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Sophie Lazari im Porträt

"Jeder Körper hat etwas Spirituelles"

In der Schule sprach man von ihr augenrollend als „die Künstlerin“. Heute ist Sophie Lazari die Künstlerin, um die man in der Südtiroler Kulturszene kaum noch herum kommt.

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Bild: Sophie Lazari

Die Protagonisten haben zunächst nichts weiter Auffallendes. Es sind selbstbewusste Körper, die Harmonie und Frieden mit sich selbst ausstrahlen. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass mit diesen Menschen „etwas nicht stimmt“, zumindest nach den Kriterien gängiger Schönheitsideale: Die eine hat Zellulitis auf den Waden, der andere eine Prothese, eine trägt auffallend viel Körperbehaarung und ein anderer lässt seine Monobraue wachsen. Dabei drücken die Gesichter Zufriedenheit und Stolz aus – und genau das ist auch das erste, was dem Zuschauer ins Auge fällt. Zuallererst sieht man glückliche, starke Menschen, die mit sich im Reinen sind. Erst in einem zweiten Moment fallen die kleinen Eigenheiten auf, die diese Personen an sich haben.

Das ist auch die Intention der Künstlerin. Sophie Lazari lebt heute in Berlin, wo sie Grafik und Illustration studiert hat, und war 14 Jahre alt, als sie selber anfing, sich Gedanken zu machen, wie sie durch Sport und Ernährung ihren Körper an ihre Idealvorstellungen anpassen könnte. Beeinflusst waren diese Vorstellungen aber vor allem durch Shows wie Germany’s Next Topmodel, erinnert sich Sophie Lazari: „Zum Glück wurde mir ziemlich schnell klar, dass dieses krankhafte Verhalten nichts mit gesundem Körperbewusstsein zu tun hat.“ Jetzt hat sie das Thema im Rahmen ihrer Serie „Body Reflections“, die noch bis 14. August im Frauenmuseum in Meran zusehen ist, aufgegriffen.

Aus der Serie “Body Reflections”

Bild: Teseo La Marca

Aus der Serie “Body Reflections”

Bild: Teseo La Marca

Aus der Serie “Body Reflections”

Bild: Teseo La Marca

Als Sophie Lazari mit 21 Jahren nach Berlin zog, festigten die Stadt, das Studium und die queere Clubszene auch ihre politische Einstellung. Und Bodypositivity, also eine Haltung der Akzeptanz und Wertschätzung für jeden Körper, ist in der Tat hochpolitisch. Für Sophie Lazari geht es nicht nur darum, den eigenen Körper so zu akzeptieren, wie er ist, sondern auch um den Kampf gegen rassistische, homophobe und sexistische Stereotype und Vorurteile. Ein Kampf, den sie in ihrer Arbeit als Illustratorin immer wieder aufnimmt.

Abgesehen von der Themenwahl schlägt sich das auch in Form und Stil nieder. Die Menschen in Sophie Lazaris Bildern tragen keine natürlichen Hautfarben. „Um Race-Issues zu vermeiden“, erklärt sie. Eine weitere Herausforderung beim Illustrieren bestehe darin, keine Genderstereotypen zu zeichnen, um so inklusiv wie möglich zu sein.

„Tättowieren ist ein Job an sich, ich habe sehr viel Respekt vor dem Körper, es ist etwas Ewiges und Spirituelles, ein Energieaustausch, ein Ritual, das magisch sein kann.“

Begonnen hat Sophie Lazaris Laufbahn als Künstlerin früh. Mit drei Jahren hatte sie kaum zu gehen angefangen, da fing sie schon an zu tanzen. Später wurde sie Teil einer Theatergruppe. Zwölf Jahre lang spielte sie Klavier und ansonsten war Zeichnen ihre Lieblingsbeschäftigung. Die Bezeichnung „Künstlerin“ musste sie sich schon damals, in der Schulzeit, oft anhören, das war aber eher ironisch gemeint. „Künstlerin“, das war in einer konservativen Gesellschaft ohnehin gleichbedeutend mit „verrückt“ – eine Kategorie, mit der Sophie Lazari, die schon damals in gewohnte Muster passte, am leichtesten beizukommen war.

Heute hat Sophie Lazari nicht nur auf der Leinwand immer wieder mit den verschiedensten Körpern zu tun. Die 25-Jährige, die sich selbst als „Workaholic“ bezeichnet, ist nämlich bei weitem nicht nur als Künstlerin unterwegs. Ein Zubrot verdient sie sich auch als Grafikerin, vor allem aber als Tätowiererin. Und das bereitet ihr besonderen Spaß. „Tätowieren ist ein Job an sich, ich habe sehr viel Respekt vor dem Körper, es ist etwas Ewiges und Spirituelles, ein Energieaustausch, ein Ritual, das magisch sein kann“, sagt Lazari.

Und ja, manchmal sei das Jonglieren mit mehreren Jobs auch eine Geldfrage. Schließlich sei „Künstlerin“ in Italien kein anerkannter Beruf, weshalb das Beherrschen verschiedener Handwerke für die Sicherung des Lebensunterhalts ganz hilfreich sei. Ganz anders ist es in Deutschland. Jetzt, einige Monate nach meinem Studienabschluss, kann Sophie Lazari endlich sagen: „Ich bin freischaffende Künstlerin.“ Die Vorsilbe frei ist ihr dabei besonders wichtig. Sich nicht darum kümmern, was andere Leute denken und sagen.

„Ich sage immer, dass Zeichnungen gewisse komplexe Konzepte einfach und verständlich machen, sie sind zugänglicher.“

Sophie Lazari, die in Bologna geboren und in Südtirol aufgewachsen ist, lässt das konservative Weltbild ihrer Heimat bis heute nicht los. Dabei könnte sie es sich längst in Berlins weltoffener Blase gemütlich gemacht haben. Aber dann ist da auch noch der Drang, aufzuklären.

„Ich sage immer, dass Zeichnungen gewisse komplexe Konzepte einfach und verständlich machen, sie sind zugänglicher“, erklärt Sophie Lazari ihren Ansatz. Während ein Text voraussetze, dass die Lesenden bestimmte Vorkenntnisse haben und die Komplexität einer Sprache verstehen, arbeitet ein Bild mit Assoziationen und Eindrücken. „Man muss weder eine bestimmte Sprache sprechen noch ein gewisses Alter erreicht haben, um die Message zu verstehen: die meisten meiner Illustrationen erklären sich von selbst.“

Vor allem bei queeren und weiblichen Personen kommt Sophie Lazaris feministischer und politischer Zugang gut an. Oft bekommt sie Feedback wie: “Endlich spricht mal wer darüber! Danke.” Ansonsten interessiert sich die Künstlerin vor allem dafür, ihr eigenes Ding zu machen. „Wichtig ist, sich selbst treu zu bleiben und den eigenen Traum zu leben“, sagt sie, „das ist meiner Meinung nach der Schlüssel zum Erfolg“. Es ist schwer, ihr zu widersprechen.

 

Teseo La Marca

hat neulich eingesehen, dass Freiheit mehr bedeutet, als Bindungsängste gegen alles zu haben. Will daher sein Studium beenden und lebt nun in Wien, wo er nach wie vor zu viel prokrastiniert.
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