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Eltern werden mit Corona

Einsame Geburt

Isoliert in einem Krankenzimmer, ohne familiäre Unterstützung: Aufgrund der Corona-Pandemie fanden Geburten unter schwierigen Bedingungen statt. Eine Mutter berichtet.

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Bild: Philippe Put/flickr

Während die Todesfälle in Südtirol im letzten Jahr aufgrund der Pandemie stark gestiegen sind und sogar die Geburten erstmals seit dem Ersten Weltkrieg überstiegen haben, blieben die Geburten weitgehend im Schnitt der letzten Jahrzehnte: Laut den vorläufigen Zahlen der ASTAT kamen in Südtirol 5.145 Kinder ungeachtet der widrigen Umstände des Jahres 2020 zur Welt.

Besonders fordernd waren die Bedingungen der Geburt für die Eltern. Denn auch für die Geburtenstationen galten Bestimmungen, die zur Eindämmung der Pandemie zwar sinnvoll erschienen, aber gerade bei einem emotionalen Ereignis wie einer Geburt oft zur Zwangsbürokratie wurden. Bei manchen Betroffenen war diese Erfahrung sehr hart und warf die Frage nach der Verhältnismäßigkeit auf.

So auch bei Tanja Larger, die am 5. Februar dieses Jahres, kurz vor dem Höhepunkt der dritten Welle in Südtirol, eine Tochter zur Welt brachte. Hier berichtet sie von ihrer Grenzerfahrung.
 

Die Wehen kehrten alle drei Minuten zurück, als ich mit meinem Lebensgefährten Alex am 4. Februar in der Notaufnahme eintraf. Routinemäßig wurde bei uns beiden ein Corona-Schnelltest durchgeführt, dessen Ergebnis für uns völlig unerwartet war: Bei mir wurde das Virus nachgewiesen, sein Ergebnis war zweifelhaft. Während ich in einem Isolationszimmer untergebracht wurde, musste er das Krankenhaus umgehend verlassen. Eine überaus einfühlsame Hebamme übernahm infolgedessen seinen Part und war für mich Geburtshelferin und emotionale Stütze zugleich.

Nachts, kurz nach zwei Uhr, brachte ich unsere Tochter Malu zur Welt – im Isolationszimmer, weil die Geburt sehr plötzlich eintrat und wir den Kreissaal wohl nicht mehr erreicht hätten. So fand ich mich ohne familiäre Unterstützung in einem gewöhnlichen Krankenzimmer wieder, umgeben von einem völlig in Schutzkleidung gehülltem Sanitätspersonal. Dabei war mir deutlich bewusst, dass in den angrenzenden Zimmern die Geburt mitangehört werden konnte.  , Unnötig zu erwähnen, dass ich in dieser Situation an meine emotionalen Grenzen stieß.

Wieder wurde mir bewusst, wie wichtig es ist, sich als Mutter solche Entscheidungen nicht leichtfertig abnehmen zu lassen 

Nach der Erstvisite blieben meine Tochter und ich allein im Zimmer zurück. Ganze drei Tage lang durfte ich das Isolationszimmer nicht verlassen. Die Mahlzeiten wurden vor der Zimmertür abgestellt und mir durch ein Klopfen signalisiert, dass ich sie holen könne. Zwar bezogen die Krankenschwestern das Bett täglich neu, das Reinigungspersonal war jedoch nicht einmal da und so habe ich die Toilette notdürftig selbst mit Klopapier sauber gemacht. Als ich entlassen wurde, klebten noch die mittlerweile eingetrockneten Blutspritzer von der Geburt am Fußboden.

Schockiert hat mich vor allem ein Anruf, den ich einen Tag nach der Geburt erhielt; meine Tochter sollte einem Corona-Test unterzogen werden und das, obwohl der postnatale Plazentaabstrich bereits zu einem negativen Resultat geführt hatte. Ich verweigerte meine Zustimmung und wollte zugleich wissen, weshalb dieser Test notwendig sei. Die Antwort: Lediglich deshalb, um statistische Daten zu erheben. Ich empfand es als eine Unverschämtheit. Wieder wurde mir bewusst, wie wichtig es als Mutter ist, sich solche Entscheidungen nicht leichtfertig abnehmen zu lassen und den Mut aufzubringen, Nein zu sagen. Auch dass mich niemand nach meiner Entlassung abholen durfte und ich mit einem Krankenwagen nach Hause transportiert wurde, obwohl ich das vehement abgelehnt hatte, ärgerte mich.

Es geht mir nicht darum, die Angestellten des Südtiroler Sanitätsbetriebes schlecht darzustellen, denn was sie alle tagtäglich leisten, ist bemerkenswert. So stand meine Geburtshelferin unentwegt an meiner Seite, die warme Schutzkleidung tragend, sich immerfort den Schweiß von der Stirn wischend und trotzdem hochkonzentriert. Ihr Gesicht habe ich erst Wochen nach der Geburt gesehen. Ich kann ihr und allen anderen, die mich an diesen Tagen unterstützt haben, gar nicht genug danken.

Worum es mir eigentlich geht: Die Geburt, diese drei Tage im Isolationszimmer haben mich psychisch unglaublich belastet. Mittlerweile kann ich diese Eindrücke einigermaßen gut verarbeiten – gerade auch, weil ich generell ziemlich zuversichtlich bin. Aber nicht allen Frauen, die während der Corona-Pandemie gebären, wird dies ohne professionelle Hilfe gelingen können. Deshalb wünsche ich mir, dass allen zukünftigen Müttern eine solche Hilfe angeraten wird. Niemand muss sich dafür schämen, psychologische Beratung in Anspruch zu nehmen. Und niemand sollte mit solch schwerwiegenden Eindrücken allein gelassen werden.

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