Interview mit Gunde Bauhofer

Familien unter Strom

Die Stromkrise ist aktueller denn je. Durchschnittlich zahlt eine Familie ganze 110 Prozent mehr Strom pro Jahr. Was jede*r selbst tun kann, um Energie und Kosten zu sparen und worauf bei einem Anbieterwechsel zu achten ist.

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Die Teuerung für den Strom betrug + 110 %, aufs Jahr gerechnet – für viele unmöglich zu stemmen.

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Bild: Verbraucherzentrale Südtirol

Die Kosten für Energie sind seit dem letzten Jahr auch in Südtirol förmlich explodiert. Eine Musterfamilie in Bozen zahlt für Strom heute 110 Prozent mehr pro Jahr, für Gas 80 Prozent mehr – in Summe fast 1.400 Euro. Sparpotenzial gibt es überall – nicht nur beim Strom, sondern auch beim Heizen, Warmwasser und beim Auto. Die Verbraucherzentrale Südtirol (VZS) gibt zahlreiche Tipps, um aktiv Strom- und Heizkosten, Warmwasser- und Autokosten aktiv einzusparen. Doch reicht das aus, um die Krise zu bewältigen? BARFUSS hat die VZS-Geschäftsführerin Gunde Bauhofer dazu befragt.

Frau Bauhofer, Sie geben auf der VZS-Website wertvolle Inputs für die Verbraucherinnen und Verbraucher. Welche sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten?
Beim Stromsparen sollte man an erster Stelle den Standby-Modus vermeiden. Geräte wie Fernseher, Radio oder Kaffeemaschine im Bereitschaftsdienst verursachen bei einer Durchschnittsfamilie locker 100 Euro Mehrkosten im Jahr.

Gunde Bauhofer, Geschäftsführerin der Verbraucherzentrale 

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Verbraucherzentrale Südtirol

Beim Heizen sollte man die Raumtemperatur senken. Dabei bedeutet ein Grad Celcius immer rund 6 Prozent Energie sparen. Aber Achtung: Man muss auf Schimmel achten, also die Heizung nicht zu stark zurückdrehen und regelmäßig lüften. Wenn man zusätzlich die Raumtemperatur in der Nacht und bei längerer Abwesenheit um ca. vier Grad senkt, kann man im Schnitt rund 10 Prozent der Heizenergie einsparen.

Wie kann man Kosten bei der Nutzung von wasser reduzieren?
Beim Warmwasser gilt eindeutig: Dusche statt Vollbad. Wenn wir mit den Preisen vom Sommer rechnen, wobei das Gas mittlerweile wieder teurer geworden ist, kostet die Dusche um die 80 Cent und das Bad 2,30 Euro – also mehr als zwei Drittel teurer. Leider haben wir keinen aktuellen effektiven Gaspreis.

Warum?
Der Staat hat mit 1. Oktober den Mechanismus geändert. Früher wurde der Preis drei Monate im Voraus festgelegt, jetzt gibt es ihn jeweils am Ende des Monats. Der Staat hat sich davon versprochen, genauer und besser auf die Preise reagieren zu können und sagt, es sei zum Vorteil der Konsumentinnen und Konsumenten. Wir müssen aber erst abwarten was es effektiv bringt.

Stichwort Spritpreise: Wie kann man hier Kosten sparen?
Beim Autofahren raten wir Strecken unter fünf Kilometer mit dem Rad zurückzulegen. Der Motor läuft auf Kurzstrecken noch nicht so rund und da bleibt viel Sprit auf der Strecke. Bei längeren Strecken kann man überlegen, ob Fahrgemeinschaften möglich sind.

Nun sind diese Energiespartipps hilfreich, aber nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Was müsste sich ändern?
Die politische Lösung ist sicher auf EU-Ebene zu suchen. Es braucht eine Reform des ganzen Systems Energie. Wir haben im Moment das Merit-Order-System: Das heißt, dass der Strompreis am Gaspreis hängt und diese Verknüpfung müssen wir einfach aufbrechen. Wir haben billigere Arten Strom herzustellen und davon müssen wir profitieren können.

„Wir hoffen, dass die neue Regierung schnell in die Gänge kommt.“

Weiters braucht es zwei Durchführungsbestimmungen aus Rom, auf die wir bereits lange warten. Dabei geht es um den geteilten Selbstverbrauch bei Photovoltaik und die Energiegemeinschaften. Das wären gute Vorteile für die Bürgerinnen und Bürger, aber man weiß in der Praxis noch nicht wie das umsetzbar ist, deswegen gibt es hier ein großes Warten. Wir hoffen, dass die neue Regierung schnell in die Gänge kommt.

Was bedeutet der geteilte Selbstverbrauch bei Photovoltaik und die Energiegemeinschaften konkret?
Dass beispielsweise auf einem öffentlichen Gebäude eine Photovoltaikanlage installiert wird und sich bis zu 5.000 Bürgerinnen und Bürger in der Nähe an diesem Strom zu günstigen Preisen bedienen können. Oder aber, dass jemand zuhause eine Photovoltaikanlage plant und den Strom zusammen mit zwei Nachbarn nutzt.
Hier geht es immer um die Idee der gemeinschaftlichen Nutzung, denn richtig billig ist der Strom einer Photovoltaikanlage nur, wenn ich den Strom nutze, während er produziert wird. Hier würde der Strom direkt vor Ort in kleinen Einheiten aufgebraucht – einmal auf Nachbarschaftsebene für drei Leute und einmal eben für bis zu 5.000 Leute, wo mehr Fläche ist. Dieses System sollte genossenschaftlich organisiert werden und man verspricht sich einiges davon. Allerdings gibt es dieses leider noch nicht.

Die gemeinschaftliche Nutzung von Photovotaikanlage soll sich positiv auf die Brieftaschen der Konsumentinnen und Konsumenten auswirken.

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Andreas160578/Pixabay

Wie sehen Sie das Thema, dass sich Südtirols von der nationalen Strompreispolitik loslöst und den Strom lokal reguliert? Immerhin produziert Südtirol heute mehr als doppelt so viel Öko-Strom, als es verbraucht.
Das ist ein heiß diskutiertes Thema. Laut Rechtsmeinungen wäre hier schon Spielraum für mehr Autonomie. Aus unserer Erfahrung mit den nationalen Aufsichts- und Regulierungsbehörden können wir sagen, dass es wünschenswert wäre, wenn mehr vor Ort geregelt würde, weil dabei einfach eine bessere Sachkenntnis der Lage vor Ort zum Tragen käme.

Aus Angst vor hohen Strom- und Gasrechnungen wechseln viele den Anbieter. Laut Verbraucherzentrale sind 75 Prozent der Angebote am freien Markt teurer als der staatliche Tarif des geschützten Marktes.
Im Moment hat Alperia ein ziemlich gutes Angebot. Das „Alperia Eco Day and Night“, welches für die Durchschnittsfamilie 600 Euro günstiger ist als das vom Staat. Die Stadtwerke Brixen haben mit dem Angebot „BEN“ nachgezogen, ebenso Ötzi Strom. Aber so schnell kommt von den Südtiroler Anbietern keiner ran. Bei unserer Musterfamilie liegt der staatliche Tarif bei 1.730 Euro und Alperia bei 1.130 Euro. Der neue Preisvergleich der VZS ist vor ein paar Tagen (Anm.d.Red.: 27.10.2022) online gegangen. Jener zum Gas leider noch nicht, weil diesen Preis kennen wir erst am 2. November, erst dann werden wir wissen was Sache ist.

Auch wer einen günstigen Tarif gefunden hat, ist nicht immer sicher vor nachfolgenden Teuerungen. Worauf sollten Verbraucherinnen und Verbraucher achten?
Grundsätzlich immer auf die Vergleichbarkeitstabelle schauen. Nur was schwarz auf weiß festgehalten ist, wird unterschrieben. Wenn man einen Werbeanruf erhält bezüglich Tarifwechsel, sollte man eigentlich eher immer Nein sagen: Jedem Angebot muss laut gesetzlicher Vorgabe diese Vergleichbarkeitstabelle beiliegen, auf welcher der Preis vor Steuern vom staatlichen Tarif und der vom Angebot gegenübergestellt wird. Am Telefon kann ich die Zahlen nicht vergleichen.
Dann sieht man sofort: Wenn hier kein Minus rauskommt oder man sogar noch mehr zahlt als beim Staat, braucht man nicht wechseln. Problematisch wird es für die, die schon am freien Markt sind. Die müssen sich die letzte Rechnung anschauen und daraus den Preis rekonstruieren, weil verglichen wird immer nur mit dem staatlichen.

Problematisch wird es für die, die schon am freien Markt sind. Die müssen sich die letzte Rechnung anschauen und daraus den Preis rekonstruieren, weil verglichen wird immer nur mit dem staatlichen.

Der geschütze Tarif für Gas soll am 01.01.2023 enden.
Wir hoffen stark, dass das noch verschoben wird, weil der Markt noch nicht bereit ist für nur freie Preise ohne staatlichen Richtwert. Aber was hier wichtig zu erwähnen ist: Wenn ich mir keinen neuen Anbieter suche oder auch wenn ich Anbieter wechsle – ich bleibe auf keinen Fall im Dunkeln oder ohne Gas. Im Energiebereich ist die konkrete Lieferung einer dritten Firma übertragen, mit der ich als Endkonsumentin oder Endkonsumentin fast nie etwas zu tun habe und diese liefert mir auch weiterhin Strom, selbst wenn ich die Zahlung an eine andere Firma mache. Und auch wenn der geschützte Tarif auslaufen sollte und ich habe noch keinen neuen Anbieter, werde ich automatisch überstellt. Das Schlimmste was passiert, ist, dass man einen Monat mehr zahlt, bis ich einen eigenen Anbieter habe.

Am 18. Oktober fand die Nationale Verbraucherversammlung statt, bei welcher die nationalen Verbraucherverbände, unter anderem Sie, eine Reihe von Vorschlägen und Maßnahmen vorgestellt haben, welche die Regierung zur Eindämmung der hohen Lebenshaltungskosten und der Energiepreise ergreifen sollte.
Herausgekommen sind im Wesentlichen fünf Punkte, die wir jetzt an die neue Regierung in Rom übermitteln. Dann schauen wir ob wir ein Ohr finden und wenn nicht, werden wir uns weiter mobilisieren, bis uns jemand zuhört.

Welche Punkte wurden bei der Versammlung festgelegt?
Es geht vor allem um die Einführung des „Zustands der unverschuldeten Zahlungsunfähigkeit“ bei Energierechnungen. Also wenn ich beispielsweise weniger arbeiten konnte, weil der Arbeitgeber mir die Stunden reduziert hat oder ich gar die Arbeit verloren habe, dann zahle ich die Rechnung ja nicht, weil ich nicht will, sondern weil es wirklich nicht geht. Hier fordern wir, dass ein Fonds für diese Personen einspringt, und dass auch die Energieunternehmen nicht auf diesen Schulden sitzen bleiben, sondern diese als Steuerguthaben mit dem Staat verrechnen können.

Weiters geht es darum, dass die Bonuszahlungen von staatlicher Seite angehoben werden müssen. Die Beträge sollen stabil bleiben und man muss die Einkommensklammern erweitern. 12.000 Euro ISEE ist wenig, da fallen viele durchs Raster.

Und die weiteren drei Forderungen?
Der dritte Punkt war eine Reform der Energierechnungen. Es sollte wirklich nur noch die Energiekomponente und die Mehrwertsteuer übrigbleiben, das würde nämlich stark zum Energiesparen auffordern und das Sparen stärken. Wenn man um Beispiel sieht, dass ich die Hälfte an Kilowattstunden gebraucht habe, dann zahle ich auch die Hälfte. Im Moment sind auf jeder Rechnung zu viele Komponenten und zusätzliche Abgaben drauf, die nicht wirklich etwas mit dem Strom zu tun haben. Der vierte Punkt war die bereits genannte Entkoppelung von Strom und Gas.
Zudem braucht es mehr Förderungen von erneuerbaren Energiequellen und es braucht einen außerordentlichen nationalen Plan für den Jetzt-Moment. Wer jetzt Schwierigkeiten hat, braucht jetzt Hilfe. Andererseits gilt: Wer extra viel durch die Krise verdient hat, sollte auch extra viel besteuert werden.

Auch die Landesregierung hat Unterstützungen im Bereich Energie zugesagt, wie sieht diese aus?
Leider kennen wir noch keine Details der Landesunterstützungsmaßnahmen. Das Land plant eine Einmalzahlung für Familien, aber nicht nur. Die Familien, die bereits fürs Kindergeld angesucht haben, bekommen diese Unterstützung automatisch. Für die, die es nicht bekommen, überlegt man gerade, wie man es am unbürokratischsten über die Bühne bringt. Man weiß aber noch nicht, wie angesucht werden kann. 

Wer über einen Anbieterwechsel nachdenkt, kann sein Angebot direkt bei den Anbietern oder auf dem Vergleichsportal der ARERA ermitteln lassen. Ein kleiner Leitfaden für den Anbieterwechsel bei Strom und Gas findet sich auf der Webseite der Verbraucherzentrale Südtirol, die auch einen Beratungsservice hierzu anbietet.

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.

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