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Kennst Du Duala Manga Bell?

Die tragische und weithin vergessene Geschichte von Douala Manga Bell offenbart auch die kolonialistische Vergangenheit Deutschlands.

Das MARKK erzählt auf dieser Ausstellung die „tragische, hierzulande weithin vergessene Geschichte eines widerständigen jungen Königs aus der Händlerfamilie der Bells, der zwischen Douala in Kamerun und einem kleinen Dorf in Süddeutschland aufwächst.“ Eine eng verflochtene Geschichte zwischen Kolonialmacht und Kolonie. Der junge König hieß Rudolf Duala Manga Bell, der nach seiner Ausbildung in Deutschland in seine Heimat in Douala zurückkehrte und sich dort – anfangs des 20. Jahrhunderts – gegen die kaltschnäuzige Willkür und die Enteignungspläne der arroganten deutschen Kolonialverwaltung in Kamerun auflehnte. 

War der kaiserliche Kolonialismus die Blaupause für den NS-Eroberungskrieg im östlichen Europa? Gibt es eine kolonialistische Kontinuität zwischen dem Kaiserreich und dem Dritten Reich? Es gibt den berühmten roten Faden, die plündernde Brutalität. Das deutsche Kaiserreich raubte „seine“ Kolonien im Südpazifik, in Asien, in Südamerika und in Afrika aus. Reichskanzler Bismarck bezeichnete die Kolonien als „Schutzgebiete“, nicht für die dortigen Bevölkerungen, sondern für den deutschen Handel. Diese sogenannten Schutzgebiete – die Menschen und das Land  – wurden erbarmungslos ausgebeutet.

In Deutsch-Süd-West-Afrika, dem heutigen Namibia, verübten die Kaisertruppen den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts.

In Deutsch-Süd-West-Afrika, dem heutigen Namibia, verübten die Kaisertruppen den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. Die Opfer waren die Angehörigen der Hereros und Namas. Bereits in den 70er-Jahren wies die GfbV auf die Kolonialverbrechen des Kaiserreiches hin. Die vereinbarte Wiedergutmachung zwischen Deutschland und Namibia wird heute von der GfbV kritisiert, weil die Nachfahren der Genozid-Opfer in die Verhandlungen zur „Wiedergutmachung“ kaum einbezogen worden sind.

Das MARKK erzählt nicht die große Geschichte des deutschen Kolonialismus, sondern bricht diesen herunter auf Douala, auf Rudolf Duala Manga Bell, seine Familie und Verwandten. Am Beispiel Duala Manga Bells Leben erzählt die Ausstellung von Rassismus, Kolonialismus und Widerstand, stellt Fragen nach Raubgut und der Rolle der Museen dabei. Sie versammelt historische Dokumente, Masken, Skulpturen und Speere aus der Sammlung, einige aktuelle Kunstwerke und eine großformatige Grafic Novel über Manga Bell, und schlägt den Bogen bis ins Heute. So stellt sie Hamburger Kaufleute vor, die mit Elfenbein, Kautschuk, Palmöl und Kakao reich wurden,“ erläutert das Museum das Ausstellungskonzept. Eine wichtige Ausstellung, denn die Geschichte ist nicht zu Ende. Menschen kämpfen weiter für ihre Rechte und eine neue Beziehung mit der Welt.

Ich, Rudolf Duala Manga Bell!
Rudolf Duala Manga Bell wurde 1873 in Duala geboren, er war der Enkel von König Bell, der den sogenannten Schutzvertrag mit Deutschland unterzeichnet hatte. Rudolf besuchte die deutsche Regierungsschule in Kamerun, von 1891 bis 1897 lebte und lernte er in Aalen im östlichen Baden-Württemberg. 1902 reiste er nach Deutschland und traf sich in Berlin mit dem Direktor der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes, Oscar Wilhelm Stübel.

Rudolf Duala Manga Bell verfasste 1905 mit König Akwa von Bonambela und 26 weiteren kamerunischen Oberhäuptern einen offenen Brief an den deutschen Reichstag. In diesem beschwerten sich die Duala über rechtsbeugende Handlungen durch den Gouverneur Jesko von Puttkamer, Enteignungen, Niederreißen von Häusern ohne Genehmigung, Zwangsarbeit ohne Lohn, willkürliche Verhaftungen und übermäßige Strafen sowie entwürdigende Behandlung von kamerunischen Oberhäuptern durch die Prügelstrafe.

“Wir sind deutsch und bleiben deutsch bis an das Ende der Welt.”

Im Beschwerdebrief an den Reichstag heißt es: „Den Herrn Gouverneur von Puttkamer, dessen Richtern, Bezirksamtmänner, kurz seine ganze Regierungsbesatzung wollen wir nicht mehr hier haben. Sämtliche jetzigen Gouvernements-Beamten des Schutzgebietes Kamerun bitten wir forträumen zu wollen, denn ihre Regierung führen sie nicht gut … diese verderben die Regierung und machen die redliche, gute deutsche Macht zu einer wucherischen und gäunerischen Macht! Wir sind deutsch und bleiben deutsch bis an das Ende der Welt. Mit allerunterthänigstem Gruß an Seine Majestät Kaiser Wilhelm von Deutschland und Kamerun“.

Unter der Rassisten-Knute
Der Hilferuf aus Kamerun wurde in Berlin belächelt und letztendlich aber überhört. Erst 1907 trat mit Theodor Seitz ein neuer, reformerischer Gouverneur seinen Dienst an. Seine Haltung in den sogenannten „Eingeborenenfragen“ entsprach der des Staatssekretärs Bernhard Dernburg.  1910 übernahm Friedrich von Lindequist die Leitung der deutschen Kolonialverwaltung, Seitz wurde durch den rassistischeren, alldeutsch geprägten Otto Gleim ersetzt.

Gleim wollte die Duala aus ihrer Heimat am Kamerunfluss ohne Entschädigung vertreiben, ihre Häuser niederbrennen, um Faktoreien aufzubauen und in Douala einheimische und deutsche Wohnviertel voneinander trennen. Dagegen wehrte sich Rudolf Manga Bell. Er schrieb Petitionen auch an den Reichstag, schickte 1912 seinen Sekretär Ngoso Din nach Berlin, nahm Kontakt zur deutschen Opposition und christlichen Missionen auf und beauftragte einen Berliner Anwalt mit dem Fall. Die sozialdemokratische Reichstags-Fraktion solidarisierte sich mit König Rudolf. Georg Ledebour kritisierte die Vorgänge in Kamerun als unerträglichen Rechtsbruch. Im Reichstag reichte August Bebel eine Flusspferd-Peitsche zur Veranschaulichung der Brutalität der Kolonialverwaltung herum.

Hochverräter Rudolf Manga Bell
1914 wurde Rudolf Manga Bell, der bis zuletzt Deutschland und dem Kaiser treu geblieben sein soll und friedlich gegen konkrete Missstände vorgegangen war, wegen „Hochverrates“ zum „Tode durch den Strang“ verurteilt. Es gab keine faire Verhandlung. Der Prozess wurde zunächst auf den 17. September 1914 angesetzt, dann aber auf den 7. August vorgezogen, ohne die Verteidigung zu unterrichten. Deshalb konnten die  deutschen Verteidiger Hugo Haase und Paul Levi nicht in Duala anwesend sein. Manga Bell wurde mit seinem Sekretär Ngoso Din am 8. August 1914 in Duala durch Erhängen[3] hingerichtet. Seine letzten Worte waren: „Unschuldiges Blut hängt ihr auf. Umsonst tötet ihr mich. Aber die Folge davon wird die größte sein.“[4]

„Unschuldiges Blut hängt ihr auf. Umsonst tötet ihr mich. Aber die Folge davon wird die größte sein.“

Der Jurist Christian Bommarius (Autor des Buchs „Der gute Deutsche. Die Ermordung Manga Bells in Kamerun 1914) verweist in seinem Artikel in der “Zeit” (August 2021) auf eine Anfrage 2014 an die Bundesregierung bezüglich einer Rehabilitierung des Justizmordes an Rudolf Manga Bell und Ngoso Din. Die Beantwortung, juristisch nüchtern gehalten, überrascht nicht: „Eine Forderung der Vertreter der Douala aus Kamerun zur Rehabilitierung von Rudolf Manga Bell wurde gegenüber der Bundesregierung bislang nicht erhoben.“[5]

Im April 2018 sprach sich die Bezirksverordnetenversammlung von Berlin-Mitte dafür aus, dass der nach dem kolonialistischen Forscher Gustav Nachtigal Nachtigalplatz nach Emily und Rudolf Duala Manga Bell benannt werden soll.[6]

Einen Schönheitsfehler hat die beeindruckende Ausstellung. Warum wissen wir so wenig über den deutschen Kolonialismus, fragen sich die Ausstellungsmacher und geben sich eine fragwürde Antwort: Weil wir uns an der Schule nur mit dem Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg befassen. Da bleibt ein schaler Nachgeschmack.

In Kamerun gärt es derzeit wieder. Im Nordwesten des Landes findet ein Krieg niederer Intensität statt, zwischen Anglophonen und Frankophonen. 

 

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The Others

Geschichten und Erzählungen aus der anderen Welt

In der kanadischen Provinz British Columbia wird auf dem Gelände einer ehemaligen katholischen Internat-Schule ein Massengrab entdeckt. Indigene Kinder wurden dort vergraben. Im Amazonas-Regenwald in Brasilien töten Covid und Goldsucher indigene Menschen. In Rojava in Nord-Syrien wehren sich Kurden gemeinsam mit Arabern und Aramäern gegen türkische und syrische Islamisten. Die Sami in Skandinavien, politisch unkorrekt Lappen, halten stur an ihrer Rentierhaltung fest. Es gibt eine andere Welt hinter den globalen Glitzer-Fassaden, die sich gegen das Plattmachen sträubt, Menschen die darauf beharren, eine eigenständige Existenz zu haben.

Ihre Geschichten tauchen nicht oder nur selten in den großen Medien auf.  Über diese Menschen spricht niemand oder kaum jemand. In der Reihe „The Others“ kommen jene zu Wort, die nicht gehört werden, die keine Stimme haben.

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