sie nicht annähernd fühlen. Ich hatte keine Wahrnehmung der Außenwelt und konnte auch nicht mehr sprechen. Ich hatte nicht mehr den Mut und die Kraft dazu. In einem schlimmen katatonen Zustand hat sich die Motorik blockiert und ich konnte nicht mehr allein essen. Sie mussten es mir eingeben. Wenn ich Ängste hatte, dann stellte sich der Körper tot. Mit Medikamenten und Gesprächen hat es sich dann wieder gelöst.

Psychosen und katatonen Zustände sind schwer fassbare Begriffe. Was kann man sich darunter vorstellen?
Katatonie bedeutet Starrheit. Der Begriff beschreibt einen Zustand, wo man das Bett aus eigener Kraft nicht mehr verlassen kann. Der Körper kann sich nicht regenerieren und benötigt eine totale Ruhe und Pause.
Eine Psychose ist Realitätsverlust, sehr häufig begleitet von visuellen und auditiven Wahnvorstellungen. Ich sah vor allem Geister. Es waren schimmernde Gestalten, die, mit Säbeln ausgestattet, auf mich eingestochen haben. Für mich war das dermaßen real, dass ich in diesen Situationen bewusstlos umgefallen bin. Dies geschah häufig, wenn ich allein spazieren ging.

Haben diese Wesen mit dir kommuniziert?
Ja. Ich hatte furchtbare Angst. Es war wie in einem Film, der dieses Thema beinhaltet. Diese Halluzinationen waren so immens real. Ich betete wie verrückt und durch diese Handlung sind sie dann oft von mir gewichen. Ich hatte in einer Krisensituation auch Angst vor meinem eigenen Vater, dass er mir was antun konnte. Ich staune rückblickend, dass ich in meiner letzten Krise von 2011 von mir aus Hilfe gesucht habe. Das war schon ein großer Wendepunkt. Zuvor nahm ich professionelle Hilfe nicht richtig an, da hatte ich meine Krankheit noch nicht akzeptiert.

Ich lernte, so sein zu können, wie ich nun mal bin.

Welche Einrichtungen hast du im Laufe deiner Krankheitsgeschichte aufgesucht?
Vor allem sozialpsychiatrische Einrichtungen. Wenn gar nichts mehr gegangen ist, dann die psychiatrische Abteilung im Krankenhaus. Nach der letzten Entlassung bin ich in ein Übergangswohnheim gekommen. Für ca. drei Monaten sollte sich mein Gesundheitszustand dort stabilisieren. Dann bin ich in eine Wohngemeinschaft für psychisch kranke Menschen gekommen, wo es das Ziel ist, autonom leben zu lernen. Es sollen auch soziale Kompetenzen gestärkt werden, mit Freizeitgestaltung und Ausflügen. Gleichzeitig habe ich im Rahmen der Arbeitsrehabilitation in Latsch ein Arbeitstraining zum biologischen Gartenbau begonnen. Dieser Kontakt zur Natur hat mir unheimlich geholfen und ich konnte mich regenerieren. Ohne das hätte ich es wohl nicht geschafft.  

Warum hat das so gut funktioniert?
Dadurch fühlte ich langsam wieder so etwas wie Selbstermächtigung. Ich als Albin hatte wieder mein Leben in der Hand. In meiner Ex-In-Ausbildung hatte ich das Modul Empowerment. Ex-In heißt soviel wie Experten aus Erfahrung, also Betroffene helfen Betroffene. Ex-In Genesungsbegleiter sollten dann psychisch kranken Menschen in Krisensituationen zur Seite stehen. Während dieser Ausbildungszeit spürte ich das Empowerment in meinen Körper. Es veränderte sich die Art, wie ich Entscheidungen treffe. Ich lernte, so sein zu können, wie ich nun mal bin. Diese Selbstfindung war wichtig und ich hatte dann das Gefühl, ich kann wieder etwas bewegen. Ich habe mich gefunden und das wahrzunehmen, war unbeschreiblich und einer der schönsten Momente in meinem Leben.

Was geschah nach dem Arbeitstraining?
Anschließend machte ich ein Praktikum bei der Sozialgenossenschaft „Vinterra“ in Mals, wo ich dann auch eine Fixanstellung in Teilzeit bekommen habe. Mein Beispiel zeigt auf, wie ich durch kleine Schritte ans Ziel gekommen bin. Früher wollte ich alles immer sofort: Arbeit, Wohnung, Auto, Partnerin.

Mein Lieblingswort ist Inklusion. Psychisch kranke Menschen sollen nicht nur in einigen Bereichen integriert werden.

Wo sind Fehler unterlaufen, die nicht hätten passieren sollen?
Es hätte vieles vermieden werden können, wenn ich schon im Jugendalter psychologische Betreuung in Anspruch genommen hätte. In meiner Familie war das nie ein Thema, da keiner wusste, was das ist. Das hat mit Sicherheit gefehlt.

Du stehst zu deiner Krankheit und willst mit Namen genannt werden. Glaubst du, es braucht mehr Betroffene, die wie du Selbstbewusstsein haben und sich nicht schämen?
Ja, denn ich glaube, dass man nur gemeinsam Veränderungen herbeiführen kann, deswegen braucht es starke Betroffene. Es ist aber ein Prozess und die Scham ist ein schwieriger Gegner. Es gibt viele Wege und der Weg ist nicht für jeden gleich. Ich respektiere den Entschluss vieler psychisch kranker Menschen, über ihre Krankheit und ihr Leid lieber nicht zu sprechen.

Was kann die Gesellschaft und das private Umfeld leisten, damit es den Betroffenen besser geht?
Von der Gesellschaft wünsche ich mir mehr Verständnis für Betroffene. Es bräuchte mehr Genesungsbegleiter, da diese eine Schizophrenie oder ähnliche psychische Krankheiten am eigenen Leib erlebt haben und auf Augenhöhe mit den Patienten umgehen können. Da ist schon viel Verständnis und Vertrauen vorhanden.  
Die Gesellschaft sollte durch Sensibilisierungsmaßnahmen besser informiert werden. Vielleicht gibt es dann weniger Verurteilungen, wie: „Ein Schizophrener gehört eingesperrt“. Mein Lieblingswort ist Inklusion. Psychisch kranke Menschen sollen nicht nur in einigen Bereichen integriert werden, sie sollen überall inkludiert werden. Dadurch würden sie eigenständig sein sowie Kraft und Lebensfreude entwickeln. Sie würden sich nicht so ausgeschlossen vorkommen und Teil der Gesellschaft werden. Im Mittelpunkt für die Betroffenen sollte stehen: erstens, Hilfe annehmen zu lernen. Zweitens sollten sie – und das ist genau so wichtig – Verständnis, Einfühlungsvermögen und Empathie erfahren.

 

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