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Die Brüder Weiskopf

Die Leichtigkeit des Seins

Daniel und Simon Weiskopf führen ein Leben, das keinen geraden Mustern folgt. Der eine gab seine Schauspielerkarriere auf, der andere verliebte sich auf Bali und blieb.

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Bild: Steve Douglas/unsplash

„Alles was ich mache, mache ich intensiv,“ sagt Daniel Weiskopf. Er ist 36 Jahre alt und lebt seit 12 Jahren in Bali. Sein Bruder Simon, zwei Jahre jünger, lebt heute nach mehreren Zwischenstationen wieder in Bozen. Wenn Daniel von seinen Abenteuern erzählt, zeigt er jene Art Gelassenheit, die zugleich verrät, dass nichts übertrieben ist. Er erzählt, wie er mit 14 angefangen hat, Gitarre zu spielen und wie ihn das gefesselt hat. Mit 16 fasste er den Entschluss, Südtirol den Rücken zu kehren. Die weite Welt zog ihn an und er wusste, dass es viel zu entdecken gab. Mit 19 Jahren lernte er auf einer Reise das Surfen und fand damit das Hobby seines Lebens.

In Wien begann Daniel sein Studium der Internationalen Betriebswirtschaft, nach einem Jahr zog er dann nach Australien. Der Hauptgrund für den Studienortwechsel: die Wellen. Nach Abstechern in Frankreich und Vietnam merkte er, dass das Büro nicht sein bevorzugter Lebensraum war. Durch einen Freund, der eine Surfschule in Bali hatte, konnte er dort als Surflehrer arbeiten. Der Wunsch nach Unabhängigkeit führte ihn schließlich in die Selbstständigkeit und er gründete Ende 2009 eine eigene Surfschule.

Daniel, was hat dich zwölf Jahre in Bali gehalten?
Bali ist, wie man sich denken kann, komplett anders als Südtirol. Mir gefiel, dass es weniger Regeln gibt als bei uns. Man hat mehr Freiraum und als Kleinunternehmer geht alles viel unbürokratischer und schneller. Für Europäer ist das Land zudem kostengünstiger und man kann sich mit verhältnismäßig wenig Geld etwas aufbauen. Die Leichtigkeit und positive Einstellung der Menschen haben mir unheimlich gut gefallen. Dann das Lachen und die Gemütlichkeit. Es gibt aber auch negative Seiten, mit denen man sich erst zurechtfinden muss, wie mangelnde Pünktlichkeit und schlechte Qualifikationen.

Nach einiger Zeit merkte Daniel, dass er nicht für den Beruf als Surflehrer geschaffen war und versuchte sich mit neuen Geschäftsideen. Schließlich landete er bei der Vermietung von Ferienhäusern. Auch da hatte er zu Beginn keinen nennenswerten Erfolg. In dieser Zeit lernte er aber Anna, seine heutige Frau, kennen, heiratete sie und bekam mit ihr drei Töchter. Daniels Frau führte ihn zur Meditation. Sogar seine große Leidenschaft, das Surfen, verlor kurz dadurch seinen Zauber. Jetzt mit 36 Jahren verbindet er wieder alle seine Leidenschaften: „Es vollzieht sich ein Wandel, aber die Dinge, die mich ein Leben lang begleitet haben, gehen mit.“

Daniel (links) und Simon Weiskopf 

Bild: Daniel Weiskopf
Wie hat sich dein Leben mit dem Kennenlernen von Anna verändert?
Durch meine Frau habe ich dann eine neue Dimension von Bali kennengelernt. Dadurch bin ich tief mit der Kultur in Kontakt getreten. Das war zu Beginn eine riesige Herausforderung. Ich sah das aber als Chance, die Traditionen und Bräuche der dortigen Bevölkerung kennenzulernen. Im religiösen und spirituellen Bereich habe ich viel gelernt.


Funktioniert die gesellschaftliche Ordnung auf Bali anders als bei uns?
Die Gesellschaft ist als eine Art altüberliefertes Gemeinschaftssystem aufgebaut. Das Ziel ist es, dass die Gemeinschaft, meist als Großfamilie, stabil bleibt. Ihre Regeln sind ungeschrieben, oft steckt eine Weisheitsprinzip dahinter. Eines ist beispielsweise, Menschen nicht auszuschließen. Auch wenn sich jemand immer danebenbenimmt, wird er nicht ausgeschlossen. Die Weisheit dahinter liegt darin, anzuerkennen, dass dieser Mensch die Gemeinschaft am dringendsten benötigt. Er bekommt einen Raum und Zeit, wo er sich dann wieder fangen kann. Das ist mit Charakterstärke und Reife der Begleitpersonen verbunden. Niemand ist immer ein böser oder schlechter Mensch. Wenn man die betreffende Person ausschließen würde, dann hätte man auch über Generationen hinweg Probleme.

Was, wenn jemand kriminell wird?
Sogar wenn jemand Straftaten verübt, wird er nicht wirklich bestraft. Man setzt sich als Gemeinschaft zusammen und versucht Veränderungen der betreffenden Person zu erwirken. Sie leidet selbst, wenn sie sich nicht ändert. Ganz schlimme Dinge werden gesetzlich bestraft, ich habe davon aber nie etwas gehört oder mitbekommen. Oft war auch ich der „Schlechte“ in der Familie.

Warum warst du der „Schlechte“? 
Weil ich zu Beginn viel auf Privatsphäre setzte. In der westlichen Gesellschaft ein wichtiger Wert. Es war dann doch ein schwieriger Anpassungsprozess. Die Tatsache, dass in Bali die Zeit in der Gemeinschaft zentral ist, war völliges Neuland für mich. Privatsphäre hat da keinen Platz. Gesellschaften, wo dies einen hohen Stellenwert hat, zeugen vielmehr von einer Trennung zwischen den Menschen und fehlendem Vertrauen. Auch Individuen scheinen in einer offenen Gemeinschaft eher zu Zufriedenheit zu finden als in einer jeweils ganz eigenen Welt. Das ist meines Erachtens die Hauptursache für die hohe Anzahl an psychischen Krankheiten in den westlichen Gesellschaften. Wir behalten lieber für uns, was eigentlich leicht und besser in der Gemeinschaft verarbeitet werden könnte. Die Aufrechterhaltung unserer äußeren Erscheinung verursacht viel Aufwand, Stress und innere Konflikte.

Kannst du dafür ein Beispiel nennen?
In den meisten asiatischen Ländern kommt ein Treffen ohne Einladung und Termin zustande. Bei uns vereinbart man häufig ein Treffen eine Woche im Voraus. Menschen in Bali haben einen unkomplizierten Bezug zu sich selbst und sind offen für Gäste, die ein Gespräch suchen. Sie müssen nicht vorher ihre Wohnung putzen, sich speziell frisieren oder einen Empfang vorbereiten. Sie sind selbstbewusst, müssen sich nicht verstellen und orientieren sich nicht an den Meinungen anderer, um zu gefallen oder speziell zu erscheinen.

Du hast drei Töchter, bringst du ihnen unsere Kultur und Dialekt nahe?
Ich bringe ihnen mein Wesen und meine Erfahrungen nahe. Ich hoffe, dass da etwas von Südtirol dabei ist. Unsere Sprache bringe ich ihnen nicht bei, wir reden in der Familie immer Englisch. Ich würde ihnen gerne die Sprache beibringen, aber mir kommt es einfach nicht natürlich vor. Ab und zu rede ich Deutsch mit ihnen, aber ich gehe ihnen damit auf die Nerven. Durch das tropische Klima wird man weniger fokussiert und leistungsorientiert, sondern eher träge. Das spiegelt sich auch auf die Motivation Sprachen zu lernen wider. Ich habe, ehrlich gesagt, nicht mehr über solche Sachen nachgedacht.

Simon Weiskopf, Daniels Bruder, war ein Leben lang Fußballtormann und spielte in den Jugendmannschaften des FC Südtirol. Nach einer Knieverletzung entdeckte er die Liebe zur Musik. Auf seiner Gitarre komponierte er bald mehrere Lieder. Mit 24 begann er eine Schauspielausbildung in Berlin und blieb dort sieben Jahre. Obwohl er eine Hauptrolle am Stadttheater Bozen im Stück „Das Ballhaus“ hatte, konnte er sich nicht, wie erhofft, durchsetzen. Aufgrund seines Bruders fuhr er im Urlaub immer nach Bali, wo er sich dann auch für zwei Jahre (2017-2019) niederließ. Gemeinsam bauten sie ein Ferienhaus („Meditationshaus“), das sie vermieten. In Bali kam Simon auch mit der Meditation in Berührung, die ihn Ende 2019 in ein buddhistisches Kloster nach Deutschland führte. Seit August 2020 lebt er wieder in Bozen.

Simon, hat dich deine Zeit in Bali geprägt?
Mit Sicherheit. Ich habe zu mir selbst zurückgefunden. In Berlin, durch die Schauspielerei, war ich getrieben. War immer unterwegs und körperlich überlastet. Ich bin nie zur Ruhe gekommen. Auch wenn ich frei hatte, konnte ich in dieser hektischen Stadt nie relaxen und wusste nicht, wohin. In Bali hatte ich dann Natur und Familie, die mir unglaublich guttaten.

Welche Bedeutung hat Musik in deinem Leben?
Musik war ein ständiger Begleiter in meinem Leben. Ich hörte immer viel und gern Musik. Als ich dann selbst Musik spielte, fing ich an mich auszudrücken, irgendwie etwas von mir zu erzählen. Es passierte etwas. Das faszinierte und begeisterte mich. Ich habe bereits ein Album aufgenommen und gerade habe ich zehn neue Songs geschrieben. Es ist ein Prozess, es geht immer irgendwas weiter. Ich schreibe gern und mit der Musik kann ich das Geschriebene gut rüberbringen. Es ist ein schönes Medium und unglaublich vielfältig.

Wie kam das Thema Spiritualität in euer Leben?
Daniel: Richtig beschäftigt hat mich das ab 27, kurz nachdem ich nach Bali gekommen bin. Spiritualität hat viel damit zu tun, auf das eigene Herz zu hören. Auch meine Entscheidung, mit 16 Jahren Südtirol zu verlassen, ist im Nachhinein eine spirituelle Entscheidung gewesen. Der Begriff Spiritualität wird meiner Meinung nach missverstanden, als ein vom Materiellen getrennter Aspekt. Sie gehören jedoch zusammen. Spiritualität ist erweitertes Bewusstsein in der Materie selbst. Viele Leute verirren sich auf dem spirituellen Weg, weil sie das Materielle vernachlässigen. Doch alles ist mit dem Körper verbunden. Mit 28 Jahren habe ich mich dann richtig auf die Spiritualität eingelassen. Nach meiner Hochzeit hatte ich heftige Alpträume, fast jeden Tag. Wir hatten zu diesem Anlass einen hohen Priester eingeladen, der nach hinduistischem Ritual die Hochzeit vollzog. Das war ein Moment, wo die Zeit stehen geblieben ist. Auf einmal musste ich mich mit mir auseinandersetzen, ja fast schon tief in mich eindringen und mit meinem Ich verbinden. Spiritualität ist ein nicht endender Weg.
Simon: Eigentlich bin ich durch Daniel dazu gekommen. Es entstand dann der Wunsch, länger in einem Kloster zu leben, vorwiegend der Meditation wegen. Ich fand ein geeignetes Kloster, wo ich als Volontär einstieg. Das heißt, keine anfallenden Kosten, dafür aber mit anpacken. Obwohl ich nur drei Monate eingeplant hatte, bin ich acht Monate geblieben. Was in einem vorgeht, kann man viel besser in so einem Setting beobachten.

Daniel, passen Religion und Spiritualität für dich zusammen?
Für mich sind das verschiedene Dinge. Spiritualität ist für mich lebendige Existenz. Es gibt sie zwar in der christlichen und islamischen Mystik, ist aber nicht deren notwendiger Inhalt. Wenn ich es streng nehme, sind Religionen sogar oft Hindernis für wahre Spiritualität. Für mich galt es immer, tief in Religionen einzutauchen, um das Spirituelle an ihnen zu erkennen. Letztendlich wollte ich aber frei von Religion werden.

Das Beispiel der Menschen in Bali zeigt, wie eine Gesellschaft abseits der Muster, die uns vertraut sind, auch noch funktionieren kann. Gesellschaft wird als lebendige Gemeinschaft verstanden. In der balinesischen Kultur soll jeder seinen Platz finden und niemand ausgeschlossen werden. Wo sie gelingt, kann diese Praxis eine sehr humane Gesellschaft ermöglichen, da niemand allein zurückgelassen wird.

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