BARFUSS LogoDas Südtiroler Onlinemagazin
BARFUSS LogoSüdtiroler Onlinemagazin

Support Barfuss

Werde Unterstützer:in und fördere unabhängigen Journalismus

BARFUSS LogoDas Südtiroler Onlinemagazin
Illustrations by Sarah
Sarah Meraner
Veröffentlicht
am 02.04.2025
LebenPCB in Südtirol

Im Dutzend dreckiger

Wer würde seine Kinder Tag für Tag giftigen Stoffen aussetzen, die höchst krebserregend sind, zu hormonellen Störungen führen können und negative Auswirkungen auf ihre Entwicklung haben? Vermutlich niemand. Aber vielleicht passiert es doch – auch in Südtirol, wo PCB-Belastungen in Gebäuden möglicherweise ein unterschätztes Problem sind.
Damit BARFUSS weiterhin hinterfragen, aufklären, erzählen und berühren kann, brauchen wir DEINE Unterstützung!
Werde Teil unserer Community.
Teile unsere Story

Artikel anhören

Vier Todesfälle, acht Krebserkrankungen, sechs Fehl- oder Totgeburten, nachgewiesene Immunschädigungen sowie Herzrhythmusstörungen in einem Personenkreis von nur 20 Menschen: 1990 wurde im nordhessischen Baunatal die in den Anfang 1970er-Jahren errichtete Friedrich-Ebert-Grundschule aufgrund gravierender Erkrankungen im Lehrerkollegium geschlossen, drei Jahre später wurde sie abgerissen. (Quelle: https://www.bbu-online.de/AG%20Innenraumschadstoffe%20und%20Gesundheit/Schulen/Referat/Krug.htm) Schüler:innen und Lehrpersonal waren über Jahre einem Schadstoff ausgesetzt, der zu erheblichen gesundheitlichen Schäden führt: PCB.

Was ist PCB genau? 
Das Kürzel steht für die synthetisch organischen Verbindungen Polychlorierte Biphenyle. PCBs gehören aufgrund ihrer hohen Toxizität und Persistenz zu den sogenannten „persistenten organischen Schadstoffen“, die weltweit streng reguliert und schrittweise aus dem Verkehr gezogen wurden. Diese sogenannten dreckigen Dutzend sind jene bekannten organischen Giftstoffe, die durch das Stockholmer Übereinkommen vom 22. Mai 2001 weltweit verboten wurden. 

Was hat PCB mit Südtirol zu tun?
Die 1960er- und 1980er-Jahre waren in Europa – und auch in Südtirol – eine Zeit intensiver Bautätigkeit, in der PCB-haltige Produkte genutzt wurden, etwa in Schulen, Verwaltungsgebäuden und Wohnhäusern. In großen Mengen wurde PCB als Weichmacher in Dichtungsmassen, Farben, Lacken, Fugendichtungen, Isoliermaterialien und in Leuchtstofflampen und – aufgrund seiner hohen thermischen und chemischen Stabilität – sogar in elektrischen Geräten, Transformatoren und Kondensatoren eingesetzt. Über einen Zeitraum von etwa 60 Jahren wurden weltweit ca. 1,3 Millionen Tonnen PCB produziert, mit den höchsten Produktionsmengen im Jahr 1970.

Auch in Südtirol wurden bisher keine Untersuchungen von Gebäuden hinsichtlich etwaiger PCB-Belastungen durchgeführt.

In den letzten Jahrzehnten kam es in Deutschland immer wieder – aufgrund der besorgniserregenden Ergebnisse bei Luftmessungen – zu Schließungen von Schulen, etwa in der Bonner Elisabeth-Selbert-Gesamtschule oder in der Gesamtschule am Schwanenplatz in Duisburg. In europäischen Innenräumen ohne spezifische PCB-Quelle befinden sich üblicherweise Konzentrationen zwischen 1,3 ng/m3 und 18 ng/m3. In Untersuchungen aus Deutschland, die Anfang der 2000er-Jahre in PCB-kontaminierten Gebäuden durchgeführt wurden, wurden Werte von bis zu 20.000 ng/m3 und mehr gemessen. (Quelle: Bundesgesundheitsblatt: Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz 2 – 2025)

Der Grund für die Schulschließungen sind also nachgewiesene PCB-Werte. Und während entsprechende Messungen und Maßnahmen in Deutschland schon seit den 1990er-Jahren durchgeführt werden, passiert in Italien bisher gar nichts. Und das obwohl Italien als einer der größten PCB-Hersteller weltweit galt. Auch in Südtirol wurden laut Giulio Angelucci, Direktor des Amts für Abfallwirtschaft der Autonomen Provinz Bozen, bisher keine Untersuchungen von Gebäuden hinsichtlich etwaiger PCB-Belastungen durchgeführt. 

Strukturen der zwölf dioxinähnlichen PCB

Keine PCB-Analysen in Südtirol
„PCB-Messungen gehören nicht zur Standardaktivität des Landes“, so der Direktor des Landesamtes für Luftanalysen Luca Verdi. Daher würden entsprechende Messungen nur dann durchgeführt werden, sollten „spezielle Fälle auftreten“. Auf welche „Fälle“ man nun genau wartet, sei dahingestellt. Die Frage, ob es Grund zur Beunruhigung gibt oder nicht, lässt sich eigentlich erst beantworten, wenn PCB-Messungen überhaupt durchgeführt werden.

Aus diesem Grund hat die Liste Pro Eppan nun einen Beschlussantrag im Gemeinderat eingebracht: Das Amt für Abfallwirtschaft der Autonomen Provinz Bozen soll damit beauftragt werden, in den Schulgebäuden und weiteren öffentlichen Gebäuden, die in Eppan im Zeitraum von 1960 bis 1985 errichtet wurden, spezifische Messungen durchzuführen, um mögliche Kontaminationen der Raumluft durch PCB ausschließen zu können. 

Die Gefahr, die von PCB ausgeht, wird hierzulande nicht erkannt oder wird unterschätzt.

Norbert Auer, Verband Südtiroler Baubiologen

„Eine Aufklärung und Sensibilisierung der Bevölkerung, der Unternehmen, aber auch der öffentlichen Institutionen und eventuelle Schadstoffanalysen durchführen zu lassen, ist unbedingt notwendig“, sagt Norbert Auer aus Eppan. In seiner bisherigen Arbeit als Baubiologe seien weder er noch seine Kolleg:innen vom Verband Südtiroler Baubiologen mit PCB in Berührung gekommen, was  laut ihm daran liege, dass „die Gefahr, die von PCB ausgeht, hierzulande nicht erkannt oder unterschätzt wird.“

Wenn Giftstoffe Teil der Umwelt werden
Durch ihre chemische Stabilität bleiben PCBs über viele Jahrzehnte in der Umwelt und im menschlichen Körper enthalten. Die Folge: Sie akkumulieren sich in der Nahrungskette, werden von Lebewesen aufgenommen und weitergegeben. 

In der Vergangenheit wurde davon ausgegangen, dass die PCB-Belastung des Menschen überwiegend über die Nahrung erfolgt. Im Jahre 1968 erkrankten über 1.000 von schätzungsweise 1.800 Japaner:innen, die über mehrere Monate mit Kanechlor 400 (48 % Chloranteil) verunreinigtes Reisöl zum Zubereiten von Speisen verwendet hatten („Yusho“-Krankheit). Zu einer ähnlichen Vergiftungsepisode, bei der mehr als 2.000 Menschen betroffen waren, kam es 1978/79 in Taiwan (Konsumperiode 8–9 Monate).

Neuere, seit 2015 veröffentlichte Studien zeigen, dass der inhalative Pfad bei der Allgemeinbevölkerung im Vergleich zur oralen Aufnahme über die Nahrung einen weit höheren Anteil haben kann.

Laut dem Institut für Baubiologie in Neubeuren reichert sich PCB im menschlichen Fettgewebe, Hirn, Knochen- und Rückenmark an. Bekannte Risiken sind Vergiftungserscheinungen, Leber- und Nierenschäden, Störung des Immunsystems, Gewichtsverlust, Ödeme, Drüsenschwellung, Chlorakne. Darüber hinaus haben PCB ein kanzerogenes Potenzial. Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) hat PCB als krebserzeugend für den Menschen eingestuft. Zur Beurteilung der gesundheitlichen Auswirkungen von PCB-Expositionen liegen Daten aus tierexperimentellen Studien sowie aus epidemiologischen Untersuchungen vor. Neuere Daten zu den gesundheitlichen Auswirkungen von PCB beim Menschen liegen insbesondere aus Arbeitsplatzstudien vor. In diesen Studien wurden Arbeitnehmer:innen  zum Beispiel aus der Recyclingindustrie oder dem Bergbau untersucht, die über viele Jahre – zum Teil unter Missachtung allgemeiner Arbeitsschutzvorschriften – erheblich gegenüber PCB exponiert waren.

Es ist zunächst wichtig, vernünftige Messungen zu machen. Hat man Werte, kann man vernünftig handeln.

Werner Tirler, Eco Research

Werner Tirler vom Bozner Forschungszentrum Eco Research, das sich auf chemische Analysen spezialisiert hat, betont: „Es ist zunächst wichtig, vernünftige Messungen zu machen. Hat man Werte, kann man vernünftig handeln.“ Er schlägt vor, Labore aus Deutschland zu beauftragen. „In Deutschland wird der Stoffklasse schon seit Jahren Aufmerksamkeit geschenkt, was dazu geführt hat, dass der Gesetzgeber zu klaren Formulierungen gegriffen hat – was wiederum mehrere Analyselabors dazu brachte, sich damit zu beschäftigen.“ Eco Research selbst mache seit etwa fünf Jahren keine Auftragsanalytik mehr, so Tirler.

Der Beschlussantrag von Pro Eppan wurde genehmigt, Kostenvoranschläge von spezialisierten Labors aus Deutschland wurden bereits eingeholt. „PCB ist ein Thema, das mir schon sehr lange ein Anliegen ist“, so Felix von Wohlgemuth von Pro Eppan. „Radon und Asbest sind in Südtirol schon länger Thema, aber zu PCB gibt es hier und in ganz Italien nichts zu finden.“ 

Zumindest in der Gemeinde Eppan wird sich dies nun ändern.

Dienste

  • News
  • Wetter
  • Verkehrsbericht

BARFUSS


Support BARFUSS!
Werde Unterstützer:in und fördere unabhängigen Journalismus:
https://www.barfuss.it/support

© 2023 SuTi GmbH
© 2023 SuTi GmbH . Rennstallweg 8 . 39012 Meran . MwSt: 02797340219
DatenschutzNetiquetteCookiesImpressum