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Gewalt gegen Männer

"Die Scham sitzt tief"

Häusliche Gewalt gegen Männer ist real, wenn auch in deutlich geringerem Maße als Gewalt gegen Frauen. Die Opfer fühlen sich oft allein gelassen oder gar verspottet.

Als Markus* zur Hochzeit seines Bruders gehen wollte, zerschnitt ihm seine Partnerin Sarah* alle Hemden. Im Streit verletzte sie ihn und sich selbst mit der Schere. Wutentbrannt trat sie auf Markus ein, bis er ohnmächtig wurde. Als er aufwachte, blutete seine Nase und seine Wange schmerzte.  

Markus ist 36 Jahre alt, Fitnesscoach in Wien und könnte mit seiner stattlichen Statur auch als Türsteher arbeiten. In seiner 12-jährigen Beziehung wurde er von seiner Partnerin sowohl psychisch als auch physisch misshandelt. Markus’ Geschichte ist die Geschichte einer verdrängten und tabuisierten Thematik: der häuslichen Gewalt an Männern.   

Gewalt gegen Frauen passiert nach wie vor viel häufiger und steigt drastisch an. So sind laut WHO weltweit 70 Prozent aller weiblichen Mordopfer vom eigenen Partner ermordet worden. Allerdings ist auch jene gegenüber Männern keine Seltenheit.  Laut Oslostudie, einer europäischen repräsentativen Dunkelfeldstudie zur Gewalt gegen Männer und Frauen, erfahren rund 12% der Frauen und 3% der Männer physische Gewalt durch den Partner oder die Partnerin.

„Ich wusste, dass ich zurückschlagen könnte. Aber ich konnte nicht.“

BARFUSS befragt dazu Erich Daum, Psychotherapeut und Mitarbeiter bei der Caritas Männerberatung, der Männer bei solchen Beziehungsproblemen sowie bei anderen männerspezifischen Anliegen berät. Bislang hatte Daum nur wenige und „weitaus weniger dramatische“ Fälle zur häuslichen Gewalt an Männern, wie jenen von Markus, er weiß aber von deren Auswirkungen auf das männliche Selbstbild. Der Experte verrät, dass einige Männer sich zunächst mit anderen Problemen an eine Beratungsstelle wenden und erst im Laufe von mehreren Beratungsgesprächen im Vertrauen erzählen, dass sie von der Partnerin geohrfeigt, getreten und geschlagen werden.

“Alle Opfer von Gewalt verdienen Unterstützung und Schutz”: Erich Daum von der Caritas Männerberatung.

Bild: Erich Daum

Wenn es um die häusliche Gewalt gegen Männer geht, erklärt Daum, spielt die psychische Gewalt eine besonders dominante Rolle. Die Formen der Gewaltausübung reichen dabei von Missgunst, übertriebener Eifersucht und Schikane bis hin zu körperlichen Verletzungen. „Besonders häufig berichten Männer von Erpressungen, sozialer Kontrolle, Demütigung, Beleidigungen und verbalen Aggressionen“, reflektiert Erich Daum seine Arbeit mit den Männern.  

So erzählt es auch der Südtiroler Thomas*, der seine Ex-Partnerin Tina* 2017 kennenlernte.  Sie konnte wegen eines Kompliments in die Luft gehen, Thomas beleidigen und auf ihn einschreien, nur um ihm später Schuldgefühle einzureden und kurz darauf wieder zu umschmeicheln. Mit psychologischen Spielchen, erzählt Thomas, brachte sie ihn dazu, alles zu tun – auch mit ihr zusammen zu ziehen. „Sie hat ihren Hund oft dafür benutzt, mich niederzumachen. Ich wurde mit ihm ausgetauscht“, sagt Thomas. Ein anderes Mal erzählte Tina seiner Mutter, er würde sie sexuell nötigen.

Die Warnzeichen seien dabei von Anfang an da gewesen: ihre zerrüttete Familie, ihr sprunghaftes und zerstörerisches Verhalten. Doch die Sehnsucht nach dieser Frau war stark, Thomas beschreibt es wie einen „Hunger nach körperlicher Nähe.“

Nach rund drei Jahren, in denen seine Partnerin ihn vor allem psychisch missbrauchte, folgte die körperliche Gewalt.

Markus erzählt im Nachhinein ebenso, dass es schon nach drei Jahren, als er mit Sarah zusammenzog, erste Anzeichen toxischer Veränderungen in ihrer Beziehung gab: Sarah begann ihn zu kontrollieren, war eifersüchtig und erpresste ihn. Immer wieder drohte sie damit, ihn zu verlassen, wenn er noch einmal mit Freunden ausgehen würde und löschte Nachrichten von seinem Handy. Markus distanzierte sich tatsächlich von seinen Freunden, der Familie und Arbeitskollegen. Nach rund drei Jahren, in denen seine Partnerin ihn vor allem psychisch missbrauchte, folgte die körperliche Gewalt. Anfangs waren es „Haushaltsunfälle und Missgeschicke“, einmal schüttete sie ihm „unabsichtlich“, wie sie betonte, kochendes Wasser über seine Hände. Aber bald schlug sie zu, biss ihn und riss ihm Haare aus.

Bei Thomas begann die Gewalt zu eskalieren, als Tina schwanger wurde und ihren Kinderwunsch damit erfüllte. „Sie hatte, was sie wollte und da ist sie explodiert“, erzählt er. Thomas erlebte diese Zeit wie im Trancezustand, er fühlte sich schuldig der Freundin gegenüber, redete sich ein, ihr extremes Verhalten liege an der Schwangerschaft. Nachdem sie ihm einmal mit der Faust ins Gesicht schlug, machte er ihr einen Heiratsantrag. „So klein hatte sie mich gekriegt“, erzählt Thomas heute von der traumatischen Erfahrung. Auf die Frage, warum er sich nicht gewehrt habe, antwortet er: „Weil mir nichts so fremd liegt, wie jemanden zu schlagen. Auch keinen Mann.“

Markus reagiert ähnlich auf Leute, die nicht verstehen können, warum er sich nicht verteidigte: „Wenn sie einen dieser Tage hatte, an denen sie mich schlug, wurde ich innerlich ganz klein und fühlte mich ihren Gewaltfantasien willkürlich ausgesetzt. Ich wusste, dass ich zurückschlagen könnte, aber ich konnte nicht“, sagt Markus.

Das Kind als Erpressungsmittel

Mit ähnlichen Schamgefühlen bei Gewalterfahrungen wird die Männerberatung der Caritas Stelle in Bozen vermehrt konfrontiert. „Immer wieder versichern uns Männer, dass sie sich selbst niemals zu einem gewalttätigen Verhalten verleiten lassen. Da viele Männer mit Provokationen, Erpressungen und anderen toxischen Verhalten der Partnerin nicht wissen wie umgehen, zeigen sie sich hilflos, nehmen hin, schlucken, halten aus.“, erklärt Daum. Der Psychotherapeut berichtet, dass Drohungen vonseiten der Partnerin wie: „Dann wirst du das Kind nie wieder sehen“ zusätzlichen Druck auf die Männer ausüben und diese in eine „Ohnmachtsposition“ drängen. 

Thomas‘ Partnerin nutzte das Kind immer wieder als Erpressungsmittel. „Deine Tochter wird dich nie wieder sehen“ – diesen Satz sagte sie, bevor ihre Tochter überhaupt geboren war. Auch provozierte sie Thomas durch Aussagen, sie wolle ihre Tochter von „mehreren Vätern“ großziehen lassen. „Das war kranke Boshaftigkeit und Kalkül. Sie wusste genau, wie sie mit mir spielen konnte“, gibt Thomas Einblick in den Psychoterror, dem er ausgesetzt war. Eines Tages rastete Thomas Partnerin aus, schlug auf ihn ein und würgte ihn. „Sie wirkte wie eine Irre“, erinnert sich Thomas schockiert. Das war der Moment für ihn, einen Schlussstrich zu ziehen. „Eine Frau, die mich schlägt, während die Tochter daneben ist – das wollte ich mir nicht mehr zumuten“, sagt er.

Seitdem hat Thomas die zwei Jahre alte Tochter nicht mehr gesehen. Ab und zu schickt ihm Tina Fotos über Whatsapp – die einzigen Lebenszeichen seiner Tochter. Einmal ließ er das Jugendamt zu ihr kommen, doch es sei ein „angekündigter Routine-Besuch“ gewesen und seine Ex-Freundin schaffe es gut, sich zu verstellen, sagt Thomas. Gerichtlich will er nicht vorgehen, er wolle keiner Mutter das eigene Kind entreißen. Genauso wenig wolle er sich von der Mutter seiner Tochter weiterhin erpressen lassen, und schickt ihr deshalb kein Geld. „Mit Geiselnehmern verhandelt man nicht“, so Thomas. Er hofft darauf, dass seine Tochter zu ihm kommt, wenn sie alt genug ist. Denn er möchte gern ihr Papa sein. „Ich schicke meiner Tochter regelmäßig Briefe und dokumentiere diese, damit ich ihr eines Tages beweisen kann, dass ich sie stets sehen wollte, aber sie vor mir versteckt wurde.“

„Wenn du dich von deiner Frau schlagen lässt, bist du selbst schuld.“

Auch Markus hat sich mittlerweile von Sarah getrennt. Doch war der Weg dahin müßig. Er zeugt von fehlenden Einrichtungen für Männer in solchen Notlagen und von fehlendem Verständnis in der Gesellschaft. So fragte ihn ein Mitarbeiter der Apotheke, in der er des Öfteren Verbandmaterial und Wundsalben kaufte, spöttisch, ob er nicht seine Frau daheim schlagen würde.

Nach elf Jahren toxischer Beziehung wollte Markus sich Hilfe holen. Doch die Ärzte in der Notaufnahme nahmen ihn nicht ernst. Im Gegenteil. „Sie meinten, dass man doch wohl noch die eigene Freundin unter Kontrolle kriegen würde und witzelten darüber, dass ich eine Schwuchtel sei, wenn ich das mit mir machen lasse“, erzählt Markus. Auch Thomas musste sich Sprüche anhören, wie „Wenn du dich von deiner Frau schlagen lässt, bist du selbst schuld.“

„Der Mann, der nicht Täter, sondern Opfer häuslicher Gewalt geworden ist, passt nicht in das Klischee der Bilder von Mann und Frau in unserer Gesellschaft. Sie geben sich stark, unverletzlich, machen alles mit sich selbst aus, werden irgendwie damit schon fertig. Sie wollen auf keinen Fall in die hochprekäre Rolle eines Nicht-Mannes geraten“, erklärt Erich Daum. Deshalb nehmen sich die meisten Männer oft gar nicht als Opfer wahr. Vermehrt erleben Männer das In-Frage-Stellen der eigenen Männlichkeit als extreme Kränkung und Demütigung, so der Psychotherapeut.

Die Forschung von Dr. Elizabeth Bates, Dozentin für angewandte Psychologie an der University of Cumbria in Großbritannien, bezeugt: Phänomene wie Opfer häuslicher Gewalt und Verletzlichkeit entsprechen nicht dem stereotypen Männerbild unserer Gesellschaft. Das erhöht die Hemmschwelle besonders für Männer, Hilfe zu suchen, wie Bates in einer qualitativen Studie herausfand.

Markus findet es noch immer surreal, dass ihm plötzlich Glauben geschenkt und ihm Verständnis entgegengebracht wurde.

Markus schaffte es schließlich doch, sich Hilfe zu holen. Über ein Selbsthilfe-Forum für Gewalt in Beziehungen erfuhr er von einem Beratungszentrum. Diese erkannten den Ernst der Lage und holten ihn aus der gemeinsamen Wohnung.  Wenn Markus an seine erste Beratung zurückdenkt, spricht er von einem Traum- und Rauschzustand. Er findet es noch immer surreal, dass ihm plötzlich Glauben geschenkt und ihm Verständnis entgegengebracht wurde. „Das Schamgefühl sitzt immer noch tief. Manchmal warte ich noch immer darauf, dass ich aufwache und erneut Sarahs Wutanfällen ausgeliefert bin“, so der Mittdreißiger. Immer wieder besuchte Markus die Notaufnahme eines Krankenhauses, weil ihn seine Partnerin körperlich verletzt hatte. Derzeit läuft deshalb ein Gerichtsverfahren gegen Sarah.

Thomas ist hingegen enttäuscht von den Beratungsstellen, die er aufgesucht hat und sagt, er hätte sich nicht wirklich aufgenommen gefühlt, sondern nur „bürokratisch“ empfangen, gar abgewiegelt. Was er sich stattdessen von Beratungsstellen für Männer in häuslichen Gewaltsituationen wünscht, kann er nicht genau in Worte fassen.

Fakt ist: Weltweit fehlt es an speziellen Hilfsangeboten für Männern in Gewaltsituationen, insbesondere in ländlichen Gebieten und kleineren Städten. Zwar widerspiegelt die höhere Anzahl an Notruftelefonen und Frauenhäusern auch die höhere Anzahl von weiblichen Opfern häuslicher Gewalt, und auch die sind bei weitem nicht ausreichend. Doch wurde in Deutschland erst letztes Jahr das erste Männer-Hilfe-Telefon eingeführt.

Für den Psychotherapeuten Erich Daum ist eine bewusstere Auseinandersetzung mit dem Phänomen Gewalt bzw. Gewalttätigkeit und deren Hintergründe notwendig, egal ob es sich dabei um Frauen oder Männer handelt: „Was klar sein muss: Alle Menschen, die von Gewalt betroffen sind, ob Männer oder Frauen verdienen Unterstützung und Schutz.“

*Markus und Sarah, Thomas und Tina sind anonymisiert

Text: Teresa Putzer und Julia Tappeiner

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