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Die Scham vor sich selbst

Selbstscham oder gar Selbsthass ist ein Gefühl, dass viele queere Menschen leider zu gut kennen. Manche spüren es stärker, manche weniger stark. Doch woher kommt es und wie funktioniert es?

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Bild: felipepelaquim/unsplash.com

Laura* ist queer und auf dem Weg zu einem Treffen eines queeren Vereins. Als eine Bekannte sie fragt, wohin sie geht, erfindet sie eine Ausrede – um nicht zu sagen, wohin sie genau unterwegs ist. Viele Menschen, die sich zur LGBTQIA+-Community zählen, kennen solche Momente. Auch ich selbst kenne das. Dieses Gefühl, sich dafür zu schämen, zu sein, wie man ist. Auch wenn man eigentlich die eigene queere Identität offen lebt, kann es dazu kommen, dass man dieses Schamgefühl manchmal spürt.

Ein Beispiel, das ich aus eigener Erfahrung kenne: Ich gestehe mir manchmal nicht zu, von einer Person gleichen Geschlechts angezogen zu sein, weil ich es irgendwie komisch findet. Auch wenn ich eigentlich offen bisexuell bin.

Was ist das? Warum empfinde ich so? Ich habe mich deshalb schlau gemacht und herausgefunden: Der fachliche Begriff für dieses Schamgefühl ist internalisierte oder verinnerlichte Queerfeindlichkeit. Es entsteht dadurch, dass queere Menschen die Diskriminierung, die sie durch die Gesellschaft erfahren, in die eigene Gedankenwelt übernehmen. Wenn du immer lernst, dass deine eigene Neigung oder Identität irgendwie „komisch“ oder „ nicht normal“ ist, dann übernimmst du das irgendwann. Das erzeugt dann das Gefühl, sich für das eigene Queer-sein zu schämen.

So passiert es mir hin und wieder, dass ich mich mit dem Gedanken beschäftige, dass ich eigentlich lieber heterosexuell wäre. Dann wäre ich ja „normal“, im Sinne von „Teil der Norm“, und bräuchte mich nicht zu erklären.

Wenn du immer lernst, dass deine eigene Neigung oder Identität irgendwie „komisch“ oder „nicht normal“ ist, dann übernimmst du das irgendwann. Das erzeugt dann das Gefühl, sich für das eigene Queer-sein zu schämen.

Wer selbst verinnerlichte Queerfeindlichkeit spürt, fühlt sich in der Regel selbst weniger wert bzw. lehnt sich selbst ab. Diese verinnerlichte Queerfeindlichkeit kann dazu führen, dass man die eigenen Diskriminierungserfahrungen als gerechtfertigt ansieht. Das kann sogar soweit gehen, dass man sich beginnt selbst dafür zu hassen, wie man ist. Manche internalisiert queerfeindliche Menschen agieren dann gegenüber anderen Menschen so hasserfüllt und queerfeindlich, wie sie es selbst erlebt haben bzw. wie sich selbst gegenüber sind. So werden queere Menschen manchmal rechtsextrem.

Diese Verinnerlichung der eigenen Diskriminierung führt zu einem Gefühl der inneren Zerrissenheit. Auch ich kenne das: Auf der einen Seite will ich meine bisexuelle Identität offen und frei ausleben und auf der anderen Seite hindern mich die verinnerlichten gesellschaftlichen Normen daran, es immer tun zu können. Vereinfacht gesagt: Weil ich immer gelernt habe, dass es für einen Mann komisch ist, andere Männer zu lieben oder mit ihnen Sex zu haben, finde ich es komisch, obwohl ich mich selbst auch zu Männern hingezogen fühle. Bei manchen Menschen geht das sogar soweit, dass sie ihre eigene queere Identität vor sich selbst verleugnen. So kann der Weg zum eigenen Coming-Out und darüber hinaus auch ein Kampf gegen die eigene verinnerlichte Queerfeindlichkeit sein. Meine eigene verinnerlichte Queerfeindlichkeit hat mich lange davor abgehalten dazu zu stehen, dass ich bisexuell bin. (Ich habe in dieser Kolumne schon mehrfach darüber geschrieben)

Weil ich immer gelernt habe, dass es für einen Mann komisch ist, andere Männer zu lieben oder mit ihnen Sex zu haben, finde ich es komisch, obwohl ich mich selbst auch zu Männern hingezogen fühle.

Der verinnerlichte Selbsthass von queeren Menschen geht – wie bei allen diskriminierten Gruppen – nicht unbedingt von einzelnen Personen aus, die sich diskriminierend verhalten, sondern aus unterschiedlichen Orten der Gesellschaft, wie die Familie, die Schule, der Arbeitsplatz, Glaubensgemeinschaften, politischen Parteien, Regierungen, die Rechtsprechung oder auch Pflegeeinrichtungen. Kurzum: Überall dort, wo Menschen Diskriminierung erleben, besteht die Gefahr, dass sie diese verinnerlichen. Oder um es auf meine eigenen Erfahrungen zu übertragen: All die Diskriminierungen, die ich aufgrund meiner Bisexualität bisher erlebt habe, von „blöden Sprüchen“ über religiöse Grundsätze bis hin zum fehlenden Diskriminierungsschutz im italienischen Recht, haben dazu geführt, dass ich heute immer noch mit internalisierter Bi-Feindlichkeit zu kämpfen habe.

Wer unter verinnerlichter Queerphobie leidet, verhält sich auch häufiger selbstschädigend. Manchmal sind sich Betroffene ihrer eigenen verinnerlichten Queerphobie gar nicht bewusst. Sie sind dann depressiv oder haben ein mangelndes Selbstwertgefühl. Hier sollte man sich nicht davor scheuen, professionelle Hilfe zu holen.

* Name von der Redaktion geändert

Michael Keitsch

Interessiert sich für Geschichte und Geschichten. Mag es Fragen zu stellen und Neues zu lernen.
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#Queerbeet

Unser Autor Michael Keitsch beleuchtet in dieser Kolumne die vielfältigen Seiten der queeren Lebenswelten.

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