Anzeige

Eva retten

Warum passieren Femizide so häufig? Unsere Autorin hat sich nach dem Tod von Barbara Rauch auf die Suche nach dem roten Faden gemacht und Artikel, Interviews und Gerichtsprozesse durchforstet. Das Ergebnis ist in ein Theaterstück geflossen.

Eva ist tot. Umgebracht von ihrem Stalker, ihrem Partner, ihrem Ex, ihrem Ehemann — so genau wissen wir das gar nicht, aber was wir wissen ist: Sie ist durch die Hand eines Mannes gestorben, der irgendwann in ihr Leben getreten ist und daraus nicht wieder verschwinden wollte, ohne ihres mitzunehmen. Und wer Eva ist, wissen wir auch nicht so genau, vielleicht unsere Nachbarin, vielleicht unsere Arbeitskollegin, vielleicht die junge Mami, dessen Dreijährige mit unserem Sohn im Kindergarten spielt. Aber was wir wissen ist: Sie ist eine von uns und weil sie eine von uns ist, könnte es jede von uns sein. Aber warum nur? Warum passieren Femizide alle zweiundsiebzig Stunden und damit so häufig, dass man gewiss nicht mehr von Einzelfällen sprechen kann? Gibt es einen roten Faden, der sich quer durch all diese Femizide zieht?

Es gibt ihn. Manchmal liegt er tief im Schutt einer jahrtausendealten Gesellschaftsordnung, manchmal auf der Hand, und immer führt er direkt an uns vorbei und schließt uns mit ein. Ja, auch Sie. Nach dem Mord an Barbara Rauch war es die Gleichstellungsrätin, die an den Tagen danach unsere kollektive Fassungslosigkeit und Ohnmacht, wie sie sich nach jedem Femizid bei uns breitmacht, in Worte fasste: „Es tut uns so leid, wir haben versagt.“ Das „Wir“ ist irritierend, es ist furchtbar und wirft Fragen auf. Wo haben wir versagt? Und warum schon wieder? Beunruhigender als Antworten auf diese Fragen zu suchen ist eigentlich nur, sie unbeantwortet zu lassen.

In den allermeisten Fällen kam der Mord nicht aus heiterem Himmel, sondern ist die Spitze des Eisbergs.

Schauen wir also genauer hin. Gewiss, sie sind alle unterschiedlich, die 125 Frauen, die im letzten Jahr hingerichtet wurden, sie kommen aus allen Bildungsschichten und Ecken dieses Landes, sie waren jung und alt, blond und braunhaarig, Mütter und kinderlos — aber sie haben alle eines gemeinsam: Sie lebten im selben System, sind denselben ungleichen Machtverhältnissen, männlichen Possessivansprüchen und überholten Rollenerwartungen ausgesetzt und von denselben Gesetzen zu wenig geschützt worden. Viele von ihnen, darunter auch Barbara und ihre Familie, haben die Täter im Vorfeld angezeigt, haben Hilfe im System gesucht, haben sehr vieles unternommen, um den Täter auf Distanz zu halten.

In den allermeisten Fällen kam der Mord nicht aus heiterem Himmel, sondern ist die Spitze des Eisbergs, die grausame Klimax einer vorangegangenen Geschichte der Enthemmung, genährt von einem System der kultivierten Ungleichheit, in dem die Frau zur Schwächeren gemacht wird. In dem Frauen versucht haben, zu vermitteln, zu entkommen, zu ignorieren, zu kommunizieren, sich zu trennen, sich zu verteidigen, sich (und die Kinder) zu schützen, sich zu wehren — und doch nicht überlebt haben.

Barbara Plagg hat das Theaterstück nach dem Tod von Barbara Rauch geschrieben.

Titel & Urheber des Bildes: 
Silbersalz

Nicht überlebt so wie Eva im Theaterstück „72 Stunden - Eine Anklage“, das ich nach dem Tod von Barbara geschrieben habe und dessen Titel tragischerweise inzwischen schon nicht mehr stimmt: Nach den neuesten Statistiken waren es im letzten Jahr weniger als alle 72 Stunden, dass eine Frau in Italien ermordet wird. Frauen wie Eva, die als fiktive Figur für alle Frauen steht, die von Männern aus ihrem Umfeld hingerichtet worden sind. Auf der Suche nach dem roten Faden, den es zu finden gilt, um ihn endlich zu kappen, habe ich Interviews, Artikel und Gerichtsverfahren unterschiedlicher Femizide durchforscht und ein Netz an Verfehlungen, Entschuldigungen, Eitelkeiten, politischem Kalkül, juristischen Lücken und Gedankenlosigkeiten zusammengetragen. Verschmolzen zu einem einzigen fiktiven Fall, dem Fall „Eva“, finden sich Aussagen, Situationen und Aktionen im Stück, die sich so tatsächlich zugetragen haben.

Und diese im Einzelnen kleinen Begebenheiten wollen die Menschen aus Evas Kleinstadt nach ihrem Mord aufdecken, um die Punkte zu verbinden und das Bild zu erkennen, das sie ergeben. Nach und nach rekonstruieren sie, was zu Evas Ermordung geführt hat und auch wenn ihnen zunehmend klar wird, dass es nicht am Einzelnen, sondern am System krankt, bleiben viele Fragen offen und werfen neue Fragen auf. Die einzige Sicherheit, die ihnen bleibt, ist zugleich die schrecklichste: Das sie Evas gewaltsamen Tod nicht nur hätten verhindern müssen, sie hätten ihn auch verhindern können. 

Aber Eva ist tot. Und mit Eva ist die Welt für so viele Menschen rund um sie herum stehengeblieben, für immer in ein Vorher und Nachher teilbar.

Aber Eva ist tot. Und mit Eva ist die Welt für so viele Menschen rund um sie herum stehengeblieben, für immer in ein Vorher und Nachher teilbar. In ein Nachher, wo dir Trauer niemals weggehen und die Lücke, die sie hinterlassen hat, an Tagen unerträglich scheint. Aber wo das Leben weitergeht und weitergehen muss, weil Eva es so für ihre Familie und Freund:innen gewollt hätte. Weil Eva gewollt hätten, dass ihr Tod uns nicht bricht, denn diesen ultimativen Sieg würde sie ihrem niederträchtigen Mörder niemals zugestehen wollen. Vor allem aber hätten all die Evas gewollt, dass wir den Mut nicht verlieren.

Dass wir das Bild erkennen, das die Zusammenschau ihrer gewaltsamen Morde ergibt und dass wir beginnen, uns ernsthaft damit auseinanderzusetzen. Im Privaten wie auch in der Öffentlichkeit, eingefordert von einer starken Zivilgesellschaft, die diese Verluste nicht länger akzeptiert und alle Hebel der Politik und Justiz, der Sozialisation und Meinungsbildung, der Kunst und Kultur auf Prävention setzt, weil wir es den Femizid-Opfern schuldig sind. Ihr Vermächtnis ist unsere Pflicht. Damit wir all die Evas, die gerade irgendwo da draußen sind, während in ihrem Dunstkreis bereits jemand Vernichtungsfantasien über sie hegt, retten können. 

 

Informationen zum Theaterstück:

 „72 Stunden - Eine Anklage“ von Barbara Plagg

Eine Produktion des Stadttheater Bruneck gemeinsam mit der Carambolage Bozen und dem Theater in der Altstadt Meran

Es spielen: Sabrina Fraternali, Viktoria Obermarzoner, Julia Augscheller, Florian Eisner und Horst Herrmann 

Regie und Bearbeitung: Torsten Schilling 

Ausstattung: Katia Bottegal 

Choreografie: Sabrina Fraternali 

Licht: Jan Gasperi 

 

Termine: 

Stadttheater Bruneck 

16.09. - 20.00 Uhr (Premiere mit anschließender Diskussionsrunde)

22.09. - 20.00 Uhr 

24.09. - 20.00 Uhr 

25.09. - 18.00 Uhr 

28.09. - 20.00 Uhr (mit anschließender Diskussionsrunde)

30.09. - 20.00 Uhr 

02.10. - 18.00 Uhr (mit anschließender Diskussionsrunde)

05.10. - 20.00 Uhr 

07.10. - 20.00 Uhr 

08.10. - 20.00 Uhr 

Termine für Schülervorstellungen am 23. September sowie am 6. Oktober mit Beginn um 11 Uhr (Infos unter: Tel. 0474 772986 oder info@stadttheater.eu) 

Carambolage Bozen 

13.10. - 20 Uhr (Premiere)

14.10. - 20 Uhr

15.10. - 20 Uhr

20.10. - 20 Uhr

21.10. - 20 Uhr

22.10. - 20 Uhr

26.10. - 20 Uhr

27.10. - 20 Uhr

Theater in der Altstadt Meran

10.11. - 20 Uhr (Premiere)

13.11. - 18 Uhr

15.11. - 20 Uhr

16.11. - 20 Uhr

18.11. - 20 Uhr

20.11. - 18 Uhr

23.11. - 20 Uhr

25.11. - 20 Uhr

 

 

Anzeige

Hinterlasse einen Kommentar

Mehr Artikel

Partner

Vögel im Untergrund

„Aus Sicherheitsgründen mussten einige Namen der mitwirkenden Schauspieler:innen geändert werden“, schreiben die Vereinigten Bühnen Bozen über ihr neues Stück. BARFUSS hat sich angesehen, was dahintersteckt.
0    
 | 
Nein zur Atomkraft

„Lasst das Uran in der Erde“

Anna Rondon von den Dineh wirbt für eine atomkraftfreie Zukunft. Wie schon vor 30 Jahren auf dem World Uranium Hearing in Salzburg.
0    
 | 
Podcast zu Atomenergie

„30 Jahre danach und wieder brennend aktuell“

Der Münchner Journalist und Menschenrechtler Claus Biegert erinnert an das Anti-AKW-Engagement des World Uranium Hearings in Salzburg.
0    
Auszug aus dem Buch von Paul Rösch

Alles Theater oder was?

Paul Rösch war für fünf Jahre Bürgermeister von Meran - als absoluter Politik-Neuling. In einem Buch stellt er sich nun kritischen Fragen. BARFUSS bringt einen Auszug und zwar das Kapitel „Politik und Wahrheit“.
0    

Im Preschtlkostüm

In Alpbach wird jährlich über die Gegenwart und Zukunft diskutiert. Im Rahmen eines Filmworkshops haben Teilnehmende Menschen in und um Alpbach abseits des Europäischen Forums interviewt und ihnen Erinnerungen und Zukunftsvorstellungen entlockt. Herausgekommen ist eine Art Improvisation.
Anzeige
Anzeige