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Die Heimhocker

Die jungen Südtiroler werden spät flügge, wohnen lieber länger im Hotel Mama. Warum und welche Möglichkeiten haben sie?

Manuela* ist 23 Jahre alt und lebt seit ihrer Geburt in einem Dorf im Unterland. Seit vier Jahren hat sie einen Vollzeitjob. Vor einem halben Jahr hat sie sich dazu entschlossen in eine Mietwohnung zu ziehen, um, wie sie sagt, auf eigenen Beinen zu stehen. Damit liegt sie weit unter dem landesweiten Durchschnitt: Laut Landesinstitut für Statistik ziehen die jungen Südtiroler erst mit 28 Jahren von zu Hause aus – Frauen etwas früher als Männer.

Für ihre 53-Quadratmeter-Wohnung bezahlt Manuela monatlich 500 Euro Miete. Zusammen mit den Nebenkosten (Strom, Kondominiumsspesen und so weiter) kommt sie monatlich auf 630 Euro. Mit ihrem Jahresnettoeinkommen von 16.823 Euro kann sich Manuela ihre Selbstständigkeit zwar leisten, viel bleibt aber nicht über. „Ich lebe von der Hand in den Mund“, bedauert sie. Also suchte sie um einen Mietbeitrag an. Das Ansuchen wurde abgelehnt, mit dem Argument sie verdiene zu viel. Die Obergrenze für Einpersonenhaushalte liegt bei 15.940 Euro, Manuela verdient also 883 Euro zu viel für eine Unterstützung.

Voraussetzungen für die finanzielle Unterstützung

Die wirtschaftliche Bedürftigkeit wird auf Grundlage der EEVE (Einheitliche Einkommens- und Vermögenserklärung) berechnet. Daneben ist auch die Dauer der Ansässigkeit ein der Bedingungen: Italienische Staatsbürger, EU-Bürger, Nicht-EU-Bürger mit einer langfristen EU-Aufenthaltsgenehmigung oder Personen mit Flüchtlingsstatus müssen sich seit mindestens sechs Monaten in Südtirol aufhalten. Keine Beihilfe erhalten Studenten, die aus Studiengründen in einer Mietwohnung leben. Die Höhe des Mietbeitrages hängt nicht nur von der wirtschaftlichen Situation ab, entscheidend ist auch die Größe der Ortschaft. Ähnliche Kriterien gelten für die Beihilfen zu den Wohnungsnebenkosten.

Wird ein Mietbeitrag gewährt, steht jungen Leuten, die gerade von zu Hause ausgezogen sind, im ersten Jahr nur die Hälfte davon zu. „Ich finde es traurig, dass es jungen Menschen so schwer gemacht wird, sich von zu Hause zu lösen“, sagt Manuela. Dieser Eindruck wird von einer Mitarbeiterin des Sozialsprengels, der seit Anfang des Jahres für die Vergabe der Mietbeiträge zuständig ist, bestätigt: „Das hat den Sinn, junge Leute dazu zu bewegen im Elternhaus zu bleiben, wo sie noch ein Zimmer haben. Überall muss gespart werden, und so schaut der Gesetzgeber, dass man dort fördert, wo es wirklich notwendig ist.“

Bausparen als Ausweg?

Einen Anreiz für den Verbleib im Hotel Mama und folglich dem Ansparen von Geld, will die Landesregierung mit dem neuen Bausparmodell schaffen. Im September dieses Jahres wurde es in das überarbeitete Wohnbauförderungsgesetz integriert. Junge Häuslebauer oder Wohnungskäufer sollen so Zugang zu Krediten mit niedrigeren Zinsen bekommen. Um Anspruch darauf zu haben, muss man zuerst acht Jahre lang in einen Zusatzrentenfonds (zum Beispiel Pensplan) eingezahlt haben. Danach wird ein Kredit mit einer Laufzeit von maximal 20 Jahren gewährt. Die Verwaltungsspesen dafür trägt das Land.

Dass junge Menschen nicht vor die Wahl zwischen Eigentum oder Mietwohnung gestellt werden und nicht selbst entscheiden können, wann sie sich vom Elternhaus abnabeln, sieht Wilhelm Palfrader, Abteilungsleiter Wohnungsbau, anders: „Ich glaube nicht, dass das vom Land gesteuert wird. Das ist eher eine kulturelle Angelegenheit: Die Südtiroler wollen lieber im Eigentum, als in Miete leben.“ Südtirol ist ein klassisches Eigentümerland. „75 Prozent leben im Eigenheim. Gemietet wird eher in den Städten, wegen der hohen Preise und weil sich viele dort nur vorübergehend aufhalten“, erklärt Palfrader.

Für Manuela ist kaufen oder bauen keine Option. Würde sie jetzt damit beginnen in einen Zusatzrentenfonds einzuzahlen, würde ihr frühestens im Alter von 32 Jahren ein Kredit zustehen. „Daran habe ich kein Interesse. Ich möchte noch ein bisschen frei sein.“ Manuela wohnt mittlerweile wieder bei ihren Eltern, ihre Wohnung hat sie aufgegeben. „Ich hatte ehrlich gesagt Angst, dass ich Schulden mache. Jetzt spare ich mir was zusammen und dann haue ich ab. Woanders kriege ich für dasselbe Geld eine schöne Wohnung", sagt sie resigniert. „Die Politik verscheucht damit nur die jungen Leute.“

*Name von der Redaktion geändert.

Magdalena Jöchler

lebt und werkelt in Wien. Sie erzählt gerne Geschichten, die hoffentlich auch gelesen werden. Nein, sie ist nicht mediengeil.
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